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Über die eigene Gleichgültigkeit stolpern

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Ein nicht einmal zweiminütiges Internetvideo der Menschenrechtsorganisation „Stop the traffik“ erobert gerade die sozialen Medien. Es zeigt einige Prostituierte in Amsterdam, die in ihren „Schaufenstern“ tanzen und ruft einen aus dem Alltag verdrängten Missstand ins Bewusstsein.
Mittwoch, 4. September 2013
Stopthetraffic

Ausschnitt aus dem Video. Im Vordergrund versammeln sich immer mehr Passanten | Stopthetraffik.org

Die niederländische Metropole Amsterdam ist für ihre malerischen Grachten und das direkt angrenzende Rotlichtviertel weltberühmt. Vor allem nach der Dämmerung locken kaum mehr die Wasserwege der Stadt, sondern das Viertel „De Wallen“, wo Prostituierte in Schaufenstern ihre Dienste anbieten. Amsterdam ist für diese so genannten „Huren-Schaufenster“ bekannt.

Das Viertel dient jetzt als Kulisse eines „Tanz-Videos“ der Menschenrechtsorganisation Stop the traffik, die sich gegen Menschenhandel und Schlepperei engagiert. Zu sehen sind vier Prostituierte in einem Schaufenster, die erst einige Männer anlocken und dann zu Elektromusik leicht bekleidet zu tanzen beginnen. Ihnen schließen sich zwei weitere Damen in einem darüber liegenden Stockwerk an, das Ganze schaukelt sich zu einer theatralen Choreografie hoch. Vor dem Schaufenster versammeln sich immer mehr, vorwiegend männliche, Passanten, die zu pfeifen und zu klatschen beginnen.

Auf dem Höhepunkt stoppt die Musik und der Tanz abrupt und über den Tänzerinnen leuchtet ein Screen auf, auf dem zu lesen ist, dass jedes Jahr tausenden Mädchen eine Karriere als Tänzerin in Westeuropa versprochen wird, diese Frauen aber traurigerweise hier – im Rotlichtmilieu – enden. Die Menge, die eben noch jubelnd und begierig der Choreografie der Tänzerinnen zusah, verstummt. Erschrockene Blicke, Sprachlosigkeit, betretenes Schweigen – weil ihnen die Gleichgültigkeit oder gar Dummheit, mit der sie eben der Inszenierung beigewohnt haben, ohne auch nur eine Sekunde an das Schicksal der Frauen zu denken, vor Augen gehalten wird.

Das Video ist ein Machwerk, aber vor Ort in einer Art Reality-TV-Szenerie gedreht. In das Bild gerieten so auch einige echte Passanten, deren Gesichter aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unkenntlich gemacht wurden. Die Begeisterung der Menge angesichts der Inszenierung ist daher zumindest in Teilen echt.

Stop the traffik

Logo der Menschenrechtsorganisation „Stop the traffik“

Das gigantische Geschäft mit dem Sex in Westeuropa funktioniert zum großen Teil nur, weil zahlreiche Frauen von Menschenhändlerringen verkauft und im Rotlichtmilieu unter Gewaltandrohung sexuell ausgebeutet werden. Das Verhältnis zwischen Menschenhandel und Sexarbeit wird immer wieder diskutiert. Während einerseits ein breiter Konsens darüber besteht, dass Prostitution nicht mit Menschenhandel gleichzusetzen ist, gibt es andererseits auch zahlreiche Stimmen, die Sexarbeit grundsätzlich als eine Form der Ausbeutung bezeichnen, in der sich die ungleichen Machtverhältnisse der Geschlechter ausdrücken.

In Deutschland wird wiederholt auch diskutiert, ob die Legalisierung der Prostitution durch das Prostitutionsgesetz nicht zu einer Zunahme des Menschenhandels geführt habe. Die Statistiken des Bundeskriminalamtes sowie eine Antwort der Bundesregierung (17/12504) auf die Kleine Anfrage über Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes auf die Entwicklung beim Menschenhandel (17/12291) vom März 2013 verneinen das.

Andererseits werden einem Bericht der WELT zufolge werden in Europa jedes Jahr mindestens 40.000 Kinder, Jugendliche und Frauen von Menschenhändlerringen sexuell ausgebeutet. Viele von ihnen werden gezwungen, in Bordellen zu arbeiten. Ein geplantes Gesetzespaket zur Bekämpfung des Menschenhandels und Überwachung von Prostitutionsstätten (17/13706) wurde von Experten abgelehnt. Frauenrechtlerinnen, Kriminologen und Rechtsexperten hatten den vorgelegten Entwurf als nicht weitreichend genug kritisiert. Er beseitige weder die größten Missstände, noch seien sinnvolle Hilfen für die Betroffenen vorgesehen. Der Entwurf liegt auf Eis, den betroffenen wird weiterhin nicht geholfen.

Der kurze Film von „Stop the traffic“ ruft einen Missstand auf, der allzu oft in den Hintergrund geschoben wird. Das scheinen viele gut zu finden, das Video verteilt sich derzeit in hoher Geschwindigkeit viral. Man sollte sich also nicht wundern, wenn in diesen Tagen eine kurze Meldung auf der eigenen Pinnwand das eigene Bewusstsein wachrüttelt, die da lautet: „Who Doesn't Like To Watch Half-Naked Girls Dancing? These Guys, After They See Why It's Happening.“

Who Doesn't Like To Watch Half-Naked Girls Dancing? These Guys, After They See Why It's Happening.