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Fern der Heimat

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Thesen zur geistigen Situation der Zeit und zur Krise des säkularen Humanismus.
Dienstag, 25. November 2014

Die geistige Situation der Zeit ist von einem Sturm bestimmt, der insbesondere einem wirklich zeitgenössischen humanistischen Denken ins Gesicht weht. Die historische Situation des beginnenden 21. Jahrhunderts lässt sich nicht mehr auf eine Formel in der Art der von Rosa Luxemburg in ihren Junius-Briefen aufgemachten Alternative von „Sozialismus oder Barbarei“ bringen. Auch wenn wir das Wehen dieses Sturmes kaum noch wahrzunehmen scheinen: Er weht uns – und allen, die an der Humanisierung der menschlichen Verhältnisse interessiert sind, beständig und kraftvoll ins Gesicht. Unsere Gegenwart steht zumindest erst einmal und immer noch unter dem Zeichen jener schrecklichen Formel, mit der Margaret Thatcher die geschichtstheoretische Lehre Friedrich A. von Hayeks popularisiert hat: „There is no alternative!“ (TINA).

Statt „x oder Barbarei?“ müssen wir also heute offenbar immer noch fragen: „Barbarei und was dann?“ Und wir müssen erst einmal daran arbeiten, dass wir längerfristig wieder von einer triftigen historischen Alternative sprechen können. Das muss damit beginnen, ein paar Punkte zur Kenntnis zu nehmen, welche die ältere Tradition humanistischen Denkens sich wohl derart niemals hat vorstellen können, welche aber heute die historische Lage bestimmen.

Martin Heideggers finstere Diagnose (1938!) vom Ende der „Zeit der Weltbilder“ hat sich offenbar letztlich bewahrheitet: Die Schrecken des kurzen 20. Jahrhunderts haben den meisten Menschen das Bestreben ausgetrieben, sich das „wahre Ganze“ diskursiv zu rekonstruieren. Stattdessen haben Ethik (staatlicher Offizialdiskurs) und narrative Orientierungsmuster (Postmoderne) historisch Konjunktur. Beides stellt humanistisches Denken vor neue Herausforderungen, die weder mit den traditionellen Mitteln kollektiver doktrinärer Elaboration, noch mit denen eines individuellen ideologischen Do-it-yourself zu bewältigen sind.

Ein zeitgenössisches humanistisches Denken muss die keineswegs triviale Frage beantworten, wie heute rationale Orientierungen auf dem Stand wissenschaftlicher Erkenntnis und historischer Erfahrungen ausgearbeitet, überprüft und weiterentwickelt werden können – und was dadurch für eine befreite menschliche Praxis zu gewinnen ist. Mit anderen Worten geht es darum, eine erneuerte Praxis der Aufklärung zu entfalten, welche mit der unbestreitbar gewordenen „Dialektik der Aufklärung“ bewusst umzugehen vermag.

Säkularer Humanismus steht nicht allein

Seit in der Nacht des 20. Jahrhunderts Christen und andere religiöse Menschen auch zu Trägern von Kritik und Widerstand angesichts der sich ausbreitenden Barbarei geworden sind, hat es eine paradoxale Rückkehr der Religionen gegeben. Diese haben in zwei gegensätzlichen Gestalten wieder die historische Bühne betreten: Anstatt sich im Zeichen des wissenschaftlichen Fortschrittes aus dem großen Palaver der Menschheit über ihre Wünsche und Ziele zu verabschieden, sind religiöse Kräfte sowohl als Fundamentalismen bei allen reaktionären Vorstößen beteiligt, als auch als selbstkritisch reflektierte Strömungen bei praktisch allen emanzipatorischen Initiativen in vorderster Front dabei – etwa das „religionslose Christentum“ im Protestantismus und die „Theologie der Befreiung“ im Katholizismus – oder auch diejenigen islamischen Intellektuellen, welche längst damit begonnen haben, die im 11. Jahrhundert durchgesetzte These vom „Ende der Untersuchung“ zu hinterfragen und innerhalb des Islam die offene Grundlagenreflektion vorantreiben.

