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Kein Irrweg

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Wer die Jungenbeschneidung als vorsätzliche Schädigung des Kindes darstellt, verhöhnt die betroffenen Religionsgemeinschaften. So kommentierte vor kurzem der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, in der Tageszeitung „Jüdische Allgemeine“ eine Resolution des Europarats. Das verdient eine Replik – und ein Angebot zum Dialog.
Sonntag, 13. Oktober 2013
Foto: Council of Europe

Der Europarat geht einen seit Jahren eingeschlagenen Weg konsequent fort. Foto: Council of Europe

Am 1. Oktober 2013 hat die Parlamentarische Versammlung des Europarates eine Resolution angenommen, die die „tiefe Besorgnis“ über einige nicht therapeutische körperliche Eingriffe an Kindern ausdrückt.

Namentlich genannt wurden – wenngleich auch die unterschiedliche Intensität der Eingriffe betont wurde – die Genitalverstümmelung von Mädchen, die Beschneidung von Jungen und geschlechtsangleichende Eingriffe bei intersexuellen Kindern.

 Der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, hat diese Resolution in einem Beitrag der „Jüdischen Allgemeinen“ im Hinblick auf die Erwähnung der Jungenbeschneidung scharf kritisiert. Er sieht Europa auf einem Irrweg und eine Verhöhnung der betroffenen Religionsgemeinschaften.

 Ich sehe das anders. Betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte im Bereich der Kinderrechte, vermag die Resolution kaum überraschen. Der Europarat befindet sich keineswegs auf einem Irrweg, sondern geht konsequent einen schon vor vielen Jahren eingeschlagenen Weg fort.

Nämlich den Weg, die Eltern in die Pflicht zu nehmen, ihre Kinder als eigenständige, mit Rechten ausgestattete Individuen wahrzunehmen. Dabei stellt niemand in Frage, dass selbstverständlich jüdische, muslimische oder andere Eltern, die eine Beschneidung erwägen, nur das Beste für ihre Kinder wollen. Aber manche Traditionen und Bräuche werden im Laufe der Jahrhunderte so selbstverständlich, dass es manchem als unverständliche Zumutung erscheinen mag, sie zu hinterfragen.

Dass die oben skizzierte Entwicklung im Bereich der Kinderrechte nun auch ein Ritual eingeholt hat, dass gerade für sehr viele Juden als zentrales Element ihres Glaubens oder ihrer kulturellen Identität angesehen wird, ist vor dem Hintergrund  der langen und grausamen Verfolgungsgeschichte des jüdischen Volkes, ein schwerwiegendes Dilemma. Einfache Lösungen ohne schmerzhafte Kompromisse sind leider nicht absehbar.

Dass es aber hier um eine Verhöhnung altehrwürdiger religiöser oder kultureller Traditionen durch eine säkularisierte Gesellschaft geht, ist, bei allem Respekt, entschieden zurückzuweisen. Nicht nur in Deutschland und Europa, auch in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und anderswo läuft diese Diskussion schon viel länger und intensiver. Zunehmend werden in Israel Stimmen laut, die dieses Ritual in Frage stellen. Nach einer Umfrage würden bis zu einem Drittel der israelischen Eltern darauf verzichten, wenn der soziale Druck nicht so enorm wäre. Tendenz steigend. Warum ist das so?

Beschneidung ist eben nicht nur ein religiöses oder kulturelles Symbol. Sie ist ein körperlicher Eingriff mit bleibenden Folgen. Weder ist die Jungenbeschneidung auf Juden und Muslime beschränkt, noch richtet sich die Kritik gegen diese als religiöses oder kulturelles Ritual, und schon gar nicht ausschließlich gegen die jüdische oder muslimische Beschneidung.

Die meisten beschnittenen Männer in der „westlichen Welt“ sind weder Juden noch Muslime. Nein, die Kritik richtet sich gegen einen aus Sicht vieler Betroffener unnötigen und verletzenden Eingriff in ihre Intimsphäre. Es trifft sicher zu, dass viele betroffene Männer den Eingriff im Nachhinein positiv oder neutral betrachten oder sie versuchen, sich damit zu arrangieren. Aber zunehmend mehr Männer melden sich zu Wort, die mit diesem Eingriff an intimster Stelle unzufrieden sind, Probleme damit haben oder regelrecht darunter leiden. Für solche Männer, darunter nicht wenige jüdischer und muslimischer Herkunft, ist es ein Schlag ins Gesicht, ja eine Verhöhnung, weiter verleugnet oder marginalisiert zu werden. Diese Männer verdienen Gehör.

Der Europarat hat sich entschieden zuzuhören. Gut so. Bitte hören Sie auch zu, Herr Lauder!