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Tsunamigefahr im Indischen Ozean - Wenn die Systeme funktionieren

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Diesseits-Chefredakteur Thomas Hummitzsch wurde in Sri Lanka Zeuge der Tsunamiwarnung nach den starken Seebeben vor Indonesien. Ein Erfahrungs- und Augenzeugenbericht.
Donnerstag, 12. April 2012
Tsunami watching

Das Hotel Panorama bietet tatsaechlich einen Panoramablick, den man jedoch nur wenig geniessen kann, wenn man nach Unheil Ausschau halten muss.

Am Abend vor dem Erdbeben vor der Küste Indonesiens goss es wie aus Kübeln in Unawatuna, einem Urlaubsparadies im Süden Sri Lankas, in dem der Autor dieses Textes gerade seinen Familienurlaub ausklingen lässt. Abenteuerreisende, Rucksacktouristen, Surfer, junge Familien und Rentnerehepaare - sie alle finden hier an herrlich weissen Stränden genau das, was sie gerade suchen. Am Tag stürzen sie sich in die Wellen oder dösen unter Palmen den Rausch aus, den sie sich abends auf einer der unzähligen Strandpartys angetrunken haben. Dieser lauschige Ort ist gestern einer Katastrophe entkommen.

Nach dem Regen am Vortag der Tsunamiwarnung kam dem Autor im Halbdunkel ein Skorpion entgegen. Die Wassermassen von oben hatten die Erdhöhlen der nachtaktiven Arachniden gefüllt und diesen Vertreter der berüchtigten Spinnentiere an die Oberfläche gezwungen. Erschrocken und mit einigem Respekt änderte der Schreibende spontan seinen Plan eines Abendspaziergangs, unwissend wieviele Artgenossen dieses Exemplars an diesem feuchten Tropenabend noch unterwegs sein würden.

Dieser Schreck sollte aber ein Witz sein im Vergleich zu dem, der den Angestellten unseres kleinen Hotels am nächsten Tag ins Gesicht geschrieben steht, als wir aus der nahe gelegenen Hafenstadt Galle zurückkehren. Sie hat soeben die Nachricht erreicht, dass die Erde vor Indonesiens Küste gebebt habe. Sofort sind die Bilder der Ereignisse der Weihnachtsfeiertage 2004 wieder da, als ein etwas stärkeres Beben vor Indonesien etwa 230.000 Menschenleben in den Ländern am Indischen Ozean forderte. Allein in Sri Lanka kamen damals mehr als 35.000 Menschen ums Leben. In unserem Urlaubsparadies überlebte damals Altkanzler Helmut Kohl in einem Ayurveda-Hotel, vom Küstenort selbst ließ die Welle kaum etwas übrig.

Von Beginn unseres dreiwöchigen Urlaubs an begleitete uns das Thema. Wie war das damals? Wie wirkte sich die Welle wo am schlimmsten aus? War "nur" das Erdgeschoss überflutet oder gar das ganze Haus weggespült? Fragen wie diese stellten wir immer wieder, um ein wenig verstehen zu können. Kaum jemand, der nicht von persönlichen Verlusten zu berichten weiß, auch wenn diese an den Küsten im Westen und Nordosten meist nur materiell waren. Hier im Süden der Insel im Indischen Ozean ist das anders, die meisten Opfer Sri Lankas verursachte die Flutwelle, als sie auf die Südküste traf. Man sieht unserem Hotelpersonal an, dass sie die offensichtliche Frage, ob erneut eine solche Katastrophe bevorsteht, beschäftigt.

Auch wenn noch unklar ist, ob das Seebeben einen Tsunami auslösen wird, wird uns sofort empfohlen, unsere Papiere, Geld und etwas zu Trinken zusammenzupacken und uns darauf einzustellen, bei Alarm ins Hinterland zu ziehen. Die Bilder aus Japan noch im Kopf entscheiden wir uns, umgehend mit den wichtigsten Sachen einen Berg im Rücken des Küstenortes zu besteigen. Es ist kurz nach 14.30 Uhr Ortszeit, 30 Minuten nach dem Beben im Westen Sumatras, als wir und mit zahlreichen anderen Touristen auf den Weg machen. Noch weiß man nur aus Radio und Fernsehen von dem Beben, am Strand wird die beunruhigende Neuigkeit muendlich weitergereicht.

Unruhe greift langsam um sich, jedoch keine Panik. Geordnet werden die Touristen in höhere Lagen geschickt, während die Einheimischen an der Küste bleiben und weiter evakuieren müssen. Selbst bei der drohenden Gefahr bleibt das Zwei-Klassen-System Touristen-Angestellte bestehen. Unbehagen begleitet uns auf die Anhöhe im Rücken Unawatunas. Dieses Unbehagen verlässt uns nicht mehr. Erst gegen 15 Uhr, wir haben längst unseren sicheren Ort in einem Hotel am Hang 50 Meter über der Küste gefunden, schallt die öffentliche Warnung über die Straßen des Küstenortes. Die Bevölkerung wird über Lautsprecher aufgerufen, sich in höhere Lagen oder ins Hinterland zurückzuziehen.

