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Wir müssen die einfachen Fragen stellen

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Im vergangenen Jahr hatte der Bestseller-Autor Ingo Schulze in der Süddeutschen Zeitung „13 Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft“ veröffentlicht und war damit auf eine enorme Resonanz gestoßen. Im Interview spricht er über die Finanz- und Wirtschaftskrise und bezieht Stellung zu unserem Selbstverständnis als politisch denkende Bürger.
Dienstag, 17. September 2013
Ingo Schulze

Ingo Schulze | © Tobias Bohm

Ihrer in Buchform erschienenen Dresdener Rede haben Sie den Titel „Unsere schönen neuen Kleider“ gegeben und spielen dabei mit Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Was hat diese Geschichte mit unserer Demokratie zu tun?

Ingo Schulze: Was offensichtlich ist, muss von der Mehrheit nicht als offensichtlich wahrgenommen werden. Das ist auch meine heutige Erfahrung. Das Gemeinwesen lässt sich – nicht nur in Deutschland – an der Nase herumführen. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert. Die Finanzkrise und alles, was danach kam, hat dieses Prinzip noch einmal drastisch illustriert.

Wer ist in unserer Situation betrogener Kaiser und wer Betrüger?

In der Demokratie sollten die Wähler der Souverän, also der Kaiser sein. Aber dieser Souverän hat sich da etwas aufschwatzen lassen, das nicht nur seinen bisherigen Erfahrungen widerspricht, sondern auch dem Augenschein. Nur weil der Kaiser sich selbst mit seinem Wissen und seinen fünf Sinnen nicht ernst nimmt, kann man so mit dem Souverän umspringen. Wie im Märchen sind auch in unserer Wirklichkeit die Betrüger äußerst clever und kaltschnäuzig. Sie schicken sogar sogenannte Leihbeamte in die Ministerien, die in der Funktion von Beamten von den Konzernen weiter bezahlt werden und nun jene Gesetze mit verfassen, die dafür gedacht sind, die Konzerne zu kontrollieren. Aber nicht die Betrüger sind das Problem, Betrüger wird es immer geben, sondern der schwache Kaiser ist das Problem, also wir, das Gemeinwesen, weil wir dem Gerede von hochbezahlten Experten mehr vertrauen als uns selbst.

Auf die Bankenkrise zurückblickend kommt man zu dem Schluss, dass mit der öffentlichen Hand und dem Steuerzahler diejenigen die Zeche der Banken gezahlt haben, die selbst am wenigsten dazu beigetragen haben. Können Sie das alles noch nachvollziehen?

Man kann es nachvollziehen, weil es ja in aller Regel legal ist, was da gemacht wird. Nicht die Börsianer sind daran schuld, sondern wir, die wir weder jene Politiker wählen, die das unterbinden, noch selbst außerparlamentarisch stark genug sind, um das zu verhindern.

Welche „schönen neuen Kleider“ will man uns verkaufen? Und welche nackten Tatsachen verbergen sich dahinter?

Da ließe sich viel aufzählen, aber entscheidend sind die Selbstverständlichkeiten, die sich mit den Ereignissen von 1989/90 weiter ausgeprägt und verfestigt haben und die wir als Gesellschaft widerspruchslos akzeptieren und gar nicht mehr als etwas historisch-politisch Gewachsenes erleben, sondern als „natürliche“ Wahrheiten hinnehmen. So nehmen wir hin, dass immer und überall Privatisierungen gut sein sollen, dass Regularien nur die Freiheit einschränken und das Wachstum hemmen, dass wirtschaftliches Wachstum unser größtes und einziges Ziel ist. Es geht letztlich um mehr und mehr Profit auf der einen Seite und eine immer größere öffentliche Verschuldung und Armut bis hin zur Verelendung auf der anderen Seite. Selbst die Bahn wollte man privatisieren, was zur Folge hatte, dass hier in Berlin der S-Bahn-Verkehr für mehrere Monate stark gestört war oder teilweise sogar zum Erliegen kam, weil die S-Bahn zu Tode gespart worden war, um bessere Zahlen für den geplanten Börsengang zu erschleichen.