Ein wirklich zeitgenössisches humanistisches Denken muss sich daher nicht nur dessen bewusst sein, dass der weltanschaulich orientierte, säkulare Humanismus keineswegs selbstverständlich alleine da steht, sondern der durchaus legitimen Konkurrenz durch christliche, mosaische oder islamische Humanismen ausgesetzt ist. Ebenso wenig ist zu vergessen, mit welchen reaktionären Projekten des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere mit Rassismus und Kolonialismus, sich auch atheistische oder agnostische Positionen verbunden haben, zum Teil sogar unter expliziter Berufung auf einen Humanismus.

Spätestens seit der weltweiten Jugendrevolte der 1960er Jahre ist die deutsche „Nationalkultur“ (die im heute aufzuarbeitenden „Kulturerbe“ der DDR z.T. wie in einer Zeitblase aufbewahrt ist) zu Ende gekommen – und zwar nicht in einer amerikanisierten „McDisney-World“, sondern im Patchwork einer weltweit „mestizisierten“ kulturellen Diversität (vgl. die „World Music“), in der „bad English“ zur Weltsprache geworden ist, in die hinein alle ihre eigenen Traditionslinien übersetzen und in der alle darum ringen, die Zukunft der Menschheit in Worte, Bilder und Erzählungen zu fassen.

Dies gilt gerade auch für ein EU-Europa, das sich immerhin im gescheiterten Versuch seiner Verfassungsgebung – trotz aller neoliberalen Vorgaben für dessen Inhalte – zum ersten Mal einen gemeinsamen institutionellen Bezugsrahmen für einen gemeinsamen politischen Raum der europäischen Völker zu erarbeiten versucht hatte.

Neue Initiativen sind erforderlich

Ein zeitgenössisches humanistisches Denken kann in diesen Prozessen nicht provinziell beiseite stehen, sondern muss sich aktiv und initiativ einbringen. Auch die deutschen Traditionslinien, sowohl der Linie der Weimarer Klassik, als auch die Linie des klassischen deutschen Idealismus und seiner Fortsetzungen im historischen Marxismus, stehen unter dem Imperativ, sich in diese neue globale theoretische Weltkultur einzubringen und sich daher zunächst einmal selbst in deren Sprache zu übertragen.

Die Vorstellung von einem „Subjekt der Geschichte“, von einer handelnden Instanz, deren bewusstes Handeln den historischen Prozess direkt und ohne Umwege gestalten kann, ist aus guten Gründen in die Krise geraten. Auch wenn es gegen Foucaults zugespitzte These vom „Tod des Menschen“ durchaus begründete Einwände gibt, ist doch immerhin ganz klar zu sehen, dass die immer noch verbreitete Vorstellung, vorab und „wissenschaftlich“ ein „Wesen des Menschen“ bestimmen zu können, welches dann aller wissenschaftlichen Erforschung von Geschichte und Gesellschaft zugrunde zu legen wäre, auf eine nicht mehr rückholbare Weise unter der praktischen (Selbst-)Kritik des späten 20. Jahrhunderts zerfallen ist.

Ein humanistisches Denken, das nach diesem „Tod des Menschen“ seine Triftigkeit beweist, muss sich daher von allen spekulativen Kurzschlüssen befreien, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert in vielen sehr unterschiedlichen Humanismen an die idealisierte Figur des weißen Mannes und seiner Vernunft gebunden haben, denen die in der westeuropäischen Neuzeit entwickelten Formen von Wissenschaft und Politik zu Gebote standen.

Der säkulare Humanismus steckt angesichts dieser historischen Lage in einer strukturellen Krise, die durchaus noch zu einer Existenzkrise werden wird, wenn nicht über die ersten Ansätze zu einer praktischen Erneuerung des Humanismus weiterhin neue Initiativen ergriffen werden. Während die religiösen Kräfte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts relativ erfolgreich die kulturellen Formen ihrer Orientierungsangebote modernisiert haben, hält der säkulare Humanismus immer noch allein  an den traditionellen kulturellen Formen der diskursiven Selbstverständigung fest, die Ende des 19. Jahrhunderts den Höhepunkt ihrer Entwicklung erlebten, wie den populärwissenschaftlichen Vortrag, die weltanschauliche Bildungsveranstaltung und die Veröffentlichung einschlägiger Schriften. Über allererste, durchaus vielversprechende Ansätze zu einer weltanschaulichen Kommunikation in der und durch die gesellschaftliche Praxis  und eine gewisse Neubelebung der Feierkultur hinaus macht der moderne praktische Humanismus bisher allenfalls erste Gehversuche in den neuen elektronischen Medien und Online-Netzwerken.

