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Warum Pubertierende nicht böswillig sind …

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Anlässlich des Engagements des HVD bzw. der Jungen HumanistInnen beim 14. Kinder- und Jugendhilfetag in Stuttgart luden die Württemberger Humanisten zu einem abendlichen Empfang mit Fachvortrag.
Freitag, 10. Juni 2011
Messe JuHu Stand

Das Team am Messe-Stand beim 14. Kinder- und Jugendhilfetag in Stuttgart | © Andreas Henschel

Vom 7. - 9. Juni 2011 fand in den Stuttgarter Messehallen der 14. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag unter dem Motto Kinder. Jugend. Zukunft. Perspektiven entwickeln - Potenziale fördern! statt. Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe hatte kommunale und freie Träger sowie Ministerien und Länderverwaltungen aus ganz Deutschland eingeladen, sich mit ihren Initiativen, Projekten, Fachkräften und ehrenamtlich Engagierten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Erstmals haben sich auf der Fachmesse, die einem Fachkongress angegliedert ist, auch die Jungen HumanistInnen (JuHu), der Jugendverband des Humanistischen Verbands Deutschlands e.V. präsentiert.

Sie waren einer von vielen Messeausstellern, zu denen u.a. die öffentlichen Projekte im Kinder- und Jugendhilfebereich von Bund und Ländern, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die kirchlichen Träger Caritas und Diakonie, die Gewerkschaften, Pfadfinder und junge Naturschutzgruppen gehörten.

Auf dem Kongress diskutierten Experten Fragen der praktischen Kinder- und Jugendhilfe, die auch im praktischen Humanismus des HVD-Jugendengagements eine Rolle spielen. Es ging um Bildungsarmut, Kinderrechte und Kinderschutz, Integration und Interkulturalität, um die Qualität der pädagogischen Armut, die Zusammenarbeit mit den Familien, Übergänge ins Berufsleben u.v.m. Ein wichtiges und immer wieder aufgegriffenes Thema war die Frage der Prävention sexuellen Missbrauchs in der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Lehren, die daraus zu ziehen sind. Die wichtigste und interessanteste Veranstaltung war dabei die Vorstellung der Empfehlungen der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs (den diesseits-Bericht zur Veranstaltung lesen Sie hier).

Die JuHus konzentrierten sich vor allem auf die Präsentation des praktischen Humanismus im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Und was sie da zeigten, konnte sich ebenso wie der attraktive und informative Stand der JuHus sehen lassen. Die Vielfalt des Angebotes in der Kinder- und Jugendhilfe das HVD und seines Jugendverbandes ist immens. Zwar ist die Kinder- und Jugendhilfe, auch das hat die Messer gezeigt, noch von Diakonie und Caritas dominiert und der HVD bzw. die JuHus können mit ihren Angeboten zahlenmäßig noch nicht mit den kirchlichen Trägern mithalten, aber sie müssen sich keinesfalls verstecken. Nicht nur die Vielfalt, sondern auch die Qualität der geleisteten Arbeit der Haupt- und Ehrenamtlichen ist beachtlich und lobenswert.

Dies haben auch die Reaktionen der Messebesucher gezeigt, die sich über eine nichtkonfessionelle Alternative in der ansonsten von den kirchlichen Trägern dominierten Kinder- und Jugendhilfe freuten. Die Angestellten und Ehrenamtlichen der einzelnen JuHu-Landesverbände aus Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg und Niedersachsen gaben freudig Auskunft und Informationen zu den einzelnen Angeboten, Vorhaben und Plänen in den Ländern. Auch Projektpartner und Verantwortliche in den einzelnen Landesverwaltungen kamen gern an den JuHu-Stand. Für sie war es besonders interessant zu sehen, dass die einzelnen Landesverbände nicht nur Informationen untereinander austauschen, sondern auch in der praktischen Arbeit im JuHu-Bundesverband sehr gut vernetzt sind.

JuHu Stand Aktion

Die Jungen HumanistInnen kamen bei den Jugendlichen gut an.

