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Aus der Vorhölle der globalen Wertschöpfung

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Ein Reisebericht durch Bangladesch, ein paar Wochen nach dem Kollaps des Rana Plaza.
Mittwoch, 30. Oktober 2013

Alle sind ohne Anstellung, einige wollen nie mehr in einer Fabrik arbeiten, eine Frau wird von Panikattacken gequält, sobald sie ein größeres Gebäude betritt. Wer eine oder einen Toten als nahen Verwandten identifizieren konnte, bekam einen staatlichen Scheck von 20.000 Thaka, umgerechnet 200 Euro. Zwei hier im Raum erhielten zusätzlich einen Scheck der Ministerpräsidentin Sheikh Hasina über 100.000 Thaka. Niemand weiß, ob es weitere Zahlungen, ob es weitere Entschädigung geben wird. Niemand im Raum spricht aus, was auf der Hand liegen sollte: dass die Menschen hier nicht einfach Hilfe brauchen, sondern dass sie ein Recht auf Entschädigung haben, ein Recht wenigstens auf den finanziellen Ausgleich dessen, was in ihrem Leben nie wieder gutzumachen ist.

Von Rana Plaza nach Tazreen Fashion

Gerade deshalb nimmt dieses Elend, dieses ungeheuerliche Unrecht auch uns in die nicht zu erfüllende Pflicht. Denn die Auftraggeber von Rana Plaza – wie die von Tazreen Fashions, Ali Enterprises und ungezählten anderen Weltmarktfabriken – betreiben ihre Läden in den Fußgängerzonen deutscher Städte. Einige haben jetzt ein Abkommen zur Arbeits-und Gebäudesicherheit unterzeichnet, ihr erstes Zugeständnis überhaupt. Eine freiwillige Verpflichtung ohne Gesetzeskraft, immerhin unter Einbindung von Gewerkschaften. Es gilt für Bangladesch, aber nicht für Pakistan, enthält kein Wort über die Missachtung der Arbeiter_innenrechte, Löhne unter dem Existenzminimum, tägliche Überstunden, über fehlende Gesundheits-oder Altersversorgung, die gewaltsame Unterbindung gewerkschaftlicher Betätigung. Kein Wort zu der erbarmungslosen Konkurrenz, die den Produzenten in Asien von den Einkäufern aus Europa oder den USA aufgezwungen wird: eine Konkurrenz, die in den Chefs von Rana Plaza die Verbrecher fand, ohne die sie nicht funktionieren würde.

Foto: Gordon Welters/medico International

Shrina wurden beide Beine zerschmettert. Infolge des Blutverlusts versagten ihre Nieren, sie wird immer schwer krank bleiben. Sie wird von ihrem Bruder Imamul getrötest. Ihr Ehemann hat sie wenige Tage nach ihrer Rettung verlassen. Foto: Gordon Welters/medico International

Wir sind mit unseren Fragen gerade am Ende, als unser Handy klingelt. Safia Pervin, Sekretärin der Textilgewerkschaft National Garment Workers Federation (NGWF), teilt uns mit, dass Kolleg_innen von ihr uns jetzt in Ashulia erwarten, an der Ruine von Tazreen Fashion. Der ebenfalls neunstöckige Betonriegel brannte am 24. November 2012 aus, 117 Menschen starben, 300 glaubten, sich nur durch den Sprung ins Brackwasser einer benachbarten Baugrube retten zu können. Einige kostete gerade dieser Sprung das Leben.

Wir fahren sofort los, sind eine halbe Stunde später drüben. Das Fabriktor ist mit schweren Ketten verschlossen, es riecht nach Abfall – und noch immer nach Brand. Die NGWF-Kolleg_innen führen uns an die Rückseite des Gebäudes, wo wir in schwarz umrandete Fensterhöhlen starren, deren Vergitterung sich durch die Brandhitze verbogen hat. „Für einen Moment“, sagt ein Gewerkschafter, „sah man im dritten Stock winkende Hände, dann nur noch Flammen und Rauch.“

Ein paar Schritte weiter und wir stehen an der mit Brackwasser gefüllten Baugrube. Man erzählt uns von den Stunden nach dem Löschen des Brandes, als man begann, vor der Fabrik die Plastiksäcke mit den geborgenen Leichen aufzubahren. „Wir hielten uns Tücher vors Gesicht“, sagt uns ein junger Mann, der seine Frau unter den Toten wieder fand. „Es waren die Menschen, die wir liebten. Doch der Gestank des verbrannten Fleisches war nicht zu ertragen.“

Die Gewerkschafter führen uns um das Gebäude herum zum Ortsbüro der NGWF. Drinnen warten 20 jungen Frauen und Männer, ehemalige Beschäftigte von Tazreen Fashion. Noch während wir uns vorstellen, fällt der Strom aus, wir sitzen im Dunkeln, zwei Taschenlampen machen wenigstens die Person sichtbar, die gerade das Wort ergriffen hat.

