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Selbständige Sexobjekte

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In unserer Gesellschaft erfährt zunehmend höchste Auszeichnung, wer groß und dürr ist. Intelligenz und Charakter sind nicht nur sekundär, sondern schlicht unwichtig. Ein glossenartiger Essay über das Frauenbild in Film und Fernsehen und deren Einfluss auf unseren Alltag.
Mittwoch, 15. Mai 2013
Germanys Next Topmodel

Finalisten der vierten Staffel von GNTM auf der Präsentation von C&A im April 2009 | Foto: ds1987

Schon traurig, das alles. Neulich stand meine Freundin vor dem Spiegel im Bad und musterte sich kritisch. Ich saß daneben in der Badewanne und las gelangweilt von der Wirtschaftskrise. Schlimmschlimm. Meine Freundin jedoch stieß endlich ein Jauchzen aus und rief: „Endlich kann man die Knorpel an meiner Schulter sehen.“ Von ihrer Schlankheit war sie so begeistert, dass sie die Krise nicht mehr interessierte. 

Die viel größere Krise als die wirtschaftliche oder politische, scheint die Krise der Frau zu sein. Gemeint ist hier der Wahn vieler Frauen, schlank und schön sein zu müssen, um erfolgreich zu sein, ja, um sogar einfach nur selbst Frau zu sein. Weil die Krise der Frau fast die Hälfte unserer Bevölkerung erfasst, ist diese eine fast allumfassende. Ist sie deshalb auch eine vorrangige Krise? Aber ja, denn Frauen, die erst wie Modells aussehen müssen, um auf die Straße gehen zu können, kaum Zeit haben, wirklich etwas zu schaffen.

Und was tun die Frauen? Nun, sie surfen im Internet, sehen fern, lesen Zeitung und tauschen sich mit anderen Frauen und Männern aus, die ähnliches tun. In diesem alltäglichen Umfeld der Durchschnittsfrau ist auch die Ursache dafür zu suchen, dass die Emanzipation Rückschritte zu machen scheint.

Da wäre zum Beispiel das Kino: Viele Frauen dort stellen sich als vollbusige Girls dar, die den Held beim Weltretten assistieren, indem sie wie Sexbomben aussehen oder zumindest so tun. Was für eine konkrete und für Handlung unersetzbare Rolle halbnackte Frauen wie Megan Fox in der ohnehin hirnlosen Filmreihe Transformers einnehmen, ist irgendwie unklar.

Mariah Carey

Mariah Carey bei der Einführung von US-Präsident Barack Obama und seinem Vize Joe Biden im Januar 2009 in Washington | Foto: TSgt Suzanne M. Day

Da wäre noch das Fernsehen: Bei Sendungen wie Germanys Next Topmodell, einer der erfolgreichsten TV-Sendungen, gilt es als die höchste Auszeichnung, wenn man groß und dürr ist, „gut“ aussieht und sich präsentieren kann. Intelligenz und Charakter sind nicht nur sekundär, sondern schlicht unwichtig. Ja, es gibt sogar schon Frauen, die von normalen Bewerbungsgesprächen träumen und dort dann – den eigenen frisierten Lebenslauf fest umklammert - plötzlich im Bikini ein bisschen posieren müssen, um den Job als Vermögensberaterin etc. zu bekommen. Klum und Co. verkaufen ein Frauenbild, das als erstrebenswert gilt, obwohl diese Modells weniger sinnvolles für die Welt tun als etwa eine einfache Angestellte, die vieileicht leider mopsig und nur eins sechzig groß ist. Das hier vehement vertretene Schönheitsideal wird zum Schönheitszwang.

Dann wären da noch spezielle Sender: In MTV und Viva bieten Frauen wie Mariah Carey, Jennifer Lopez, Madonna (die gerade wegen dem Schönheitswahn nicht älter werden darf) und viele andere auch ihren Körper drei Minuten in einem Video dem Zuschauer feil, summen nebenher ein bisschen und springen anzüglich umher. Sicherlich handelt es sich in dem Fall um eine Selbstinszenierung, aber das ändert leider nichts am Fakt der Reduktion.

Sicher gibt es auch andere Filme und Sendungen, jedoch mit weitaus weniger Erfolg. In diesen treten Frauen auf, die als Persönlichkeiten und nicht als reine Geschlechter auftreten. Aber scheinbar finden diese Sendungen weniger Beachtung als sie oft verdient haben. Es gibt ferner auch vielbeachtete Actionfilme, wo Frauen die Heldenrolle übernehmen. Wenn dies jedoch eine Lara Croft sein muss, wird die Heldin trotz ihrer Taten wieder sexuell reduziert.

Die Frauen, die nun eher auf das Frauenverachtende statt etwas anderes schauen und sich am Sexismus orientieren, schaufeln sich auch ihr eigenes Grab. Sie müssten einfach nur abschalten, aber das aufgezwungene Frauenbild ist ja zu verführerisch und findet dadurch Eingang in den Alltag. Die Teile der Medien, die dieses Frauenbild suggerieren, tragen aber auch einen großen Teil der Verantwortung. Jeder Person, die mit und in den Medien arbeitet, ist bewusst, dass sie nicht nur das Publikum unterhält, sondern damit immer implizit gewisse Bilder oder Ansprüche transportiert.

