Direkt zum Inhalt
Unser neuer News- & Community-Service – Entdecke die Vielfalt!
view counter

Was man aus den Missbrauchsfällen lernen muss

DruckversionEinem Freund senden
Objektiv festgelegte Entschädigungsgelder für Missbrauchsopfer und die Selbstverpflichtung zur Anzeigenerstattung für Institutionen – dies und mehr schlägt Dr. Christine Bergmann vor, um vergangenen Kindesmissbrauch aufzuarbeiten und neuen zu verhindern. Auf dem 14. Kinder- und Jugendhilfetag diskutierte Sie mit Experten und Praktikern über die Lehren aus dem Missbrauchsskandal, wobei deutlich wurde, dass einige Vorschläge nicht weit genug gehen.
Freitag, 10. Juni 2011
Dr. Christine Bergmann

Im März 2010 als Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs eingesetzt, Dr. Christine Bergmann

Bereits am 24. Mai stellte Dr. Christine Bergmann als Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ihren Abschlussbericht vor. Sie hatte nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Berliner Canisius-Kolleg und in der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim im vergangenen Jahr den Auftrag bekommen, die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs voranzutreiben, eine Anlaufstelle einzurichten und Handlungsempfehlungen aus ihrer Tätigkeit abzuleiten.

Am Mittwoch, den 8. Juni 2011, stellte sie auf dem 14. Kinder- und Jugendhilfetag (hier finden Sie den diesseits-Bericht) in Stuttgart nochmals die zentralen Ergebnisse ihrer Tätigkeit und die daraus abgeleiteten Empfehlungen vor. Spannend war dies aus zwei Gründen. Zum einen waren auf dem Fachkongress in Stuttgart zahlreiche Einrichtungen und Träger die Kinder- und Jugendhilfe vertreten, die sich diesem Thema dringender denn je stellen müssen und zum anderen lud Dr. Bergmann Experten aus Wissenschaft und Praxis in die Runde ein, um die eigenen Ergebnisse zu konkretisieren und mit diesen kritisch zu diskutieren.

In Heimen kommt es öfter als in anderen Institutionen zu sexueller Gewalt

So stellte Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Mechthild Wolff von der Hochschule Landshut einige zentrale Ergebnisse der Studie Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen vor, die das Deutsche Jugendinstitut e.V. (DJI) im Auftrag der Unabhängigen Beauftragten durchgeführt hatte (erst am 13. Juli 2011 werden die Ergebnisse der Studie im Rahmen einer Tagung offiziell in Berlin vorgestellt). Auf der Basis von Literaturexpertisen, Institutionenbefragungen (an Schulen, Internaten und Heimen) sowie Befragungen ausgewählter Fokusgruppen hatte das DJI versucht, den Ist-Zustand im Bereich der Sexuellen Gewalt in Institutionen zu eruieren. Die Wissenschaftler stellten dabei fest, dass die Gefahr, sexuelle Gewalt zu erleben, in Heimen signifikant größer ist, als in Internaten oder Schulen, unabhängig davon, ob es um Verdachtsfälle sexueller Gewalt durch Einrichtungspersonal oder durch Jugendliche an Jugendlichen geht. Was es grundsätzlich zu bedenken gebe, das stellte Prof. Dr. Wolff ganz deutlich heraus, ist die Tatsache, dass es an Institutionen eine Täter-Opfer-Institutionsdynamik gebe, in die viele direkte und indirekte Beteiligte eingebunden sind.

