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Aus der Vorhölle der globalen Wertschöpfung

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Ein Reisebericht durch Bangladesch, ein paar Wochen nach dem Kollaps des Rana Plaza.
Mittwoch, 30. Oktober 2013
Foto: Gordon Welters/medico International

Eine von unzähligen Nähereien in Bangladesch. Foto: Gordon Welters/medico International

Jahrelang kam es in Südasiens Textilfabriken zu Unfällen mit drei, fünf oder fünfzehn Toten, ohne dass die Käufer_innen der Jeans oder T-Shirts davon erführen. Heute wissen wir, wie teuer andere bezahlen, was wir billig erwerben. Wir wissen das in der Folge dreier großer Tragödien.

Den Anfang machte Pakistans „Industrial 9/11“, September 2012, als in der 20-Millionen-Metropole Karatschi 300 Menschen bei lebendigem Leib verbrannten. Die Weltmarktfabrik Ali Textiles arbeitete ausschließlich auf Rechnung des deutschen Discounters KiK. Am 24. November 2012 verbrannten in Ashulia/Bangladesch wiederum über 100 Arbeiter_innen von Tazreen Fashions, einem Unternehmen im Dienst von C&A, Dickies, Disney, Edinburgh Woollen Mills, El Corte Ingles, Enyce, Karl Rie-ker, wieder KiK sowie Li & Fung, Sears/Kmart, Teddy Smith und Walmart.

Am 24. April diesen Jahres folgte dann der Zusammenbruch des neunstöckigen Fabrikkomplexes Rana Plaza in Savar, der Zwillingsstadt von Ashulia. Zugunsten der Geschäftsbilanzen von Benetton, Bon Marche, Camaieu, Cato Fashions, Children’s Place, Cropp, wieder El Corte Ingles, Joe Fresh, wieder KiK, Mango, Manifattura Corona, Matalan, Premier Clothing, Primark, Texman und wieder Walmart starben jetzt über 1100 Arbeiter_innen, mehr als 2500 wurden verletzt. Schnelle Antworten sind da nicht zu haben, aber erste Aufklärung kann geleistet werden: Einblicke in das Leben der Näher_innen, in ihr Elend und in ihre Versuche, sich zu wehren. Vor dem Hintergrund dessen, dass jede_r von uns pro Jahr durchschnittlich 40 bis 70 Kleidungsstücke kauft.

Gleich am frühen Morgen nach unserer Ankunft in Bangladesch machen der Fotograf Gordon Welters und ich uns auf den Weg nach Savar und Ashulia, 40 Kilometer nordwestlich der 14-Millionen-Metropole Dhaka. In der Zwillingsstadt gibt es nichts außer den meist mehrstöckigen Textilfabriken, den ärmlichen Wohnvierteln der Arbeiter_innen und den Straßenmärkten, auf denen sie sich mit Lebensmitteln und billigen Plastikwaren versorgen. An der Hauptstraße Savars stand noch vor sieben Wochen das Fabrikhochhaus Rana Plaza mit Shoppingmall und Bank im Erdgeschoss. Am 23. April 2013 wurden am ganzen Gebäude tiefe Risse entdeckt, die Behörden ordneten die Evakuierung an, die Angestellten der Bank brachten umgehend Mobiliar, Computer und Geldreserven in Sicherheit. Die Chefs der Textilfabriken aber zwangen ihre Angestellten zur Arbeit, drohten mit Entzug des Lohnes.

Am nächsten Morgen unterbrach ein Stromausfall den Betrieb, sofort sprang auf jedem der Stockwerke ein wuchtiger, dieselgetriebener Notstromgenerator an. Das Gebäude hielt der Vibration nicht stand, Sekunden später lagen die neun Stockwerke eins auf dem anderen, „wie ein Sandwich“, sagt uns ein Augenzeuge.

Fast einen Monat lang gruben freiwillige Helfer, dann Rettungsmannschaften schmale Stollen in den Schuttberg, schleppten Verletzte und Leichen aus den Trümmern. Die letzte Überlebende wurde am 17. Tag nach dem Kollaps befreit, etwa 300 Menschen gelten noch immer als vermisst.

