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"Wer leichter glaubt, wird schwerer klug"

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Die brennendsten Fragen der Zeit will eine neue Veranstaltungsreihe in Berlin öffentlich diskutieren. Den Anfang machte Disput Berlin! mit der These "Ohne Religion wäre die Welt besser dran". Statt gesellschaftspolitischer Debatte erlebten die Anwesenden aber Religionsklamauk.
Freitag, 25. März 2011
Ohne Religion wäre die Welt besser dran!

Die These des Abends lautete "Ohne Religion wäre die Welt besser dran!"

"Bei keinem anderen Thema fallen Emotion, Überzeugungen und Tradition derart ineinander, wie beim Thema Religion." Mit diesen Worten gab die Journalistin und Mitinitiatorin Jutta Falke-Ischinger die Bühne für die erste Ausgabe der Diskussionsreihe "Disput Berlin!" frei. Die Idee der Debattenreihe ist es, eine steile These als Ausgangspunkt einer diskursiven Auseinandersetzung von Experten und Prominenten zu einem zeitaktuellen Thema zu nutzen, in die sich die anwesenden Gäste einmischen dürfen. "Ohne Religion wäre die Welt besser dran" lautete die Steilvorlage für eine Debatte, die kaum stattfand, weil es der Masterplan der Veranstaltungreihe offenbar nicht vorsieht.

Dabei gaben sich die Macher alle Mühe, mit einem prominent besetzten Podium die Ansprüche eines anspruchsvollen Publikums zu erfüllen. Mit dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands und Bischof der evangelischen Landeskirche Wolfgang Huber, dem ehemaligen Spiegel-Kulturchef und leidenschaftlichen Katholiken Matthias Matussek, der bekennenden Katholikin und Schnacksel-Fee Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sowie dem Prälat Wilhelm Imkamp war das Podium der Religionsbefürworter ebenso illuster wie prominent besetzt. Auf der Seite der Religionskritiker waren die Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek, der Welt-Journalist und Kirchenkritiker Alan Posener, Monika Frommel, Juristin und Mitglied der Humanistischen Union sowie der Mathematiklehrer und Pressereferent der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) Philipp Möller eingeladen. Insbesondere über Philipp Möller wird noch zu sprechen sein. Moderiert wurde das Ganze von keinem Geringeren als dem ehemaligen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust.

Podium

Auf dem Podium saßen Prälat Wilhelm Imkamp, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, Journalist Matthias Matussek, Bischof Wolfgang Huber, der ehem. Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust Moderator, GBS-Pressereferent Philipp Möller, die Juristin Monika Frommel, der Journalist Alan Posener sowie die Soziologin Necla Kelek (v.l.n.r.)

Diese Kombination hatte etwa 150 Interessierte, allesamt aus dem gut situierten Bildungsbürgertum der Stadt, in die Villa Elisabeth neben der Elisabeth-Kirche in der Mitte Berlins angelockt. Bei satten 25,- Euro Eintritt muss man sich da aber auch keine Illusionen machen. Die Idee der Veranstaltung ist Folgende: Nach einer kurzen Einführung dürfen sich die Podiumsteilnehmer jeweils 4 Minuten lang im Wechsel zurechtgelegte Sätze zum jeweiligen Thema des Abends an den Kopf werfen  - im Fall der Auftaktveranstaltung also die Frage ob die Welt ohne Religion besser oder eben weniger gut dran wäre. Zwischendurch sollen die Zuschauer immer wieder elektronisch darüber abstimmen, inwiefern sie die Debattenbeiträge beeindruckt haben oder nicht. Nachdem alle Podiumsteilnehmer ihre Statements abgegeben haben, erhält das Publikum die Gelegenheit, Fragen an die Diskutierenden zu richten, die zum Abschluss noch einmal jeweils 100 Sekunden erhalten, um ihre zu Anfang geäußerte Meinung noch einmal mit anderen Worten zu präsentieren. Was aus einem solch kruden Konzept entsteht, ist ein Debattenabend ohne Debatte - die Auftaktveranstaltung war der beste Beleg.