Im gesellschaftlichen und politischen Diskurs obsiegen immer wieder die euphemistischen Beschreibungen der Wirklichkeit, angebliche Experten und Berater sorgen dafür. Profite streichen wenige ein, Verluste muss die Masse tragen. Ist Colin Crouchs These der Postdemokratie längst Wirklichkeit?

Sie müssen ja nur den Armuts- und Reichtumsbericht lesen. Wenn die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur über ein Prozent des Vermögens verfügt, die oberen zehn Prozent aber über 53 Prozent, dann wird der Reichtum des Landes unverhältnismäßig verteilt. In allem, was uns umgibt, stecken die Erfahrungen und das Wissen der Menschheit seit tausenden Jahren. Eine Maschine ist eine gigantische Anhäufung solchen Menschheitswissens. Aber die Früchte dieses Wissens eignet sich jemand an, dem diese Maschinen gehören. Statt von Post-Demokratie würde ich lieber von Pseudo-Demokratie sprechen. Denn letztlich ist es eine kleine Schicht von Menschen, die wie in einer Oligarchie ein Heer von Lobbyisten unterhält, das die Politik in ihrem Sinn beeinflusst und lenkt.

Sie fordern ein Ende der marktkonformen Demokratie und stattdessen demokratiekonforme Märkte. Was müsste sich dafür ändern?

Vor allem unser Selbstbewusstsein als mündige Bürger und damit unser Blick auf die Welt. Wenn ich es mit einem Bild beschreiben darf: Vor der Tagesschau wird ein Börsenbericht gegeben. Die Moderatoren sind begnadete Erzähler, die aus nichts eine Geschichte zu machen verstehen und freudig gestimmt sind, wenn die Kurse steigen, und die Traurigkeit und Skepsis ausstrahlen, sofern die Kurse sinken. Nach der Tagesschau kommt das Wetter, das ebenso gut moderiert wird. Man braucht es sich gar nicht bewusst zu machen, man versteht intuitiv: Börse und Wetter sind objektiv gegeben, dazwischen spielt sich das Weltgeschehen ab, das mehr oder minder eine Reaktion auf die Objektivität ist. Es ist so lächerlich, wenn Politiker das Primat der Politik einklagen aber schon im nächsten Satz sagen, dass sie die Märkte beruhigen müssen.

Dem Philosophen Byung-Chul Han zufolge setzt sich die „Vermarktung der Welt“ bis in uns selbst fort – „bis in die Seele eines jeden“. Ist ein Ausweg aus der allumfassenden Vermarktung des Lebens überhaupt möglich?

Es ist möglich, aber man braucht Gleichgesinnte dazu. Es geht darum, Distanz zu dem zu gewinnen, was da mit einem vorgeht. Nehmen Sie die Sprache. Nichts ist uns selbstverständlicher als der tägliche Sprachgebrauch. Es wäre gar nicht möglich, über jedes Wort immer wieder und wieder wirklich nachzudenken, wohin es mich führt und welche Konsequenzen es hat. Trotzdem muss ich mich möglichst häufig fragen: was sage ich da eigentlich, wenn ich von Arbeitgeber und Arbeitnehmer spreche. Heißt das nicht letztlich, ich muss alles dafür tun, dass es den Arbeitgebern gut geht, denn woher soll denn sonst die Arbeit kommen? Man muss sozusagen eine andere Berichterstattung über die Börse bringen. Denn steigende Aktien müssen ja nicht per se gut sein. Sie können ebenso gut ein Hinweis auf drohende Inflation sein, wie dafür, dass Tausende ihren Arbeitsplatz verlieren oder unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und unsere Lebensgrundlagen dabei zerstören.

Wundert es Sie, dass an den Börsen die Zocker wieder rauschende Feste feiern oder war das die logische Konsequenz der fast bedingungslosen Bankenrettung?

Als Zocker würde ich auch feiern und hätte nur Spott und Verachtung für jene, die mir nicht das Handwerk legen.