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„An einer Impfpflicht führt kein Weg vorbei“

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Sinkende Impfquoten, Kreationismus im Biologie-Unterricht, Astrologie als Studienfach – quo vadis, Bildungsrepublik Deutschland? Wir haben deshalb beim Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken nachgefragt, wo die Wählerinnen und Wähler bei der Bundestagswahl im September mit gutem Gewissen ihre Kreuzchen setzen können.
Freitag, 16. August 2013
Foto: endless autumn / Flickr / CC-BY-SA

„Hogwarts an der Oder“ – Die Uni Frankfurt/Oder machte im letzten Jahr Schlagzeilen. Wie seriös sind denn die Parteien in Fragen der Wissenschaftspolitik? Foto: endless autumn / Flickr / CC-BY-SA

Das Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken ist die zentrale Informationsstelle der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit mehr als 1.200 Mitgliedern. Unsere Fragen beantworteten Martin Mahner, Leiter des GWUP-Wissenschaftszentrums, Inge Hüsgen, Chefredakteurin der Zeitschrift Skeptiker, und der GWUP-Vorsitzende Amardeo Sarma.

Globuli als Kassenleistung, Waldorf-Pädagogik in Schulen, Esoterik sogar an Unis auf dem Vormarsch, wachsende Impfskepsis: Die Politik scheint immer deutlicher in der Pflicht. Aber lassen sich hier in den Parteien überhaupt klare Neigungen bzw. Tendenzen entdecken?

Pauschal lassen sich hier keine Tendenzen ableiten. Darüber hinaus gibt es große Unterschiede zwischen den Kandidaten ein und derselben Partei. Auch zwischen den Parteien sollte man die einzelnen Themen gesondert betrachten.

Bei welchen Parteien finden sich deutliche Bekenntnisse zur evidenzbasierten Medizin und zur Beachtung wissenschaftlicher Standards in Bildungseinrichtungen wie Schulen und Hochschulen, bei welchen nicht?

Lippenbekenntnisse zur evidenzbasierten Medizin und zur Wissenschaft kommen aus allen Parteien. In der Praxis sieht es leider anders aus. Seit der Einführung des unsäglichen „Binnenkonsenses“ in der Medizin durch die sozialliberale Koalition Mitte der 70er Jahre wurde diese Politik von allen Koalitionen, ob Schwarz-Gelb, Rot-Grün oder Schwarz-Rot, weiter vorangetrieben und ist inzwischen auch auf EU-Ebene verankert.

Nach dem „Binnenkonsens“ für die sogenannten besonderen Therapierichtungen (Homöopathie, anthroposophische Medizin und Phytotherapie) können die jeweiligen Protagonisten nach eigenem Gutdünken ohne neutrale Kontrolle festlegen, welche Präparate zugelassen werden. Ein objektiver Wirksamkeitsnachweis wird gar nicht erst verlangt, denn dann würden die homöopathischen und anthroposophischen „Arzneien“ vom Markt verschwinden.

Die Politik – sprich: die Gesamtheit der Parteien, die in Bund und Ländern Verantwortung tragen – hat offenbar auch kein Problem damit, dass Pseudowissenschaften an Universitäten gelehrt werden. Wir sehen überall in der Bundesrepublik, dass Stiftungen und ausländische Regierungen Lehrstühle einkaufen können, die „Europa-Universität Viadrina“ – auch als „Hogwarts an der Oder“ bekannt – ist nur ein besonders exponiertes Beispiel.

Allein die Piratenpartei hat sich anscheinend klar zugunsten einer wissenschaftlichen Medizin positioniert. Aber noch ist sie nirgends in der Pflicht, auf Worte politische Handlungen folgen zu lassen.

Bild: Montage

Ein aktuelles Thema der vergangenen Wochen war der Rückgang bei der Masernimpfung: Wie haben sich hier bisher die Vertreter der Politik positioniert, etwa zur Forderung nach einer Impfpflicht?

Erfreulicherweise gibt es hier in den meisten Parteien ein klares Bekenntnis zur Notwendigkeit von Impfungen; insbesondere bei den Kinderkrankheiten, die in den letzten Jahren durch die Impfmüdigkeit und Impfverweigerung zugenommen haben und erheblichen Schaden anrichten.

