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PorNoYesNo oder sexuelle Befreiung?

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Im Rahmen unseres diesjährigen Schwerpunktthemas „Sexualität und Sexismus“ wollen wir die zeitgemäßen und humanistischen Aspekte von Sexualität und Sexismus erkunden. Die Frühjahrsausgabe des wissenschaftlichen Halbjahresmagazins „polar“ bietet dafür eine ideale Grundlage, weil es weit entfernt vom eindimensionalen Blick des Normativen ist.
Freitag, 7. Juni 2013
Campus Polar Ausschnitt

Greta Christina hat für sich eine Grauzone entdeckt, von der sie lange Zeit nichts wusste: die zwischen Sex und Nicht-Sex. Was genau ist denn Sex und wann ist es absurd, von Sex zu sprechen? Haben Sie sich diese Frage schon einmal gestellt? Ja, auch fernab von Beziehungskrisen, die durch einen Seitensprung oder ein seitensprungähnliches Ereignis (wir kommen dem Thema näher) ausgelöst wurden?

Es braucht keine Affäre, um über diese Frage nachzudenken. Zugegeben, Greta Christinas Anlass darüber nachzudenken, ist recht profan. Sie wollte durchzählen, mit wie vielen Leuten sie bisher in ihrem Leben Sex hatte. Dahinter stand die schon weniger profane Fragen: „War ich normal oder eine totale Schlampe? Gehörte ich zur feingeistigen Boheme, oder was?“ Anfangs fiel ihr es nicht schwer, durchzuzählen. Als Sex zählte alles, was Penetration beinhaltete. Aber was ist mit dem besten Freund, der in einer ziemlich dunklen Stunde mit Wärme und Nähe da war, aber nicht in sie eindrang? Zählte der nicht, obwohl es „eine tolle Nacht“ war? Und was ist mit nicht-heteronormativen Begegnungen? Christina interessierte sich auch für Frauen und verbrachte leidenschaftliche Stunden mit ihnen. War das etwa auch kein Sex, nur weil hier keine Penetration stattfand? Die junge Frau nimmt den Leser in ihrem Text mit auf eine sehr persönliche und intime Reise, in dem die Grenze zwischen Sex und Nicht-Sex zunehmend verschwimmt und deutlich wird, dass Sex doch deutlich mehr Dimensionen hat, als anfangs angenommen.

Ein guter Auftakt für ein Leseabenteuer, wie es Magazine selten bieten. Und das liegt nicht einfach am Thema, sondern an der Art und Weise, wie es in der aktuellen Ausgabe von polar ergründet wird: jonglierend mit den verschiedenen sexuellen und Genderidentitäten sowie gesellschaftspolitischen Fragen und stets die Wegmarke des konsensualen Schweigens hinterfragend. Dass dabei natürlich provoziert wird, versteht sich von selbst. So fragt die Kulturjournalistin Andrea Roedig in ihrem Beitrag Unterm Spaß riecht es nach Angst nach der Sexualität im Feminismus, der sich zunehmend auf die Themen Kitaplätze und Karrierechancen beschränke. Die Bloggerin Kathrin Ganz beklagt die Belastung des Sexualunterrichts mit Sorge und fordert eine Sexualaufklärung ohne Unsicherheitskultur (den Text können Sie auch in unserer aktuellen Ausgabe lesen).

Campus Polar

Die Doktorandin Anna-Katharina Meßmer beschäftigt sich mit dem Trend der Intimchirurgie und stellt fest, dass es angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Erektionsproblemen bei Männern und Erregungsstörungen bei Frauen verwunderlich ist, dass Menschen überhaupt Sex haben. Ob das künftig überhaupt noch notwendig ist, fragt die stellvertretende Chefredakteurin des Philosophie-Magazins Svenja Flaßpöhler, denn weder für die Reproduktion noch für das persönliche vergnügen sei er zwingend erforderlich. Verliert Sex im Burnout-Zeitalter seine Relevanz, fragt sie provokant und spielt in ihrem Text die zunehmende Profanisierung des Sexuellen gegen die Bedeutungsanhebung der kapitalistischen Lohnarbeit aus. Die Soziologin Holly Davis fordert eine Waffenruhe in der Prostitutionsdebatte, weil sich die feministische Forschung hier in Vorurteilen und Stereotypen verloren habe und damit hinter ihre eigenen Ansprüche zurückfalle.

Die Bloggerin Julia Seeliger befasst sich mit der politischen Correctness, die beim Thema immer wieder zum Tragen komme und fordert, dass sich die „hysterische Politik“ im „reißerischen Bereich Sexualität mal locker machen“ solle. Es geht dabei um Internetliebe (gibt es das?), Chatrooms und Pornographie, um Monogamie (an die ohnehin kaum noch wer glaube) und Transgender in sozialen Netzwerken und die Auswirkungen der sozialen Wirklichkeit auf die politischen Handlungsfelder. Der Literaturwissenschaftler Mark Greif befasst sich mit dem düsteren Thema der Infantilisierung des Sexualität, der Pädophilie, die auch in den Bereich der Sexualität gehört, und setzt dieser Infantilisierung ausgehend von Vladimir Nabokovs Lolita ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Erwachsenseins entgegen. Blickt man zur Aufarbeitung der grünen Parteihistorie erscheint dieser Text in einem umso helleren Licht.

In polar #Sex und Befreiung geht es außerdem um den Imagewandel von sexuellen Praktiken wie SM oder Tantra, um Neurosexismus und Wissenschaftsgläubigkeit, um Sex als verhandelbare Wikipedia-Ware und nicht zuletzt um paartherapeutische Stimulationen der eigenen Libido. Die Sängerin und Performerin Peaches spricht im Interview über die wahre Bedeutung von Sex und ihre Antwort fällt so eindeutig vieldeutig aus, dass sie für die komplette Ausgabe dieses Magazins stehen könnte:

Sex bedeutet verschiedenes zu unterschiedlichen Zeitpunkten, abhängig davon, wo man gerade steht. Manchmal ist es totales Begehren – und nicht die beste Art. Manchmal geht es darum, andere Sachen zu umgehen. Vertrauen, Mangel an Intimität. Leben zu erschaffen, bei Heteros. Es kann die natürlichste Sache der Welt sein, aber für viele auch die verwirrendste Sache der Welt. Es ist eine uralte Frage.

Diese Frage vielfältig, abwechslungsreich und mit Tiefgang in ihren verschiedenen Aspekten zu diskutieren, dazu trägt diese Ausgabe von POLAR in bemerkenswerter Weise bei.

polar 14: Sex und Befreiung. Campus Verlag 2013. 192 Seiten. 14,- Euro.