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„Menschen sind ein Produkt der Evolution auf der Erde“

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Als erster Deutscher startete Sigmund Jähn am 26. August 1978 in den Weltraum. 35 Jahre nach dem Beginn seiner Reise zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 sagt der Raumfahrer Jähn, statt andere Planeten besiedeln zu wollen, sollten die Menschen lieber lernen, humanistisch zu leben und aufhören, ihren Planeten zu zerstören.
Montag, 26. August 2013
„Das wissenschaftliche Weltbild ist eine echte Basis für weitere Erkenntnisse“. Foto: T. Hummitzsch

„Das wissenschaftliche Weltbild ist eine echte Basis für weitere Erkenntnisse“. | Foto: T. Hummitzsch

Eine sehr pragmatische Haltung hatte ihr Großvater da. War es schwierig damals, aus der Kirche auszutreten?

Nein. Ich bin ja Offizier geworden und da war das stark erwünscht, es wurde sogar erwartet.

Mittlerweile erzählen ja auch Biologielehrer andere Dinge als die, die man weiß. Sogar in Berlin gibt es wieder Schulen, in der die Erklärung der Evolutionstheorie nur als eine mögliche Erklärung neben den biblischen Darstellungen gelehrt wird.

Das empfinde ich als ein Rückschritt. Wenn man die Entwicklung wissenschaftlich betrachtet, passt der liebe Gott mit der Geschichte von Adam und Eva da nirgendwo hin. Das heutige wissenschaftliche Weltbild wird sich sicherlich auch noch erweitern, aber es ist auf jeden Fall eine echte Basis für weitere Erkenntnisse.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass trotzdem so viele Menschen an einen Gott glauben?

Ich habe in meiner Heimat im Vogtland einen guten Bekannten, der nach der Wende plötzlich wieder in die Kirche ging. Wir haben uns darüber unterhalten und er fragte mich, warum ich mich denn nicht verändert hätte. Warum sollte ich denn, frage ich. Seine Frage dann: Glaubst du denn wirklich, dass nach dem Tod wirklich nichts mehr kommt? Ich glaube es nicht.

Sie sagten vor einigen Jahren mal: „Der Mensch ist weit fortgeschritten. Er kann Raumstationen bauen, sie im Weltall zusammenkoppeln und denkt an die Landung auf dem Mars. Aber seine ethisch-moralische Entwicklung scheint seit der Steinzeit zu stagnieren.“ Was haben Sie damit gemeint?

Das war darauf bezogen, dass wir uns immer noch gegenseitig umbringen. Ich möchte mich da gar nicht ausschließen. Denn als junger Mensch hat man nicht immer gleich die Einstellung: Du musst jetzt erst einmal klären, wo du hingehörst, bevor du einen Beruf erlernst. Als Jagdflieger und Offizier bei der Volksarmee hatte ich auch eine Waffe in der Hand. Zum Glück habe ich sie nicht einsetzen müssen. Wir haben unseren Dienst als Beitrag zur Erhaltung des Friedens verstanden. Heute sage ich: Zum Glück ist in Deutschland nichts passiert. Das wäre sonst die schlimmste Katastrophe geworden, die unser deutsches Vaterland mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt hätte.

Vom Buchdrucker zum Raumfahrer Geboren wurde Sigmund Jähn am 13. Februar 1937 im Vogtland (Morgenröthe-Rautenkranz, Sachsen). Nach dem Besuch der Volksschule schloss er 1954 eine dreijährige Buchdruckerlehre ab. Im April 1956 trat er seinen Wehrdienst bei der VP-Luft, dem Vorgänger der DDR-Luftstreitkräfte, an und wurde nach der Grundausbildung Offiziersschüler. 1965 holte er sein Abitur nach. Als Offizier absolvierte Jähn an der Militärakademie „J. A. Gagarin“ in Sankt Petersburg ein Studium, das er als Diplom-Militärwissenschaftler beendete. Nach dem Vorschlag der Sowjetunion, Kosmonautenkandidaten aus den sogenannten Interkosmos-Ländern für ein neues Raumfahrtprogramm heranzuziehen, ging Jähn gemeinsam mit seinem Offizierskollegen Eberhard Köllner (Ersatzmann) aus einer Auswahl von 30 Kandidaten hervor. Unter absoluter Geheimhaltung zogen sie mit ihrem Familien zum Jahreswechsel 1976/77 nach Swjosdny Gorodok („Sternenstädtchen“) bei Moskau um, wo sie ihre Ausbildung zum Raumfahrer absolvierten.

Am Anfang sagten Sie, dass aus dem Weltraum die Grenzen auf der Erde nicht mehr zu sehen waren. Hat sich da auch Ihr Blick auf den Kampf der damaligen Systeme etwas verändert?

Naja, ich hatte zunächst keine Kontakte zu Ausländern im Westen. Aber bereits 1985, als Gorbatschow an die Macht kam, gab es grünes Licht für eine Organisation, die als Association of Space Explorers, also als Vereinigung von Raumfahren gegründet wurde. Die gibt es noch heute. Ich war eingeladen zur Gründungsversammlung, die bei Paris stattfand, und wurde Mitglied des ersten Exekutivkomitees unserer Organisation. Die Begegnungen mit den US-amerikanischen Astronauten wurden für mich zu einem ein Aha-Erlebnis. Denn die Amerikaner haben genauso gedacht wie wir. Jeder von uns wollte, dass unsere Kinder und Enkel möglichst nicht miteinander in Konflikt geraten und man auf dieser Welt endlich zu einer besseren, menschlicheren Gesellschaft käme.

Sie sagten außerdem einmal, dass die Raumfahrt ein Vorbild für die Kooperation zwischen den Menschen bietet und dass sie die Menschen zusammenbringen kann. Wie sehen Sie das heute?

Die Raumfahrt sollte dieses Vorbild sein, ja. Ich hatte auch erwartet, dass sich da mehr tut. Denn es liegt auf der Hand: Man überfliegt viele Länder in einer kurzen Zeit und da macht man sich schon Gedanken, besonders wenn man einem bewusst wird, dass in diesem oder jenem Land gerade ein Krieg herrscht. Und die, die sich die Schädel wirklich einschlagen, sind ja nicht am Krieg schuld. Schuld sind meistens andere.

In diesem Sinne hat die bemannte Raumfahrt bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenig bewirkt. Die Menschen, die heute zur Internationalen Raumstation fliegen, sind ja nicht nur Amerikaner und Russen. Das sind Japaner, das sind Deutsche, Vertreter von mehr als 30 Nationen waren bereits im Weltraum – und diese Menschen vertragen sich dort miteinander ohne Probleme. Und das gibt es nicht nur in der Raumfahrt, denn auf vielen Gebieten arbeiten Menschen verschiedener Nationen so zusammen. Das Problem beginnt immer dort, wo es um Macht und Geld geht. Und davon sind wir bis heute nicht weggekommen.