Podium Bergmann Stuttgart

In Stuttgart diskutierten Thomas Schlingmann, Thomas Rauschenbach, Mechthild Wolff, Jörg Fegert, Christine Bergmann und Rainer Richter (v.l.n.r.). Zwischen Christine Bergmann und Rainer Richter sitzt Beate Hoves von der Geschäftsstelle der Unabhängigen Beauftragten

Der ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm, Prof. Dr. Jörg M. Fegert, stellte die wesentlichen Ergebnisse der Anlaufstelle vor. Dabei betonte er zugleich, dass die Daten nicht repräsentativ seien, sondern „das dokumentieren, was die Anrufer dokumentiert wissen wollten." Seit Einrichtung der Anlaufstelle am 28. Mai 2011, gab es etwas mehr als 11.000 Anrufversuche und wurden mehr als 2.000 Briefe und E-Mails geschrieben. Entscheidend für diese große Zahl sei auch die Kampagne Sprechen hilft gewesen, die die Arbeit der Unabhängigen Beauftragte unterstützte.

Etwas über 4.500 Datensätze konnten anschließend ausgewertet werden. Aus denen ging hervor, dass die Altersspanne derjenigen, die die Anlaufstelle erfolgreich kontaktiert hatten, zwischen 6 (!) und 89 Jahren lag. Das Durchschnittsalter der Anrufer lag bei 46 Jahren. Fehlende Unterstützung von außen, negativen Reaktionen auf Hilferufe, die gesellschaftliche Tabuisierung, die schlechten gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie der anhaltende Kontakt zum Täter bzw. der Täterin nannten die Betroffenen als Gründe für ihr zum Teil jahrzehntelanges Schweigen.

"Ich quäle mich durch's Leben!"

63 % aller Anrufer waren Frauen und 37 % Männer. Mehr als vier Fünftel aller Anrufe kamen aus den alten Bundesländern. Fast 90 % des berichteten Missbrauchsgeschehens lag in der Vergangenheit, 87 % der Anrufer berichteten von mehrfachem und über einen längeren Zeitraum stattfindendem Missbrauch und in über 80 % der dokumentierten Fälle wurden Delikte benannt, bei denen es zu körperlichen Berührungen gekommen ist. Die Täter waren in neun von zehn Fällen männlich. Bei 52 % der dokumentierten Fälle handelte es sich um Missbrauch in der Familie, 32 % erlitten Missbrauch in Institutionen. Diese Fälle wurden nochmals gesondert ausgewertet. Dabei wurde festgestellt, dass es sich bei über 60 % um kirchliche Institutionen handelt, davon fast 45 % im Kontext der Katholischen Kirche. Häufig sei es bei Beichten zu Übergriffen gekommen. Aber auch in medizinischen Einrichtungen (Krankenhäuser, Arzt- bzw. Therapeutenpraxen) sowie in Sportvereinen kam es zu Missbrauchsfällen. Die Opfer fühlen sich oft im Stich gelassen, führte Prof. Dr. Fegert aus. Der Satz Ich quäle mich durch's Leben. Sei in den Gesprächen oder Schreiben oft aufgetaucht. Am dringendsten seien daher der Ausbau von Therapie- und Beratungsangeboten, die den Betroffenen konkret helfen.

Vor allem ist es aber notwendig, das Thema Missbrauch und Traumabewältigung stärker in der therapeutischen Ausbildung zu thematisieren. Denn oft kommt es erst im Laufe der Therapie zum Vorschein, dass die Patienten von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Eine Online-Befragung unter 2.000 Psychotherapeuten durch die Unabhängige Beauftragte hatte ergeben, dass etwa ein Fünftel aller Patienten ein Missbrauchstrauma zu bewältigen hat. Bei fast der Hälfte aller Fälle wird das erst im Laufe der Therapie deutlich. Wenn aber lediglich 65 % der Therapeuten dies in ihrer Ausbildung behandelt haben, wie die Befragung ergeben hat, fehlt bei jedem dritten Therapeuten die Sensibilität, Anzeichen für ein Missbrauchstrauma frühzeitig zu erkennen. Bei den Ärzten sieht dies vermutlich noch schlechter aus.

