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Kinderflaute bei Säkularen: Übernehmen die Religiösen?

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Der Religionswissenschaftler Michael Blume plädiert dafür, dass Humanisten stärker in den Wettbewerb um Lebensbejahung und -begleitung eintreten. Außerdem meint er, dass Eltern politisch heute kaum noch in der Lage seien, effektiv ihre Interessen zu vertreten.
Samstag, 1. September 2012

Herr Dr. Blume, einen Ihrer Forschungsschwerpunkte bilden Demografie und Religion. Legen Ihre Beobachtungen die Prognose nahe, dass unsere Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten aus einer zahlenmäßig kleineren Bevölkerung mit einem größeren Anteil von religiösen Menschen bestehen wird?

Obwohl religiös aktive Menschen im Durchschnitt deutlich mehr Kinder haben als ihre nichtreligiösen Nachbarn ist es nicht ganz so einfach. Die Geburtenraten gehen weltweit und besonders schnell bei den Konfessionsfreien weiter zurück. Aber in vergleichsweise wohlhabenden und sicheren Gesellschaften finden gleichzeitig auch massive Säkularisierungsprozesse statt. Schon jetzt sind säkulare, kinderarme Gesellschaften wie Deutschland immer stärker auf Zuwanderung angewiesen,  dadurch steigt wiederum die religiöse Vielfalt. Wir haben also in den kommenden Jahrzehnten weiter spannende Gleichzeitigkeiten zu erwarten: Religiöse Familienkulturen, mangels Kindern alternde, aber zahlenmäßig weiter wachsende Milieus von Konfessionsfreien und bunte Zuwanderung.

Sie weisen seit Jahren auf den Zusammenhang von Religiosität und Familiengröße hin. Deutschland befindet sich selbst in einem tiefgreifenden Wandel der Bevölkerungsstruktur, der auch von  wirtschaftlichen Problemen begleitet sein wird. Mit welchen Befunden sehen sich säkulare Humanisten und andere Menschen ohne einen traditionellen Glauben aus demografischer und religionswissenschaftlicher Perspektive hier konfrontiert?

Der zentrale Befund, der Evolutionäre und Humanisten zum Denken anregen sollte, stammt aus Fallstudien: Wir kennen inzwischen Dutzende Religionsgemeinschaften, die über  Jahrhunderte hinweg außerordentlich kinderreich geblieben sind wie die Old Order Amish, Hutterer, Mormonen, jüdischen Haredim u.v.m. Obwohl atheistische Bewegungen schon seit der griechischen und indischen Antike belegt sind, kennen wir jedoch in Geschichte und Gegenwart bislang keine einzige, nichtreligiöse Population, die auch nur ein Jahrhundert hätte wenigstens zwei Kinder pro Frau – die so genannte Bestandserhaltungsgrenze – hätte halten können. Bei vielen Humanisten löst dieser Befund nach meiner Erfahrung leider bislang eher emotionale Abwehr als Nachdenken aus. Hier wünsche ich mir mehr Mut von Menschen, die sich doch als rational und wissenschaftlich verstehen wollen.

Aber in den neuen Bundesländern, wo der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung konfessionsfrei ist, steigt doch die Zahl der Geburten wieder und lag im vergangenen Jahr höher als in den alten Bundesländern.

Klar, zumal oft ja gerade die mobileren Kinderlosen wegziehen. Auch die regional sehr gute Ausstattung mit Kinderbetreuung kann etwas helfen, wie ja auch in Frankreich oder Schweden. Dennoch bleibt auch für die neuen Länder wie für ganz Europa der Befund bestehen: Populationen von Konfessionsfreien haben überall weniger als zwei Kinder, nur wenige verbindlich religiöse Gemeinschaften sind wirklich kinderreich.

Die nichtreligiösen Menschen werden also auch in den neuen Bundesländern in Zukunft noch schneller weniger als die Angehörigen religiöser Gemeinschaften?

