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„Menschen sind ein Produkt der Evolution auf der Erde“

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Als erster Deutscher startete Sigmund Jähn am 26. August 1978 in den Weltraum. 35 Jahre nach dem Beginn seiner Reise zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 sagt der Raumfahrer Jähn, statt andere Planeten besiedeln zu wollen, sollten die Menschen lieber lernen, humanistisch zu leben und aufhören, ihren Planeten zu zerstören.
Montag, 26. August 2013
Foto: Sigmund Jähn

Sigmund Jähn bei Experimentvorbereitungen für die MKF-6, der Multispektralkamera von Carl-Zeiss-Jena. | Foto: Sigmund Jähn

Sind Sie ein politischer Mensch?

Natürlich macht man sich mit zunehmendem Alter auch mehr Gedanken über das eigene Tun und die Vorgänge in der Politik. In diesem Sinne bin ich auch ein politischer Mensch. Mit dem Alter wird man aber auch weniger revolutionär. Ich höre oft: Politiker machen sowieso was sie wollen. Diese Aussage kann man aber auch umdrehen. Wenn ich heute höre, dass sich viele Staaten Geld borgen müssen, dann frage ich mich: Wo kommt denn das Geld her, das sich die Staaten borgen müssen? Sind da irgendwo reiche Leute, die so viel Geld haben, dass sie Länder mit Milliarden ausstatten können und keinerlei politischen Einfluss ausüben?

In der Süddeutschen Zeitung hieß es vor einiger Weile, dass Ihr Leben das eines „Bilderbuch-Kommunisten“ gewesen sei. Wie finden Sie solche Bezeichnungen?

Den Begriff „Bilderbuch-Kommunist“ kann ich nicht deuten. Ansonsten gehöre ich zu der Generation, die den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen mit Vertreibung und Not noch erlebt hat. In diesem Sinne habe ich mich der Friedenspolitik der DDR nicht verschlossen. Ich habe in einer deutschen Armee gedient, die zu unserem Glück nicht in Kriege hineingezogen wurde.

Das Thema des vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierten Wissenschaftsjahres hieß im vergangenen Jahr „Zukunftsprojekt Erde“, in diesem Jahr heißt es „Die Demografische Chance“ und im nächsten Jahr soll es „Die digitale Gesellschaft sein“. Für welches Thema im Wissenschaftsjahr 2015 würden Sie sich denn begeistern können?

Ich fände es gut, wenn man sich mit den Zusammenhängen von Gesellschaft und Frieden intensiv befassen würde. Das Thema könnte „Wissenschaft für den Frieden“ oder so ähnlich lauten. Im Interesse unserer Kinder und Enkel sollte es schon interessant sein zu erforschen, warum auf der Erde – dem Haus, in dem auch künftige Generationen leben müssen – kein Frieden einkehren will.

Das Thema Frieden beschäftigt Sie wirklich sehr.

Ja, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es völlig belanglos ist, welcher Nationalität jemand angehört. Die Menschen können sich untereinander verstehen und für gemeinsame Ziele arbeiten. Also woher kommt dann der Zwist, woher kommen die Kriege? Sind sie nicht auch von Menschen gemacht? Geht es um Reichtum oder Macht? Es heißt zwar immer, das liegt im Inneren des Menschen. Aber ich glaube das nicht, weil sich ja doch schon vieles verändert hat. Es gab Zeiten, wo ein Mensch das Recht hatte, seinen Sklaven umzubringen. Da sind wir schon ein Stück weiter und das gibt mir eigentlich Anlass für Hoffnung.

Würden Sie sagen, dass Bildung hier der Schlüssel ist?

Ja, sicher. Aber Bildung kann auch in die falsche Richtung gelenkt und missbraucht werden.

Was denken Sie denn über den Religionsunterricht an unseren Schulen?

Wenn unser Staat säkular ist, dürfte er eigentlich keinen Religionsunterricht an den Schulen propagieren. Leider liegt die Zeit der Aufklärung heute schon lange zurück und hier hat sich nicht viel bewegt.

Empfinden Sie das so? Heute haben wir doch neue Informationstechnologien wie etwa das Internet, die dabei helfen, Informationen zugänglich zu machen und sich oder andere aufzuklären. Theoretisch könnten wir die am besten informierte Gesellschaft aller Zeiten sein.

Auch Informationen sind oft zielgerichtet und nicht wertneutral. In Europa ist die Lage derzeit nicht ganz so dramatisch, aber anders wird es schon, wenn ich an den arabischen Raum denke: Da schnallen sich beispielsweise Menschen Sprengstoffgürtel um und sprengen andere und sich selbst in die Luft, weil sie so „informiert“ wurden, dass sie dafür im Himmel mit mehreren Geliebten belobigt werden.

Und wie stehen Sie persönlich zum Glauben an den Himmel?

Ich habe diese Frage in der 8. Klasse geklärt, als ich traditionsgemäß noch in den Konfirmationsunterricht ging. Zugleich hörte ich dem Biologie-Lehrer sehr aufmerksam zu, der von Darwins Evolutionstheorie sprach. Dann beschäftigte ich mich mit dem Problem, was denn nun richtig sei. Was der Biologielehrer erzählte, das war sehr eindeutig und überzeugend.

Aus der Kirche ausgetreten bin ich, als ich 18 Jahre alt wurde. Ich habe sogar noch meinen Großvater befragt, denn das Problem hat mich schon bewegt: Glauben oder nicht glauben? Mein Großvater war ein einfacher, aber lebenserfahrener älterer Herr. Ich fragte ihn: Großvater, was glaubst du denn nun eigentlich? Da sagte er in seinem Dialekt: Ich glaub, dass a gute fette Henn‘ a schmackhafte Supp gibt. Wer glaubt, muss nichts wissen.