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Rezepte gegen die Kinderkrise

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„Kinder kriegen die Leute von alleine!“ sagte einst der CDU-Kanzler Konrad Adenauer. Dass das in unseren Zeiten nicht mehr gilt, haben anhaltend niedrige Geburtenziffern gezeigt. Fünf Dinge, die für Humanistinnen und Humanisten in Zukunft wichtig sind.
Mittwoch, 2. Januar 2013
Foto: tanfelisa / Flickr / CC-BY-SA

Trübe Perspektiven? Besonders die neuen Bundesländer trifft der demografische Wandel. Foto: tanfelisa / Flickr / CC-BY-SA

Der weniger religiöse und säkularere Teil unserer Gesellschaft ist allen Daten zufolge ganz vorne mit dabei: „Populationen von Konfessionsfreien haben überall weniger als zwei Kinder“, stellte der Religionswissenschaftler Michael Blume im Interview mit diesseits fest.

Während die Menge an Menschen global weiter wächst, schrumpft die Bevölkerungszahl in Deutschland rasch. In unseren Alltag schleichen sich seine Folgen eher unauffällig ein. Am deutlichsten ist der Wandel vorläufig noch bei einem Blick auf die Statistiken zu sehen.

Für die Gesellschaft wird er riesige Herausforderungen mit sich bringen: Im Interview mit diesseits.de prognostizierte der Demografie-Forscher Wolfgang Weiß im Juli, dass die ostdeutschen Regionen in den kommenden zehn Jahren wegen des Geburtentiefs nach der Wende und steter Abwanderung junger Frauen noch einmal „mit ungebremster Wucht“ von einem „demografischen Echo“ getroffen werden. Bis zu über 40 Prozent ihrer heutigen Bevölkerung würden nach Vorausberechnungen allein die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen bis zum Jahr 2060 verlieren.

Grafik: Statistisches Bundesamt

Familien- und Sozialpolitik

Die in diesem Frühjahr vorgestellte Demografie-Strategie sei hingegen „bestürzend defizitär“, so Weiß weiter, und „das familienpolitische Leitbild der Regierung mit der gesellschaftlichen Realität nur noch in stark traditionalistischen Teilen kompatibel“, weil es bis heute deutlich von Tradition und Religion geprägt sei. Als Beispiel für einen entsprechenden Riss durch die Gesellschaft nannte er den Streit um das so genannte Betreuungsgeld. Weiß warnte zudem davor, dass der demografische Wandel als Argument herangezogen werde, um den Sozialstaat weiter zu beschneiden und neoliberalistische Wirtschaftskonzepte zu fördern.

Dass eine Förderung familiärer Gemeinschaften nicht aber auf traditionelle Beziehungen zu beschränken sei, stellte der Philosoph Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes, anlässlich des Internationalen Familientages heraus: Wo immer familiäre Lebensgemeinschaften vorzufinden seien, müssten diese auch unterstützt werden, so Wolf. Elementar wichtig sei allerdings, dass sie „einen Raum entstehen lassen, in dem Kinder eine Grundlage für ihr eigenständiges Leben entwickeln können.“

Jede Veränderung birgt jedoch Chancen, wie wir mit unserem Schwerpunktthema aufzeigen wollten: Stärker staatlich geförderte Einbindung von Frauen in das Berufsleben, weniger Erwerbslose und die einmalige Gelegenheit, als Gesellschaft überhaupt schrumpfen zu lernen – eine Art Testlauf auf einem Planeten, auf dem bald zwischen zehn und 16 Milliarden Menschen friedlich und in nachhaltiger Weise zusammenleben sollen.

Frauenrechte

Weil Familienpolitik ein populäres Lieblingsthema von Spitzenpolitikern bleiben wird, werden die humanistisch denkenden Konfessionsfreien hier nicht herumkommen, eigene überzeugende Haltungen zu entwickeln. Konkret zeigte sich das unter anderem im vergangenen September, als in Berlin eine nochmals stark gewachsene Zahl selbsternannter Lebensschützer durch das Zentrum der Hauptstadt prozessierte und für ein europaweites und umfassendes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen warb.

Foto: T. Hummitzsch

"Marsch für das Leben", Berlin im September 2012. Foto: T. Hummitzsch

Die Stimmungsmache gegen die Grundrechte von Mädchen und Frauen hat sich weltweit neu etabliert. Mit positiv klingenden Slogans und Bildern wird in vielen Ländern versucht, die Bevölkerung für strengste Abtreibungsregelungen neu einzunehmen. Angesichts des kommenden Ringens mit den Folgen des demografischen Wandels kann erwartet werden, dass eine geringe Geburtenzahl künftig häufiger gegen das Recht von Frauen, über eine Schwangerschaft zu entscheiden, ausgespielt werden soll.