Die Leute erzählen von ihren Verletzungen, vom Tod von Freunden und Verwandten, dann vom Alltag vor dem Brand. Zur Kernarbeitszeit von acht bis fünf Uhr kamen fast täglich bis zu sechs Überstunden hinzu. Gearbeitet wurde sechs Tage die Woche, bezahlten Urlaub gab es nicht. Die Überstunden eingerechnet, lag der Lohn mit knapp 50 Dollar trotzdem unter der Armutsgrenze von zwei Dollar täglich. Wie überall stand auch in Tazreen Fashion Nähmaschine an Nähmaschine auf wackligen Einbautischen, der Lärm war ungeheuer, die stickige Luft von Textilfasern gesättigt. Die Fasern waren ein Grund dafür, dass es immer wieder zu Bränden kam: sie setzten sich auch auf den an vielen Stellen blanken Stromkabeln ab, die kreuz und quer durch den Raum führten. Bangladeschs Textilindustrie arbeitetet fast ausschließlich auf Rechnung internationaler Unternehmen, als Zulieferer der globalen Einkaufsketten stets von der letzten Order aus den USA oder Europa abhängig. Die aber besagt immer nur eines: billiger werden, flexibler sein.

Die Familien stehen jetzt vor dem Nichts, einigen droht bereits die Kündigung des meist nur einen Raumes, in dem sie zu fünft, sechs oder acht wohnen: Eltern, Kinder, Schwiegereltern. Immerhin gab es vereinzelte freiwillige Zahlungen. Caritas Bangladesh hat im Auftrag von C&A monatlich Unterstützungsgeld gezahlt, jetzt aber wissen lassen, dass es mehr nicht geben wird. Bangladeschs Textilunternehmerverband hat einige Arzt- und Operationskosten übernommen. Auch bei Tazreen Fashion erhielt niemand eine Zusage für weitere Zahlungen – obwohl allein hier im Raum mehreren Personen metallene Nägel oder Platten implantiert wurden, die wieder herausoperiert werden müssen.

Workers Unity Council, Dhaka, Topkhana Road

Zurück in Dhaka gehen wir ins Hauptbüro der NGWF an der Topkhana Road. Davor versammeln sich nach und nach 80 Männer und Frauen, die Transparente, rote Fahnenmit dem Frauenzeichen und die grün-rote Flagge Bangladeschs tragen. Der kleine Demonstrationszug setzt sich in Bewegung und endet schon nach wenigen hundert Metern am Verbandslokal der Journalistenvereinigung. Hier warten 20 Reporter und Fotografen, wir verstehen, dass wir einer dramatisch inszenierten Pressekonferenz beiwohnen. Amirul Haque Amin, Präsident der NGWF, spricht vom Recht auf Entschädigung, auf würdige Arbeits-und Lebensbedingungen, auf freie Organisation. „Wenn weiter nichts geschieht, werden wir uns die Straßen von Dhaka, Savar und Ashulia nehmen, und wir werden bleiben.“ Es ist keine leere Drohung. Zwei Tage nach dem 24. April zogen Hunderttausende durch die Straßen. Sie konnten erst nach Stunden auseinandergetrieben werden, durch Unmengen von Tränengas und unter brutalem Schlagstockeinsatz. Dhaka erlebt pro Jahr einen oder zwei solcher Ausbrüche, die Fahnenstangen der Gewerkschafter messen nur knapp mehr als einen Meter, das dient der Selbstverteidigung.