Geraubte Zukunft

Unsere erste Station ist das Nationale Orthopädische Hospital in Dhaka. Hier werden jetzt noch siebzehn Patientinnen und Patienten betreut. Den meisten wurden ein oder zwei Gliedmaßen, Arme, Beine, Hände oder Füße amputiert, manchen noch während der Bergung, ohne Betäubung, mit Metallsägen oder Fleischermessern, weil man sie anders nicht befreien konnte. Die Ärzt_innen mussten die Notoperationen chirurgisch korrigieren, oft lebensrettende Wundbrandbehandlungen vornehmen.

Die Luft ist stickig und vom Lärm der Ventilatoren, von vereinzeltem Weinen oder Gewimmer, vom Klingeln der Handys erfüllt. Die meisten sind gerade mal zwanzig Jahre alt, junge Frauen und Männer, die zutiefst verstört noch immer nicht verstehen, was ihnen widerfuhr. Viele von ihnen sind erst vor wenigen Jahren, manche erst vor wenigen Wochen nach „Greater Dhaka Area“ gekommen, weil es im ländlichen Bangladesch für sie wie für Millionen andere keine Zukunftsperspektive mehr gab. Die Plackerei bei Rana Plaza, das wussten sie schon nach ein paar Tagen, war zwar noch härter als die elende Fronarbeit auf dem Land. Doch gibt es in Savar und Ashulia wie in den Industriegebieten der Hauptstadt Schulen, auf die sie ihre Kinder schicken wollten: das, so hofften sie, wäre der Gewinn ihres Gangs in die Stadt. Jetzt wird kaum jemand von ihnen wieder arbeiten, einen Partner oder eine Partnerin finden, Kinder haben können.

Das eng umschlungene Paar im ersten Bett ist ein Geschwisterpaar. Shirina, 20, wurden beide Beine zerschmettert, infolge des Blutverlusts versagten ihre Nieren, sie wird immer schwer krank bleiben. Imamul, 26, tröstet die Schwester auch wegen ihres Ehemannes, der sie bereits wenige Tage nach der Rettung verlassen hat.

Rechts neben Shirina liegt Rabia, sie ist etwas älter, wurde drei Stunden nach dem Unglück geborgen. Die Mutter von zwei Jungen und zwei Mädchen erlitt mehrfache Brüche an beiden Beinen, sechs gebrochene Rippen verursachen bei jedem Atemzug starke Schmerzen. Ihr zur Seite sitzt ihr Mann Mamun, ein Drucker. Die Familie lebt in Savar, ihr größtes Glück ist die älteste Tochter, die sich gerade zum Studium eingeschrieben hat.

Beiden gegenüber das Bett von Rebecca, 23, auch sie von ihrem Bruder betreut, dem Straßenhändler Emdi. Sie wurde zwei Tage nach dem Zusammenbruch befreit, die Retter mussten ihr das rechte Bein und den linken Fuß amputieren. Auch die Mutter der beiden Geschwister war Arbeiterin im Rana Plaza, sie kam ums Leben.

Foto: Gordon Welters/medico International

Rebecca und Emdi. Foto: Gordon Welters/medico International

Schließlich bleiben wir noch am Bett Roginas stehen, heute wie jeden Tag harrt ihr Mann Paramja neben ihr aus. Der 23-jährigen Arbeiterin wurden beide Beine zerschmettert, sie erlitt eine Fraktur des Schlüsselbeins. Zwei Tage war sie verschüttet, die Wunden an den Beinen haben sich entzündet, der Wundbrand ist noch immer nicht verheilt.

Wir verabschieden uns, versprechen, ihre Geschichten bei uns bekannt zu machen und setzen unsere Fahrt fort. In Savar angekommen, besuchen wir zunächst ein zweites Krankenhaus, das Enam Medical and College Hospital. Das Gebäude liegt unweit des Rana Plaza, hier wurde die Mehrzahl der Überlebenden versorgt,1746 Arbeiter_innen.1000 konnten bald wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden, am Tag unseres Besuchs werden noch 14 Patientinnen und Patienten betreut. In den ersten Tagen und Nächten leisteten Ärzte, Pflegepersonal und Studierende ununterbrochen Dienst. Bald fehlende Medikamente und Verbandmaterial lieferten umliegende Apotheken, ungezählte Menschen brachten Lebensmittel oder Kleidung und spendeten dringend benötigtes Blut.

