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Spiritualität, Kunst, Religion – Schwierigkeiten im Umgang mit der säkularen Zivilisation der Gegenwart

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Zwei neue Bücher, eine soziologische Dissertation an der Universität Köln und ein Sammelband mit den Ergebnissen des Forschungsprojektes „Holyspace, Holyways“ an der Hochschule Luzern berichten, unterfüttert mit viel empirischem Material, über ebenso einschneidende wie stille Wandlungen auf weltanschaulich-kulturellem Gebiet.
Mittwoch, 13. Februar 2013

Pascal Siegers Dissertation „Alternative Spiritualitäten. Neue Formen des Glaubens in Europa: Eine empirische Analyse“ und dem Sammelband „Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen: Ein kritischer Reader“ ist gemeinsam, dass sie über subtile Veränderungen im zeitgenössischen Bewusstsein detailreich informieren, aber im theoretischen Instrumentarium zur Interpretation der Vorgänge an einem entscheidenden Mangel leiden.

Ihr Bezugsrahmen ist und bleibt durch einen weit gefassten Religionsbegriff bestimmt. Ein befriedigendes und von Sinn getragenes menschliches Leben in transzendenzloser Profanität taucht als Denkmöglichkeit und als reale Option nicht wirklich auf.

Silvia Henke beispielsweise, die die Einleitung zu dem Luzerner Projektbericht „Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen“ verfasst hat, formuliert als Gesamtintention der Arbeit, „dass das Unglaubliche, mit dem Kunst sich abgibt, jenen Glauben mobilisiert, den wir brauchen, um das Profane der Gegenwart auszuhalten“ (17). Wenn sie einen Glauben braucht, um das Profane der Gegenwart durchzustehen, bitte sehr! Gerade der säkulare Rechtsstaat ermöglicht es, Zumutungen und Unzulänglichkeiten eines Lebens in purer Profanität mit Hilfe einer wie immer gearteten Gläubigkeit erträglich zu gestalten. Falsch aber ist es, ihre persönliche Befindlichkeit und die ihrer Mitarbeiter(innen) umstandslos zu verallgemeinern. Insgesamt ist es ein frommer Wunsch anzunehmen, Profanität lasse sich nur mit Hilfe von etwas (vermeintlich) Nichtprofanem aushalten. Intellektuelle Redlichkeit und emotionale Differenziertheit sind robustere Helfer im Umgang mit den Aufschwüngen und Abgründen der menschlichen Existenz, die keiner religiösen Überhöhung oder Vertiefung bedürfen.

Kurzsichtige Marginalisierung von Judentum und Islam

Der gleiche theoretische Mangel durchzieht auch die Studie von Pascal Siegers. Dreist behauptet er, dass „säkulare Weltanschauungen keine Sinnangebote für die Bewältigung von Krisen anbieten“ (251). Dies ist umso verwunderlicher, als er sehr wohl „säkulare Weltanschauungen“ zu den drei tragenden Grundbegriffen seiner Gegenwartanalyse zählt (21ff) und ihnen – honorig genug - sogar den Rang einer „relevanten Alternative zu einem Glauben“ (64) einräumt. Wohlgemerkt, einer Alternative zum Glauben und nicht bloß eines Surrogats davon. Gleichwohl wird der Atheismus, obwohl Kern einer säkularen Weltanschauung, als eine von den drei „religiösen Orientierungen“ (219) dargestellt, die heute in Europa vorherrschten. Dies nennt man - akademisch hochgestochen formuliert - eine theoretische Inkonsistenz, einfacher gesagt: das ist begrifflich unausgegoren und in sich widersprüchlich.

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Die anderen beiden Grundorientierungen, die Siegers neben den „säkularen Weltanschauungen“ kennt, sind „Kirchenreligiosität und alternative Spiritualitäten“ (33). Inwieweit diese behauptete Dominanz von christlicher Religiosität gerade im zeitgenössischen europäischen Rahmen noch wirklichkeitsadäquat ist, sei wenigstens als Frage aufgeworfen. Die bewusste theoretische Marginalisierung der beiden anderen abrahamitischen Religionen, Judentum und Islam, (20) erweist sich jedenfalls angesichts der aktuellen Beschneidungsdebatten als kurzsichtig.

