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„Menschen sind ein Produkt der Evolution auf der Erde“

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Als erster Deutscher startete Sigmund Jähn am 26. August 1978 in den Weltraum. 35 Jahre nach dem Beginn seiner Reise zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 sagt der Raumfahrer Jähn, statt andere Planeten besiedeln zu wollen, sollten die Menschen lieber lernen, humanistisch zu leben und aufhören, ihren Planeten zu zerstören.
Montag, 26. August 2013
Foto: DLR

Jähn beim täglichen Pflichtprogramm: Im Bordtagebuch wird alles aufgezeichnet und dokumentiert. | Foto: DLR

Wie sind Sie dann nach der deutschen Wiedervereinigung von Ihren Raumfahrer-Kollegen aus dem anderem System empfangen worden?

Die alte Bundesrepublik führte zu Ende der 1980er Jahre Verhandlungen über einen bemannten Raumflug mit der Sowjetunion. Ich wurde in diesem Zusammenhang offiziell nach Köln zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt eingeladen. Es gab ja niemanden, der in diesem Bereich Kontakte mit sowjetischen Organisationen hatte. Ich bin also nach Köln gefahren und habe über meine Erfahrungen berichtet. Ich glaube schon, dass wir uns da gut kennengelernt haben. Als dann die DDR zusammenbrach, war ich praktisch arbeitslos. Die genannten Verhandlungen gingen positiv aus und mir wurde vorgeschlagen, das Projekt im russischen Kosmonauten-Ausbildungszentrum bei Moskau zu unterstützen. Mitte 1989, als ich noch Offizier war, bin ich dann mit den Kandidaten nach Moskau gefahren und habe sie, und später auch die Raumfahrer der Europäischen Weltraumagentur, jahrelang unterstützt. Erst 2005 bin ich endgültig in den Ruhestand gegangen. Diese Tätigkeit im Interesse der bemannten Raumfahrt möchte ich nicht missen. Auch nicht die dabei gewonnenen Freundschaften.

Leben nach dem Ende der DDR Nach der deutschen Wiedervereinigung erhielt er einen Beratervertrag beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), später arbeitete er die europäische Raumfahrtagentur ESA. Er betreute insgesamt vier gesamtdeutsche Raumfahrer. Sigmund Jähn ist unter anderem Ehrenbürger der Stadt Berlin, ein Bild von ihm hängt in der Ehrengalerie des Abgeordnetenhauses von Berlin. Der 1998 entdeckte Asteroid 1998 BF 14 trägt seinen Namen. Er lebt mit seiner Frau in Strausberg und hat zwei Töchter sowie sieben Enkel.

Das ISS-Projekt wird nicht mehr allzu viele Jahre laufen, derzeit ist der Betrieb bis zum Jahr 2020 vereinbart. Nachfolgeprojekte sind unklar. Als wir jung waren, haben wir geglaubt, bis heute würden die Menschen schon auf Raumstationen oder auf dem Mond leben.

Als die Internationale Raumstation 1998 Realität wurde, habe ich ebenfalls gedacht, dass die nächsten großen Projekte wie zum Beispiel der Flug zum Mars eine Expedition der Menschen der ganzen Erde wird; dass also US-Amerikaner, Russen, Chinesen und Europäer dieses Projekt gemeinsam in Angriff nehmen. Das wäre ja logisch und ist auch von verschiedenen Seiten so beschrieben worden. Die ISS beweist, dass es gemeinsam geht.

Doch wenn man aufmerksam liest, heißt es heute wieder: Das Projekt Flug zum Mars kann auch eine Nation allein stemmen. Die Amerikaner sagen: Wir waren die ersten auf dem Mond, wir werden auch die ersten auf dem Mars sein. Das ist aus meiner Sicht nicht progressiv, aber der Stand der Dinge in der Welt auf diesem Gebiet.

Hier geht es um Prestige. Sicher würde man feststellen, dass nationalistisches Denken auch in diesen modernen Gesellschaften viel stärker verbreitet ist als unter Raumfahrern. Fehlt uns heute so eine gemeinsame Utopie, dass es eine Gemeinschaft der Welt geben kann?

Ja, klar. Und ich sagte ja schon, dass es irgendetwas über den Regierungen geben muss, die da offenbar entscheidenden Einfluss nehmen. Ich glaube, man könnte so etwas organisieren und die Menschen wären nicht dagegen, wenn die Regierungen beschließen würden: Wir hören auf mit der Waffenproduktion, wir versuchen es mal ohne.

Die einfachen Menschen würden sich darüber nicht beschweren. Doch das ist – um es mal mit Worten zu sagen, die ich früher gelernt habe – ein Problem der kapitalistischen Gesellschaft, die eben vom Profit lebt. Die treibende Kraft ist das Streben nach Profit.

Glauben Sie daran, dass das irgendwann einmal überwunden werden kann?

Ich hatte den Glauben auf jeden Fall einmal gehabt, doch mit den Jahren wird man ein bisschen pessimistischer. Heute weiß ich nicht mehr so recht. Manche argumentieren ja regelrecht dahingehend, dass das Leben so aufgebaut wäre: Der eine frisst den anderen. Auch wenn es immer mal wieder humanistische Gedanken gegeben hat.