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Positionsbestimmung: (Wie) kann Religionsunterricht zu Dialog und Toleranz befähigen?

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Diese Frage war Thema eines Podiumsgespräches, zu dem das Religionspädagogische Institut der Evangelischen Kirche in Hessen eingeladen hatte. Dr. Joachim Grebe unternahm dabei den Versuch einer humanistischen Positionsbestimmung. Denn ihr kommt auch über die Schule hinaus Bedeutung für den Dialog zwischen Religionen und Weltanschauungen zu.
Freitag, 4. Oktober 2013
Foto: privat

Joachim Grebe (l.): Vitale Grundbedürfnisse sollten als gemeinsame menschliche Erfahrung kulturübergreifend thematisiert werden.

Unter der Leitung von Christian König (Evangelische Sonntagszeitung) diskutierten am 5. September 2013 im Martin-Niemöller-Haus in Schmitten-Arnoldshain Andreas Lenz vom Hessischen Kultusministerium, Dr. Eberhard Stock von Evangelischen Kirche Kurhessen Waldeck sowie Prof. Dr. theol. Hans-Günter Heimbrock von der Goethe-Universität Frankfurt und Dieter Höfer vom Landesschulamt.

Die Kernthese, welche Joachim Grebe als Angehöriger des Humanistischen Verbandes Hessen bei dem Podiumsgespräch vertrat, war: „Alle Menschen haben gemeinsam, dass sie Menschen sind, dass ihnen eine menschliche Würde zugesprochen wird, dass ihnen unveräußerliche Grund- und Menschenrechte zugesprochen werden. Deshalb sollte im interreligiösen Dialog am Menschsein und an der menschlichen Würde des Gegenübers angesetzt werden.“ Im folgenden Text ist die vollständige Fassung seines Thesenpapiers zu finden.

1. Allgemeine Vorüberlegungen: Pluralität und mehrdimensionale Konfliktlagen

Das Spektrum der vorhandenen Religionen und Weltanschauungen wandelt sich ständig. Keine Richtung wird weltweit dominieren. Die Pluralität kann global und lokal von allen erlebt werden. Interreligiöser Dialog und Toleranz sind erforderlich, damit Menschen verschiedenen Glaubens und unterschiedlicher kultureller Prägung friedlich zusammenleben können.

Religiöse Differenzen haben zu gesellschaftlicher Unterdrückung Andersdenkender und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den beteiligten Gruppierungen geführt. Als weitere Ursachen treten jedoch kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Konflikte hinzu. In der Regel gibt es eine mehrdimensionale – nicht allein religiöse – Konfliktlage. Für ein friedliches Zusammenleben der Menschen sind daher immer auch parallel oder sogar vorrangig kulturelle, soziale, politische und ökonomische Fragen zu lösen – am besten mit friedlichen Verfahren der Konfliktbearbeitung.

Universale Grundrechte und Menschenwürde

Das Konzept der Menschenwürde und die allgemeinen Menschen- und Grundrechte sind eine wichtige Errungenschaft der Menschheit. Sie basieren im europäischen Kontext auf Renaissance, Humanismus und Aufklärung, haben aber auch konzeptionelle Grundlagen im Christentum („Gleichheit der Menschen vor Gott“), anderswo in anderen Weltreligionen und beispielsweise im chinesischen Konfuzianismus. In der modernen westlichen Form sind sie das Ergebnis jahrhundertelanger philosophischer und politischer Auseinandersetzungen mit staatlicher, wirtschaftlicher und kirchlicher Macht. In den ersten Fassungen galten die Menschenrechte beispielsweise noch nicht für Frauen, Indianer und Sklaven. Heute werden die Menschenrechte durch die entsprechenden UN-Dokumente allen Menschen und überall zugesprochen – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion und Weltanschauung. De facto ist die Konkretisierung und Durchsetzung der Menschenrechte weltweit weiterhin ein großes Problem. Auch in den westlichen Demokratien bleibt Handlungs- und Entwicklungsbedarf.

Balance der Grundrechte, säkulare Werteordnung der BRD

Die Religions- und Gewissensfreiheit sind für das Thema Dialog von besonderer Bedeutung. Die Religionsfreiheit gilt dabei positiv und negativ, d.h. man darf sich für oder gegen eine Religion oder Weltanschauung seiner Wahl entscheiden, ohne Repressionen fürchten zu müssen oder sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Die Grundrechte stehen allerdings untereinander in einem Spannungsverhältnis. Insbesondere der Schutz der Meinungsfreiheit und der Wissenschaftsfreiheit erlauben auch die aktive Auseinandersetzung mit anderen Positionen und den offenen Diskurs.

Weitere Konflikte können sich ergeben im Bereich der Staatskonzeption („Gottesstaat vs. Staatskirche vs. säkularer Staat“), im Verhältnis der Geschlechter, im Umgang mit Konvertiten, bei ethische Fragen aller Art, hinsichtlich der Sanktionen wegen Regelverstößen, in den tradierten Arten der Konfliktaustragung.