Frage nach dem Bekenntnis ernst nehmen

Dem entspricht in vielen Fällen eine Alters-, Sozial- und Geschlechterstruktur der Anhängerschaft, welche den älteren gebildeten „deutschen“ Mann aus der Mittelschicht als „Normalmitglied“ erscheinen lässt. Jüngere, weibliche, kulturell „nicht-deutsche“ und auch nicht in der Mittelschicht verankerte Menschen finden immer noch eher ausnahmsweise den Weg zu einer Beteiligung am weltanschaulich orientierten, säkularen Humanismus. Genau dies muss sich grundlegend verändern.

Die Ausnahme der Angebote von ritualisierten weltanschaulichen Offerten für die große Mehrheit der Menschen, die keinen Bedarf an einer ausgearbeiteten weltanschaulichen Orientierung haben, aber so klar weltlich orientiert sind, dass sie entsprechende Angebote der Kirchen nicht in Anspruch nehmen wollen, gibt keinen besonderen Grund zur Beruhigung.

Die organisiert arbeitenden Humanistinnen und Humanisten gestellte Frage, ob und wozu denn überhaupt ein Bekenntnis unter Konfessionsfreien gebraucht wird, ist ernst zu nehmen – und nicht vorschnell affirmativ zu beantworten. In dem Maße, wie die effektive Säkularisierung in der gesellschaftlichen Kultur und Lebensweise sich ausbreitet, und Übergriffe von Kirchen und Religionsgemeinschaften ausbleiben, wird die Funktion dieser Humanistinnen und Humanisten als Interessenvertretung weniger wichtig; in dem Maße, wie sich die Alltagskultur individualisiert – und zugleich multikulturell „hybridisiert“ – wird auch die Bedeutung standardisierter weltanschaulich geprägter Angebote verringert.

Schwerpunkte der Diskurspolitik verlagern

Was dagegen bleibt, ist die Funktion der exemplarischen Ausarbeitung einer Pluralität durchreflektierter humanistischer Lebensentwürfe und -modelle, wie sie zum einen durch Diskurspolitik und Publikationen kommuniziert werden können und zum anderen zum Gegenstand individualisierter humanistischer Beratungstätigkeit werden kann.

In einer Zeit, in der die diskursive Ausarbeitung von Geschichtsdeutungen, Erfahrungen und Handlungsmodellen zunehmend von arbeitsteilig institutionalisierten Bildungsgängen und Forschungsinstitutionen wahrgenommen wird, muss sich der Schwerpunkt einer Diskurspolitik des säkularen Humanismus von einem bekenntnisorientierten und selbstbezüglichen Zirkelwesen verlagern in Richtung auf Formen der anerkannten Präsenz in der akademischen Öffentlichkeit, sowie in der allgemeinen Öffentlichkeit, getragen von entsprechenden Netzwerken. Das kann grundsätzlich sowohl in eigenen Einrichtungen, als auch in entsprechend staatlich institutionalisierten  Zusammenhängen (Hochschulen) erfolgen. Jedenfalls wird es auf Dauer nicht möglich sein, mit traditionellen Verfahren des Privatgelehrtentums oder des Konventikelwesens die Aufgaben humanistischer Selbstverständigung und Diskursentwicklung zu bewältigen.

Foto: A. Platzek

Frieder Otto Wolf ist habilitierter Philosoph und Politikwissenschaftler. Er lehrt seit 1973 Philosophie an der Freien Universität Berlin. Wolf ist u.a. Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und der Humanistischen Akademie. Seine 2009 veröffentlichte Vorlesungsreihe Humanismus für das 21. Jahrhundert wird zum Jahreswechsel in einer verbesserten und um ein ausführliches Nachwort ergänzten Neuauflage erscheinen.

