Direkt zum Inhalt

„Menschen sind ein Produkt der Evolution auf der Erde“

DruckversionEinem Freund senden
Als erster Deutscher startete Sigmund Jähn am 26. August 1978 in den Weltraum. 35 Jahre nach dem Beginn seiner Reise zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 sagt der Raumfahrer Jähn, statt andere Planeten besiedeln zu wollen, sollten die Menschen lieber lernen, humanistisch zu leben und aufhören, ihren Planeten zu zerstören.
Montag, 26. August 2013
Sigmund Jähn 1

Jähn: „Da oben sieht man keine Grenzen“ | Foto: T. Hummitzsch

Wir haben ihn anlässlich des Jubiläums seines Raumfluges in seiner Wahlheimat Strausberg bei Berlin besucht, um mit ihm über Gott und Religionsunterricht, alte Utopien und die Verheißungen von Wissenschaft und Technologie zu sprechen. Als Thema des Wissenschaftsjahres 2015 wünscht er sich „Wissenschaft für den Frieden“.

Herr Dr. Jähn, welche Bezeichnung ist die bessere: Kosmonaut oder Astronaut?

Es gibt das schöne deutsche Wort Raumfahrer. Das wäre eigentlich legitim. In der DDR wurden Raumfahrer nach russischem Vorbild als Kosmonaut geführt, im Westen nach amerikanischem als Astronaut. An sich ist es das gleiche, aber ich würde behaupten, dass Kosmonaut die glücklichere Wahl ist: Man fliegt in den Weltraum; in den Kosmos, aber noch lange nicht zu den Sternen. Der nächste Stern ist immerhin noch mehr als vier Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt.

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

Hat Sie während Ihres Raumfluges mal der Gedanke beschäftigt, aufgrund eines technischen Defekts nicht mehr zu Erde zurückkehren zu können?

Das hat mich nie beschäftigt. Ich war ja Jagdflieger und wenn ich mit Angst in ein Flugzeug eingestiegen wäre, hätte ich gleich aufhören können. Für den Raumflug ist das wohl ebenso. Angst ist da nicht förderlich, sie hemmt. Damit muss man sich nicht beschäftigen. Es gibt aber auch Mittel, Angst zu überwinden und ihr Herr zu werden. Zum Beispiel in dem man sich sagt: Ich habe alles ordentlich gelernt, ich vertraue der Technik. Ich sage aber noch einmal: Wenn man der Meinung ist, dass etwas sowieso nicht geht oder das Leben kosten könnte, dann sollte man das gar nicht erst machen. Außerdem wird man bei einem Raumflug durch den Blick auf die Erde reich belohnt.

Einmal ins All und zurück Die Mission Sojus-31 startete mit Jähn und seinem Kommandanten Waleri Bukowski am 26. August 1978 um 14 Uhr 51 im Kosmodrom Baikonur und dockte zwei Tage später an der Station Saljut 6 an. Als Maskottchen hatte Jähn das Ost-Sandmännchen mitgenommen. Während seiner mehr als sieben Tage im All umrundete er 125 Mal die Erde und landete mit der Kapsel Sojus-29 am 3. September 1978 in der kasachischen Steppe, 140 Kilometer östlich der Stadt Scheskasgan. Nach der Rückkehr auf die Erde kam er am 21. September auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld an und wurde mit Jubel empfangen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. Die Kosten für die Teilnahme des Raumfahrers Jähn an der Mission werden mit 82 Millionen Mark (Ost) beziffert. Die Landekapsel befindet sich heute im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.

Sieht denn die Erde von außen tatsächlich so aus wie auf den Fotos, so blau?

Ja, man sieht das wunderschöne Blau auch auf Fotos aus dem Weltraum. Dieses, man kann schon sagen himmlische Blau des Himmels, entsteht durch die Zusammensetzung unserer Atmosphäre. Frappierend für den Raumfahrer ist der fast schroffe Übergang vom blauen Horizont zum schwarzen All. Man sieht allerdings die Erde noch nicht in ihrer ganzen Kugelgestalt. Dazu müsste man noch weiter weg. Aber den schroffen Übergang von der Erdatmosphäre zur Schwärze des Alls, von dem sich die gleißende Sonne abhebt, vergisst man nie.

Sie sind der erste deutsche Raumfahrer. Als ein „Held der DDR“ oder als „Held der Sowjetunion“ haben Sie sich aber nie wirklich gesehen. Es heißt, der Rummel sei Ihnen sogar peinlich gewesen. Warum?

Weil er stark überzogen war. Man wird ja nicht von heute auf morgen zum Helden, nur weil man das Glück hatte einen Raumflug erleben zu können. Auf der anderen Seite habe ich schon eingesehen, dass so eine „Figur“ auch genutzt wird. Da muss man unterscheiden: Bist du die Figur oder bist du der, der Du vorher warst? Ich bin eigentlich ganz gut damit gefahren, der zu bleiben, der ich war.

Der bleiben, der Sie vorher waren – Hat es Sie denn verändert, dass Sie da draußen im All gewesen sind?

Es verändert einen schon; die Erde in ihrer Schönheit aus dem Weltraum zu sehen ist ja wie ein Privileg. Andererseits war ich ja immerhin schon 41 Jahre alt und sagte mir: Du bleibst wie Du bist. Zugleich stellt man sich aber auch grundsätzliche Fragen. Da oben sieht man keine Grenzen und weiß doch, dass sich die Menschen auf der Erde gegenseitig beharken – schon seit Millionen von Jahren. Und man fragt sich, warum sich die Menschen nicht vertragen.

Was halten Sie denn von Plänen wie denen zum Weltraumtourismus? Das würde mehr Menschen erlauben, die Erde aus einer anderen Perspektive zu sehen und sich vielleicht ähnliche Fragen zu stellen.

Naja, das wären dann Menschen die – ich sage mal so – das entsprechende Kleingeld haben. Ob das nun gerade die Gruppe ist, die den Frieden auf der Erde sicherer macht und für eine gerechtere Verteilung des Reichtums unseres Planeten eintritt, weiß ich nicht. Außerdem ist es der Sauberkeit der Atmosphäre nicht dienlich, wenn die Zahl der Flüge in die Atmosphäre und darüber hinaus unbegrenzt zunimmt.