Bessere Versorgung für Missbrauchsopfer

Podium nah Bergmann

Thomas Schlingmann (im Vordergrund) von der Anlaufstelle für missbrauchte Männer <em>Tauwetter</em> forderte mehr Hilfe für die Betroffenen

Angesichts dieser Verhältnisse ist es kein Wunder, dass allenthalben unter den Missbrauchsopfern der Eindruck herrscht, dass es enorme Versorgungslücken gibt. Diese gilt es zu schließen, fordert daher Dr. Christine Bergmann in ihrem Abschlussbericht. Auf eine solche Forderung würde man wohl nur allgemeines Kopfnicken ernten, da sie kaum etwas aussagt. Bergmann wird daher konkreter. Sie fordert die Integration und Übernahme von Kosten für Trauma-, Kreativ- und Körpertherapien, den Ausbaue der Aus- und Weiterbildung für die Psychotherapeuten- und Ärzteschaft sowie die Ausarbeitung eines therapeutischen Ambulanzmodells für eine psychotherapeutische Versorgung, die zeitnäher, niedrigschwelliger, passgenauer ist und schneller intervenieren kann. Hier wies Prof. Dr. Rainer Richter von der Bundespsychotherapeutenkammer darauf hin, dass in Deutschland bereits jetzt eine Unterversorgung mit psychotherapeutischen Angeboten gebe und die Bundesregierung derzeit daran arbeite, an dieser Stelle weiter zu streichen. Dies müsse verhindert werden, appellierte Richter an Christine Bergmann. Dass Bergmann auf eine solche Entscheidung noch Einfluss nehmen kann, ist durchaus möglich, denn seitdem sie ihre Arbeit aufgenommen hat, habe sie „an keine Tür vergeblich geklopft", wie sie selbst sagte. Allerorten bestehe der Wille, grundsätzlich etwas in dem Bereich zu verbessern.

Daher packt sie auch Sachen an, die bisher fern der Vorstellung sind. So plädiert sie auch für einen Rechtsanspruch auf eine angemessene Beratung für Missbrauchsopfer, angesichts der hohen Fallzahlen von Missbrauch in familiären Verhältnissen auch für Kinder ohne die vorherige Zustimmung für Eltern. Diese Beratung müsse verbindlich öffentlich finanziert sein. Aber auch rechtlich müsse sich etwas ändern, fordert Bergmann. Im Zivilrecht sollen, wenn es nach ihr geht, die Verjährungsfristen für Missbrauch auf 30 Jahre verlängert werden, wobei sie nicht mit dem Ende der Tat starten sollen, sondern erst mit Vollendung des 21.Lebensjahres der Opfer. Strafrechtlich plädiert Bergmann für die Verlängerung des Ruhenszeitraums, um mehr Zeit für die Anzeigenerstattung einzuräumen. Prof. Dr. Thomas Rauschenbach vom DJI sagte allerdings, dass Verjährungsfragen kein Thema sein dürften, sondern man dafür sorgen müsse, dass Opfer „ihre Sprache eher finden".

Statt allgemeiner Anzeigenpflicht nur Selbstverpflichtung - Das reicht nicht aus!

Publikum Bergmann

Auch das Publikum richtete einige Fragen an die Experten auf dem Podium

Für verjährte Fälle fordert die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs Schmerzensgeld und Wiedergutmachungszahlungen. In einem Seitenhieb auf das unverschämte Angebot der katholischen Kirche, Opfern von sexuellem Missbrauch mit Beträgen in Höhe von 5.000 Euro pauschal zu „entschädigen", stellte sie aber klar, dass es für solche Zahlungen verbindliche Standards geben muss. Keinesfalls soll es möglich sein, Summen anzugeben, die die Täter oder die Institutionen, in denen es zur Tat kam, selbst als angemessen erachten. Vielmehr sollten sich die Schmerzensgelder an der Höhe dessen orientieren, was gerichtlich bei Nichtverjährung hätte erreicht werden können.

