Direkt zum Inhalt

Schule ohne Gott

DruckversionEinem Freund senden
Die Humanistische Grundschule in Fürth ist die erste Privatschule Deutschlands, die sich in säkular-humanistischer Tradition verortet. Hier sollen bereits sechs- bis zehnjährige Kinder lernen, ihren eigenen Weg zu gehen. Ohne Religion, ohne Kirche, ohne Pfarrer, die von oben ihre Wahrheit vorbeten. Selbstbestimmung schon für Grundschüler? Fürth beweist: Es ist möglich.
Donnerstag, 28. November 2013
Foto: Uwe Körner

„Die Kirchen haben Angst vor uns“, sagt Ulrike von Chossy. Sie hat die Humanistische Grundschule im fränkischen Fürth gegründet. Vor fünf Jahren wurde die Schule eröffnet. Foto: Uwe Körner

„Die Kinder haben mich rausgeworfen, weil ich geschwätzt habe!“ Ulrike von Chossy ist Schulleiterin der Humanistischen Grundschule in Fürth, an der die Dinge ein wenig anders laufen. Frau von Chossy hatte einen Diskurs im Kinderrat unterbrochen. Die Schüler können dort untereinander ihre Probleme besprechen. Unterbrechungen durch vorlaute Direktorinnen nehmen die Diskussionsteilnehmer nicht hin.

„Und einmal“, erzählt die Schulleiterin weiter, als wir durch das Schulgebäude schlendern, „habe ich von den Kindern Ärger bekommen, weil ich bei der Feuerübung im Gebäude geblieben bin. Mir ist dieses Geräusch einfach auf die Nerven gegangen, da wollte ich es ausschalten. Aber die Schüler haben ja Recht, ich muss mich auch an die Regeln halten.“ Die Regeln sind ihre eigenen, denn Frau von Chossy hat maßgeblich das pädagogische Konzept der Schule entwickelt.

Wo Kinder selber lernen

Es ist 9.30 Uhr. Auf dem Stundenplan steht „Freie Arbeit“. Im Klassenzimmer, erster Stock: Kinder aus der dritten und vierten Klasse, eine Lehrerin und ein Praktikant namens David, der Erziehung studiert und gerade hier aushilft. Die Kinder setzen sich im Kreis auf den Boden. Die Lehrerin stellt sich vor das Whiteboard und schreibt mit einem schwarzen Filzstift „1. Vergangenheit“ an. Frontalunterricht gibt es an dieser Schule selten. Er kommt nur dann zum Einsatz, wenn den Schülern grundlegend neuer Stoff erklärt wird.

Foto: A. Müller

„Ich bin fertig, also darf ich spielen.“ Foto: A. Müller

Die Kinder melden sich und versuchen, die neue Zeitform zu verstehen. „Das schreibt man, wenn man etwas Vergangenes erzählt“, sagt Thomas (Namen der Kinder geändert, d. Red) und nennt ein Beispiel: „Der Herr der Ringe ist schon lange her, also schreibt man den in der Vergangenheit.“ Ganz mythenfrei ist die Schule offenbar noch nicht. „Ich pinkle gleich!“, flüstert Michael und wippt unruhig hin und her. „Nein“, korrigiert ihn seine Mitschülerin Susi. „Das ist Zukunft.“ Julia reicht die Aufgabe lieber gleich weiter: „Der David meldet sich!“, sagt sie und zeigt auf den Praktikanten. „Ich melde mich nicht“, wehrt sich David.

Als das Präteritum halbwegs verstanden ist, geht es ans Eingemachte: Die Kinder schreiben zuerst den Stoff vom Whiteboard ab, dann füllen sie ein Aufgabenblatt aus – selbständig. So arbeiten sie sich durch die Lehrpläne, die das bayerische Kultusministerium vorgibt. Wenn jemand auf die Toilette muss, geht er einfach. Man darf es nur nicht zu oft tun. „Du warst doch gerade schon!“, ermahnt die Lehrerin Julia. Die Stille ist ohrenbetäubend. Während die Schulleiterin gerne plaudert, erledigen die Kinder offenbar schon in der dritten Klasse ihre Arbeit lieber bei klösterlicher Ruhe.

Foto: HVD Bayern

Neubau des Schulgebäudes: Bald sind die Arbeiten an dem modernen Bildungscampus beendet. Foto: privat

Susi aus der vierten Klasse steht auf und hüpft zu Julia hinüber. Diese ist noch nicht so weit mit dem Aufgabenblatt. Susi erklärt ihr, wie sie die Aufgaben lösen kann. „Wir müssen herausfinden, wie man die Lücken ausfüllt. Schau mal, ein paar Ergebnisse stehen schon da!“ Derweil sitzt Peter auf dem Teppich und stapelt Bauklötze. „Ich bin fertig, also darf ich spielen“, sagt er und macht ein stolzes Gesicht. Aus dem CD-Player erklingt auf einmal ein englisches Kinderlied. „Was heißt das, Michael?“, fragt die Lehrerin. Der Junge tanzt durch das Zimmer und singt mit: „We want to be with our family!“, dann bleibt er stehen. „Das heißt, wir sollen leise sein und aufräumen“, erklärt er. Die Musik ist das Signal für die Frühstückspause. Unten im Erdgeschoss gibt es Frühstück und die Schüler laufen, hüpfen oder tanzen hinunter.

Die „Families“ der Kinder schauen immer wieder gerne in der Schule vorbei. Das berichtet eine Mutter, die ich im Eingangsbereich antreffe. Manchmal helfen sie dem Nachwuchs vor Ort beim Lernen. Hausaufgaben gibt es in der Regel keine.

