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Kinderlos glücklich?!

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Mit ihrem jüngsten Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ hat die Kulturwissenschaftlerin Sarah Diehl ein mutiges und kenntnisreiches Plädoyer für Frauen formuliert, die kein eigenes Kind wollen. Und für Menschen, die Alternativen zur bürgerlichen Kleinfamilie suchen. Erklärungsbedürftig wird Kinderlosigkeit vermutlich auch in Zukunft bleiben. Und das ist gut so.
Freitag, 12. Dezember 2014
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Ob demografischer Wandel und die Überalterung der Gesellschaft, Fachkräftemangel und der Verlust des ökonomischen Wohlstands, Finanzsystem-Krisen wegen anhaltender Niedrigzinsen und überhaupt: das Ende der abendländischen Kultur, vor allem der christlichen, und schließlich die „Abschaffung Deutschlands“ – hinter den Schlagworten vieler überhitzter Debatten während der letzten Jahre schwang vielfach dieses Thema mit: die Menschen in Deutschland haben wenig Kinder. Nicht nur erzkatholische Kirchenvertreter warnen mit grellen Stimmen vor dem „sterbenden Volk“. Forderungen nach der Steigerung der nationalen Geburtenziffern sind auch politisch salonfähig, knapp 70 Jahre nach dem Untergang des „Dritten Reiches“. Insbesondere Akademikerinnen müssten für mehr qualifizierten Nachwuchs sorgen, forderte zuletzt der fünffache Vater Bernd Lucke, prominentestes Gesicht der rechtspopulistischen Newcomer-Partei Alternative für Deutschland (AfD). Dass erhebliche Teile der Bevölkerung mit solchen Wortmeldungen sympathisieren, legen nicht nur Umfrage- und Wahlergebnisse nahe. „Tiefschwarz“ beseelt zeigt sich auch der Bundestag, in dem eine so starke Unionsfraktion wie lange nicht mehr herrscht. Und Fakt ist ja: die Geburtenziffer liegt in Deutschland weit unter dem Niveau, das für einen Erhalt der Bevölkerungszahl aus „eigener Kraft“ erforderlich wäre.

In solch eine Stimmungslage hat Sarah Diehl mutig das Buch Die Uhr, die nicht tickt – Kinderlos glücklich geworfen. Eine Streitschrift soll es sein, die „allen Frauen den Rücken stärkt, die das berühmte Ticken nicht hören und andere Pläne für ihr Leben haben“, so steht es jedenfalls im Klappentext. Die Autorin: Mitte 30, Akademikerin und – selbstverständlich – ohne eigenen Nachwuchs. Zudem noch konfessionsfrei, Vertreterin der ohnehin kinderarmen schreibenden Zunft und prominente Verfechterin des Rechts auf Abtreibung, kurz: mutmaßliche Inkarnation eines Feindbildes der Anhängerinnen und Anhänger von Lucke, Sarrazin, Meisner und anderen konservativen Christen, Rechtspopulisten und Nationalisten bzw. Nationalistinnen, die „das Weib dem Manne Untertan“ sein lassen wollen.

Diehls Ziel: kinderlose Frauen von dem in der Mitte des 18. Jahrhunderts (S. 29) wurzelnden „deutschen Muttermythos“ (S. 53) zu befreien, demzufolge eigener Nachwuchs die „natürliche“ Aufgabe aller weiblichen Menschen sei. „Kinderlosigkeit aus freien Stücken haftet nach wie vor ein Stigma an“, schreibt Diehl (S. 15). „Da Gesellschaft und Politik es bislang versäumt haben, ein zeitgemäßes Konzept von Mutterschaft zu entwickeln, um Frauen heute zum Kinderkriegen zu motivieren, wird der kinderlosen Frau permanent eingeredet, dass sie ihre Entscheidung psychologisch qua ihrer Natur bereuen muss.“ (S. 19)

Nach einem Abriss des Ereignisses und den dabei entstandenen Diskussionen, die sie zu dem Entschluss geführt hatten, Frauen zu den Motiven ihrer Kinderlosigkeit zu befragen („beim Kickern in der Kneipe“ an einem Freitagabend, beim „Feierabendbier mit Freundinnen“), legt Diehl in neun gut lesbaren Kapiteln dar, weshalb die ihrem Empfinden nach ungerechtfertigten Haltungen gegenüber Frauen ohne Nachwuchs durch die bessere Akzeptanz und Förderung von „alternative[n] Formen des Zusammenlebens, die ebenfalls von Wärme und Loyalität getragen werden“ ersetzt werden sollten. Und sie fragt: „Misst sich der Wert eines Menschen an der Frage, ob er Nachkommen zeugt oder nicht?“ (S. 21)

