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Verhütung & Abtreibung: Faktenbuch sorgt in USA für Diskussion

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Die Katholische Kirche hat der Lebensalltag ihrer Anhänger eingeholt. Ihre Ansichten zu Sexualaufklärung, Verhütung und Abtreibung wird von amerikanischen Katholiken weitgehend ignoriert, wie aktuelle Studien zeigen.
Donnerstag, 28. April 2011
The Facts tell the Story

Mit diesem schmalen Dokument sorgt die amerikanische Organisation Catholics for Choice derzeit für Aufsehen

Katholiken ticken in Fragen Sexualität schon längst nicht mehr wie ihre Kirche. Eine "überwältigende Mehrheit" der Katholiken in den USA unterstütze einen legalen Zugang zu Abtreibungen und Empfängnisverhütung sowie sexuelle Aufklärung. Zu diesem Schluss kommt die amerikanische Organisation Catholics for Choice, die für die weibliche Selbstbestimmung über Sexualität und reproduktive Gesundheit eintritt.

In ihrer Faktensammlung The Facts tell the Story haben Sie die Ergebnisse verschiedener Studien zusammengetragen, bei denen Katholiken zu Verhütungsmethoden, Abtreibung, Sexualität und Aids sowie Reproduktionsmedizin befragt wurden. Vor dem Hintergrund der PID-Debatte in Deutschland und dem Lobbying der Katholischen Kirche lohnt sich ein Blick in das zwölfseitige Dokument.

Demzufolge benutzen 98 % der sexuell aktiven Katholikinnen Verhütungsmittel, die der Vatikan verurteilt. Unter den sexuell aktiven Katholikinnen, die regelmäßige in die Kirche gehen, verwenden immer noch 83 % solche Verhütungsmittel. Gemeint sind hier vor allem die Pille, die von 69 % der katholischen Frauen verwendet wird, und Kondome, auf die 88 % zurückgreifen. Über 50 % der befragten Katholiken sind der Meinung, dass auch 14- bis 16-jährige Mädchen Zugang zu Verhütungsmitteln haben sollten.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das Guttmacher-Institut, dass sich für die Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheitsfürsorge weltweit mit Schwerpunkt USA einsetzt. "Die meisten sexuell aktiven Frauen, die nicht schwanger werden wollen, benutzen Verhütungsmittel und greifen dabei meist auf die hocheffektiven Möglichkeiten der Sterilisation, der Pille oder einer Spirale zurück", sagte die Leiterin der Studie Gegen herkömmliche Weisheiten: Religion und Verhütungsmittel Rachel K. Jones. Dies gelte für Evangelikale und normale Protestanten ebenso wie für Katholiken. Die ablehnende Haltung ihrer Kirche sei den Befragten zwar bekannt, im Lebensalltag aber nicht relevant, wie die Studie zeigt.

Der Rückgriff auf Verhütungsmittel durch katholisch gläubige Frauen (87 %) entspricht dem Faktenblatt zufolge in etwa dem anderer religiöser Gruppen (88 %). Die positive Einstellung von Katholiken gegenüber der Verwendung von Kondomen kann auch darauf zurückgeführt werden, dass sie diese aufgrund des Aids/HIV-Schutzes mehrheitlich (79 %) als lebensbewahrend wahrnehmen. Nach Angaben von Catholics for Choice nutzen weniger als 2 % der befragten Gläubigen die vom Vatikan freigegebenen natürlichen Verhütungsmethoden. Sexualunterricht in öffentlichen Schulen befürworten nach Angaben der Organisation 95 % der Befragten.

