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Skeptiker-Konferenz: Dialoge sind am schönsten zu zweit

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Vom 9. bis 11. Mai hielt die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) ihre 22. Konferenz in Köln ab. Im Mittelpunkt standen in diesem Jahr „Pseudotherapien“.
Donnerstag, 16. Mai 2013

In einem Dutzend Vorträgen setzte sich die GWUP, als deutsche Organisation in der weltweiten Skeptikerbewegung, für Wissenschaft und kritisch-rationales Denken ein. Und bekam viel positive Resonanz.

Nicht viel Neues, aber viel Relevantes

Die GWUP, ein Verein mit über 1000 Mitgliedern betrachtet para- und pseudowissenschaftliche Gedankenmodelle mit dem Ziel, dort gemachte Behauptungen und Versprechungen zu überprüfen. Neben Themen wie UFO- oder Yeti-Sichtungen, Parapsychologie oder Verschwörungstheorien gehört die so genannte „Alternativmedizin“ zum festen Beschäftigungskatalog der GWUP.

Foto: S. Bartoschek

Referentin Claudia Graneis sprach über die Liebesgeschichte von Globuli und Pharmazie. Foto: S. Bartoschek

Hier werden die Skeptiker nicht müde zu betonen, dass es keine „Alternativmedizin“ gebe. Ihr Vorsitzender Amardeo Sarma sagt dazu: „Es gibt gute Medizin und schlechte Medizin. Und Alternativmedizin ist meist Quacksalberei.“ Diese Erkenntnis, weder neu noch überraschend, stand in den letzten Jahren immer wieder im Fokus von GWUP-Konferenzen. Die Verantwortlichen waren jedoch überzeugt, dass Pseudotherapien zunehmende Verbreitung in der Gesellschaft erführen, wogegen es anzugehen gelte.

Düstere Legenden, Blut & Spuk

Bevor es im eigentlichen Konferenzprogramm an Freitag und Samstag v.a. um medizinische Themen ging, lockte die GWUP am traditionellen Publikumstag mit exotischeren Themen. Alexa und Alexander Waschkau vom Hoaxilla-Podcast entführten die knapp 300 Besucher in die Welt der „Düsteren Legenden“. Gruselfaktor inbegriffen. Das Publikum erfuhr, dass die Geschichte vom kinderstehlenden Slenderman eine Internet-Neuschöpfung ist. Samt manipulierter Bilder und Tonaufnahmen. Die Geschichte vom enthaupteten Selbstmörder, der auf einem Parkplatz im Auto mit laufendem Radio gefunden wurde, stimmte hingegen.

Wem das noch nicht genug Blut war, der kam beim Kriminalbiologen und „Herr der Maden“ Dr. Mark Benecke voll auf seine Kosten, der in „Seltsame Dinge mit Mark“ u.a. zeigte, wie wirklich gekreuzigt wurde, nämlich nicht mit Nägeln durch die Hände und auch nicht an einem Kreuz, das einen überstehenden Zipfel nach oben hat. Eine Info, die christlichen Kirchen wohl weiterhin fremd ist. Blut und Schrecken.

Unblutig ging es dagegen im Vortrag „Spukt´s?“ von Sebastian Bartoschek zu, der sich dem Phänomen des „Ghosthunting“ widmete. In der modernen Version der Geisterjagd gehen Laien Spukphänomenen nach. Mit wissenschaftlichen Anspruch, aber ohne wissenschaftliche Methodik, wenn man dem Referenten glaubt. Dieser berief sich auf mehrjährige Recherchen und eigene Erfahrungen mit Ghosthuntern, die er im Sommer als Buch veröffentlicht.

Auffällig am Publikumstag: ein jüngeres Publikum, viel Spaß und Humor. Skeptiker, so wurde vermittelt, sind keine miesepetrig dreinschauenden Spielverderber, sondern fragende Sucher, die sich selbst nicht ernster nehmen als nötig.

Seelenpfuscher & viel Globuli

Nach einer Mitgliederversammlung am Freitag ging es dann mit dem Thema „Autismus“ (Jan Oude-Aost) weiter, gefolgt von alternativen Psychotechniken (Heike Dierbach) und Betrachtungen zum Buch „Die Homöopathie-Lüge“ (Christian Weymayr).

Die ersten beiden Vorträge zeigten auf, mit welchen Blödsinn im Gesundheitssektor das Leid von Menschen ausgenutzt wird. Heike Dierbach bezifferte die Anzahl der Psychopfuscher, die die Psyche ihrer Patienten mit Geistheilung, Rebirthing, The Work und anderen Verfahren zusetzten auf bis zu 30 000. Ein perfides Geschäft. Dazu Dierbach: „Wer nach Heilung sucht, verdient Respekt. Umso gravierender ist es, wenn diese Suche nach Hilfe missbraucht wird.“

Als Jan Oude-Aost dies in seinem Vortrag vertiefte und das Leid autistischer Kinder und ihrer Eltern greifbar machte, lief dem ein oder anderen ein Schauer über den Rücken. Geradezu pervers mutete an, wie an die verzweifelte Hoffnung der Eltern appelliert wird, wenn quacksalberische Thesen verbreitet werden, wie dass Autismus eine Folge von Kinderimpfungen sei.

