CONTRA: Ist Fußball Teil der humanistischen Kultur
Ein Fußballfan will sich fühlen: seinen Körper und seine Macht. Dieser Wunsch spornt ihn zur Verschwendung seiner Aktivitäten an, zum Singen, Anfeuern, Trinken, Schmähen. Nur scheinbar eine Selbstaufgabe, sind sie Akte der totalen Verausgabung. Hingabe. Gemeinschaftsgefühle und Ergriffenheit sind nicht als Verlust, sondern als Gewinn einer neuen Erfahrungsdimension der eigenen Person zu fassen, von der man im Alltag nichts ahnt. In der Selbstbeschreibung der Fans ist ständig die Rede davon, dass sie alles geben, alles hinnehmen, dass sie während der ganzen Kampagne Opfer bringen. Aber damit ist nicht eine Entleerung der Person gemeint, sondern dadurch, dass sie ihr Bestes geben, errichtet sie Gebilde der Macht und der Ehrfurcht, von denen sie selbst wiederum aufs höchste inspiriert werden.
Als erstes fällt bei den Fans die Erzeugung von Gemeinsamkeit auf. Ähnlich vereinigend wie gemeinsames Trinken wirkt das Absingen von Fußballhymnen, unterstützt von gleichen Bewegungsweisen. Bei den sangeskundigen englischen Fußballfans wird der religiöse Charakter der Gesänge deutlicher als bei den deutschen. Der berühmteste aller Fangesänge You'll never walk alone wurde nach dem Ersten Weltkrieg während der englischen Cup-Finals im Wembley-Stadion in Erinnerung an die gefallenen Fans gesungen.
Beim Absingen dieser Hymne ist eine strikte rituelle Ordnung einzuhalten (die auch auf deutschen Fußballplätzen gilt). Die Schals werden mit beiden Händen über den Kopf gehalten und im Rhythmus der Musik langsam hin und her bewegt, wie die Fahnen einer Prozession. Zum Heiligen halten die Fans engen Kontakt. In Marseille pilgerten sie vor dem UEFA-Pokalendspiel zur Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde, um dort eine Kerze zu entzünden. Der FC Sankt Pauli gibt eine "Fan-Bibel" heraus, unter dem Titel Glaube, Liebe, Hoffnung. Wissentlich oder nicht hat er die göttlichen Tugenden aus dem Katechismus der katholischen Jugenderziehung zu seinem Wahlspruch gewählt, durchaus passend zu seinen Fanatikern, vom Wimpel bis zur Unterhose und Pauli-Gartenzwerg.
Unwiderstehlich werden die Fußballkulte, wenn sie alten lokalen Religionen auflagern. Selbst seriöse Ortskenner vertreten die Meinung, Maradona habe während seiner Tätigkeit für den Fußballclub Neapel die Wunder des Stadtheiligen San Gennaro fortgesetzt und die Identität der Stadt von neuem erschaffen. Nach dem Gewinn des italienischen Meistertitels erschien über Nacht an der Mauer des städtischen Friedhofs die Inschrift "Was ist euch entgangen!" Am nächsten Tag stand von unbekannter Hand darunter geschrieben: "Was wisst ihr denn schon!" Gewiss lieben es Journalisten und Fans, Anleihen aus der Sprache des Katholizismus für ihr Kulte einzusetzen, oft mit einem ironischen Augenzwinkern. Die spielerische Verwendung von christlichen Ritualisierungen drückt keine Distanzierung vom religiösen überhaupt aus; den Anhängern ist ihre Sache bitter ernst; man sieht dies in den Augenblicken der Niederlage des Teams. Vielmehr verfügen sie über keine anderen liturgischen Ausdrucksmittel, als die christlichen, auf diese sind sie angewiesen, wenn sie ihre Sache mit Hilfe von Symbolen und Ritualen eine religiöse Dimension geben wollen. Spiel und Ironie markieren die Distanz zu den ursprünglichen christlichen Behauptungen.
Im Stadion sind die Fans in ihrem Raum. Es ist ein realer und symbolischer Innenraum; wer sich in ihm befindet, gehört zu den Erwählten und ist diesseits der Grenze, die ihn vom Profanen trennt. Im Innenraum gibt es noch eine zweite Untergliederung, in Unten und Oben, in Gemeinde und Heilige. An dieser Zweiteilung mit den vielen unbekannten, unbedeutenden Gläubigen auf der einen Seite und den exquisiten Stars auf der anderen wird meistens übersehen, welche Macht die Gemeinde besitzt. Geblendet vom Glanz der Heiligen hält man die Fans für unwichtige Gefolgsleute. Doch die Macht der Heiligen wird nicht von diesen selbst hervorgebracht. Alle symbolischen Kräfte ihres Körpers und ihrer Handlungen sind ihnen durch Aktivität der Gemeinde zugeflossen. Man begreift dies, wenn man den Mechanismus der Erzeugung des Religiösen rekonstruiert. Am besten kann man diesen Prozess beschreiben, wenn man dabei auf eine Theorie zurückgreift, die auf transzendierende Elemente wie Schuld, Offenbarung, Erlösung, Auferstehung verzichtet. Eine theologische Konstruktion im engeren Sinne wäre angesichts der Sport- und Popkulte überzogen. Im Sport und in der populären Musikkultur werden Heilige und religiöse Erfahrungen in kollektiven sozialen Praktiken, symbolischen Gesten und rituellem Zusammenwirken einer Gemeinschaft hervorgebracht.*
* Auszug aus: „Bewegte Gemeinden. Über religiöse Gemeinschaften im Sport", in: Nach Gott fragen. Über das Religiöse. Sonderheft Merkur, Heft 9/10, 53.Jg., 1999, S. 936-952.