Auch bei Fragen zur Abtreibung scheint die Amtskirche weit von der Basis entfernt zu sein. Bei einer Befragung von eintausend Katholiken stimmten nur 140 der Haltung des Vatikan zu, dass Abtreibungen illegal sein sollten. Eine Studie zu Abtreibungen in den USA habe ergeben, dass unter katholischen Frauen ebenso häufig Abtreibungen stattfinden, wie in anderen Glaubensgemeinschaften. Bei einer anderen Befragung zum amerikanischen Gesundheitssystem wurde festgestellt, dass katholische Wähler mehrheitlich für die Kostenübernahme bei einer Abtreibung sind, wenn bestimmte Umstände gegeben sind. So stimmen die Befragten einer Kostenübernahme zu, wenn die Schwangerschaft eine Lebensbedrohung für die Frau darstellt (84 %), das Resultat eines Missbrauchs ist (76 %), langanhaltende Gesundheitsschädigungen hervorrufen kann (73 %), der Fötus schwer geschädigt ist (66 %) oder Arzt und Schwangere eine Entscheidung aus anderen Gründen für notwendig halten (50 %).

Gleiches Schisma zwischen Vatikan und Katholiken scheint im Bereich der Reproduktionsmedizin zu existieren. Embryonale Stammzellenforschung und künstliche Befruchtungen, beides vom Vatikan abgelehnt, unterstützen demnach 69 % der Befragten.

Die Katholische Kirche in den USA und die amerikanischen Lebensschützer haben den Ergebnissen umgehend widersprochen. Denn nicht nur laufen die Studienergebnisse dem eigenen Bild zu Sexualität und Selbstestimmung zuwider, sondern das in den Studien geschilderte selbstbewusste Verhalten katholischer Frauen steht der offiziellen Linie der Kirche zu Verhütung und Abtreibung entgegen. Denn nach der offiziellen Position der katholischen Kirche zur Abtreibung ist sie "stets ein schweres sittliches Vergehen, da es die absichtliche Tötung eines unschuldigen Menschen" bedeute.

Deirdre McQuade, Sprecherin der Lebensschützer in der US-Bischofskonferenz sagte, die Präsentation der Studienergebnisse würden zu Missverständnissen führen. Eine Kostenübernahme für Verhütungsmittel und Abtreibungen käme nicht infrage, denn "Schwangerschaft sei schließlich keine Krankheit". Darüber hinaus würde die Studien Personen unberücksichtigt lassen, die, nachdem sie sich mit der katholischen Haltung zu Verhütungsmethoden beschäftigt hätten, auf deren Anwendung verzichtet hätten. Dem widersprach der Präsident von Catholics for Choice John O'Brian in der Online-Zeitung Huffington-Post umgehend.

Erzbischof Charles Josef Chaput aus Denver forderte sogar, dass Katholiken, die die Abtreibung unterstützen, die Kommunnion verweigert werden sollte. Die Bischöfe seien sich einig, dass "Abtreibung stets falsch [sei] und dass man nicht gleichzeitig katholisch und für die Abtreibung" sein könne, sagte Chaput. Allerdings seien die Bischöfe noch nicht soweit, sich deutlich zu diesem Thema zu äußern und zu sagen, "wenn du katholisch bist und du bist pro-choice, kannst Du nicht die heilige Kommunion empfangen." 2008 forderte Chaput, dem katholischen Vize-Präsidenten Jon Biden, der als Pro-Choice-Vertreter gilt, die Kommunion zu verweigern.

Auch der Chefredakteur der konservativen Katholischen Website Catholic-Online machte gegen Catholics for Choice Stimmung. Personen wie John O'Brien würden mit derlei Informationen Verwirrung stiften, um "ihre eigene tödliche Agenda" zu fördern.

All diese Kommentare mögen politischen Lärm machen, letztendlich sind sie aber nur einmal mehr ein Beleg dafür, dass die Katholische Kirche der gesellschaftlichen Realität hinterherhinkt. Denn im amerikanischen Lebensalltag sind, wie Rachel K. Jones im Auftrag des Guttmacher-Instituts herausgefunden hat, die Verwendung von Verhütungsmitteln und starke religiöse Überzeugungen "gut verträglich".