Zu begrüßen ist auch, dass sich immer mehr Politiker für eine Impfpflicht aussprechen. Ob sich dies in Richtung einer klaren Gesetzgebung entwickelt, ist eher zu bezweifeln. Aber genau hier sollte der Druck auf die Verantwortlichen bestehen bleiben, um vermeidbare Gesundheitsschäden abzuwenden.

An einer Impfpflicht, notfalls gegen den Willen uneinsichtiger Eltern, führt kein Weg vorbei. Auch wenn an erster Stelle stets eine umfassende und wissenschaftlich fundierte Information über Nutzen und Risiken steht: Das Recht auf körperliche Unversehrtheit der Betroffenen – nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen, die durch eine zu niedrige Impfquote zu Schaden kommen können – muss letztendlich Vorrang haben vor dem Recht der Eltern, ihre ideologischen Spinnereien auszuleben.

Foto: Michael Panse / Flickr / CC-BY-SA

Früher verursachten Masern jährlich tausende Todesfälle: Trotzdem ist CSU-Chef Seehofer gegen die Impfpflicht – Impfgegner gibt es aber in allen Parteien. Foto: Michael Panse / Flickr / CC-BY-SA

Im Juni hatte die SPD-Fraktion im Bundestag eine kleine Anfrage „Komplementärmedizin – Forschung und Anwendung in Deutschland“ an die Bundesregierung gestellt. Mitte Juli antwortete die Regierung. Wie bewerten Sie die Antwort der Bundesregierung?

Einige Informationen in der Antwort über die Verbreitung der Pseudomedizin sind sehr interessant und nützlich. Darüber hinaus zeigt sich sowohl bei der Anfrage als auch bei der Antwort die Überzeugung, dass es keinen Wirksamkeitsnachweis für die Pseudomedizin gibt. Dennoch werden rationale Konsequenzen weder gefordert noch erwogen. Stattdessen setzt man auf weitere Forschung, wohl um Zeit zu gewinnen. Es soll der Eindruck erweckt werden, ein Wirksamkeitsnachweis sei doch noch realistisch zu erwarten.

Die Begriffe „Alternativmedizin“, „Komplementärmedizin“ und „integrative Medizin“ dienen in diesem Zusammenhang lediglich dazu, Pseudomedizin in ein besseres Licht zu rücken. Als negativen Gegenbegriff führt man gern das Wort „Schulmedizin“ im Munde –  als gäbe es zwei Arten von Medizin.

Man scheut sich davor, die eigentliche Unterscheidung vorzunehmen: die Trennung zwischen objektiv wirksamer Medizin auf der einen und wirkungsloser Nichtmedizin bzw. Pseudomedizin auf der anderen Seite. Denn hätten diese „besonderen Therapierichtungen“ wirklich das Potenzial, die Wirksamkeit ihrer Mittelchen zu belegen, bräuchten sie den „Binnenkonsens“ nicht. Solch eine schamlose Selbstbedienung würde in keinem anderen Bereich geduldet, doch im Gesundheitswesen scheint mit Hilfe der Politik alles möglich.

Ein wichtiges Thema ist auch die gesellschaftliche Akzeptanz der wissenschaftlichen Evolutionstheorie: Haben sich hier in den vergangenen Jahren bestimmte Parteien besonders hervorgetan – positiv oder negativ?

Hier ist keine besondere Tendenz hinsichtlich von Parteien zu erkennen. Es sind eher Einzelpolitiker, die sich gelegentlich kreationismusfreundlich äußern, wie es z.B. die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolff im Jahr 2007 getan hat.

Was kann der Grund dafür sein, dass eindeutige Haltungen im Sinne seriöser Wissenschaftspolitik auf diesem Gebiet so selten zu finden sind? Könnte man sogar von einem Versagen der Politik sprechen?

Man kann durchaus sagen, dass sämtliche Parteien bei der Aufrechterhaltung wissenschaftlicher Standards versagt haben. Allerdings sind dafür nicht alleine die Politiker verantwortlich. Sie reagieren oft nur auf wirkliche oder vermeintliche Forderungen ihrer Wähler und auf die Meinung von echten oder vermeintlichen Experten.