Auch dieses Fazit kann man nach dem 14. Kinder- und Jugendhilfetag ziehen. Die Bundesarbeit der Jungen HumanistInnen und die Kooperation mit dem HVD-Bundesverband funktioniert gut. Bei aller Unterschiedlichkeit gelang es den einzelnen Landesverbänden, im Bundesverband JuHu an einem Strang zu ziehen. Mit der tatkräftigen und überaus wertvollen Unterstützung vor Ort durch Die Humanisten Württemberg und ihrem Geschäftsführer Andreas Henschel hatten die JuHus den Auftritt auf der Stuttgarter Messe inhaltlich und praktisch perfekt vorbereitet. Viele zusätzliche Arbeitsstunden sind dabei angefallen, aber mit dem Ergebnis waren alle Beteiligten sehr glücklich. Wie übrigens auch mit dem von der Messebaufirma Keck aus Weil der Stadt/Merklingen gesponsorten Messestand, der in seiner offenen und zugleich überhaupt nicht aufdringlichen Form viele Besucher anlockte.

Gemeinsam gefeiert wurde der Messeauftritt ebenfalls. Am Mittwoch, den 8. Juni, luden dafür Die Humanisten Württemberg zu einem Empfang in ihr Humanistisches Zentrum ein, bei dem der Philosoph und wissenschaftliche Beirat der Humanistischen Akademie Bayern Prof. Dr. Thomas Mohrs einen Vortrag zum Thema Chaos im Kopf. Die Pubertät als neuronaler Transformationsprozess hielt. „Das hört sich erst einmal ziemlich kompliziert an, aber wir dürfen gespannt sein auf viele neue Informationen und Eindrücke zum Thema Pubertät aus einem ganz anderen Blickwinkel", stellte die ehrenamtliche Jugendreferentin der Württemberger Humanisten Petra Häneke voran, um erste besorgte Stirnrunzeln unter den etwa 30 Gästen verbal zu glätten.

Musikalisch eingeführt wurde das Thema Chaos im Kopf von Wilma Heuken mit Gesang und quirligen Klängen, die nicht besser hätten passen können. Dann erklärte Prof. Dr. Thomas Mohrs, warum das Verhalten von Pubertierenden keine mutwillige Bösartigkeit gegenüber den Eltern ist. Dabei stützte er sich ganz auf evolutionsbiologisch-organische Fakten, kulturhistorische Interpretationen ließ er bewusst aus, ohne jedoch deren zusätzlichen Einfluss zu negieren. Bei seinen Ausführungen griff der vierfache Vater auch auf seine eigenen Erfahrungen zurück. Wer eine trockene Wissenschaftslektion befürchtet hatte, wurde eines besseren belehrt: Spannend, lebensnah und mit zahlreichen persönlichen Anekdoten gespickt sorgte Prof. Dr. Mohrs für Erhellung.

Prof. Dr. Thomas Mohrs

Prof. Dr. Thomas Mohrs war guter Dinge. Das konnte er auch sein. Sein Vortrag kam beim Publikum gut an.

In Anlehnung an Richard Dawkins These des egoistischen Gens sagte Prof. Dr. Mohrs, dass „die Rolle der Vernunft bei unseren Entscheidungen gnadenlos überschätzt wird", vor allem in der Pubertät. Denn Schuld an den zuweilen seltsamen oder für Eltern manchmal besorgniserregenden Verhaltensveränderungen sind organische Prozesse, die für den Übergang zur Geschlechtsfähigkeit - denn darum gehe es bei der Pubertät - evolutionsbiologisch erklärbar und notwendig seien. Die Pubertät sei ein „Ausgeliefertsein der Kinder an die Biologie". So würden in der Pubertät abertausende Synapsen im Gehirn abgebaut, um kindliche Verhaltensmuster abzulegen. Zugleich entstehen neue Synapsen und die intellektuelle Leistung sowie die Urteilsfähigkeit von Jugendlichen nehmen rasant zu. Das Hinterfragen der Positionen der Eltern habe seine Ursache in diesen Prozessen. Dieser Ablösungsprozess von den Eltern sei daher eine unausweichliche, evolutionsbiologische Tatsache.