Alison Carroll - Lara Croft

Alison Carroll, das offizielle Lara Croft Model für Tomb Raider: Underworld auf dem Paris Game Festival 2008 | Foto: Georges Seguin (Okki)

Durch dieses vermittelte und visualisierte Frauenbild müssen Frauen sich nun exzessiv um ihr eigenes Aussehen kümmern, um mit den fiktiven Fernsehfiguren in der realen Welt mithalten zu können. Ob Frauen bahnbrechende Ideen haben, interessiert nicht. Das macht es für sie schwer. Dafür haben sie keine Zeit. Die Männer im Fernsehen müssen sich weniger kümmern. Die männlichen Jurymitglieder aus Germanys Next Topmodel oder einige Sänger und Schauspieler – klein, mit Goldzähnen und Grimassen, wie manche Rapper – sehen oft alles andere als sexy aus; und feiern trotzdem bahnbrechende Erfolge. Der Mann steht also durch die Medien wesentlich weniger unter Zugzwang als die Frau. Zwar stehen Männer auch zunehmend unter dem Druck des Äußeren, aber noch in einem beherrschbaren Maße. Mehr von ihnen können sich um die Probleme über ihr Aussehen hinaus kümmern, ohne als hässlich, ungepflegt oder verknöchert zu gelten.

Dabei wirken diese Frauen in den Medien ja keinesfalls wie die dumme Hausfrau der 1950er Jahre, die noch die Nachkriegsfeministinnen bekämpft haben. Nein, sie sind selbstständig, beruflich erfolgreich, oft wohlhabend und nicht unbedingt auf Männer angewiesen. Sie wirken taff und emanzipiert, könnten fast als Vorbildfunktion für junge Frauen gelten. Aber so leicht ist es nicht … Irgendwie traurig! Denn trotz oder gerade durch ihren Erfolg inszenieren sie sich als Sexobjekte. Sie sind keine Künstler, Manager oder Kämpfer für mehr Gerechtigkeit, nur Sexobjekte. Als solche erreichen sie aber alles: Reichtum, Verehrung, Glück, den Traumpartner - und gelten dabei auch noch als hübsch. Da diese „Weibchen“ aber mit ihrem Sexismus so erfolgreich sind, wirken sie nachahmenswert.

Darum ist es so schwer, dem etwas entgegenzusetzen: Der Rückschritt der Emanzipation erfolgt nicht allein über die direkte Abhängigkeit vom Manne, sondern über die Abhängigkeit vom Äußeren und den musternden, kritischen Blicken von vielen Männern und Frauen.

Slut Walk 2

Teilnehmerinnen beim Slut-Walk 2011 in New York | Foto: David Shankbone

In diese Falle des schweren Entgegensetzens, die Falle der fehlenden Emanzipation im Fernsehen, dort hinein ist sogar schon das Feministen-Urgestein Alice Schwarzer geraten und hat all ihre Ideen mit einem Wisch selbst diskreditiert. So saß die keifende Dame einmal in einer der unzähligen Talkshows mit einer Gymnasiallehrerin zusammen, die angezogen war, wie eine Durchschnittsprostituierte auf der Reeperbahn. Obwohl sie sich so zum Sexobjekt degradierte, wollte sie dennoch von Männern als ernstzunehmendes Subjekt gelten. Schwarzer stimmte der Lehrerin voll zu, dass sie ein Anrecht darauf habe, ihren Körper freizügig zu präsentieren, Frau zu und trotzdem emanzipiert zu sein, denn das sei ja das Gegenteil der „antifeministischen Vermummung“ im Islam.

Ähnlich verhält es sich bei der Slut-Bewegung, in der Frauen 2011 halbnackt für sexuelle Selbstbestimmung demonstrierten, indem sie ihr gutes Recht einforderten, aufreizend und sexy umherzulaufen, ohne dass dies als Aufforderung an den Mann zu werten sei, der sie ergo auch nicht belästigen dürfe. Als selbstbestimmtes Wesen haben Menschen natürlich dieses Recht! Daraus folgt nur auch, dass Frauen, die halbnackt posieren, ganz automatisch zunächst und meist dauerhaft auf ihr sexuelles Geschlecht sozial reduziert werden (ähnlich würde sich das aber auch bei Männern verhalten, die nur in engen Boxershorts demonstrieren würden) - schon traurig, das alles.

Wo wir nun schon bei sexuellem und soziokulturellen Geschlechtern und ihren Unterschieden sind: Man könnte abschließend im Sinne vieler Feministinnen monieren, dass es überhaupt fraglich sei, ob die Identitäten Frau und Mann überhaupt sinnvoll sind oder ob diese nur vom Phallozentrismus und Phallokratismus suggeriert wurden und werden. Doch bleiben wir zunächst bei diesen Identitätsbegriffen. Denn Film und Fernsehen machen ja oft nicht nur ganz natürlich diesen Unterschied, sondern reduzieren auch das Bild der Frauen auf das des selbstständigen Sexobjektes – und darum geht es.

So gelten diese selbstständigen Sexobjekte weiterhin als emanzipiert, während sie die harte Arbeit anderer Frauen zerstören; denn nur wer attraktiv ist, hat noch Erfolg; und Mariah Carey tanzt immer noch in zu engen Kostümen.

Kommentare

Pseudofeministisch

Was ein anstrengend empörtes pseudofeministisches geflenne über die Abwertung der Fraum zum Sexobjekt. Wieso wertet es Frauen eigentlich ab Objekt der Begierde zu sein wohingegen Männer darauf stolz sein dürfen? Die Reduktion bzw Konzentration auf irgendwelche Merkmale geschiet vielfach in der Medienwelt. Nur im bezug auf sexualität scheint dies besonders niederträchtig und verachtungswürdig!?