Schwerer noch wiegt das Versagen der Verantwortlichen an Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen, gerade im Bereich der Medizin. Dabei sollte man meinen, sie wüssten es besser. Tatsächlich wären sie in der Lage, die Politik im Sinne der Einhaltung wissenschaftlicher Qualität und Standards zu beeinflussen.

Einhalten von Standards in Wissenschaft und Forschung Bei der 6. Welt-Skeptiker-Konferenz im Mai 2012 verabschiedeten die internationalen Skeptiker-Organisationen CSI und ECSO sowie die GWUP eine Resolution gegen Pseudowissenschaft. In der Resolution heißt es anderem: „Wissenschaftler und Skeptiker aus aller Welt sind tief besorgt über die wachsende Toleranz, Akzeptanz und sogar Förderung von pseudowissenschaftlichen und okkulten Ideen und Praktiken in Wissenschaft, Hochschule und Bildung.“ Die Erklärung rief alle Verantwortlichen dazu auf, zu den Standards guter wissenschaftlicher Praxis zurückzukehren. Die gesamte Resolution im Netz: www.worldskeptics.org/de/home-de

Stattdessen lassen sie zu, dass ideologisch ausgerichtete Interessengruppen schadlos Stiftungsprofessuren einkaufen. Angehende Mediziner und Apotheker werden inzwischen auch in pseudomedizinischen Verfahren, wie der Homöopathie und anthroposophischen Medizin, ausgebildet. Man verschweigt ihnen jedoch, dass diese Verfahren keinen positiven Beitrag zur Gesundheit leisten, sondern lediglich den Gewinninteressen der Anbieter dienen.

Gesundheits-, Wissenschafts- und Bildungspolitik sind gesellschaftlich zentrale Themen. Zum Schluss daher bitte eine kleine Empfehlung: Für welche der Parteien können sich Skeptiker am ehesten erwärmen – oder stellt sich am Wahlsonntag bestenfalls die Frage nach dem kleineren Übel?

Aufgrund des breiten weltanschaulichen Spektrums in der Mitgliederschaft, aber auch aus prinzipiellen Gründen gibt die GWUP keine Wahlempfehlung für einzelne Parteien. Jeder Wähler hat jedoch die Möglichkeit, direkt auf seine Kandidaten und später auf seine Bundes- und Landtagsabgeordneten Einfluss zu nehmen.

Foto: gruenenrw / Flickr / CC-BY-SA

In skeptischen Kreisen mittlerweile als Esoterik-Ministerin verschrien: NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens. Foto: gruenenrw / Flickr / CC-BY-SA

Wir empfehlen, im Wahlkampf einzelne Kandidaten in die Pflicht zu nehmen: Wie stehen sie zur evidenzbasierten Medizin? Stimmen sie der Forderung nach Abschaffung des Binnenkonsenses in Deutschland und auf europäischer Ebene zu? Richten sie ihre Politik nach wissenschaftlichen Erkenntnissen aus, auch wenn diese gegen ihre ideologische – oder religiöse – Position zu sprechen scheinen? Bei Landtagswahlen ist zu fragen: Inwieweit fördern sie Wissenschaft und kritisches Denken in Schulen und mit welchen Mitteln?

Wo gibt es noch Möglichkeiten, die eigenen Stimmen möglichst effektiv einzusetzen?

Bei Bundestagswahlen und einigen Landtagswahlen können Wähler die Erststimme, unabhängig von der Gesamtpräferenz für eine Partei, denen geben, die sich am klarsten für Wissenschaft und eine wissenschaftsbasierte Medizin ausgesprochen haben. Mit einer Wahl ist es jedoch nicht getan.

Sondern womit?

Das Ziel muss sein, dass sich alle verantwortlichen Parteien primär nach verlässlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen richten, erst auf dieser Basis kann eine parteipolitische Differenzierung erfolgen. Dafür bedarf es einer klaren wissenschaftlichen Positionierung führender Wissenschaftler und der wissenschaftlichen Institutionen in Deutschland. Sie alle müssen wieder Rückgrat zeigen, statt sich von Interessengruppen einkaufen zu lassen.

Vielen Dank für das Interview.