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Nur das Gehirn eines Menschen weiß, wer er selbst wirklich ist

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In den Schulen lernen unsere Kinder vor allem, wie eine Schwangerschaft verhindert werden kann. Immer noch wird Transsexualität in Deutschland als psychische Störung eingestuft. Doch wenn uns eine selbstbestimmte und verantwortungsvolle Haltung zur eigenen Sexualität und der anderer Menschen wirklich etwas bedeutet, brauchen wir hier ein Umdenken.
Donnerstag, 31. Oktober 2013
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Themenschwerpunkt: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins fragte: Wie könnte eine moderne humanistische Sexualethik aussehen? Welche Prinzipien stellt sie in den Vordergrund, wo zieht sie Grenzen? Was bringt die Moderne wirklich: Freie Liebe oder entfesselte Triebe? Die Emanzipation des Einzelnen oder einen Ausverkauf der Ideale? Denn wenn es wahr sein sollte, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, dann gehört dazu die Sexualmoral. Religionen haben hier Antworten. Welche kann der Humanismus bieten?

Ich nehme diese Fragen zum Anlass, um aufzuzeigen, was mir an der humanistischen Sexualethik, wie sie bisher kommuniziert wurde, fehlt. Der Humanismus sieht den Menschen im Mittelpunkt, also auch mit seinen sexuellen und fortpflanzungsbezogenen Selbstbestimmungsrechten. Insbesondere sollte er das bei den Themen, die im gesellschaftlichen Diskurs sowieso schon auf der Strecke bleiben. Deshalb möchte ich hier auf zwei Sachgebiete aufmerksam machen, die zweifelsfrei zu diesen zu wenig beachteten Themen gehören: Zum einen der gesellschaftliche Umgang mit der ungewollten Kinderlosigkeit und zum anderen die Situation von Menschen mit abweichenden Geschlechtsidentitäten.

Der gesellschaftliche Umgang mit der ungewollten Kinderlosigkeit

Wenn wir über Fortpflanzung sprechen, sprechen wir entweder darüber, wie eine Schwangerschaft ganz selbstverständlich entsteht, wie wir uns in der Schwangerschaft verhalten und unsere Kinder auf die Welt bringen oder darüber, wie wir eine Schwangerschaft verhindern bzw. beenden können. Die humanistischen Medien setzen sich – zu Recht – mit Aktionen von Abtreibungsgegnern auseinander und stellen fest, dass zu den Selbstbestimmungsrechten der Frau auch die Entscheidung gegen die Austragung des Kindes gehört.

Das Selbstbestimmungsrecht, sich trotz reproduktiver Hindernisse für ein Kind zu entscheiden, wurde bisher jedoch auch in den humanistischen Medien zu selten thematisiert und dann auch nicht in der Tiefe behandelt.

Dabei ist nach diversen Berichten etwa jedes siebente Paar ungewollt kinderlos. Für fortpflanzungsbehinderte Menschen gibt es eine Reihe von medizinischen Möglichkeiten, doch noch zum ersehnten Familienglück zu kommen. Nach der Ansicht von vielen Vertretern des Christentums sollten diese Möglichkeiten nicht genutzt werden, weil das ja hieße „Gott ins Handwerk zu pfuschen“. Deshalb werden Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin bis heute in Deutschland verunglimpft und abgelehnt. Christlich-religiöse Positionen werden – sehr gekonnt – im gesellschaftlichen Meinungsaustausch versteckt vermittelt.

Dadurch, dass jede Bioethikkommission mit einem hohen Anteil von Theologen bestückt ist und dass auch kirchlich engagierte Bundestagsabgeordnete überrepräsentiert sind, ist die Gesetzeslage für die Betroffenen nicht zufriedenstellend. Nicht alle Wunscheltern können fünfstellige Beträge für eine reproduktionsmedizinische Behandlung ausgeben. Für bestimmte Technologien müssen die Betroffenen ins Ausland reisen, was nicht nur zu noch höheren Kosten und logistischen Schwierigkeiten führt, sondern auch zu solchen Resultaten, dass Eizellspenden aus Kliniken mit nicht hinreichender Versorgung der Spenderin angenommen werden oder dass die daraus entstehenden Kinder später keine Möglichkeit haben, ihre genetischen Wurzeln zu erforschen.