Plädoyer mit Licht und blinden Flecken

Dass dem nicht so ist würden wohl auch katholische Bischöfe nicht bestreiten, doch ansonsten unterscheiden sich die Sichtweisen auf die „Kinderfrage“ gewiss deutlich. Die Feministin Sarah Diehl rechnet daher in ihrem Buch, und dies ist ein notwendiger und für emanzipierte Frauen wie Männer stets gewinnbringender Beitrag, zunächst in einer Darstellung historischer Entwicklungen mit dem Frauen- und Mutterbild in Mitteleuropa ab, das die längste Zeit unter der philosophischen und wissenschaftlichen Deutungshoheit des herrschenden Patriarchats aus Klerikern, Pädagogen und anderen Publizisten gestanden hatte. Auch jüngere Veränderungen in der öffentlichen Darstellung bzw. Wahrnehmung von Mutter- bzw. Elternschaft werden, unterlegt von diversem empirischem Material, analysiert und mit hilfreichen Denkanstößen versehen. Statt etwa die Emanzipation der traditionellen Hausfrau in der Kleinfamilie zur Berufstätigen unreflektiert zu loben, stellt Diehl fest, dass mit der unter neoliberalen Maximen erfolgten Modernisierung zum zeitgenössischen Bild der berufstätigen Frau „der Druck, dem Bild einer erfolgreichen Mutter zu entsprechen, aber nur noch größer und belastender geworden. Die angebliche Befreiung aus ihrem starren Korsett entpuppt sich als neues Gefängnis in der Leistungsgesellschaft.“ (S. 52)

Ideologisch belastet wirkt Diehls Plädoyer hingegen, wenn sie sich um die Widerlegung der „Legende vom Mutterinstinkt“ bemüht. So ist es zwar notwendig und richtig, wenn sie über den Missbrauch und die Instrumentalisierung einseitig entwickelter Geschlechterrollenbilder in den vergangenen Jahrhunderten kenntnisreich informiert und auf existierende Defizite in der Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts von Frauen („Pille danach“, Schwangerschaftsabbruch) hinweist. Doch nur weil nicht jede Frau einen instinktiv wirkenden Wunsch nach eigenen Kindern verspürt, zu behaupten, dieser sei eine „Erfindung“ und werde lediglich, wie Diehl mit einem Zitat der Anthropologin Sara Blaffer der Leserin klarzumachen versucht, „soziologisch und kulturell implementiert“, verweist auf den Mangel, mit dem Ziel einer ernsthaften Ergründung dieser „Legende“ ebenfalls solche Frauen befragt zu haben, die (gern) viele Kinder haben. Oder um es zugespitzter zu formulieren: Hier hätte die Autorin nicht nur Frauen wie Angela Merkel, sondern ebenfalls jene wie Ursula von der Leyen anhören sollen. Oder auch meine Geschwister und ihre Partnerinnen, die trotz ihrer Sozialisation als „gebürtige Atheisten“ bzw. Atheistinnen in einem kirchenfernen Umfeld auf die Frage nach einem dritten Kind zunächst mit dem – plausiblen –Verweis auf die Unmöglichkeit der Finanzierung dieser an sich gewünschten Erweiterung der Familie reagieren. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen, um die Legende, der Wunsch von Frauen nach eigenen Kindern („Mutterinstinkt“) sei bloß eine sozial und kulturell implementierte Legende, zu bestreiten.

Foto: © Nane Diehl

Sarahl Diehl. Foto: © Nane Diehl

Der Versuch, aus evolutionärer Perspektive für Kinderlosigkeit zu argumentieren, gelingt ebenfalls nicht so recht. So trifft es, nach allem was wir derzeit wissen, zwar zu, dass es der Evolution egal ist, „ob eine Spezies größeren reproduktiven Erfolg hat als eine andere“ und dass dieses Phänomen „noch nicht einmal Interesse an der Kontinuität von Leben“ hat. (S. 105) Eine Tatsache ist allerdings, dass die Existenz von biologischem Leben mit seinen unzähligen Spezies das Resultat der Reproduktion unter evolutionären Bedingungen ist. Nur weil Menschen in der Lage sind, bewusst und differenziert mit dem Wissen davon umzugehen, was Päpste als „in die menschliche Natur selbst eingeschrieben“ sehen, und wir fähig sind, sich aus vernünftigen Erwägungen gegen die Engführung des individuellen Daseins in unvernünftig reduzierten Lebens-, Familien- und Rollenmodellen zu entscheiden, kann Kinderlosigkeit – sowohl bei Frauen wie bei Männern – nicht zum als „selbstverständlich“ zu akzeptierenden Normalfall deklariert werden. Die menschliche Spezies und ihre unterschiedlichen Formen von Kultur existieren nicht trotz oder neben Evolution und Reproduktion, sondern eben als ein Ergebnis von Evolution und Reproduktion. Kinderlosigkeit und insbesondere der bewusste Verzicht auf Nachwuchs sind somit, und das ist ja eigentlich auch das Anliegen des Buches, erklärungsbedürftig. Hier handelt Sarah Diehl einen wesentlichen Aspekt zu leichtfertig ab.

