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Tierschützer sehen schwarz

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Der große Erfolg für die Unionsparteien bei den Bundestagswahlen am vergangenen Sonntag stimmt Vertreter von Tierschutz-Organisationen äußerst sorgenvoll. Denn die Folgen der deutschen „Merkelmania“ werden auch Millionen Tiere treffen. Es heißt, selbst im Fall einer Großen Koalition seien keine Verbesserungen bei ihrem Schutz zu erwarten.
Donnerstag, 26. September 2013

„Die letzte Bundesregierung hat dem Schutz und den Rechten der Tiere mehr geschadet als genutzt. Die katastrophale Reform des Tierschutzgesetzes und das bewusste Riskieren eines Vertragsverletzungsverfahrens – die Versäumnis, die EU-Schweinehaltungsrichtlinie umzusetzen – machen das deutlich“, sagt Mahi Klosterhalfen, geschäftsführender Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, mit Blick auf das Ergebnis der Bundestagswahlen 2013.

Zwar ist aufgrund der Arbeit von Institutionen wie der Albert Schweitzer Stiftung, einschlägiger Buchveröffentlichungen und verbesserter Informationsmöglichkeiten durch die Medien der Pro-Kopf-Fleischverbrauch in Deutschland konstant bis leicht rückläufig. In vielen anderen Ländern wächst er.

Aus der deutschen Fleischindustrie wurden so bis vor kurzem jährlich neue Rekordzahlen bei den Produktionsmengen vermeldet. Ursachen dafür sind ein boomendes Exportgeschäft sowie eine breite Unterstützung aus der Politik. Diese hat mit niedrigen Auflagen im Tier- und Umweltschutz und „einem fast nicht vorhandenen Mitspracherecht der Kommunen und Anwohner beim Bau neuer Mastställe“ die Bundesrepublik zu einer Oase für den Betrieb von Tiermast- und Verarbeitungsfabriken und „zum führenden Anbieter von Billigfleisch“ gemacht.

Foto: privat

Gegen den Neubau riesiger Mastanlagen protestieren immer wieder Zehntausende – nicht selten vergeblich. Foto: privat

Im Trend ist dabei besonders der Aufbau gigantischer Mastanlagen, in denen Hunderttausende Tiere zugleich ihr kurzes Dasein verleben. Trotz wachsender Exporte: Erstmals seit anderthalb Jahrzehnten kam es 2012 zu einem leichten Rückgang bei der Zahl getöteter Tiere – vielleicht nur aufgrund der Skandale, mit denen sich die Branche regelmäßig, wenn auch nur vorübergehend, konfrontiert sieht. Und an den aus der Sicht von Tierschutz-Vertretern zahlreichen Missständen wird sich nun wohl auch in den kommenden Jahren wenig ändern.

Auch nach dem überraschenden Scheitern des bei den C-Parteien beliebten Koalitionspartners FDP an der Fünf-Prozent-Hürde führt das aktuelle Wahlergebnis zu neuen Sorgenfalten bei Tierschützern. Rund 755 Millionen Tiere wurden im letzten Jahr in Deutschland geschlachtet, zu einer deutlichen Verringerung dieser Zahlen wird es nach der Wahl wahrscheinlich nicht kommen.

Denn auch gegenüber der SPD hegt Mahi Klosterhalfen wenig Hoffnung, dass es in Sachen Tierschutz einen Kurswechsel geben wird. Seine Prognose zur Entwicklung der Lage von den Millionen Tieren, die von den Menschen in Europa am liebsten zur Füllung des eigenen Magens benutzt werden: „Wenn es zu einer Großen Koalition kommt, steht zu befürchten, dass sich diese Ausgangslage nicht wesentlich bessern wird, denn für die letzte Große Koalition hatten ebenfalls die Interessen der Tiernutzer Priorität.“

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Klosterhalfen (l.) will „vor allem auf Wirtschaftskampagnen und Verbraucheraufklärung setzen“. Foto: privat

In politischer Lobbyarbeit sieht man bei der Albert Schweitzer Stiftung daher wenig Sinn. Um dem massenhaften Tod und Leiden auf der machtlosen Seite im zutiefst widersprüchlichen Verhältnis der Menschen zu anderen empfindungsfähigen Lebewesen etwas entgegenzusetzen, will man sich vor allem an die Konsumenten wenden. Klosterhalfen: „Für unsere Arbeit bedeutet das, weiterhin vor allem auf Wirtschaftskampagnen und Verbraucheraufklärung zu setzen, denn hier gibt es vielversprechende Hebel.“ Aber auch die Arbeit der neuen Bundesregierung will man bei der Stiftung „genau beobachten und die zu erwartenden tierfeindlichen Entscheidungen publik machen.“

Vor allem Männer will man in Zukunft stärker dazu bewegen, auf ihren Fleischverbrauch zu achten und sich über gesunde Alternativen zu informieren. „Momentan erreichen wir junge, gebildete Frauen am Besten und ältere Männer ohne höheren Bildungsabschluss am schlechtesten. Das deckt sich mit Untersuchungsergebnissen wie der Jenaer Vegetarierstudie“, berichtet Klosterhalfen.

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Mahi Klosterhalfen. Foto: PR

Den meisten Menschen fehlt das Wissen, um eine große Auswahl an gut schmeckenden und günstigen vegetarischen oder veganen Gerichten selbst zuzubereiten.

Die Untersuchung aus dem Jahr 2007 fand unter anderem heraus, dass sich nichtreligiöse Menschen vergleichsweise häufig vegetarisch ernähren. Als Hauptgrund bei allen Befragten für ihre Entscheidung zu einer Ernährung, die auf den Verbrauch von Tieren verzichtet, wurden die Zustände in der Massentierhaltung genannt.

Und schließlich scheine es gut belegt zu sein, dass Menschen vor allem dann ethisch handeln, wenn es ihnen nicht allzu schwer fällt, erklärt Mahi Klosterhalfen zu den aussichtsreichsten Ansätzen für eine Verringerung des Fleischverbrauchs. Als treibende Faktoren für die Entwicklung der Schlachtzahlen nennt er neben dem Verhalten der staatlichen Politik: „Es gibt noch kein gutes und allgegenwärtiges vegetarisches/veganes Angebot. Und den meisten Menschen fehlt das Wissen, um eine große Auswahl an gut schmeckenden und günstigen vegetarischen/veganen Gerichten selbst zuzubereiten.“