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Wir müssen die einfachen Fragen stellen

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Im vergangenen Jahr hatte der Bestseller-Autor Ingo Schulze in der Süddeutschen Zeitung „13 Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft“ veröffentlicht und war damit auf eine enorme Resonanz gestoßen. Im Interview spricht er über die Finanz- und Wirtschaftskrise und bezieht Stellung zu unserem Selbstverständnis als politisch denkende Bürger.
Dienstag, 17. September 2013

Im Zusammenhang mit den „Rettungszahlungen" hat man den Eindruck, dass über etwaige Alternativen gar nicht nachgedacht wird. Zahlen oder Untergang, lautet die apokalyptische Devise. Können unsere gewählten Volksvertreter aus dem Kreislauf der Zahlungen nicht mehr austreten, weil ein Nein zu weiteren Geldern die bisherigen Zahlungen ad absurdum führen würde?

Ich glaube, dass unsere Volksvertreter das gar nicht wirklich verstehen. Natürlich können diese Schulden nicht zurückgezahlt werden. Aber es wird vor allem für die Zukunft in vielen Staaten den politischen Handlungsspielraum so weit einengen, dass die soziale Lage unerträglich wird. Und das ist Gift für die Demokratie.

Sie vergleichen die politische Kultur der angeblichen Alternativlosigkeit mit der Angleichung des ostdeutschen Wirtschaftssystems an die westdeutsche Marktwirtschaft in den Nachwendejahren. Inwiefern wiederholt sich hier die Geschichte?

Eine Welt ohne Alternative führt zu dem Unsinn von alternativlosen Entscheidungen zu sprechen. Die Einführung der D-Mark im Osten und die Einführung des Euro haben ähnliche Folgen, ganze Regionen werden ihrer Produktivität beraubt. Statt einer Angleichung werden die Unterschiede immer größer.

Schulze_Unsere schönen neuen Kleider

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren, studierte klassische Philologie in Jena und arbeitete in Altenburg als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Seit 1993 lebt er in Berlin. Seine Bücher wurden vielfach ausge­zeichnet und in mehr als 30 Sprachen übersetzt. „Aber er hat ja gar nichts an!“, ruft das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und spricht damit aus, was alle sehen, doch nicht zu äußern wagen. Diese Parabel auf die Bereitschaft des Menschen zum Selbstbetrug stellte Ingo Schulze in seiner Dresdner Rede voran, die im Juli 2012 als Buch erschienen ist. In seiner so faktenrei­chen wie poetischen Analyse des Status quo benennt er die Ursachen von Demokratiever­lust und sozialer Polarisierung in unserer von Globalisierung geprägten Gesellschaft.

Wünschen Sie sich, dass die europäischen Rettungsmaßnahmen greifen? Oder würde damit der neoliberale Kapitalismus zum „Sieger der Geschichte"?

Die Frage ist, was „greifen" bedeutet. Die Frage ist, wer hat etwas davon. Ich bin mir sicher, dass es einen Verzicht auf die Rückzahlung geben wird und geben muss. Inzwischen ist vieles über die Zinsen wieder eingetrieben, aber nehmen Sie zum Beispiel Argentinien. Das Aufkündigen der Schuldenzahlung war der notwendige Befreiungsschlag. Den brauchen wir auch hier.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat globale Auswirkungen. Hilfsgelder für Entwicklungsländer werden gestrichen, den Programmen zur Bekämpfung von HIV/Aids oder Armut werden die Gelder gekürzt. Geht mit der Krise auch unsere Menschlichkeit verloren?

Nicht erst mit der Krise, die verschärft vieles nur. Schlimmer noch als die Kürzungen der Hilfsgelder sind einige Agrarsubventionen, die in armen Ländern die Märkte ruinieren, weil die europäischen Produkte billiger sind als jene der einheimischen Anbieter. Ein Verbrechen sind für mich auch die Spekulationen mit Nahrungsmitteln. Das heißt, es wird bewusst Hunger und Hungertod in Kauf genommen, um höhere Renditen zu erwirtschaften.

Wie weit sind unsere Demokratie und unser gesellschaftliches Miteinander von dem entfernt, was Sie sich 1989 erträumt haben?

Oh, das ist eher Stoff für Erzählungen und Romane, da fange ich jetzt gar nicht erst an. Wichtig ist aber festzuhalten: Mit 1989/90 haben sich Selbstverständlichkeiten herausgebildet, die wir heute unbedingt befragen und auch in Frage stellen müssen.