Den Auftakt in das bunte "Ich-sage-Ihnen-jetzt-mal-meine-Meinung" durfte die Direktorin des Instituts für Sanktionenrecht und Kriminologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Monika Frommel machen. Unbewusst gab sie dem Abend in einer kühnen Vorwegnahme das Fazit der Veranstaltung vor, indem sie sagte, dass sich unsere Gesellschaft keine Debatten mehr erlauben könnten, die vereinfachen. Genau eine solche wurde während des gesamten Abends geführt, was die anwesenden Gäste zu diesem Moment noch nicht wissen konnten. Ihrem einschränkenden Argument, die Welt wäre nicht grundsätzlich ohne Religion besser, sondern ohne organisierte Religion, weil wir uns dank der praktischen Vernunft religiösen Analphabetismus leisten könnten, setzte Bischof Wolfgang Huber entgegen, dass dies eben nicht so sei, weil eben dieser Analphabetismus bereits viel Unmoral hervorgebracht hätte. Nur kurz ließ Huber diesen Satz im Raum, um dann seiner Kirche einen Bärendienst zu erweisen. Er habe gelernt, Religions- und Kirchenkritiker zu sein und wisse daher, das auch im Namen des Glaubens viel Unmoralisches geschehen sei. Aber er kenne "kein anderes Gegenmittel, um die Verbrechen im Namen der Religion zu überwinden, als die Religion selbst", kommentierte er. Nun schauten selbst die Mitstreiter des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden auf dem Podium etwas verdutzt an, als er mit diesem rhetorischen Knieschuss die Verbrechen der Kirche zu ihrer Daseinsberechtigung ummünzte.

Podium - Religionsverfechter

Die Verteidiger der Religion hatten zumindest zu Anfang von Disput Berlin! noch gut zu lachen

Man musste kein Kirchenkritiker sein, um Hubers allzu kühnen Husarenritt in die Abgründe innerkirchlicher Selbstzweifel wahrzunehmen. Alan Posener fiel es daher nicht schwer, seine zurechtgelegten Worte etwas zu verschieben und Huber zu entgegnen: "Wenn der wichtigste Zweck der Kirche die Beseitigung des selbst angerichteten Schadens ist, ist das armselig!" Die Welt sei besser dran ohne Religionen, meint Posener, weil dann der irrsinnige und zunehmend radikal vertretene Anspruch dieser sich zunehmend radikalisierenden Gemeinschaften, über die alleinige und absolute Wahrheit zu verfügen, ein Ende finde. Matthias Matussek findet das alles nur lächerlich, wie so vieles. Dabei gehört er selbst zu denen, deren Ton immer schärfer und deren Anliegen immer offensichtlicher wird. Während er den Nicht-Gläubigen dieser Welt Dummheit und fehlenden Sinn für das Höhere unterstellt, verteidigt er den Katholizismus - insbesondere den von Papst Benedikt XVI., den Posener bekanntermaßen ja besonders kritisiert - auf Schritt und Tritt. Es wundert daher nicht, dass er seinen schreibenden Kollegen der Prinzipienlosigkeit bezichtigte, weil dieser vor Jahren (genauer gesagt im Dezember 2000) mit dem katholischen Magazin PUR ein Interview führte, in dem er versöhnlichere Töne anschlug, als er es heute tut. Überhaupt findet Matussek die Gottesverächter lächerlich, attestierte dem Atheismus einen absoluten Tiefpunkt: "Was ist aus Nietzsches fulminantem 'Gott ist tot' geworden?", fragte er, bevor er in seiner selbstgerechten Verve einen zweiminütigen Spottgesang auf die "Dawkinsjünger" und "Gotteswahngurus" heruntergehen ließ. Viel Gepolter, wenig Inhalt, so kann man seinen Beitrag zusammenfassen. Man musste vom neuen Atheismus kein Freund sein, um Matusseks Auftritt als allzu vereinfachend einzuschätzen und kurz an Monika Frommels Worte zu den vereinfachenden Debatten denken. 

Und dennoch, Matussek und Huber hinterließen offenbar Eindruck. Die Zahl derjenigen, die vor der Diskussion der These "Ohne Religionen wäre die Welt besser dran" zustimmten, ist gesunken. Waren anfangs noch etwa ein Drittel der Anwesenden dieser Meinung, war es nach den ersten vier Rednern nur noch jeder vierte Gast. Ob dies auch an der Fragestellung lag, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Jedem Statistiker mussten sich bei der Abstimmung aber die Fußnägel rollen, weil die Kirchengegner ein der These zustimmendes und die Kirchenbefürworter ein die These ablehnendes Votum abgeben mussten. Für mehr Verwirrung kann man mit einer Frage kaum sorgen. Dennoch: Die erste Runde ging an die Religionsverfechter. Zufriedenes Kopfnicken auf ihrer Seite - zu früh, wie sich nun zeigen sollte.

