Direkt zum Inhalt

Ein Konzert für die Ewigkeit – Portishead in Berlin

Druckversion
Beth Gibbons und ihre Band Portishead gaben am 18. Juni ein grandioses Konzert vor über 10.000 Zuschauern in der Zitadelle in Berlin. Wir sind zarte und zerbrechliche Wesen, vereint in Trauer und Glück. Eine Liebeserklärung
Samstag, 22. Juni 2013
Beth Gibbons

Beth Gibbons in Aktion | Foto: José Goulão (CC BY-SA 2.0)

In der Mitte des Konzerts geschieht etwas Besonderes. Als zwei Stühle auf die Bühne gestellt werden, ist zu befürchten, dass Portishead den Weg so vieler altgedienter Bands gehen werden: Mangels Ideen den erfolgreichen Sound durch Hinzunahme neuer Instrumente wie Streicher, Gospelchöre, ja ganzer Orchester aufzupumpen. Lou Reed ist zuletzt diesen Weg bei der Aufführung seines minimalistischen Meisterwerks Berlin gegangen. Und tief gefallen. Wir sind Klassiker, dröhnt dem Zuschauer aus diesen Arrangements entgegen. Schließlich soll ihm für das viele Eintrittsgeld etwas geboten werden.

An diesem Abend, als die Sonne langsam untergeht und in der Ferne Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel vorbeigleiten, passiert das genaue Gegenteil: Beth Gibbons und der Bassist Jim Barr nehmen Platz. Sie sitzen sich wie in einem engen Übungsraum gegenüber. Nur begleitet von einer dezenten Melodiegitarre intonieren sie Wandering Star - einer dieser Songs, die sie einst so berühmt gemacht hatten. Der Bassist, nur jedes zweite Viertel des Taktes betonend, schafft den idealen Hintergrund für einen einzigartigen Moment musikalischer Intimität. Mehr geht nicht. Beth Gibbons, die Schultern nach vorne gezogen, die Haare über das Gesicht fallend und den Rücken zu einem Buckel verkrümmt, trägt allein mit ihrer Stimme die Last der Musik. Einmal, nur dieses eine Mal ist es ihr erlaubt, ihre gewollt zarte und fragile Melodiestimme nicht gegen die Musik ankämpfen zu lassen. In diesem Moment kippt das Konzert. Galt der Applaus zuvor der Freude, die berühmten Songs einmal live zu hören, huldigt die Menge nun dem Moment, dem Konzert.

Portishead Berlin Zitadelle 1

Portishead in der Zitadelle Spandau | Foto: www.portishead.co.uk

„Sch!“ … weisen Zuschauer fröhlich plappernde Italiener wie ungezogene Kinder zurecht, die nicht bemerkt haben, dass sich hier etwas Ungewöhnliches ereignet. Als ich in die Augen meiner Nachbarin blicke, glänzen sie vor Glück und Schmerz. „We are all human beings“, möchte ich ihr sagen, nicht wissend, welche Sprache sie spricht. Doch es ist gar nicht nötig. Die Intimität der Bühne überträgt sich auf das Publikum und vereint es in der Musik und der Stimme Beth Gibbons. Jeder ist auf sich zurückgeworfen und doch nicht einsam. Allein die Musik stellt ein Band zwischen den Menschen her. Manche von ihnen haben sich aus dem Kies, mit dem der Boden bedeckt ist, einen kleinen Hügel gleich einer Insel geformt, um besser zu sehen. Sie verharren, nahezu unbeweglich und gleichzeitig tief bewegt.  

Als Portishead 1994 ihre erste Platte Dummy veröffentlichten, jubelte die Presse. Von dem besten Debutalbum aller Zeiten war die Rede. Zu Recht. Mit diesem ersten Werk schaffte die Band um den multitalentierten Geoff Barrow, der Sängerin Beth Gibbons und dem Gitarristen Adrian Utley etwas, das nur wenigen Bands gelingt: Wenn sie auch keinen gänzlich neuen Musikstil kreierten, so perfektionierten sie jedoch die Ideen anderer, in Bristol ansässiger Musiker, zu einem Sound, der als Trip Hop bezeichnet wurde. Die Etikettierung hat der Musik zwar nicht geschadet, führte aber auch in die falsche Richtung, wie sie mit ihrem 1997 veröffentlichten zweiten Album Portishead bewiesen. Sie behielten die Vorliebe für vom Hip-Hop beeinflussten, aber wesentlich langsamer gespielten Rhythmen bei. Auch die für den Trip Hop typischen, knarzigen Samples und Scratches sind zu hören. Doch insbesondere der Gesang und die Arrangements wurden zunehmend souliger und jazziger, wodurch sie die Melancholie der Musik noch einmal verstärkten. Elf Jahre später rafften sich die Musiker zu einer neuen Veröffentlichung auf, dem Album Third, ein Feuerwerk elektronischer Musik gepaart mit klassischem Songwriting - avantgardistisch, wesentlich brutaler und verstörender noch als seine Vorgänger. Ein Album, das gerade in seinen härtesten Momenten, wie dem auch auf dem Konzert gespielten Machine Gun, dessen Titel alles über das Stück sagt, der Sängerin Beth Gibbons erlaubt, noch zarter und melodischer aufzutrumpfen, als es ihr zuvor möglich war. Trip Hop ist damit endgültig Geschichte.

Portishead Berlin Zitadelle 2

"Kein Konzert, sondern eine Liebeserklärung an den Menschen" | Foto: www.portishead.co.uk

Portishead vermögen ihre Songs an einen Punkt zu bringen, an dem sie auseinanderzubrechen drohen. Sie werden fragil, fast nackt, entkleidet vom Überflüssigen, wie das als Zugabe gespielte Roads. Manchmal sind die zerbrechlichen Arrangements angereichert durch selbst eingespielte Samples.  Manchmal sind sie auch gewaltig oder verstörend, wie der Opener Silence und der Schluss We carry on.  Dabei ist die Musik der Band Portishead mehr als nur eine Ansammlung großartiger Pop-Songs. Sie zeigt, was Musik sein kann und was sie kann: Sie schafft einen Ausdruck der tiefsten und innigsten Gefühle, zu denen Menschen fähig sind und die sie erst zu Menschen machen. Kaum jemand verkörpert das besser als die Sängerin Beth Gibbons. Ein bisschen viel für eine Gestalt, die mehr auf die Bühne schleicht als sie betritt. Und doch entwickelt diese leicht gebückt stehende Sängerin, die ihr Mikro umklammert als gelte es, einen Halt zu finden, eine einzigartige Präsenz.

Am Ende des Konzerts verlässt die sonst so menschenscheue Beth Gibbons die Bühne, um sich bei dem hingebungsvollen Publikum zu bedanken. Auf der Bühnenleinwand ist sie elektronisch verfremdet und in flackerndem Schwarzweiß zu sehen, wie sie Menschen abklatscht, umarmt und Hände schüttelt. Man weiß nicht, wer hier wem mehr dankt. Beth Gibbons dem Publikum für die tiefe Zuneigung. Oder umgekehrt das Publikum der Stimme der Sängerin, die wie kaum eine zweite Schmerz und Freude, Angst und Trauer, Glück und tiefste Verzweiflung in sich vereinigt. Portishead in Berlin: Das ist kein Konzert, sondern eine Liebeserklärung an den Menschen.

Weitere Fotos, Videos und Tour-Termine finden Sie auf der Homepage der Band.