Siegers entwirft in seiner Dissertation ein „Panorama religiöser Orientierungen in Europa“ (66) und behauptet, „fünf Profile“ seien geeignet, die „religiösen Orientierungen der Europäer“ zu charakterisieren: „Atheismus und religiöse Indifferenz als Formen säkularer Weltanschauungen, alternative Spiritualitäten als individualistische Glaubensform, sowie moderate Religiosität und Kirchenreligiosität als Formen kirchengebundener Religiosität“ (67). Seine einzelnen Beobachtungen und Untersuchungen, oft Befragungen mit vielen Statistiken und Tabellen, sind interessant und lehrreich. Aber das theoretische Instrumentarium zu deren Auswertung und Einordnung ist unterkomplex. Dies sei nun kurz am Beispiel der Titel gebenden „alternativen Spiritualitäten“ aufgezeigt.

Nichtreligiöse Spiritualität blieb Siegers leider verborgen

Erfreulich ist zunächst der Plural; denn es gibt in der Tat eine Vielfalt von spirituellen Gestaltungen, die im Prozess der Individualisierung und Globalisierung der Glaubenswelt flickenteppichartig herumgeistern. Weniger erfreulich ist, dass Siegers in aller Vielfalt der Mischformen keine Synthese von Säkularität und Spiritualität gesichtet hat. Spiritualität bleibt für ihn ein rein religiös definierter Begriff. Ihr Alternativcharakter bezieht sich nur auf kirchlich organisierte Religiosität, nicht aber auf Religion schlechthin. Vorbereitet in der New Age-Bewegung der Nach-Achtundsechziger-Zeit, lebten die alternativen Spiritualitäten vom „Kontrollverlust der Kirchen über den Glauben der Individuen“ (17). „Believing without belonging“ – dieses religionssoziologische Schlagwort charakterisiere sie gut, insofern sie weiterhin an „Heiliges“ und „Übernatürliches“ glaubten (356). Eine „Transzendenzerfahrung“ (48), richtiger: eine vermeintliche Transzendenzerfahrung, sei also für die alternativen Spiritualitäten konstitutiv.

Damit ist freilich nur eine religiöse Spielart von Spiritualität erfasst. Dass es auch nichtreligiöse, weltlich-humanistische, philosophische Varianten von Spiritualität geben kann und gibt, ist Pascal Sievers und seinen wissenschaftlichen Betreuern leider verborgen geblieben. Ich erinnere an André Comte-Sponvilles Buch „Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott“, an Thomas Metzingers Essay „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit“ sowie an meine eigenen Arbeiten zugunsten einer atheistischen Spiritualität. Nach meinem Verständnis ist Spiritualität eine Bewusstseinsebene, die formal durch die Einheit von Emotionalität und Rationalität, von Gemüt und Verstand, charakterisiert ist und sich inhaltlich bewegt auf der Schnittgrenze von Absolutem und Relativem. Spiritualität bezieht sich also auf die metaphysische Ebene der Realität: wo sich Endliches und Unendliches verschränken. Der Tod beispielsweise ist ein aufdringlicher metaphysischer Sachverhalt, der von je her spirituelle Anwandlungen hervorgerufen hat, seien sie religiös oder weltlich grundiert. Aus der Sicht einer weltlichen Spiritualität besiegelt er unsere Sterblichkeit und leitet unser ewiges Nichtmehrsein ein. In der Begriffswelt von Pascal Siegers lautet es dagegen: „Der Umgang mit dem Tod, insbesondere die Bewältigung der Trauer, steht im Zentrum religiöser Lehren. Der Transzendenzbezug ist daher unmittelbar gegeben.“ (252).