Philipp Möller

GBS-Vertreter Philipp Möller durchbrach den Burgfrieden der unanständig anständigen Diskussionsveranstaltung

Den nächsten Beitrag im Schlagabtausch der Argumente muss ein dem Publikum noch nahezu Unbekannter liefern. Eigentlich hätte der Satiriker Martin Sonneborn jetzt sprechen müssen. Dieser musste sein Kommen jedoch kurzfristig absagen. Stattdessen luden die Veranstalter kurzfristig den Berliner Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung Philipp Möller ein, der zugleich auch Pressereferent der Bundesstiftung ist. Welch glücklicher Umstand für die Veranstalter, denn der erst 30-jährige Mathelehrer an einer Berliner Grundschule brachte Schwung in die bislang fade Diskussion. Dem selbstzufriedenen Auftritt des Spiegel-Journalisten verpasste Möller schon mit seinem ersten Satz eine markige Kritik: "Wer leichter glaubt, wird schwerer klug Herr Matussek." Hätte man den Disput mit einer Partie Schiffe versenken ausgetragen, dies wäre ein Doppeltreffer gewesen. Schwer angeschlagen, doch noch nicht untergegangen, verfolgte Matussek die weitere Debatte eher beobachtend und fiel erst am Ende mit dem Vorwurf des Antisemitismus wieder auf.

Doch zurück zu Philipp Möller. Sein nahezu fehlerloser rhetorischer Auftritt wurde nur vom Johlen und Klatschen des Publikums unterbrochen, selbst Stefan Aust staunte nicht schlecht ob der Pfeile, die Möller zielsicher vom Podium feuerte. Religiosität setzte er mit kindischer Mythologie gleich, da man "die Existenz Gottes ebenso wenig widerlegen könne, wie die der Zahnfee." Er regte sich über die vom Staat bezahlte rhetorische Ausbildung namens Theologiestudium auf und plädierte für "Heidenspaß statt Höllenqual". Und wer immer noch der Meinung war, die Kirchen hätten einen Beitrag zur Zivilisierung des Menschen geleistet, den erinnerte er daran, dass Demokratie, Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht mit, sondern gegen die Kirche durchgesetzt wurden. Hier brach jemand den Burgfrieden einer unanständig anständigen Meinungsaustauschs und lieferte damit das Salz, dass der bis dato selbstreferenziellen Debattensuppe nun den Hauch eines schmackhaften Eintopfs gab.

Prälat Wilhelm Imkamp

Philipp Möllers Gegenspieler des Abends war Prälat Imkamp, der sich schließlich zu unsinnigen Nazi-Vergleichen hinreißen ließ

Die artigen Argumente von Gloria von Thurn und Taxis und Necla Kelek wirkten dann nur noch fad. Während Thurn und Taxis meinte, dass Religionen "die Menschen zivilisieren", hielt Kelek diesem ohnehin schon von Möller widerlegten Argument die Kriminalgeschichte der Religionen entgegen, die "ganze Bibliotheken" fülle. Für etwas Stimmung sorgte dann noch einmal Prälat Wilhelm Imkamp, der Möller und der GBS die berühmte Wette von Blaise Pascal, dem Erfinder der Wahrscheinlichkeitsrechnung entgegen. Diese lautet in etwa so: Gläubig zu leben, schadet nicht, selbst wenn man hinterher feststellt, dass der Glaube vergebens war. Nicht zu glauben aber birgt das Risiko, festzustellen, dass es falsch war, wenn es zu spät ist. Pascals Ausführungen diesbezüglich enden folgendermaßen:

"Wägen wir den Verlust dafür ab, dass Sie sich dafür entschieden haben, dass es Gott gibt: Wenn Sie gewinnen, gewinnen Sie alles, wenn Sie verlieren, verlieren Sie nichts. Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, dass es ihn gibt."