Ohne eine Form der professionellen akademischen Elaboration, die sich gegenüber anderen Weltanschauungen behaupten kann, wird der moderne Humanismus sich nicht intellektuell behaupten können. Das muss allerdings keineswegs auf den schlichten akademischen Konformismus hinauslaufen – sowohl die bereits entwickelten Formen der akademischen Dissidenz als auch die damit kommunizierenden intellektuellen Praktiken von Studierenden und akademischen Nachwuchsnetzwerken können aktiviert und genutzt werden.

In dem Maße, wie es humanistischen Verbindungen gelingt, über bloße Diskussionsprozesse hinaus auch relevante Formen gesellschaftlicher Praxis zu betreiben, haben sie dann auch die durchaus reale Chance, derartige Diskursentwicklungsprozesse auf sich zu beziehen: Anstatt in der Beliebigkeit des postmodernen Diskurswirrwarrs faktisch zu verschwinden – was auch nicht durch gelegentliche Aufmerksamkeitseffekte in der breiteren Öffentlichkeit nachhaltig verhindert wird – kann eine an konkrete Formen relevanter gesellschaftlicher Praxis gebundene Reflexion sich immerhin schrittweise weiterentwickeln und auf diese Weise eine neue Erkennbarkeit und Dauerhaftigkeit aufbauen. Das gilt zunächst für humanistische Praktiken in den entsprechenden fachlichen Bereichen – etwa Erziehung, Sozialarbeit, Feierkultur, Beratung –, kann aber dann auch zunehmend in umfassendere Grundmuster für humanistische Lebensentwürfe übersetzt werden.

Praktischer Humanismus: ein notwendiges Korrektiv

In dieser spezifischen Rückbindung an Orientierungsprozesse in bestimmten Praxisfeldern liegt eine besondere, anderen Angeboten überlegene Chance des Humanismus als Weltanschauung – er kann dadurch auf die spezialisierten Kompetenzen der Orientierungstätigkeit in relevanten gesellschaftlichen Feldern zurückgreifen und dadurch der Beliebigkeit der postmodernen Diskursvielfalt entgehen, ohne sich auf traditionelle Formen der bloß dogmatischen Reproduktion weltanschaulicher Positionen zurückzuziehen. Damit kann der organisierte Humanismus zu einem wichtigen Bündnispartner konkreter Reform-, Widerstands- oder Befreiungsbewegungen werden, welche ebenfalls ihre spezifischen Befreiungsanliegen nicht in dieser Beliebigkeit aufzulösen bereit sind.

Allerdings ist der moderne praktische Humanismus nicht dazu in der Lage, die tief sitzende Krise zu beheben, die innerhalb der gegenwärtigen Wissenschaften von Geschichte und Gesellschaft zwischen den herrschende Formen von ökonomischer Neoklassik, Soziologie und Psychologie und den sie hinterfragenden Formen etwa der Kritik der politischen Ökonomie oder der Psychoanalyse für umfassende und anhaltende Verwirrung sorgt.

Er muss sich daher darauf beschränken, gerade diejenigen Orientierungen zu erarbeiten und weitergehend zu praktizieren,  welche sich aufgrund der gesellschaftlichen Praxis ebenso in ihren übergreifenden Strukturen wie in ihren spezifischen Feldern gewinnen lassen – ethische und politische Minima wie die Menschenwürde und weiterreichende Konzepte wie die unabschließbare „Dialektik von Menschen- und Bürgerrechten“.

Diese Begrenzung ist jedoch in einer historischen Lage, in der sich der Menschheit noch nicht wieder eine große Alternative stellt, erst einmal ein wirklicher Gewinn: Denn es hilft dabei, vorschnellen, dogmatischen, aus der Vergangenheit in die Gegenwart projizierten Vorstellungen über eine derartige historische Alternative nicht zu erliegen; und es schafft den nötigen Raum dafür, sorgfältiger und konkreter zu untersuchen, welche Alternativen zu den bestehenden gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen erarbeitet und letztlich auch durchgesetzt werden können.

Insofern ist die dezidiert ethisch-politische Haltung, die ein weltanschaulich orientierter praktischer Humanismus artikuliert, ein permanent notwendiges Korrektiv gegenüber allzu einfachen Vorstellungen der erforderlichen historischen Transformationen. Damit bietet der moderne praktische Humanismus eine reale Chance, der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung immer wieder wichtige Momente der Humanisierung abzuringen.