Zurück im Büro setzen wir uns mit Amin und den Vorsitzenden von vier anderen Gewerkschaften um den Tisch des Ladenlokals, das den Mitgliedern der NGWF als Anlaufstelle dient. Um mit einer Stimme sprechen zu können, haben die Gewerkschaften das Workers Unity Council gebildet, den „Rat der Arbeitereinheit“. Amin räumt unverblümt ein, dass der Titel eher beschwört, was er zu realisieren vorgibt. Tatsächlich gelingt es den Gewerkschaften nicht, die nur gelegentlich aufwallende Empörung von Hunderttausenden in organisierten Widerstand zu überführen. „In den 1950er Jahren hatte Dhaka 500.000 Einwohner_innen, der Großteil der heute 14 Millionen ist in den vergangenen 60 Jahren zugewandert“, sagt Amin. „Das schnelle Wachstum der Textilindustrie hat diesen irrwitzigen, ungeplanten und auch gar nicht zu planenden Prozess noch einmal beschleunigt: der Textilsektor beschäftigt 3,5Millionen Menschen, vom Wohl der rund 4000 Fabriken hängen insgesamt 20 Millionen ab. Doch weniger als ein Prozent der Arbeiter_innen ist gewerkschaftlich organisiert, die NGWF schließt noch keine 40 Betriebsgruppen zusammen. Gelingt es uns, in einem Betrieb als Verhandlungspartner anerkannt zu werden, sind wir per Gesetz gezwungen, der Geschäftsführung die Namen unserer Mitglieder zu nennen. Das gehört zum Kalkül der internationalen Auftraggeber: eine willige Arbeitskraft, schwache Solidarstrukturen, ein Staat, der auch dann kaum eingreifen könnte, wenn er nicht so korrupt wäre.“

Das heißt nicht, dass es keine Perspektiven gibt –im Land selbst wie entlang der globalen Wertschöpfungskette. Das Brandschutzabkommen, wie unzureichend es auch immer ausgefallen ist, geht auf die jahrelange Wühlarbeit der internationalen Kampagne für Saubere Kleidung zurück und wurde von der ebenfalls internationalen Gewerkschaftsallianz IndustriALL ausgehandelt. Auf Einladung der Allianz wird es Mitte August erstmals Verhandlungen zur Frage der Entschädigung geben. Teilnehmen werden daran immerhin einige der Auftraggeber – andere, prominent etwa der US-Gigant Walmart, habe jede Verantwortung zurückgewiesen.

Der auf die starke Linke der 1970er Jahre zurückgehenden Gewerkschaftsbewegung stehen Aktivist_innen wie die der Menschenrechtsorganisation RISE zur Seite, die aus der jungen Generation der erst in den letzten zwei Jahrzehnten entstandenen Mittelklasse stammen. Ihr politisches „Coming out“ hatte diese Generation gerade in diesem Jahr, in der nach einem Stadtteil Dhakas benannten „Shahbag“-Bewegung. Wie in Kairo oder Tunis kam auch diese Bewegung auf Initiative einiger Blogger zusammen und brachte quasi über Nacht 500.000 Menschen auf die Straße. Ihr über Tage und Wochen aufrechterhaltener Protest galt in ihren Augen zu milden Urteilen in Prozessen zu Kriegsverbrechen, die im Unabhängigkeitskrieg des Jahres 1971 begangen wurden. Der politische Punkt daran gilt allerdings nicht nur einem historischen Geschehen: die Angeklagten des Tribunals, damals Verbündete der pakistanischen Armee, sind heute Führungspersonen des organisierten Islamismus, der in den letzten Jahren auch in Bangladesch zunehmend an Einfluss gewann.

Obwohl sie einen gemeinsamen Gegner haben, sind Berührungen zwischen der „alten“ Linken und den Demokratieprotesten der Jugend bislang sporadisch geblieben – während der Shahbag-Demonstrationen sammelten die Aktivist_innen Geld für die Überlebenden von Rana Plaza. Nicht anders als Amin insitiert deshalb auch Tunazzina Sahaly von RISE zuerst auf der eigenen Schwäche: „An der Aushandlung des Brandschutzabkommens haben bangladeschische Menschenrechts-NGOs kaum Anteil nehmen können. Uns bleibt nichts übrig, als neu anzufangen: ganz von unten.“ Ein Grund, warum medico beide Organisationen, die NGWF wie RISE, in ihren Versuchen unterstützen wird, Überlebende von Rana Plaza und Tazreen Fashion zu Aktivist_innen in eigener Sache auszubilden.

Cover

Global Player – globalisierte Wertschöpfung im Umbruch? Diese Reportage wurde veröffentlicht in spw 4/2013 (Heft 197). Im Juni 2013 hatte Dr. Thomas Seibert, Südasien-Referent von medico, mit dem Fotografen Gordon Welters die Unglücksstelle in Savar und Überlebende besucht. Daraus entstand die 27-seitige Fotodokumentation „Mörderische Textilindustrie“. Mehr unter www.medico.de