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Im Fitnessstudio für Kinderrechte

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Ende März trafen sich 130 Lebenskundeschülerinnen und -schüler im Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Kreuzberg, um sich einen Tag unter dem Motto „Fit für Kinderrechte“ mit den Kinderrechten auseinanderzusetzen. Ein Rückblick.
Freitag, 4. Mai 2012
Kinderrechtekongress

Kreativ befassten sich die Teilnehmer am Kinderrechtekongress mit den Kinderrechten weltweit | Foto: Töns Wiethüchter

Langsam füllt sich der Ballsaal der Villa. Gruppe um Gruppe besetzen die dichten Stuhlreihen. Die 130 Schüler aus neun Bezirken und zehn Schulen Berlins sind zusammen gekommen, um sich gegenseitig über ihre Rechte zu informieren und sich gestalterisch mit ihnen zu beschäftigen. Dr. Eva Ellerkmann, die Organisatorin und Initiatorin des Tages, begrüßt die Kinder. Sie sind nervös und aufgeregt. Nun sind sie an der Reihe: Jede Gruppe stellt ihr heutiges Projekt vor. „Bei uns könnt ihr Banner für den Gipfel in Rio de Janeiro gestalten." Am Stand der Gruppe aus der Grundschule am Arkonaplatz  geht es um Umweltschutz und Nachhaltigkeit, um „ökologische Kinderrechte". „Wir haben ein Quiz über gesunde Ernährung vorbereitet. Und wenn ihr alles richtig macht, bekommt ihr einen Crêpes als  Belohnung", stellen die Lebenskundeschüler der 4b aus der Grundschule an den Buchen den Teilnehmern des Kongresses in Aussicht. Jede dieser Gruppen ist für einen der 15 Stände auf dem „Markt der Möglichkeiten" – eine Art Kinderrechte-Parcours, den jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin durchlaufen wird - verantwortlich.

Der zehnjährige Robert ist ungeduldig und beschwert sich über den großen Andrang an den Ständen: Dort werden u. a. Stifte marmoriert (Recht auf Bildung), Bälle hergestellt (Recht auf Freizeit und Bildung), Papiertüten angefertigt (Schutz vor Ausbeutung), Buttons mit dem eigenen Namen gestaltet (Recht auf den eigenen Namen) und wer mag, kann einen „Schnupperkurs" in Gebärdensprache belegen.

„Ich habe tatsächlich die Vision, dass die Kinderrechte bekannter werden. Bekannt werden, für diejenigen, die sie brauchen. Kinder müssen wissen, dass sie Rechte haben", bringt Dr. Ellerkmann das Ziel des Tages auf den Punkt. Laut einer Umfrage wüssten nach wie vor nur um die 50% der Kinder, dass es Kinderrechte gebe. „Und ich möchte gerne an dieser Prozentzahl Richtung 99% drehen. Das ist meine Motivation, das jedes Jahr wieder auf die Beine zu stellen."

Kinderrechtekongress 2

Sind Sie fit für Kinderrechte? | Foto: Töns Wiethüchter

Und die Kinder bestätigen sie durch ihr Engagement und ihre Wissbegierde. Ja, sie lerne heute besonders viel über die Kinderrechte, versichert die neunjährige Lara. Besonders interessant finde sie die Abstimmung über das wichtigste Kinderrecht. Ihr Favorit ist der Artikel 9 der Kinderrechtekonvention, das Recht, mit den Eltern zusammen zu leben und im Falle einer Trennung zu beiden Eltern Kontakt zu haben, diktiert sie mir ins Aufnahmegerät.  Auch Antonia von der Grundschule an den Buchen ist überzeugt, dass sie heute viel lernt. Ihr liegt das Recht auf Bildung besonders am Herzen, „weil Kinder in manchen Ländern ganz viel arbeiten und nicht lernen können."

Parallel zum Markt der Möglichkeiten besucht eine Gruppe den Kindernotdienst. Im Theaterworkshop  beschäftigen sich die Schüler mit dem Recht auf Bildung. Besonders beliebt ist der Hip-Hop-Workshop, den das Berliner Hip-Hop-Mobil auch dieses Jahr wieder anbietet.

Sven Thale von der Grundschule am Arkonaplatz schätzt den Stellenwert der Kinderrechte hoch ein. Die Kinder fühlten sich wertgeschätzt, benennt der Lebenskundelehrer die Bedeutung der Kinderrechte für seine Schüler.  „Wenn die Kinder von der Kinderrechten erfahren, berührt es sie auf der Gefühlsebene. Wir sind auch wichtig, diese Rechte sollen uns gegenüber eingehalten werden. Das tragen die Kinder in ihrem Herzen mit sich." Ihm geht die Forderung, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, nicht weit genug. „Wenn ich etwas am Wahlrecht ändern könnte, dann würde ich sofort für alle Kinder ein Wahlrecht einführen." Und weiter: „Sobald das Kind da ist, hat es eine Stimme, von Geburt an." Und solange die Kinder ihr Recht nicht selber wahrnehmen könnten, müssten die Eltern zum Wohl der Kinder deren Stimme einsetzen.

Auch Bela, ein dreizehnjähriger Besucher vom Andreas-Gymnasium, sieht hier den größten Handlungsbedarf. „ Mir persönlich ist das Recht auf Meinungsfreiheit und Mitbestimmung am wichtigsten." Er zeigt sich tief beeindruckt von den Leistungen und dem Engagement der Schüler. Ganz viel habe er heute über die Kinderrechte mitgenommen, betont der Gymnasiast und macht sich mit seiner selbst gebastelten Papiertüte und vielen Eindrücken auf den Nachhauseweg. Es scheint so, als trage er im Herzen das Gefühl einer besonderen Wertschätzung.