Zu glauben, schade also nicht, selbst wenn es vergebens sei, so lautete Imkamps Appell. Oder anders ausgedrückt: Nicht zu glauben berge immer die Gefahr, dass man dafür bestraft werden könnte - im nächsten Leben, im Himmel, wo auch immer. Diese christliche Panikmache verfing jedoch nicht, konnte aber zumindest als Ausdruck der einzig wahrnehmbaren Konfliktlinie des Abends herhalten, die zwischen Philipp Möller und Wilhelm Imkamp verlief.

Das Publikum schien derweil seinen Liebling in Philipp Möller gefunden zu haben. Denn obwohl dieser die jüdische und christliche Religion anfangs in die Tradition eines "Hirtenvolks" stellte und anschließend behauptete, dass Einstein nur deshalb ein großer Wissenschaftler werden konnte, weil er sich von seinem "kindischen Aberglauben" gelöst habe, stand das Publikum hinter ihm. Denn umgehend wurde Möller von Imkamp und Matussek des Antisemitismus bezichtigt, was das Publikum mit lauten Buh-Rufen quittierte. Der ehemalige Spiegel-Kulturchef entblödete sich nicht einmal, Hitler zu zitieren, um Möller und die versammelten Atheisten in die nationalsozialistische Ecke zu stellen. Imkamp verstieg sich gar in dem Satz: "Die Judenverfolger, das sind Sie!"

Podium - Religionskritiker

Nachdem die Religionskritiker zu Anfang der Diskussion an Zustimmung verloren, legten Sie am Ende wieder zu

Die Debatte hatte längst alle Dämme gebrochen, auch weil Stefan Aust, dessen Sympathien für die Kirchenkritiker mehr oder minder offen zu Tage traten, alles zuließ. Interessant hinsichtlich der aktuellen Diskussionen um die Kirchenfinanzen dann noch einmal Prälat Imkamps Erläuterungen, wie sich die Kirchensteuern rechtfertigten. Die Kirchensteuern, empörte er sich, seien die völlig unzureichenden Ausgleichszahlungen für die Enteignungen nach Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Nun schaute wiederum der ehemalige EKD-Präses Huber erschrocken in Imkamps Richtung, während links von ihm alle Kirchenkritiker ebenso fassungslos wie aufmerksam hinhörten. Huber stellte noch richtig, dass man zwischen den historischen Staatsleistungen und den Kirchensteuern unterscheiden müsse usw. usf., aber der Eindruck des selbstgerechten Kirchenmannes, den Imkamp hier hinterließ war nicht mehr beizukommen.

Die abschließenden 100 Sekunden der Diskutanten, ihre Position noch einmal zu erläutern, brachte keine Überraschungen mehr. Nur Möller versuchte noch einmal, Aufmerksamkeit zu erzeugen: "Bilden statt Beten. Pauker statt Pfarrer, Möller statt Mixa", so lautete sein Resümee des Abends, mit dem er noch einmal die respektvollen Lacher auf seiner Seite hatte. Am Ende aber blieb das fade Gefühl, einer Diskussion beigewohnt zu haben, die von Beginn an nicht auf die Kraft des Arguments ausgelegt war, sondern auf ein Nebeneinanderstellen längst bekannter Meinungen. Allein Philipp Möller hat mit seiner wenig angepassten Art für Emotion und Leidenschaft in der Diskussion gesorgt - in beide Richtungen.

Was bleibt von dieser Veranstaltung? Zum einen die Feststellung, dass die Veranstalter schon unfähig waren, ein Podium zusammenzustellen, welches der gesellschaftlichen Realität entspricht. Zwar war mit Necla Kelek eine bekennend atheistische Islamkritikerin geladen, einen Imam oder Vertreter der Muslime in Deutschland, der dem etwas hätte entgegensetzen können oder wollen, war nicht geladen. Zum zweiten ein Eindruck über die Anzahl der Konfessionsfreien im gehobenen Bürgertum. Denn am Ende hatten sich wieder ein Drittel des Publikums auf die Seite der Religionskritiker gestellt. Und zuguterletzt die Erkenntnis, dass Disput Berlin! nichts ist, was der Berliner Republik bisher fehlte, sondern sich - ohne weh zu tun - in das bestehende Talkshowgebrabbel einfügt. Es helfen halt auch noch so steile Thesen nichts, wenn eine Diskussion erst gar nicht zustande kommen darf.