Humanism meets Humankind

In diesem Sinne trotzdem gewinnbringend ist die Vielfalt der Stimmen und Motive der Interviewpartnerinnen, mit denen Sarah Diehl ihre Argumente für den Abbau von Vorurteilen und Ressentiments gegenüber kinderlosen Frauen untermauert, wie auch die Analyse sozialer und ökonomischer Missstände. Denn tatsächlich führt die Mehrheit der Frauen, die Diehl zitiert, nicht vorrangig egoistische oder hedonistische Gründe an. So gibt zwar die „Dokumentarfilmerin Marion“ an, Kinderlosigkeit deshalb gewählt zu haben, damit sie möglichst spontan und ungeplant Reisen „einfach irgendwohin“ unternehmen könne: „Das schmeckt immer so nach Leben. Mit Kindern könnte ich das nicht machen.“ (S. 146) Doch auch sie habe sich aufgrund des Bedürfnisses „frei von Angst“ zu sein, gegen ein Leben als Mutter entschieden: „Das ist ein Trip ins Ungewisse, der ein Leben lang andauert und mindestens 18 Jahre davon Vollkaracho“ – In einer kinder- und familienfreundlichen Zivilisation, deren Mehrheit sich nun mal eher auf rationale Erwägungen denn auf religiöse Hoffnungen verlässt, sollten solche Aussagen nicht ohne weiteres plausibel klingen – dass sie es für Nichteltern wie Eltern heute doch sind, deutet auf ein grundlegendes Problem der tiefensäkularisierten Gesellschaft, die wir nun haben, hin.

Viele weitere Stimmen im Buch machen deutlich, dass es zwar einige triftige Argumente für die individuelle Entscheidung gegen eigenen Nachwuchs gibt, wie etwa die vollständige Abwesenheit des Wunsches danach und die berechtigte Furcht vor dem unfreien und unselbständigen Leben in einer traditionellen patriarchalischen Kleinfamilie, zumal wenn die jeweilige Interviewpartnerin prägende Negativerlebnisse in der eigenen Kindheit hatte. Es überwiegen bei genauerem Blick jedoch Erklärungen, die im „Nein“ zu eigenem Nachwuchs auf soziale, ökonomische und nicht zuletzt schlicht tief verwurzelte kulturelle Missstände verweisen – wie eben etwa der Unfähigkeit einer erheblichen Zahl von Männern, gebildete, hochqualifizierte und selbständige Frauen als Partnerin auf Augenhöhe zu akzeptieren. „Humanism meets humankind“ – so könnte man das Problem umschreiben.

Nicht wenige kinderlose Frauen, das macht Sarah Diehls Buch klar, sehen sich in dieser Frage mit Problemen und Schwierigkeiten konfrontiert, die aus einer humanistischen Perspektive nicht gut geheißen werden können. Daher erweist sich ihr Plädoyer nicht wirklich als Streitschrift in Form einer Reihe echter „positiver“ Argumente für ein „kinderlos glückliches“ Leben, sondern als Darstellung historischer und zeitgenössischer moralischer und politischer Schieflagen, denen junge und ältere Frauen, und letztlich auch manche Männer mit Kinderwunsch, im Alltag des Familien- und Berufslebens einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft ausgesetzt sind.

Diehls Ausführungen zu den alternativen Möglichkeiten, sich trotz Kinderlosigkeit für Familien und den Nachwuchs allgemein gewinnbringend zu engagieren, etwa als unterstützende Person für andere Familien, zum Modell der „sozialen Elternschaft“ oder ihre Argumente für die Akzeptanz von Familien homosexueller Partner, sind wertvoll und hilfreich beim Abbau von Vorurteilen und der Zuschreibung falscher Motive. Das Vorhaben, Frauen ohne Kinder einige Argumente und Anregungen an die Hand zu geben, kann das Buch erfüllen. Nicht-Eltern, ob weiblich oder männlich, sollten sich ruhig den Fragen von Eltern stellen, wofür sie denn in vergleichbarer Weise Verantwortung übernehmen. Erklärungsbedürftig wird die „Entscheidung“ für Kinderlosigkeit auch in Zukunft bleiben, und das ist – aus einer Perspektive, die die Menschen und evolutionäre Prozesse in den Mittelpunkt stellt – auch gut so.

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