Warum aber sind Pubertierende dann aber so unvernünftig? Weil sich dieser Prozess nur sukzessive „von hinten nach vorn" vollziehe, so dass die für rationale Handlungen verantwortliche vordere Hirnregion meist nicht vor einem Alter von 20 Jahren reife. Elterliche Appelle an die Vernunft gingen daher meist an ihrem Ziel vorbei. Die Verhaltensunterschiede zwischen Mädchen und Jungen in der Pubertät sind zurückzuführen auf unterschiedliche organische Prozesse im Gehirn. Das seltsame Schlafverhalten der Pubertierenden, also das Wachbleiben bis in die Nacht und das spätes Aufstehen, käme von der um einige Stunden verzögerten Produktion des für die Steuerung des Tag-Nach-Rhythmus' verantwortlichen Hormons Melatonin in der Phase der Adoleszenz. Bleibt noch die Frage, warum die schulischen Leistungen pubertierender Kinder oft rasant abfallen, sie unkonzentriert, ja sogar schläfrig sind. „Weil der Unterricht langweilig ist", würden Jugendliche sagen, so Prof. Dr. Mohrs, und sie haben Recht. Das Gehirn könne in der Pubertät nur lernen, was das limbische System als attraktiv bewerte. Und solange sich Unterricht nicht an diesen organischen Tatsachen orientiere und Lehrer attraktivere Lernangebote machen, komme es zu unkonzentrierten und müden Schülern, die nicht aus bösem Willen schlechte schulische Leistungen abliefern, sondern weil ein langweiliger Unterricht diese organischen Entwicklungen nicht überlisten kann.

Am Ende hatte Prof. Dr. Mohrs noch einige Vorschläge (keine Ratschläge) für geplagte Eltern. Appelle an die Vernunft, lautstarke Erziehungsmaßnahmen oder gar Strafen seien alle sinnlos, denn „Kinder pubertieren nicht mutwillig". Vielmehr würden derlei Maßnahmen die Gefahr bergen, die Vertrauensbasis zwischen Eltern und Kinder zu zerstören. Es gelte aber, „bedingungsloses Vertrauen" zu vermitteln, was jedoch nicht heißt, eigene Standpunkte oder Werte aufzugeben. Glaubhaft und transparent müssten diese weiterhin an die Kinder herangetragen werden. Nur so könnten familiäre Spielregeln ausgehandelt werden, die allen den Weg durch die Pubertät leichter machen können. Als Faustregel habe er sich stets gesagt: „Solange sie (meine Kinder) nicht werden, wie ich selber war, ist alles kein Problem."

Humanisten Württemberg Gäste

Etwa 30 interessierte Zuhörer lauschten den Ausführungen des Philosophen und Bildungsexperten

Viel Applaus erntete Prof. Dr. Mohrs für seinen aufklärerischen Vortrag, bevor Geschäftsführer Andreas Hentschel noch einmal das Wort ergriff. Er bedankte sich noch einmal ausdrücklich bei allen Engagierten des HVD-/JuHu-Auftrittes beim 14. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag und erwähnte insbesondere die intensive Vorbereitungsarbeit, die Anita Häfner (Jugendreferentin HVD-Nürnberg), Dr. Margrit Witzke (Abteilungsleiterin Jugend HVD-Berlin), Daniel Nette (Jugendbildungsreferent HVD-Niedersachsen) und Florian Noack (JuHu-Bundesvorsitzender) geleistet hatten. Ohne sie wäre die gelungene Präsentation des Bundesverbandes nicht möglich gewesen, sagte Henschel und lud schließlich alle Anwesenden ein, den gelungenen Abend und das tolle Auftreten auf der Fachmesse in lockerer Atmosphäre noch etwas zu feiern. In geselliger Runde genossen die Anwesenden die Gastfreundschaft der Württemberger Humanisten und diskutierten mit Prof. Dr. Mohrs Thesen weiter, tauschten sich noch über den Kinder- und Jugendhilfetag aus und lauschten weiteren Klängen von Wilma Heuken.