Ja, die religiösen Minderheiten von entschiedenen Christen bis zu traditionellen Juden, Muslimen oder auch den neopagan-nationalistischen Artamanen haben auch in den neuen Bundesländern deutlich mehr Kinder als der konfessionsfreie Durchschnitt. Allerdings sind diese Kinder wiederum Säkularisierungsdruck und den Verlockungen des Wegziehens ausgesetzt. Wahrscheinlich werden sich nur regional vergleichsweise junge, abgegrenzte Religionskulturen inmitten alternder, konfessionsfreier Mehrheiten erhalten.

Welche Forschungsergebnisse aus dem Feld Religion und Demografie könnten aus Ihrer Sicht relevant sein, wenn sich nichtreligiöse Menschen nicht mehr der Diagnose ausgesetzt sehen wollen, so etwas wie eine aussterbende Spezies zu sein? Humanistinnen und Humanisten werden schließlich kaum all die Methoden akzeptieren, die in traditionellen Religionsgemeinschaften stets einen gewissen Kinderreichtum gewährleisten.

Zum einen ist doch von Schweden über Frankreich bis in die neuen Länder zu sehen, dass die institutionelle Förderung von Familien Früchte trägt. Die Humanisten in Württemberg haben beispielsweise eine lange Tradition, von der Namensfeier über die Kinderbetreuung bis zu Ferienangeboten humanistisches Familienleben zu fördern. Daran kann man anknüpfen. Anstatt die Religionen immer schriller zu beschimpfen, könnten Humanisten meines Erachtens stärker konstruktiv in den Wettbewerb von Lebensbejahung und –begleitung eintreten. Dass Nichtreligiöse nicht ausreichend Kinder haben ist ein historischer Befund, aber damit doch noch kein Naturgesetz…

Illustration: T. Ament

Der Themenkomplex Religion und Demografie ist spätestens mit einem 2010 veröffentlichten Buch des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin in der deutschsprachigen Öffentlichkeit angekommen. Er berief sich auch auf Ihre Forschungsergebnisse. Seitdem sind nun zwei Jahre vergangen. Können Sie heute eine Bilanz zu seinen Ausführungen ziehen?

Am Umgang mit meinen eigenen Daten konnte ich sehen, wie unsachlich der Volkswirt mit Demografie umging. So ließ er beispielsweise Befunde zu eher geburtenarmen, traditionellen Gemeinschaften wie den Zeugen Jehovas gezielt weg, weil dies seinen Thesen widersprach: Dass alle Traditionalisten mehr Kinder haben würden und Bildungs- und Betreuungsangebote wenig ändern würden. Dabei kann man an den Beispielen Italien, Polen und inzwischen sogar der Türkei und dem Iran doch sehen, dass traditionelle Familienformen in Städten zusammen brechen, wenn es keine entsprechenden Betreuungshilfen gibt. Es bekommen nicht „die Muslime“ mehr Kinder, sondern die religiösen Milieus in allen Weltreligionen, die ihre Familien gut fördern. Als Evolutionsforscher kommt mir außerdem bei Sarrazins Eugenik das Gruseln, als Mann einer muslimischen Frau ärgert mich auch der von ihm bediente Rassismus.

Schaut man sich die vorliegenden Daten an, scheinen sich jedenfalls langfristig die frömmsten Gemeinschaften am besten behaupten zu können. Der Politikwissenschaftler Eric Kaufmann kommt in seinem neuesten Buch sogar zu dem Schluss, dass der religiöse Fundamentalismus möglicherweise nicht gebremst werden kann und „die Religiösen“ unseren Planeten, so schreibt er, „erben“ werden. Wäre eine solche Prognose auch aus Ihrer Sicht plausibel?