„Ich führe Sie herum!“

Frühstückszeit: Die Kinder sitzen unten im Speiseraum zusammen und essen ihre mitgebrachten Pausenbrote. „Darf ich mich zu euch setzen?“, frage ich vier Jungen, die sich einen Tisch teilen. Viel mehr muss ich gar nicht sagen, denn zu den Jungen gehören der Streitschlichter und ein ehemaliger Klassensprecher. Die nächsten fünfzehn Minuten halten die beiden Vorträge über den Aufbau der Schule, über die verschiedenen Aufgaben, die Schüler hier übernehmen können, und sie verschweigen auch nicht das, was ihnen missfällt.

„Es ist auch nicht alles gut an der Schule! Der letzte Koch war nicht gut“, sagt Johannes. „Der hat so einen widerlich süßen Brei gemacht, bäh!“ Daniel zuckt mit den Schultern. „Aber jetzt schmeckt das Essen.“ Die vier Jungs nicken einvernehmlich. „Im Pausenhof gibt es nicht genug Action-Sachen!“, betont der Streitschlichter, Johannes. „Ich meine Schaukeln und so.“ „Und unsere Bobby-Cars sind kaputt. Das waren so ein paar Jungen, die haben die hochgehoben und sie auf den Boden geschleudert.“ Er tippt sich auf die Stirn. „Wer macht denn sowas?“

Foto: Uwe Körner

Humanistischer Lebenskundeunterricht ist in Bayern ein staatlich anerkanntes Unterrichtsfach. Bislang gibt es ihn aber nur an der Grundschule in Fürth. Foto: Uwe Körner

Nach dem Frühstück gehen die Kinder hinaus auf den Pausenhof. Dort sprinten sie um die Schule, springen von Blumenbottich zu Blumenbottich. „Die Blumen sind eh Schrott!“, erklärt Michael. Zu den Lehrinhalten gehört laut Schulkonzept auch die Förderung des Umweltbewusstseins. Jetzt im Winter sind die Blumen eingegangen. „Im Frühling pflanzen die Lehrer was an“, erklärt Daniel. „Kommen Sie mit, ich führe Sie herum!“ Der Junge geleitet mich über den Pausenhof und präsentiert die örtlichen Sehenswürdigkeiten. „Wir haben zwei Sandkästen…, dort ist der Basketballkorb.“ Als er fertig ist, bleibt er abrupt stehen und sagt: „So, das wars. Nun gehe ich spielen!“ So ruhig und diszipliniert die Kinder im Klassenzimmer arbeiten, so ausgelassen nutzen sie ihre Pausen zum Toben.

„Wir wünschen einen guten Appetit!“

Beim Mittagessen sitze ich wieder bei den Jungen vom Frühstück. Es gibt Fischstäbchen. Vor dem Essen singen die Kinder zusammen mit den Lehrerinnen einige Sätze im Chor, darunter: „Wir wünschen einen guten Appetit!“ Johannes kichert: „Das ist unser Tischspruch. Den finde ich doof! Wir nennen ihn manchmal ‚Beten‘.“ Da müssen die Jungen lachen. „Aber das ergibt schon Sinn“, erklärt Daniel. „Das ist, damit alle erst mit dem Essen anfangen, wenn jeder am Tisch sitzt.“

Bei der nächsten Freiarbeit schreiben zwei Jungen vor dem Klassenzimmer auf Einzelplätzen. Sie füllen Bögen aus, auf denen sie detailliert ihr eigenes Arbeits- und Sozialverhalten beurteilen. „Das kommt dann ins Portfolio“, erklärt einer von ihnen, Simon. Bereits beim Frühstück haben sich Daniel und Johannes selbst beurteilt. „Ich bin jemand, der sich leicht ablenken lässt“, hat Johannes erklärt. „Ich nicht so“, meinte Daniel.

Foto: A. Müller

Frontalunterricht gibt es nur selten. Foto: A. Müller

Das Portfolio ist das Zeugnis der Schüler, das mehrere Seiten umfasst. „Die Schüler stellen es selbst zusammen“, erklärt Schulleiterin Ulrike von Chossy später, als wir in ihrem Büro sitzen. Dass sich die Kinder selbst ihr eigenes Zeugnis schreiben, verwundert nicht an einer Schule wie dieser: Eine Schule, an der sich die Schüler den Stoff selber aneignen, Jobs wie Streitschlichter übernehmen, im Kinderrat ihre Probleme selbst lösen und statt im Religionsunterricht ein Weltbild vorgebetet zu bekommen, sich selber eines erarbeiten. Die Lehrer machen für die Eltern dann noch einige Ergänzungen bezüglich der Lernfortschritte in den Portfolios. Mehr als die Hälfte der Kinder schafft es auf das Gymnasium.

„Die Kirchen haben Angst vor uns“

„Wir haben hier auch Kinder von gläubigen Eltern“, erklärt von Chossy. „50 Prozent unserer Bewerber sind religiös. Auch viele gläubige Menschen können das wertschätzen, dass wir die Kinder eben nicht indoktrinieren, dass wir sie nicht zu Kampfatheisten machen, wie es die bayerische Regierung befürchtet hat. Inzwischen schickt diese ihre Referendare zur Weiterbildung nach Fürth. Wir helfen den Kindern, selbständige Menschen zu werden, die ihren eigenen Weg gehen.“ Da muss die Schulleiterin lächeln. „Die Kirchen haben Angst vor uns, weil sie glauben, wir nehmen ihnen die Kinder weg.“ Sie trinkt einen Schluck Kaffee. „Stimmt auch.“