Foto: S. Bartoschek

Vorsicht, Seelenpfuscher! Wie alternative Psychotechniken Patienten schädigen, erklärte Heike Dierbach. Foto: S. Bartoschek

Während Dierbach und Oude-Aost auf ein zustimmendes Auditorium trafen, sah bei einigen Thesen von Christian Weymayr anders aus. Zwar zweifelte niemand an den Ausführungen des Autors von „Die Homöopathie-Lüge“, dass Homöopathie den Naturgesetzen widerspricht und ergo wirkungslos sei, doch entzündete sich eine Debatte an dem Begriff der „Scientabilität“. Dahinter verbirgt sich die Forderung Weymayrs zukünftig nur solche Theorien in klinischen Studien zu prüfen, zu denen es bereits überzeugende Grundlagenarbeiten gibt. Weymayr: „Klinische Studien, die gesichtere Erkenntnisse aus Grundlagenexperimenten negieren, sind irrelevant. Sogar kontraproduktiv, da sie wissenschaftliches Denken untergraben.“ Derzeit nicht zu vereinen mit dem Vorgehen in der evidenzbasierten Medizin. GWUP-Chef Sarma kündigte dazu einen Diskussionsprozess an.

Homöopathie & Hitler

Der Freitagstenor wurde am Samstag fortgeführt. Claudia Graneis berichtete von der Verbandelung zwischen Pharmazie und Homöopathie, Benedikt Matenaer erklärte, wieso Akupunktur meist nicht wirksam ist und Johannes Ring gab Auskunft über Quacksalberei im Bereich der Allergologie.

Wie im Vorjahr wieder eine Freude: Holm Hümmler, der einen der raren Vorträge zu einem nicht-mediznischen Thema hielt. In „Nazis über uns?“ ging er der Verschwörungstheorien um vermeintliche Reichsflugscheiben und ein Gebiet in der Antarktis nach, in dem einige den Eingang ins Innere der Hohlen Erde vermuten. In der wiederum Adolf Hitler weiterhin leben soll. Ja, genau.

Nähe zum Humanismus

Interessant: einige Besucher der SkepKon, wie die GWUP die diesjährige Konferenz selbst nannte, trugen T-Shirts mit Aufdrucken des gerade erst zu Ende gegangenen Humanistentages in Hamburg. Nicht von ungefähr. Viele Referenten unterschieden nicht zwischen Religion und Parawissenschaften und bezeichneten sie auch offen als das, was sie sind: irrationale Glaubensmodelle mit Heilsanspruch.

Auch wenn die Mehrheit der anwesenden GWUP-Mitglieder und Sympathisanten dies so sahen, so merkt man den GWUP-Offiziellen an, dass sie an das Thema „Religion“ insgesamt nicht heran wollen. Es ist auch nicht unbedingt nötig. Gibt es doch u.a. mit GBS und HVD Verbände die sich voll und ganz den Themen Humanismus und Atheismus verschrieben haben. Eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den Skeptikern und den Humanisten/ Atheisten macht aber sicherlich Sinn.

Abzüge in der B-Note

Im Großen und Ganzen waren also alle zufrieden. Wirklich alle? Nein. Wie im Vorjahr war der vergleichsweise hohe Preis von knapp 150€ sicherlich für den ein oder andere Interessierten ein Grund nicht zur Konferenz anzureisen. Die GWUP sollte hier überdenken, wen sie eigentlich mit ihren Konferenzen ansprechen will, und ob insbesondere das Ziel der Verjüngung mit solch hohen Konferenzpreisen umgesetzt werden kann.

Auf Unverständnis stieß auch die Tatsache, dass kein WLAN-Zugang für die Konferenzteilnehmer zur Verfügung stand. Die re:publica in Berlin, die in etwa für zwei Tage dasselbe kostete, war da ganz anders aufgestellt. Aus Reihen der Veranstalter der SkepKon war zu hören, dass man dieses Problem erkannt und schon so gut wie gebannt habe. Man darf hoffen.

Foto: S. Bartoschek

Foto: S. Bartoschek

Hoffen auch darauf, dass zukünftige GWUP-Konferenzen vielleicht wieder stärker Themen abseits der Quacksalberei beleuchten und es auch einmal Foren mit der „anderen Seite“ geben wird. Denn so verlockend das „Preaching the converted“ sein mag, wirklich spannend und produktiv wird es, wenn man daraus einen offenen Meinungsabtausch macht. Dialoge sind nunmal am schönsten zu zweit.

Und so freuten sich am Ende dreier Tage alle auf die nächste Konferenz. 2014 in München.