Eric und ich haben uns darüber verschiedentlich ausgetauscht – und ich gebe zu, dass mich seine pessimistischen Szenarien schon nachdenklich gemacht haben. Bislang hatte ich erwartet, es würde sich in einer vielfältigen Gesellschaft einfach irgendwann eine demografische Balance aus kinderreich-religiösen und säkular-kinderarmen Populationen einpendeln. Aber Eric verweist auf die Beispiele der USA und Israels, in denen sich religiöse und säkulare Milieus zunehmend radikalisieren und das vernünftige Mittelmaß dazwischen zerrieben wird. Und solche Tendenzen der Polarisierung gibt es in der Tat inzwischen auch in Europa und in Deutschland. Ich hoffe aber immer noch, dass wir ausnahmsweise schlauer sein könnten.

Zukunft mit Kindern: Thema des Wissenschaftsjahres 2013 ist der demografische Wandel. Eine Expertise zur Fertilität und gesellschaftlichen Entwicklungen steht daher im Mittelpunkt eines gemeinsamen Projekts der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die vor kurzem veröffentlicht wurde. Ein Online-Portal klärt dabei über populäre Mythen zum Thema auf und präsentiert die Kernaussagen und Empfehlungen einer interdisziplinären Akademiengruppe anschaulich und multimedial. Im Netz: www.zukunft-mit-kindern.eu

Als Wissenschaftler müssen Sie die beobachtbaren Prozesse vor allem wertungsfrei beschreiben und beurteilen können. Gibt es in Ihrem Forschungsschwerpunkt trotzdem etwas, das Sie als sehr besorgniserregend einstufen würden?

Ja, und das hat sinnigerweise mit der Finanzausbildung zu tun, die ich vor dem Studium absolvierte. Seit 1989 flüstern Ökonomen vom „Asset Meltdown“, dem unweigerlichen Abschmelzen von Sparguthaben durch den Geburtenrückgang. Banken und Finanzanbieter reden gar nicht gerne darüber, aber: Bei schnell fallenden Geburtenraten wie in Europa, China, Russland oder auch Indien gibt es unweigerlich weltweit immer mehr ältere Sparer und Anleger, aber immer weniger seriöse Anlagemöglichkeiten und solvente Kreditnehmer. Die Folgen sind dauerhafte Niedrigzinsen, die die Sparguthaben, Pensionskassen und Lebensversicherungen auffressen sowie zunehmend verzweifelte Spekulationsblasen an den Finanzmärkten. Es hat ja schon begonnen, aber ich fürchte, das war erst der Anfang.

Zum Schluss gestatten Sie mir bitte noch eine persönliche Frage: Sie selbst sind Vater von drei Kindern. Würden Sie aus Ihrer Erfahrung her sagen, dass die Gesellschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine elternfreundliche gewesen ist? Und was für eine Veränderung wünschen Sie sich selbst, im Sinne kommender Generationen?

Ehrlich gesagt finde ich, dass das kinderarme Deutschland Familien noch immer gering schätzt und ausquetscht. Das Steuersystem ist ein Chaos für Familien und vor allem in den alten Bundesländern fehlt es noch immer an ordentlicher Kinderbetreuung. Halbtagesschulen mit viel zu langen Ferien und überfüllte Massenuniversitäten funktionieren als Lernfabriken, in denen kaum Raum für eigenes Erleben und Forschen entstehen kann. Also kaufen die Oberschichten teure Zusatzangebote für ihre Kinder ein und der Rest bleibt zurück. Dabei erlebe ich an der Uni Jena Semester für Semester, wie viel Wissenshunger und Kreativität eigentlich zu heben wäre! Stattdessen werden junge Leute zu oft stupide auf „maximale Effizienz“ getrimmt und Nachbarn beschweren sich über „Lärm“. Wenn Kinder nicht mehr laut und junge Leute nur noch angepasst sein dürfen, dann ersticken kinderreiche Familien, die doch Zukunft und Renten sichern sollen. Wir Eltern sind nur leider längst zu wenige und zeitlich zu überfordert, um uns noch effektiv zu wehren… 

Demografischer Wandel Alle Beiträge zum diesseits-Schwerpunktthema 2012 sind hier zu finden www.diesseits.de/schwerpunkt/demografie