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Presseschau: Humanist Perspectives 1/2012

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Der Edelstein des aktuellen Magazins der kanadischen Humanisten verbirgt sich im inneren des Heftes. Es ist ein Beitrag des Physiologen László Bitó über die Kunst des schönen Sterbens. Darin fordert er mehr als nur die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Er fordert eine aktive Sterbekultur.
Mittwoch, 21. März 2012
Humanist Perspectives 4-2011

Der Titel der aktuellen Ausgabe der Humanist Perspectives lässt nicht vermuten, an welchem Beitrag der Leser des Heftes schließlich hängen bleiben und worüber er lange nachdenken wird. Denn aus aktuellem Anlass haben die kanadischen Humanisten den kanadischen Ableger der weltweiten Occupy-Bewegung auf den Titel gehoben. Es geht dabei vor allem um die nationalkonservative Unterwanderung der kanadischen Bevölkerung, zu der auch die Medien einen enormen Beitrag leisten. Deutlich spannender ist jedoch der Beitrag des amerikanisch-ungarischen Physiologen und Pharmakologen László Bitó, in dem er sein Konzept des schönen Sterbens erläutert.

Zugrund liegt dem Artikel das Konzept einer Sterbekultur, welches Bitó bereits in seinem in Deutschland nur wenig beachtetem Buch Die Kunst des schönen Sterbens (in der Übersetzung von Hans H. Paetzke) erläutert hat. In dessen Zentrum steht der griechische Begriff eutélia, den er mit "Ein gutes Ende" übersetzt und unter dem er mehr verstanden wissen möchte als nur eine Ethik der aktiven und passiven Sterbehilfe.

Ausgangspunkt jeder Überlegung müsse zunächst das Grundrecht eines jeden Menschen sein, bis zum letzten Atemzug Glück und Zufriedenheit anstreben zu wollen. Aus diesem Grundgedanken ergeben sich zwei Fragen: Haben wir die moralische Verpflichtung, den Schmerz und die Schmach einer das Leben begrenzenden Krankheit bis zu unserem natürlichen Ende zu ertragen, auch wenn das Leben nicht mehr lebenswert ist? Und wenn das nicht der Fall ist, hat dann jeder die moralische Verpflichtung, die Hilferufe der Betroffenen zu beherzigen, wenn diese die Todesängste und -schmerzen nicht länger ertragen können? Bitós Antworten sind unmissverständlich. Nein, wir müssen nicht bis zum natürlichen Ende Schmerzen ertragen, und ja, wir haben die Verpflichtung, zu helfen. Dies gilt selbst dann, wenn dies bedeutet, dass manche Menschen sterben wollen, wenn sie noch nicht jenseits der Grenze eines formal erträglichen und würdevollen Lebens sind – denn die Grenze bestimmt jeder selbst. Autonomie, Selbstbestimmung und das Recht, zu sagen, wann man aus dem Leben treten will, stehen im Zentrum von Bitós Sterbekultur.

Laszlo Bitos: Die Kunst des schönen Sterbens

Bitós belässt es jedoch nicht bei dieser „bloßen“ moralischen Argumentation, sondern er entwirft ein komplettes Hilfesystem, mit dem er seine Forderungen untermauert. So sei heutzutage längst nicht mehr die Frage, ob man Menschen in den selbst gewählten Tod hilft, sondern wer dies tut. Dass Ärzte dies derzeit in Eigenverantwortung tun, sei ehrenwert, Bitós fordert jedoch ein Netz mit ausgebildeten und an einem Euthelie-Institut angestellten Fachkräften, die immer wieder mit den Menschen ihre Sterbewünsche diskutieren und im Ernstfall für sie eintreten, da Verwandte mit einer so schwerwiegenden Entscheidung oft überfordert seien. Ferner will der Physiologe künftig Ausschlussformulierungen aus den Patientenverfügungen verbannen, da diese oft nicht die Umstände der konkreten Situation erfassen würden. Statt einem grundsätzlichen Wiederbelebungverzicht hält er es für sinnvoller, einerseits Wiederbelebungen und andererseits die passive oder aktive Sterbehilfe zu bejahen, sollten Reanimierungsversuche zu bleibenden Schäden führen. Auch die palliative und Hospizpflege will der US-Ungar verbessern. So fordert er bspw. die Freigabe von Heroin oder Marihuana als Schmerzmittel und Sedativ.

Man kann sicher über all diese Vorschläge kontrovers diskutieren, spannend sind diese Erörterungen aber vor allem, weil sich Bitós nicht mit der Forderung nach Sterbehilfe begnügt, sondern tatsächlich ein System finden will, in dem Sterben innerhalb der Gesellschaft selbstbestimmt und würdevoll stattfinden kann. Er ist sich sicher, dass die Zulassung der Sterbehilfe nicht zu einem Anstieg der assistierten oder selbst verübten Suizide führt, sondern den Einzelnen in die Lage versetzt, Schmerz und Leiden beruhigter und friedlicher zu ertragen und zu akzeptieren. Das Problem liegt nicht im Sterben wollen, sondern in der Angst, nicht Sterben zu dürfen. Laszló Bitó will diesen Zustand beseitigen.

Außerdem in der aktuellen Ausgabe

+++ Bomben für die Humanität. Kann das gut gehen? +++ Friedensstifter in Wirtschaft, Gesellschaft, Menschenrechten und Politik +++ Buchbesprechungen +++

Auszüge des Buches von Laszló Bitós finden Sie hier. Und wenn Sie diesem Link folgen, kommen Sie zur Homepage des Magazins der kanadischen Humanisten.