Sammelband zeigt Elend spiritueller Entkernung des Christentums

Um einen möglichen Transzendenzbezug zeitgenössischer Kunst kreist auch der Luzerner Sammelband „Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen“. Verwundert lese ich dort, dass die polnische Künstlerin Marta Deskur das Thema der Jungfrauengeburt aufgreift als „Debatte um künstliche Reproduktion“(33). Noch verwunderter erblicke ich Fotos von Altarkreuzen, Hostienschalen und Kelchen aus Legobausteinen. Sind dies die Beispiele, die die Autorin Sibylle Lewitscharow im Gespräch über „Zeitgenössische Literatur und die Schönheit der Religion“ von „absurden Kunstprojekten in Kirchen“ sprechen lässt, die sie „einfach schauderhaft“ finde? (95) Stellte bereits Hegel in seiner Ästhetik fest, dass kein Mensch von aufgeklärtem Bewusstsein mehr seine Knie beuge vor noch so vortrefflichen Bildern von Gottvater, Christus und Maria, wer soll vor derlei religiösem Schnickschnack in eine Stimmung frommer Andacht geraten? So frage ich.

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Das Elend einer restlosen spirituellen Entkernung des Christentums sei abschließend an dem Kunstwerk erörtert, das im Sammelband als besonders gelungen eingestuft wird und deshalb auch als Titelbild ausgewählt wurde. Es handelt sich um Barbara Mühlefluhs preisgekrönte Bodenarbeit „Meeting“ (2010). Sie besteht aus drei neben einander gereihten Autostellplätzen, leuchtend gelb markiert, unmittelbar neben einer evangelisch-reformierten Dorfkirche am Ufer des Zürichsees. Ihre künstlerische und ihre religiöse Dimension soll ihnen durch die Beschriftung „father, son, holy ghost“ zuteilwerden. Das minimalistische Gebilde erhielt rasch in der Öffentlichkeit Spitznamen wie „Gottesparkplätze“ oder „Parkplatz für die Trinität“ (86). Ein Sozialdiakon der Gemeinde fragte nicht unberechtigt: “Braucht Gott überhaupt einen Parkplatz oder kommt er nicht überhaupt mit dem Fahrrad“ (89).

Das dokumentierte Ende christlich inspirierter Kunst

Die naheliegende, freilich ketzerische Frage: „Kommt Gott überhaupt?“ wurde allerdings von niemandem laut gestellt. Die drei Parkplätze und namentlich ihre Akzeptanz durch den Kirchenvorstand dokumentieren unfreiwillig die völlige Abwesenheit des Kerns des christlichen Glaubens. Denn die Trinität fährt nicht in drei Limousinen vor, wie ein verbreitetes Missverständnis tritheistisch unterstellt. Wenn überhaupt – um einen Augenblick in das falsche Bild zu schlüpfen – fährt sie in einer Art Papamobil mit drei Sitzen vor: in einem eigens für sie und nur für sie angefertigtem Unikat. Denn der christliche Gott ist Einer in dreierlei Gestalt oder in drei Funktionen. Bei etwas mehr Bibelfestigkeit hätte zusätzlich auch dem Gemeindevorstand einfallen müssen, dass die göttliche Ankunft nicht automobiler Art, sondern mystischer Art ist: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ So spricht der christliche Erlöser in Matthäus 18, Vers 20.

Die drei leeren Parkplätze sollen, wie ihre Beschriftung suggeriert, der christlichen Dreifaltigkeit den Platz frei halten. Der erwarte hohe Besuch wird dort nie eintreffen! Barbara Mühlefluhs Bodenarbeit gehört in die Rezeptionsgeschichte von Samuel Becketts Schauspiel „Warten auf Godot“. Die drei Parkplätze bleiben nicht einfach frei, sie bleiben leer. In diesem Sinne dokumentiert die Arbeit das definitive Ende einer christlich inspirierten Kunst. Es bleiben nur drei große Namen, die nicht mehr gefüllt werden, denen sichtlich nichts mehr entspricht. Für dieses seismographische Gespür gebührt der Künstlerin Respekt.

Pascal Sieger: Alternative Spiritualitäten: Neue Formen des Glaubens in Europa: Eine empirische Analyse, Campus Verlag Frankfurt/ New York, 2012, 39.90 €

Silvia Henke, Nika Spalinger, Isabel Zürcher (Hg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen. Ein kritischer Reader, transcript Verlag Bielefeld, 2012, 35.80 €