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PRO: Ist Fußball Teil der humanistischen Kultur

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Freitag, 1. Juni 2012

Selbstverständlich ist Fußball Teil der humanistischen Kultur.

Schon immer interessierte mich die Ritual- und Fankultur des hierzulande allgegenwärtigen Mannschaftssports: Ein wichtiger Sieg ist eine Spitzennachricht wert; tausende Begeisterte putzen sich heraus, Männer und immer mehr auch Frauen, nahezu jeden Alters. Sie versammeln sich öffentlich in Stadien, vor Leinwänden oder in Kneipen, um einer ziemlich unnormalen, oft sehr zufälligen, deshalb sehr trainingsbedürftigen Körperbenutzung zuzuschauen. Es entscheidet, wie im wirklichen Leben, oft das Glück, wer triumphiert oder leidet. Wer sich für so etwas begeistert und hofft, dass wir England schlagen, benutzt, trotz mancher sozial bedingter Ausfälle, keine Flinte dazu. Man steht da in diesem Stadion und nebenan ein Holzfäller oder ein Ingenieur. Wo gibt es noch dieses Gefühl der (zeitlich endlichen, aber doch erlebten) Gleichheit, auch der Toleranz, verbunden mit dem Gefühl dazuzugehören. Oder, wie Martin Buber schrieb: Gemeinschaft ist, wo Gemeinschaft stattfindet.

Horst Groschopp

Horst Groschopp leitet die Humanistische Akademie Deutschlands

Eine der Voraussetzungen, dass Fußball machbar wurde, war erstens die Veränderung der Kriegstechnik. Exerzierplätze in den Städten wurden nutzlos. Den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin nannten meine Kinder noch „Exer". Dann war zweitens Proletariat nötig, Lohnarbeiter, wie jeder bessere Fußballer. Man konnte so der Klasse entfliehen. Der Adel ritt und ruderte, das Bürgertum turnte, der Prolet drosch gegen den Ball.

Die Kirchen schauen heute neidisch auf diese andächtigen oder rasenden Massen, mit ihren freiwilligen, selbst erfundenen Choralgesängen, ihren Fahnen, Fanfaren, Transparenten, Verkleidungen, Faschingsmasken, Aufmärschen und Blicken zum Himmel, bei Heil oder Unheil. Es gelingt ihnen aber nicht, diese „Religion" zu vereinnahmen. Zwar nehmen inzwischen religiöse Bekundungen zu, doch jeder Theologe weiß: Das ist eine Kultur des Aberglaubens. Gott wird den Ball nicht lenken. Özils Gott ist zu allem Unglück auch noch ein anderer als der von Lahm.

Doch all dies macht Fußball nicht humanistisch. Es handelt sich um ein Spiel, für viele die herrlichste Nebensache des Lebens. Dieses Spiel symbolisiert, akzeptiert und führt gesellschaftliche Grundtatsachen vor: Arbeitsteilung, Schicksalsungewissheit, Status- und Positionswechsel, Solidarität und Konkurrenz. Immer wartet ein Ersatzspieler, man will die Unterklassigkeit vermeiden, will aufsteigen, muss dafür im Team arbeiten, aber selbst sehr individuell, einmalig sein.

Man lernt den Auftritt vom Leben zu unterscheiden, kurz: Wir finden hier Demokratie und Befehl, sozialen Kampf und Gleichheit der Gruppe, aber auch Jüngerschaft und Heldenverehrung – als ob dies Humanisten fremd wäre ... außerhalb ihrer schönen Grundsätze. Und: Hier gibt es noch die Freiheit zum alkoholgestützten, kollektiven Rausch, kein Rauchverbot. Hier ist Rotzen und Schweiß triefen vor aller Augen kein Makel. Der letzte Rest vorzeigbarer Ausscheidungen: Erlaubte Animalität in unserer Kultur des Körperdressings, der Kleidervorschriften und der Geruchsdiktatur.

Das Wichtigste aber ist der Sieg der Rationalität. Ein Priester achtet auf Moral und Glauben. Der Schiedsrichter aber ist kein Priester. Er ist, wie der Name schon sagt, ein Jurist, der auf die Einhaltung der Regeln achtet, Urteile spricht und sofort vollstreckt, Fehlurteile eingerechnet. Es sind auch diese Regeln, auf denen die Rituale aufbauen, nicht das Spiel an sich. So müsst Ihr spielen, so nicht! „Wir wollen euch kämpfen seh'n" – für das viele Geld. Alle reden mit – jeder kann das herrliche Abseits erklären, auf seine Art.

Selbstredend weiß ich auch Negatives zu berichten und kann lange schwätzen über den Fußball als Opium des Volkes, seine Verschleierungsfunktionen, seinen Macho-Wahn, seine Homophobien, die Zerstörung der Kreativität durch Merchandising, die Unterdrückung der Protestkultur, die Macht der Brauereien.

Deutsche Fussball-Nationalmannschaft EM 2012

Deutsche Fussball-Nationalmannschaft EM 2012. Quelle: dfb.de

Zu den Hooligans will ich abschließend das zitieren, was der Humanist Arthur Pfungst über diese „Halbstarken" geschrieben hat, der das Wort 1906 nach Deutschland einführte, übrigens als „russisches" Phänomen (Chuligan, zu Dt. Rowdy). Er nahm Bezug auf die damaligen russischen „Schwarzhunderter", proletarische, uniformierte, vor-faschistische Schwadronen Jugendlicher, die über Arme, Juden und Ausländer herfielen. Pfungst sagte, diese Radaubrüder, Raufbolde und Rohlinge sind „das Erziehungsdefizit der Völker" und nur „durch Erziehung und soziale Fürsorge ... zu beseitigen". Der von ihm gezeigte Ausweg bestand in kultureller Bildung. Nur sie könne Gewaltangriffe verhindern, denn ein Hooligan sei ein nicht genügend gebildeter Mensch. Das scheint mir doch ziemlich humanistisch.