Sie sagten in Dresden auch, dass Sie heute vorsichtig wären mit der Verwendung des Begriffs „Unrechtsstaat“ für die DDR. Warum?

Weil dieser Begriff zu einer Art „Gessler“-Hut geworden ist, den man wie im Wilhelm Tell grüßen muss. Wehe, du grüßt nicht, wehe, du springst nicht über dieses Stöckchen. In einem Teil der Justiz der DDR, sofern sie ins Politische reichte, gab es kein Rechtsbewusstsein, im Familienrecht oder Arbeitsrecht schon. Der Begriff ist einfach zu undifferenziert. Wenn die DDR ein Unrechtsstaat war, ist jeder Bürger der DDR kompromittiert, der nicht im Widerstand war. Und nichts, was im Osten versucht wurde, ist dann noch wert, dass man darüber nachdenkt. Und das finde ich falsch.

Der Soziologe Harald Welzer sprach vor einer Weile davon, dass wir uns wieder ernster nehmen müssen. Auch Sie plädieren dafür, wieder unseren Sinnen zu vertrauen, wenn es darum geht, die Realität zu bewerten. Haben wir uns von der Komplexität der Dinge so sehr einschüchtern lassen, dass wir das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten?

Wenn schon die Experten das alles nicht verstehen, wie soll ich es dann verstehen – das ist das gängige Muster, dessen sich auch Politiker bedienen. Aber selbstverständlich kann ich verstehen, wem etwas nützt und wem etwas schadet. Es ist gar nicht schwer, etwas zu ändern. Es ist oft eine Frage von Steuergesetzen. Und wer Hedge-Fonds erlaubt, kann sie auch wieder verbieten. Wir müssen die einfachen Fragen stellen. Warum brauchen wir das? Wem nutzt es?

Auffällig ist, dass selbst die intellektuellen Eliten ins Schweigen verfallen sind. Ist der mündige Bürger, der sich auch als einen solchen begreift, eine aussterbende Spezies?

Es ist eine Art Selbstentmachtung. Gerade die sogenannten Eliten können keine Alternative mehr denken. Dabei wäre doch das ihre Aufgabe.

Inwiefern ist die Empörung, die bei Stuttgart 21 oder der Occupy-Bewegung zu spüren war, Ausdruck dessen, dass Bürger wieder anfangen, sich selbst ernst und ihre gewählten Vertreter in die Pflicht zu nehmen?

Auch wenn der praktische Erfolg bisher gering war, im öffentlichen Bewusstsein haben sie viel erreicht. Es ist wichtig, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Das waren und sind Übungen darin.

Wie kann der Wutbürger wieder zum souveränen Citoyen werden?

Indem er die ganze Gesellschaft im Blick hat und nicht nur den Bahnhof vor der Haustür. Aber das passiert ja zum Glück.

Glauben Sie an Gott oder ein Leben nach dem Tod?

Nein, ich glaube weder an das eine noch an das andere. Ich bin christlich erzogen worden. Aber mit sechzehn, siebzehn dachte ich: Wenn ich an einem anderen Ort dieser Welt geboren worden wäre, wäre ich ein Moslem oder Hindu. Ich gab meinen Glauben auf, um mir souverän einen Glauben zu wählen. Das war allerdings sehr schmerzlich, denn letztlich – das klingt jetzt so flapsig – verlor ich ja mein ewiges Leben. Und das hat mich schon erschüttert.

Wieviel Rücksicht muss eine säkulare Gesellschaft auf Religionen und ihre Anhänger nehmen? Oder anders gefragt: Wie weit darf Religionskritik gehen?

Es sollten Regeln sein, die überhaupt für den Umgang mit anderen Menschen gelten. Wir brauchen Religionskritik wie wir Gesellschaftskritik brauchen. Und wenn etwas hier oder da die Würde des Menschen bedroht, muss man das sagen und ändern. Ich würde niemanden von meiner Ansicht überzeugen wollen, dass es Gott nicht gibt, möchte aber auch nicht missioniert werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, worin bestünde dieser?

Dass jede und jeder genug zu essen und zu trinken hat, nicht bedroht wird von Krieg und Gewalt, ein Dach über dem Kopf hat, dass Bildung und Gesundheitsfürsorge nicht vom Geldbeutel abhängen... damit würde ich anfangen.

Herr Schulze, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!