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Bundestagswahlen: Plädoyer für eine ehrliche Darstellung der Ergebnisse

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Bei der Auswertung der Wahlen werden nur die Anteile der Parteien der abgegebenen Stimmen präsentiert. So suggerieren die Zahlen einen größeren Rückhalt der Parteien in der Wahlbevölkerung als tatsächlich vorhanden.
Mittwoch, 25. September 2013
Wahlergebnis 2013 - ehrlich

Diese Darstellung des kompletten Wahlergebnisses ist nach Ansicht des Autors ehrlicher. Sie würde das Missverständnis vermeiden, die Sitzverteilung entspräche dem prozentuellen Rückhalt der einzelnen Parteien im Wahlvolk. | Grafik: Rainer Rosenzweig

Die in den Medien übliche Darstellung der Wahlergebnisse empfinde ich als irreführend. Angegeben werden nicht die tatsächlich auf die Parteien entfallenen Stimmenanteile, sondern nur die Anteile der abgegebenen Stimmen. Dabei fällt die große Anzahl der nicht abgegebenen Stimmen regelmäßig unter den Tisch. Außerdem suggerieren die Zahlen den Parteien einen größeren Rückhalt in der Wahlbevölkerung als tatsächlich vorhanden.

In der obigen Tabelle sind die tatsächlichen Stimm-Anteile aller wahlberechtigter Bürgerinnen und Bürger angegeben. In der ersten Zeile als absoluter Zahlenwert, also als Anzahl der (Zweit-)Stimmen, die auf die jeweilige Partei gefallen sind. In der zweiten Zeile ist der daraus resultierende Prozentwert angegeben, also der Anteil der wahlberechtigten Bevölkerung, der dieser Partei ihre Stimme gegeben hat. Dies sollte der politische Richtwert und die Grundlage für die künftige Rolle einer Partei - im Vergleich zu ihren Mitbewerbern - sein. Nur in der untersten Zeile sind die Prozentangaben bezogen auf die abgegebenen Stimmen angegeben. Dort stehen die Werte, die üblicherweise in den Medien als Endergebnis dargestellt werden.

Demnach stimmten bei der diesjährigen Wahl nicht einmal ein Drittel aller Wahlbeteiligten für die „Wahlsieger“ der Unionsparteien. CDU und CSU kommen zusammen auf 29,3 Prozent. Tatsächlich hat selbst eine Große Koalition beim Wahlvolk keine Mehrheit: Gerade einmal 47,5 Prozent aller Wahlberechtigten stimmten für CDU, CSU und SPD zusammen.

Nichtwähler nicht weiter ignorieren!

Die stärkste Gruppe ist mit 28,5 Prozent nach wie vor die der Nichtwähler, auch wenn dieser Anteil im Vergleich zur vorangegangenen Wahl leicht, um unbedeutende 0,7 Prozent, abgenommen hat. Vielleicht sollten die Parteien - bei allem verständlichen Jubel oder Wehklagen - auch mal dieses Ergebnis ernst nehmen, über ihre eigene Legitimation beim Wahlvolk kritisch nachdenken und diesen von keinem Demokraten erwünschbaren Trend gemeinsam entschlossen angehen.

Angela Merkel

Sie ist wieder zur Bundeskanzlerin gewählt worden, allerdings stimmten prozentual deutlich weniger Deutsche für Angela Merkel als die Ergebnisdarstellung vermuten lässt | Foto: Alexander Kurz, (CC-BY-SA-3.0)

Künftige Mehrheiten

Ob künftig für die Bildung von Regierungen auch weiterhin eine Mehrheit nach abgegebenen Stimmen ausreicht oder ob dazu eine Mehrheit beim Wahlvolk nötig sein soll, ist eine Debatte, die bei uns – jedenfalls nach meiner Wahrnehmung – nie geführt wurde. Dies liegt wohl auch zu großen Teilen daran, dass wir uns an die Darstellung in Prozenten der abgegebenen Stimmen gewöhnt haben und unsere Intuition darauf abgestimmt haben, dass eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen ohne weiteres Nachdenken als „Mehrheit“ akzeptiert wird. Bei einer wachsenden Gruppe von Nichtwählern eine, wie ich meine, problematische Illusion.

Appell an die Medien

An die Medien ist zu appellieren, die oben beschriebene ehrlichere Darstellung an den Wahlabenden wenigstens zusätzlich mit anzubieten, um das Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Wenn sich die Medien auf eine Darstellung der Ergebnisse beschränken wollen, etwa um die Zuschauer, Zuhörer oder Leser nicht zu verwirren, dann sollte die ehrlichere Darstellung gewählt werden, die anzeigt, wie viel Prozent der Wahlberechtigten (und eben nicht der abgegebenen Stimmen) auf die Parteien entfielen.