Auf die Frage, ob Institutionen zur Anzeige von Missbrauch verpflichtet werden sollen, geben die Empfehlungen nur eine unzureichende Antwort. Statt Anzeigenpflicht wird dort eine Selbstverpflichtung der Institutionen zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden gefordert. Aus humanistischer Sicht ist dies aber keinesfalls ausreichend. Denn wenn, wie zuvor von der Erziehungswissenschaftlerin Wolff erläutert, die Institutionen selbst zum unfreiwilligen Akteur werden und sich in den Institutionen ein System des Schweigens und Unterdrückens entwickelt hat - wie die Fälle Canisius-Kolleg und Odenwaldschule gezeigt haben - dann kann dies nicht ausreichend sein. Erst recht nicht nach der Erfahrung der Empörung der Deutschen Bischofskonferenz über die von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger geforderte Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden. Solange Institutionen meinen, sie hätten die moralische Kompetenz, um Missbrauchsfälle intern besser regeln zu können als dies ein transparentes Rechtssystem tun könnte, solange ist eine Anzeigenpflicht notwendig.

Missbrauch jetzt - Die ganze Gesellschaft ist gefragt

All diese Empfehlungen, dies wird deutlich, zielen auf die Aufarbeitung zurückliegenden Leides. Entscheidend sei aber, dass grundsätzlich das Risiko für Missbrauch gesenkt werde. Daher müsse der Kinderschutz vor Ort gestärkt und die Mindeststandards umgesetzt werden. Institutionen sollten sich Leitlinien mit dem Ziel der wirksamen Strafverfolgung im Einklang mit Kinderschutzanliegen geben (auch hier die völlig unzureichende Forderung der Selbstverpflichtung), sich vor Ort vernetzen und Anlaufstellen einrichten. Darüber hinaus fordert die Unabhängige beauftragte auch die Pflicht zur Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses für Ehrenamtliche.

Um bei dem Thema Wissens- und Versorgungslücken zu schließen, die aktuell Betroffenen das Leben schwer machen, fordert Bergmann Beratungsangebote für besonders gefährdete Personen, die momentan nicht im Fokus stehen, also für Behinderte, Betroffene mit Migrationshintergrund und in ländlichen Regionen. Diesbezüglich könne man darüber nachdenken, sagte Prof. Dr. Rainer Richter von der Bundespsychotherapeutenkammer, ob man das Hilfsportal der Unabhängigen Beauftragten nicht zu einer virtuellen Ambulanz ausbauen wolle, wo Berater und Therapeuten helfen könnten. Thomas Schlingmann von der Anlaufstelle für sexuell missbrauchte Männer Tauwetter e.V. schlug vor, Modelle der mobilen Beratung zu entwickeln. Nur so könnte Hilfe in die ländlichen Regionen gelangen. Dass es jedoch auch in größeren Städten keine Beratungsangebote für Opfer gäbe, sei nicht hinnehmbar. Es gebe nicht zu wenig Geld, sondern die Prioritäten seien schlichtweg falsch gesetzt, erst Recht, wenn man bedenkt, dass es mehr Beratungs- und Hilfsangebote für Täter als für Opfer gebe.

Prof. Dr. Rauschenberg vom DJI sagte abschließend, dass in dem gesamten Prozess der Faktensammlung und Diskussion deutlich geworden sei, dass das Thema Missbrauch ein mehrdimensionales Problem sei, so dass die Gesellschaft als Ganzes gefragt sei, wenn es darum geht, den Betroffenen heute zu helfen und künftig mehr dafür zu tun, um Missbrauch vorzubeugen.

Hier finden Sie den Abschlussbericht sowie die Zusammenfassung des Abschlussberichts der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Hier können Sie den Audio-Beitrag Wie Missbrauch-Opfer zurück ins Leben finden, gelaufen am 3. Juni 2011 auf Bayern 2, nachhören.

Fotos: Thomas Hummitzsch

Video der begleitenden Kampagne "Sprechen hilft"
Video der begleitenden Kampagne "Sprechen hilft"