2004 lagen zwischen dem Beben und dem Aufschlag des Tsunamis an der Küste Sri Lankas etwas mehr als zwei Stunden. Orientiert man sich daran, bleibt nach dem Alarm noch eine Stunde Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Das nach 2004 aufgebaute Alarmsystem funktioniert, die Menschen sind frühzeitig gewarnt. Schwieriger scheint uns, sie rechtzeitig von ihren Arbeitsplätzen zu ihren Familien zu bekommen - denn dort wollen sie in erster Linie hin. Nicht weil sie nicht wissen, wo sich mögliche sichere Rückzugsorte befinden, sondern weil ihre Sorge ihren nächsten Angehörigen gilt. Wir, die wir als Familie zusammen sind, können das gut verstehen.

Der SMS-Dienst, der Mobiltelefonbesitzer per Kurznachricht vor einem Tsunami warnen soll, findet allerdings nicht statt. Weder unser Hotelbesitzer, noch seine Angestellten empfangen warnende Kurznachrichten. Und auch auf unserer inländischen SIM-Karte geht keine warnende SMS ein. Und auch die Internetseiten der indonesischen Behörden waren laut Spiegel online nicht abrufbar. Einzig die US-Behörden stellen aktuelle Daten zur Verfügung.

Tsunami watching 2

CNN ist lange Zeit die einzige Quelle annaehernd sicherer Informationen. Hier wird gerade vom zweiten Seebeben berichtet.

Gegen 15.30 Uhr haben sich in unserem Rückzugsort etwa 40 Menschen eingefunden, viele andere sollen in einem nahe gelegenen Tempel sein. Es ist eine Versammlung der Bessergestellten und Gutbetuchten, die hier stattfindet. Sofort werden nach der Ankunft Laptops, Smartphones und Digitalkameras angeschaltet. Das "Hotel Panorama" bietet in absurder Manier die perfekte Kulisse, um der möglichen Katastrophe aus sicherer Entfernung und perfekter Nähe (für Katastrophenbilder in Echtzeit) beiwohnen zu können.

Während am gesamten Indischen Ozean höchste Alarmstufe herrscht, beobachten im "Hotel Panorama" längst nicht alle das Meer. Einige versorgen sich an der Bar mit kühlen Getränken und andere nehmen den Pool mit Meerblick in Beschlag. Eine makabre Szenerie. Während die Einheimischen mit der Angst im Nacken an der Küste die Hotels bewachen, wollen sich einige Touristen ihren Urlaub nicht von der ungeplanten Evakuierung unterbrechen lassen. Wer in Not Empathie erwartet, wird hier enttäuscht.

Wieviel davon Ignoranz und wieviel Ablenkung vor der möglichen Katastrophe ist, kann nicht genau gesagt werden. Auch wir lesen unserem Sohn zwischendurch aus dem Sams und uns selbst Tschick vor - immer wieder unterbrochen von besorgten Blicken, mal auf das Meer und mal auf den Nachrichtenschirm. Dort weichen die Sorgen zunehmend der Hoffnung, dass diesmal alles glimpflich abgehen koennte.

Gegen 16 Uhr - die Hoffnung, die Welle bleibt aus, nimmt konkrete Form an - dann die Ernüchterung. Aufregende Diskussionen von der Gruppe vor dem CNN-Bildschirm kündigen an, was diese Hoffnung zunichte macht: ein zweites starkes Beben vor Sumatra hat den Indischen Ozean erschüttert. Erneut stehen mindestens zwei Stunden banges Warten an. Zwei Stunden lang besorgtes Beobachten des Horizonts, der bislang nur mit orangeroten Sonnenuntergängen faszinieren und in Bann ziehen konnte.

Natürlich ist es absurd, aufs Meer zu starren, denn selbst wenn die Welle kommt, würde man sie von unserer Position aus nicht sehen können. Tsunamiwellen sind auf dem Meer meist nicht höher als einen Meter. Erst wenn sie an der Küste brechen, würden sie sichtbar. Daher schweifen unsere Blicke auch immer wieder an die Küste. Wenn sich hier das Meer zurückzieht, dann kommt die Welle. Dies scheint der bessere Indikator zu sein - zumal wir ins Inland fliehende Tiere von hier ebensowenig sehen können.

Auch die nächsten zwei Stunden und um 18 Uhr bleibt das Meer ruhig. Zwar scheinen in den letzten vier, fünf Stunden manche Wellen etwas höher den Strand hinaufgekrochen zu sein, doch für den Laien ist keine Gefahr zu erkennen. Einzig das Wissen, welche Gewalt die Wassermassen entwickeln können, lässt den Respekt wahren und die Menschen auf dem Hügel bleiben. Bei manchen ist die Sorge inzwischen zynischen Witzen gewichen - fassungslos steht man daneben.

30 Minuten später kündigt sich das Ende des Spuks an. Ersten Medienberichten bleibt auch nach dem zweiten Beben die Welle, die alle fürchten, aus. Weitere zehn bis fünfzehn Minuten später dann die Entwarnung über das öffentliche Alarmsystem. Der Tsunami bleibt aus - zum Glück. Der Schreck aber sitzt in den Knochen.

"Thank God" klingt es uns nach der Rückkehr von allen Seiten entgegen. Eine Möglichkeit, sich den glimpflichen Verlauf der Ereignisse des Tages zu erklären. Wer aber verstehen will, warum das Seebeben ohne schlimme Folgen blieb, der ist mit den rationalen, wissenschaftlichen Erkenntnissen besser beraten. Und mit der Tatsache, dass einige der nach 2004 eingefuehrten und installierten Alarmsysteme funktionierten. Es waren vor allem die einfachen Massnahmen, die halfen. Auf die technisch anspruchsvollen Mittel war diesmal nur bedingt Verlass.