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Verantwortung als Illusion?

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Ein Bericht vom Symposium des turmdersinne 2011, bei dem es um Moral, Schuld, Strafe und das Menschenbild der Hirnforschung ging.
Donnerstag, 3. November 2011
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Gespannt verfolgten die 500 Gäste die Vorträge | Foto: Kian Bernous, turmdersinne

Wer ein Verbrechen begeht, hätte sich auch anders entscheiden können – oder? Intuitiv gehen wir davon aus, dass wir über einen freien Willen verfügen. Diese Annahme spiegelt sich auch im geltenden Strafrecht wider. Ein Familienvater mit pädophilem Verhalten gegenüber den eigenen Kindern muss demnach bestraft werden. Was aber, wenn sich herausstellt, dass seine Neigungen durch eine Veränderung im Gehirn – einen Tumor – ausgelöst wurden? Und wenn sie mit der Entfernung der Geschwulst verschwinden?

In solchen Fällen wird anders argumentiert: der Täter konnte zum Tatzeitpunkt keine freie Entscheidung treffen, gilt also als nicht verantwortlich für seine Handlung. Ihn trifft keine Schuld und niemand kann von ihm Sühne verlangen.

Aber warum nur dann, fragen viele Neurowissenschaftler und einige Juristen. Aktuelle Forschungsbefunde weisen darauf hin, dass sich unsere Entscheidungen gänzlich auf Gehirnaktivitäten zurückführen lassen. Sie sind damit im Prinzip physikalisch erklärbar und eingebunden in Ursachenzusammenhänge.

Jede unserer Entscheidungen ist Produkt eines komplexen Zusammenspiels von genetischen Anlagen, Lebenserfahrungen und letztlich zufälligen Ereignissen. Bei vielen trifft eine ungünstige genetische Anlage auf ungünstige Umweltbedingungen in der Kindheit. Fehlt in einer solchen Situation eine helfende Bezugsperson, ist die Kriminellenkarriere in manchen Fällen geradezu unausweichlich. Wenn ein Täter aber gar nicht anders konnte, als die Tat zu begehen, darf die Gesellschaft ihn dann bestrafen? Ist das Konzept der Willensfreiheit als Grundlage unserer Rechtsprechung überholt? Müssen wir unser Strafrecht an den Stand der Forschung anpassen?

Kontroverse Fragen wie diese standen im Mittelpunkt des 14. Symposiums turmdersinne, das vom 14.-16. Oktober in Nürnberg stattfand. Der Titel: Verantwortung als Illusion? Moral, Schuld, Strafe und das Menschenbild der Hirnforschung. Mit etwa 500 Besuchern war die Veranstaltung ausverkauft.

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Es diskutierten angeregt v.l.n.r.: Michel Friedman, Hans J. Markowitsch, Ansgar Beckermann, Helmut Fink | Foto: Kian Bernous, turmdersinne

Die Verabschiedung der Entscheidungsfreiheit und die Infragestellung der persönlichen Verantwortung mag für manchen zynisch klingen. Doch bereits zu Anfang der Veranstaltung machte der turmdersinne-Geschäftsführer und Mitorganisator des Symposiums Rainer Rosenzweig klar, dass keineswegs das Entschuldigen von Gräueltaten zur Debatte stand: „Vielmehr geht es darum, dass die Gesellschaft lernen könnte, die Ursachen für menschliches Verhalten zu erkennen und gegenzusteuern."

Auch der Hirnforscher Gerhard Roth und der Psychologe Hans J. Markowitsch plädieren für ein Umdenken im Umgang mit Straftätern. So forderte Roth einen Ausbau von Früherkennungs- und Präventionsmaßnahmen. Die Haftstrafe müsste dagegen aufgrund immenser Kosten und hoher Rückfallquoten das Mittel letzter Wahl bleiben. Ein humanes Strafrecht zeichne sich dadurch aus, dass es jedem Straftäter – völlig unabhängig von der Schuldfrage – Anspruch auf Besserungsmaßnahmen einräumt.

Ob die Debatte einen tragfähigen Schuldbegriff hinterlassen wird, wie es der Moderator Helmut Fink in der abschließenden Podiumsdiskussion formulierte, bleibt abzuwarten. Unter den geladenen Fachleuten herrschte jedenfalls in vielen Punkten Uneinigkeit.

So sprach sich neben Hans Markowitsch auch der Jurist und bekannte TV-Moderator Michel Friedman für eine Streichung des Wortes Schuld aus dem Strafrecht aus. Friedman, der vor kurzem über das Thema „Schuldlose Verantwortung" promoviert hatte, hält zwar an der Verantwortung fest, sieht jedoch keine Notwendigkeit, darin Konzepte wie Schuld und Willensfreiheit einzubinden. Die Vorstellung eines freien Willens soll nach seiner Ansicht bei den Beurteilenden dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen, wenn sie eine andere Person zur Verantwortung ziehen und bestrafen.

Mit der Unterscheidung zwischen schuldfähig und schuldunfähig stellte der Philosoph Ansgar Beckermann ein anderes Konzept zur Diskussion. Demnach sei es unfair, alle Rechtsbrecher gleich zu bestrafen. Wer ohne sein Wissen eine Straftat begeht – wie Ödipus, der ahnungslos Inzest beging – müsse anders behandelt werden. Das Gleiche gelte für krankhaft Schuldunfähige. Derartige Differenzierungen müssen wir, so Beckermann, als Kulturleistung erhalten.

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Angeregte Gespräche beim "Come Together" am Samstagabend | Foto: Karin Becker, www.bildschön.net

Die Debatten haben gezeigt: Die Fachwelt ist noch weit entfernt von einem übergreifenden Konsens in Fragen zu Verantwortung und Willensfreiheit. Indes vermittelte das Symposium turmdersinne einen umfassenden Überblick über die unterschiedlichen  Positionen und Argumente.

Im kommenden Jahr befasst sich das Symposium turmdersinne unter dem Titel Das Tier im Menschen mit Trieben, Reizen, Reaktionen. Bereits jetzt haben Julia Fischer (Professorin für kognitive Verhaltensforschung) und Volker Sommer (Professor für Evolutionäre Anthropologie) als Referenten zugesagt. Die Veranstaltung findet im Oktober 2012 statt, Programm und genaue Termine werden noch bekanntgegeben. Die Anmeldung ist ab dem Frühling 2012 möglich. Aktuelle Informationen finden Sie hier oder bei Twitter.