Schwangerschaften zu verhindern lernen genügt nicht

Die Verhinderung einer Möglichkeit zur Embryonenspende in Deutschland bewirkt ebenfalls, dass dafür ohne eine Regulierung durch Politik und Ethikkommissionen zum Schutz aller Beteiligten ein Markt in unseren Nachbarländern entsteht. Deshalb wünsche ich mir, dass eine humanistische Sexualethik sich mit den reproduktionsmedizinischen Möglichkeiten eingehend auseinandersetzt und verantwortungsvoll angewendete Technologien, sowie eine vernünftige Rechtslage unterstützt.

Ungewollte Kinderlosigkeit und Reproduktionsmedizin sollten unbedingt auch in der Schule thematisiert werden. Auch dort gilt bisher, dass unsere Kinder nur lernen, wie man eine ungewollte Schwangerschaft verhindert. Wie man eine spätere ungewollte Kinderlosigkeit eventuell verhindern kann, lernen sie nicht. Sie lernen auch nicht, dass ungewollte Kinderlosigkeit in vielen Fällen nicht selbst verschuldet ist oder wie sehr die betroffenen Menschen darunter leiden. Schließlich lernen sie auch nichts darüber, dass sie ihre eigenen Wurzeln in einer reproduktionsmedizinischen Maßnahme haben könnten.

Die Situation von Menschen mit abweichenden Geschlechtsidentitäten

Überall, wo wir ein Formular ausfüllen müssen, bekommen wir zum Ankreuzen zwei Möglichkeiten angeboten: männlich oder weiblich. Auch unsere Geburtsurkunde und unser Personalausweis verlangt einen solchen Eintrag, ob wir männlich oder weiblich sind. Es gibt eine Reihe von Menschen in diesem Land, die damit vor große Probleme gestellt werden.

Denn sie wissen nicht, was von beiden sie ankreuzen sollen. Oder sie würden gern das Merkmal ankreuzen, das nicht in ihrem Personalausweis steht. Das sind entweder Menschen, die mit äußeren Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter auf die Welt gekommen sind (intersexuelle Menschen) oder Menschen, deren äußere Geschlechtsmerkmale nicht mit dem innen gefühlten Geschlecht übereinstimmen (transsexuelle Menschen).

Was für einen nicht Betroffenen nach „Wünsch dir was“ klingt, führt bei den oben genannten Menschen häufiger zu Menschenrechtsverletzungen. Denn damit klar ist, was angekreuzt werden kann und ganz offiziell, „damit diese Kinder es leichter im Leben haben sollen“, werden intersexuelle Kleinkinder heute immer noch sehr häufig einem Geschlecht zugewiesen. Meistens werden sie operativ zu „Mädchen“ gemacht, weil es leichter ist, was wegzuschneiden als etwas dran zu modellieren. Ob die Betreffenden das wünschen, können sie in dem Alter noch nicht sagen. Nur sechs Prozent der Betroffenen jedenfalls sind mit der Entscheidungsbefugnis der Eltern zu geschlechtszuweisenden Eingriffen einverstanden.

Foto: geishaboy500 / Flickr / CC-BY-SA

Die meisten Menschen haben ein genitalzentriertes Weltbild. Foto: geishaboy500 / Flickr / CC-BY-SA

Häufiger führt diese Operation später zu schwer wiegenden Problemen, denn nicht jedes intersexuelle Kind fühlt sich dann auch als Mädchen. Die Fortpflanzungsfähigkeit wird genommen und diese Menschen müssen ihr Leben lang Hormone nehmen. Die Betroffenen beklagen auch eine mangelhafte Aufklärung vor hormonellen Behandlungen und Operationen. Von ihren Mitmenschen erfahren sie zudem Diskriminierung, körperliche Gewalt, Spott und Beleidigungen.