Im benachbarten Polen wäre vor kurzem die Regierung unter Premier Donald Tusk an einer von kirchlichen und nationalistischen Kräften geforderten Verschärfung der ohnehin rigiden Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch fast zerbrochen. Regierungschef Tusk musste sogar die Vertrauensfrage stellen, um eine Mehrheit für einen entsprechenden Antrag im Parlament zu verhindern.

Zukunft mit Kindern: Thema des Wissenschaftsjahres 2013 ist der demografische Wandel. Eine Expertise zur Fertilität und gesellschaftlichen Entwicklungen steht daher im Mittelpunkt eines gemeinsamen Projekts der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die vor kurzem veröffentlicht wurde. Ein Online-Portal klärt dabei über populäre Mythen zum Thema auf und präsentiert die Kernaussagen und Empfehlungen einer interdisziplinären Akademiengruppe anschaulich und multimedial. Im Netz: www.zukunft-mit-kindern.eu

Religiöse Vielfalt

Nicht nur von den Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands ist der demografische Wandel bestimmt. Einwanderung wird weiter eine Rolle spielen. Doch zu welchen Verwerfungen eine Migration ohne funktionierende Integration führen kann, belegen das Entstehen von Parallelgesellschaften, das Wachstum fundamentalistischer Bewegungen und die Kontroversen über die islamische Religion oder eine christliche Leitkultur in den letzten Jahren.

Fakt ist, dass der ganz überwiegende Teil der Menschheit von religiös bestimmten Weltsichten geprägt ist. Soweit Entscheidungsträger also auf Einwanderung bei den Herausforderungen des demografischen Wandels setzen, müssen nichtreligiöse Menschen ihre Fähigkeit zum offenen Umgang mit der Pluralität in Glaubensdingen erhalten: Muslime, Katholiken oder auch Gläubige aus evangelikal und islamisch beeinflussten asiatischen und afrikanischen Ländern werden weiter zum Alltag gehören.

Lebenskultur

Anstatt also Religionen zu beschimpfen, sollten die humanistischen Konfessionsfreien „stärker konstruktiv in den Wettbewerb von Lebensbejahung und -begleitung eintreten“, schlug der Forscher Michael Blume vor: „Dass Nichtreligöse nicht ausreichend Kinder haben, ist ein historischer Befund, aber damit doch noch kein Naturgesetz.“

Cover

Bis heute haben Forschung und Öffentlichkeit zwar bereits intensiv über Ursachen der rapide gesunkenen Geburtenziffern diskutiert, doch nicht nur Konservative und Bischöfe schieben übertriebenem Individualismus und einer auf materiellen Besitz fixierten Lebenskultur die Schuld zu.

Der Psychologe Bas Kast plädiert in seinem Buch „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“ dafür, die Familie als Glücksfaktor in der Wohlstandsgesellschaft zu entdecken. Kast sieht die unzähligen Freiheiten unserer Multioptionsgesellschaft als einen maßgeblichen Stressfaktor und schlägt Verzicht vor. Mit vorhandener Freiheit steige auch der soziale Druck, diese zu nutzen. Die Familie bleibe dann auf der Strecke. Dabei könnten Bindungen auch befreiend wirken, argumentiert Kast.

Altersvorsorge

Trotz aller Veränderungen sollte nicht von einer vergreisenden Gesellschaft die Rede sein, betont jedenfalls Jutta Gampe, Leiterin des Arbeitsbereichs Statistische Demografie am Max-Planck-Institut in Rostock, in der letzten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins MaxPlanck Forschung.

Cover: MaxPlanck Forschung 3/2012

Aufgrund weiter steigender Lebenserwartung und der mit den technologischen und medizinischen Fortschritten einhergehenden Verbesserung von Lebensqualität in fortgeschrittenem Alter könne trotz einer sich wandelnden Bevölkerungsstruktur insgesamt eher von einer Verjüngung unserer Gesellschaft die Rede sein. „Jeder kann die eigene Alterung hinausschieben“, so Gampe weiter.

Maßgebliche Bedingungen, damit auch eine Gesellschaft mit größerem Anteil älterer Menschen funktionieren kann, kennt die Forschung seit langem: gesunde Ernährung, Nikotinverzicht, Sport und wenig Stress. Und als wichtigster Faktor zur positiven Beeinflussung jeder Lebenserwartung gilt eine hohe Bildung.

Eine frohe Botschaft aus humanistischer Perspektive. Nur die Diagnose, dass säkulare Gesellschaften unter der Forscherlupe bislang als aussterbende Spezies erschienen und aus Politikersicht als demografischer Krisenherd gelten müssen, kann auch sie nicht verdecken.