Wir treffen Shahinur, 21, ihr wurde ein Bein amputiert, sie wird gerade von ihrer ganzen Familie besucht. Das Bett daneben gehört Pakhi, 30, Mutter zweier Kinder. Bei der Bergung am zweiten Tag wurden ihr mit einer Eisensäge beide Beine amputiert. Der halbe Raum sieht zu, als die Mutter die Tochter im Bett dreht, den Kopf an die linke Bettkante zieht und eine Plastikmatte unterlegt, um ihr das Haar zu waschen. Pakhi, die sich zuvor vor Schmerzen wandte, bleibt nichts zu tun, als sich der Hilfe der Mutter zu ergeben: jetzt und für den Rest ihres Lebens.

Am Rana Plaza

Nach kurzer Weiterfahrt sind wir am Ziel. Von dem Fabrikhochhaus mit Shoppingmall blieb nur noch eine Grube, die sich langsam mit Wasser und Abfällen füllt. Auf ihrem Grund liegen drei Autos, die am Tag des Zusammenbruchs in der Tiefgarage standen, platt gedrückt, als ob sie in eine Schrottpresse geraten wären. Die Außenwände der Nachbargebäude wurden von innen aufgebrochen, von hier gruben sich die ersten Retter in den Schuttberg. „Die Leute schrien um ihr Leben, schrien vor Schmerzen und vor Angst, flehten uns an, sie raus zu holen“, sagt ein Augenzeuge. „Ununterbrochen klingelten Handys, wer sein Gerät bedienen konnte, rief Verwandte und Freunde an, die riefen zurück, das ging so weiter, bis die Akkus leer waren.“ Der Mann bricht ab, lässt uns stehen, verliert sich im Gewühl. An den Stacheldraht, mit dem die Grube zur Straße hin abgesperrt wird, haben Gewerkschaften schwarze und rote Transparente mit Losungen der Trauer und der Wut geknüpft. Davor verharren noch immer Passant_innen, sehen bedrückt in die Grube. Andere haben auf längst zerknitterten DIN-A-4-Blättern Bilder vermisster Verwandter aufgeklebt, bitten, ihnen bei der Suche nach Vater, Schwester oder Tochter zu helfen.

Wir treffen Aktivist_innen einer Menschenrechtsorganisation, die sich den bündigen Namen Forschungsinstitut für soziale Gerechtigkeit gegeben hat: das englische Kürzel RISE ist mit „Erhebung“, „Aufbruch“, auch mit „Auferstehung“ zu übersetzen. Sie haben für uns ein Treffen mit dreißig Rana Plaza-Überlebenden arrangiert. Auch von ihnen wurden viele verletzt, einige verloren oder vermissen engste Verwandte. Nilufar, 30, wurde erst am dritten Tag aus den Trümmern befreit, hat keine Erinnerungen an die Zeit, in der sie verschüttet war. Mumtaz, 35, hat sich am 24. April wie viele andere trotz schwerer Beklemmung an ihren Arbeitsplatz zwingen lassen, stand mehrmals unschlüssig auf, wurde genötigt, wieder Platz zu nehmen, traute sich nicht, zu gehen. Sie erlitt Verletzungen im Nacken und am Rücken, leidet ständig unter schweren Schmerzen. Shapna, 18, wurde erst am vierten Tag gerettet. Während dieser Zeit lag sie mit mehreren anderen unter dem Schutt, blut-, kot- und urinverschmiert Leib an Leib. Eine nach der anderen starb, eine einzige Kollegin wurde mit ihr geborgen. Shurima, 30, wurde der linke Fuß amputiert, ihr Mann ist herzkrank und arbeitslos, sie muss sich nicht nur um ihn, sondern auch um seine Mutter kümmern. Kairul, 24, wurde unter einer Wand begraben, zeigt uns Narben an Rücken und Armen. Er kann sich jetzt nur sehr langsam und nur unter Schmerzen bewegen.