Transsexualität: Deutschland hält an diskriminierender Diagnose fest

Nur eine Minderheit der Bundestagsabgeordneten ist dafür, dass für intersexuelle Menschen eine Ehe möglich sein soll. Politisch haben die Betroffenen mit Parallelberichten zu den Staatenberichten der Bundesregierung zu den Frauenrechten, zum Sozialpakt und zum Übereinkommen gegen Folter eine Diskussion in Gang gesetzt, die bisher nur wenige Früchte trägt. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist eine Veränderung im Personenstandsgesetz, die zum 1. November 2013 in Kraft tritt. Danach kann für eine gewisse Zeit auf einen Geschlechtseintrag im Geburtenregister verzichtet werden.

Menschen mit einem transsexuellen Zustand – das sind Frauen, die äußerlich mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden und Männer, die mit einem weiblichen Äußeren auf die Welt kamen. Sie leiden darunter, dass ihr Sein und ihr Aussehen nicht übereinstimmt. Das Sein dieser Menschen wird jedoch allgemein nicht hinreichend anerkannt.

Lassen Menschen mit transsexuellem Zustand geschlechtsangleichende Operationen durchführen, um diesen Zustand aufzuheben, sprechen Nicht-Betroffene lapidar von „Geschlechtsumwandlungen“ und behaupten mit diesem Begriff, dass das eigentliche Geschlecht dieser Menschen nicht das gefühlte, sondern das angeborene äußerliche Geschlecht sei. Die Diagnose F64.0 im ICD 10 definiert Transsexualismus als den „Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben“ und damit als eine psychische Störung. Frankreich hat diese diskriminierende Diagnose längst aus dem ICD-Katalog gestrichen. In Deutschland ist man bisher nicht dazu bereit.

2011 wurden immerhin der Operationszwang und der Zwang zur Sterilisierung aus dem Transsexuellengesetz gestrichen, die bis dahin gesetzlich notwendig waren, um eine Änderung des Geschlechtes in den Personaldokumenten zu erreichen und damit das Recht, auf jedem Ankreuzformular das wahre Geschlecht ankreuzen zu dürfen. Bis heute besteht zur Erreichung dieses Rechtes allerdings eine Begutachtungspflicht mit Alltagserprobung. Es wird dabei gefordert, dass sich z.B. eine transsexuelle Frau mit deutlich sichtbarem Bartschatten und absolut männlicher Statur zum Gespött ihrer Mitmenschen in weiblicher Kleidung auf die Straße begibt, um zu beweisen, dass es ihr ernst ist. Psychologen sind schlecht ausgebildet und können den wirklichen Bedürfnissen ihrer Klienten meist nicht gerecht werden.

Eine Abkehr vom genitalzentrierten Weltbild ist notwendig

Auch hier haben wir neue Themen für den Sexualkundeunterricht in der Schule, denn auch unter unseren Kindern gibt es Menschen mit abweichenden Identitäten, die sich selbst finden wollen und Unterstützung, sowie gesellschaftliche Akzeptanz benötigen.

Meine Freundin Sabine, eine transsexuell geborene Frau, eröffnet uns hier neue Horizonte. Sie hat festgestellt: Die meisten Menschen haben ein genitalzentriertes Weltbild. Das heißt, das Sein eines Menschen wird von den Genitalien abgeleitet statt vom Gehirn. Um die Interessen von allen Menschen besser berücksichtigen zu können, sollten wir unser Weltbild zu einem gehirnzentrierten Weltbild wandeln. Nur das Gehirn eines Menschen weiß, wer er selbst wirklich ist.

Erst wenn wir bereit sind, das anzuerkennen, können wir einem Menschen wirklich die Wahrnehmung seines Rechtes auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ermöglichen. Ich wünsche mir, dass Humanistinnen und Humanisten die hier geschilderten Problemfelder in ihre Sexualethik aufnehmen, diese kommunizieren und damit einen Beitrag zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen leisten.