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Ist, was wir wahrnehmen, wirklich immer wahr?

Ein Bericht von der 94. Arbeitstagung des HVD Weser-Ems
Dienstag, 19. April 2011
Bildungsstätte Bad Zwischenahn

Idyllisch liegt die Bildungsstätte Bad Zwischenahn inmitten saftigen Grüns

Auf der diesjährigen Frühjahrstagung des Regionalverbandes Weser-Ems des HVD Niedersachsen hatten sich knapp 30 Mitglieder und Gäste am Wochenende vom 9. auf den 10. April in der Bildungsstätte am Bad Zwischenahner Meer eingefunden, um von Dr. Rainer Rosenzweig zu lernen, „wie die Welt in den Kopf kommt" und an den eigenen Sinnen zu prüfen, ob das, „was wir wahrnehmen, wirklich immer wahr ist."

Mit diesem Thema knüpfte der Mitbegründer des Erlebnismuseums „turmdersinne" des HVD Nürnberg an das Thema der Frühjahrstagung von 2010 in Tossens an („Warum wir nicht so selbstbestimmt handeln, wie wir meinen") und ergänzte es um die sinnliche Komponente.

Wie die Welt in den Kopf kommt

Der Samstag begann für die Teilnehmer mit einem theoretischen Vortragsteil, in dem der Referent die physikalischen und physiologischen Bedingungen der Wahrnehmung am Beispiel des Sehens erläuterte.

So wird einerseits eine Unmenge an Information von unseren Sinnen aufgenommen - allein in jedem Auge von 100 Millionen Nervenzellen. Die Komplexität der Daten wird dann nach bestimmten Mustern reduziert, zum ersten Mal bereits im Auge selbst.

Andererseits sind unsere Sinne trotz dieser Datenflut prinzipiell nicht in der Lage, die Wirklichkeit so genau und eindeutig abzubilden, wie wir sie erfahren. Das gilt für die Räumlichkeit, Farben, Bewegung etc. Hinzu kommt, dass unsere Sinnesorgane nach Maßstäben der Ingenieurskunst alles andere als perfekt sind. So muss das einfallende Licht im Auge z.B. erst Nervenbahnen und -enden passieren, bevor es bei den Rezeptoren ankommt.

Trotz ihrer Fülle reichen die Daten, die unserem Gehirn zur Wahrnehmung geliefert werden, grundsätzlich nicht zu einer eindeutigen Bestimmung der Welt um uns herum. Die Wahrnehmung ist also unterbestimmt und das, was unsere Augen „sehen" ist tatsächlich immer mehrdeutig. Trotzdem erfahren wir die Welt scheinbar eindeutig und haben nur selten Momente, an denen diese Mehrdeutigkeit uns stutzig macht. Nicht so an diesem Wochenende.

Strategie des Wahrnehmungsapparats

HVD Weser Ems Arbeitstagung

Dr. Rainer Rosenzweig (ganz links) erklärt seinen interessierten Zuhörern mit vielen Beispielen, wie die Welt in unseren Kopf gelangt

Um mit der Mehrdeutigkeit der Sinnesdaten umzugehen, muss unser Wahrnehmungsapparat auf Annahmen zurückgreifen. Diese Hypothesen des Gehirns werden durch Erfahrung, Vorwissen, Kontext und Aufmerksamkeit bestimmt. Trifft eine dieser Hypothesen nicht zu, dann kommt es zu einer Wahrnehmungstäuschung. Durch die kontrollierte Herstellung solcher Täuschungen lassen sich die dahinter liegenden Verarbeitungsmechanismen erfahrbar machen.

So zauberte der Referent immer weitere, meist optische Beispiele hervor. Es ließ sich hervorragend nachvollziehen, ob die Täuschungen durch unpassende Annahmen aufgrund von Erfahrung (angeboren oder erlernt), Vorwissen (Erwartungen), Kontext (Gestalt und Konstanz) oder Aufmerksamkeit (Ausblendung alles vermeintlich Unwichtigen) zustande kommen. Einige der Täuschungseffekte lösten sich durch ihre Erklärung oder die Korrektur der Annahmen auf, viele waren jedoch gegenüber solcherlei Aufklärung robust. Letzteres war z.B. der Fall bei zwei Klötzen, die zusammen gehoben leichter zu sein schienen als der kleinere Klotz alleine.

Diese „Täuschungserfahrungen" waren zum Teil derart verblüffend, dass die Seminarteilnehmer mit Begeisterung den Rest des Sonnabends mit ihnen zubrachten.

Wahrnehmungstäuschungen als Triumph

Illusionen sind also keine Fehlleistungen, sondern ein Zeichen dafür, dass unser Wahrnehmungssystem die Welt um uns herum trotz Unterbestimmtheit erfahrbar macht. Es funktioniert weit besser als das naive Konzept es könnte, die Welt einfach nur so genau wie möglich über die Sinne abzubilden. Das Bild der Welt, welches unser Gehirn konstruiert, lässt uns hervorragend in unserem Alltagsleben zurechtfinden.

HVD Weser Ems 2

Glücklich und zufrieden waren die Mitglieder des HVD Weser-Ems am Sonntag, nachdem ihnen der Geschäftsführer des turmderSinne Dr. Rainer Rosenzweig die Welt der Wahrnehmung und Wahrnehmungstäuschung nahegebracht hatte

Andererseits mahnen die Täuschungserfahrungen zur Bescheidenheit. Auch wenn das Erlebte sich direkt als wahr anfühlt, so können wir doch nie sicher sein, dass es tatsächlich mit der Außenwelt in allen Punkten übereinstimmt. Um an verlässliche Erkenntnis zu gelangen, müssen geeignete Fragestellungen, Methoden und Werkzeuge entwickelt werden. Diese nennen sich Wissenschaft.

Übersinnliches

Den Auftakt am Sonntag bildete ein Impulsreferat, in dem Dr. Rosenzweig die Teilnehmer scheinbar in den Bereich des Übersinnlichen entführte: Er führte vor, welche übernatürlichen Kräfte durch Hypnose freigesetzt werden; dass in Popsongs geheime Botschaften versteckt sind; wie man sich Metallstäbe durch die Zunge rammt, ohne Schmerzen oder Wunden zu verursachen und dass Hellsehen („Präkognition") möglich ist.

Selbst die strengsten Skeptiker konnten sich diesen Illusionen nur schwer entziehen, einige konnte der Referent nur mit viel Mühe entzaubern. Mithilfe fast klassischer Zaubertricks wurde das Fazit des Vortags noch unterstrichen:

Eine der bedeutendsten Erfahrungen im Leben eines Menschen ist das Erlebnis, dass wir uns täuschen können. Fundamentalisten sind Menschen, denen diese Erfahrung fehlt.

Nach dem Ausflug ins Übersinnliche möchte man zu den Fundamentalisten noch Esoteriker hinzufügen und den falschen Hypothesen des Wahrnehmungsapparats das allzu menschliche Wunschdenken.

Die Teilnehmer danken Dr. Rainer Rosenzweig für diese heilsamen Erfahrungen und für ein sehr unterhaltsames und kurzweiliges Wochenende!