Die Konflikte zwischen den Vertretern verschiedener Religionen und Weltanschauungen finden nicht im kräfte- und machtfreien Raum statt. Der jeweilige staatliche und rechtliche Rahmen setzt Bedingungen für die Form der Auseinandersetzung. In grundrechtsbasierten demokratischen Gemeinwesen wie der Bundesrepublik Deutschland sollte die staatliche Macht gewalttätige Auseinandersetzungen aller Art – darunter auch religiös motivierte - unterbinden.

Darüber hinaus enthält die Verfassung der BRD säkulare Wertentscheidungen, die im religiösen Dialog nicht zur Disposition stehen. Das sind insbesondere die demokratische Grundordnung mit der Gewaltenteilung, das Gewaltmonopol des Staates und die Abschaffung der Staatskirche bzw. die schon in der Weimarer Verfassung erfolgte grundsätzliche Trennung von Staat und Kirche.  Darüber hinaus ist die historisch entstandene Ausprägung bestimmter Grundrechte von wesentlicher Bedeutung. An hervorragender Stelle seien die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Freiheit der sexuellen Orientierung genannt.

2. Dialog und Toleranz – konzeptionelle und wertemäßige Grundlagen

Gerade wegen der Verschiedenheit und Andersartigkeit der religiösen und weltanschaulichen Positionen, der historischen Belastungen und der aktuellen Spannungen aller Art zwischen den Beteiligten stellt sich die Frage nach einem guten Anknüpfungspunkt für den Dialog. Was haben Menschen der verschiedensten Kulturen und Glaubensrichtungen gemeinsam? Auf welche allgemeinen Grundlagen kann sich ein Dialog konzeptionell und wertemäßig beziehen?

Menschsein und Menschenwürde statt Transzendenzbezug

Alle Menschen haben gemeinsam, dass sie Menschen sind, dass ihnen eine menschliche Würde zugesprochen wird, dass ihnen unveräußerliche Grund- und Menschenrechte zugesprochen werden. Deshalb sollte im interreligiösen Dialog am Menschsein und an der menschlichen Würde des Gegenübers angesetzt werden.

Eine vielfach vertretene andere Position ist, dass alle Religionen gewissermaßen spezifische Fenster auf eine übergeordnete Transzendenz öffnen. Dass sie in ihrer jeweiligen traditionellen Ausprägung letztlich auf die selbe göttliche Wesenheit zielen. Dass demnach alle – oder die meisten – religiösen Wege zum erstrebten menschlichen Heil führen können.

Diese Position wird besonders gern im interreligiösen Dialog zwischen den drei Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam vertreten. Ähnlich äußern sich auch zum Beispiel Bahai-Vertreter, die allerdings die Synthese aller Religionen in ihrer eigenen Religion bereits verkörpert sehen.

Zwei Einwände sollen hier geltend gemacht werden:

  • Bei näherer historischer und theologischer Analyse zeigt sich schnell, wie verschieden die Gottesvorstellungen sind. Die unterschiedlichen Auffassungen über den richtigen Zugang zu Gott, die anerkannten Quellen der Offenbarung und die in Wirklichkeit stark differierenden Gottesvorstellungen waren und sind doch gerade die Ursache für die Differenzierung der Buchreligionen in die drei großen Strömungen mit zahllosen – teilweise heftig verfeindeten – Denominationen. Dem Außenstehenden drängt sich daher nicht gerade auf, dass gerade die Gottesvorstellung den Weg zu Gemeinsamkeiten erschließt
  • Solche Konzepte schließen außerdem nicht-theistische Religionen (z.B. die nicht-theistischen Varianten des Buddhismus),  Weltanschauungen wie den Konfuzianismus und den säkularen – atheistischen – Humanismus und andere Konfessonsfreie aus. Sie schließen übrigens auch die faktischen Atheisten in den Religionsgemeinschaften aus, d.h. diejenigen zahlreichen Mitglieder von Religionsgemeinschaften, die leben, “als ob es Gott nicht gäbe“. In deren Weltbild kommen zwar auch – gewissermaßen rhetorisch – „Gott“ und „Götter“ im religiösen Sinne vor. Die wirklichen „Götter“ sind dann aber ganz und gar innerweltliche Mächte wie Egoismus, Karrierismus, der Glauben an den „freien Markt“ mit seinen Finanzinstrumenten und -strukturen, Ersatzreligionen, nationalistische, faschistische und realsozialistische Ideologien und vieles anderes mehr

Menschliche Alltagserfahrungen und –bedürfnisse, gemeinsame Projekte

Die vitalen Grundbedürfnisse und die praktische Lebensbewältigung sollten als gemeinsame menschliche Erfahrung und Aufgabe kulturübergreifend thematisiert werden. Verwandte Problemstellungen können auch gemeinsam bearbeitet und gelöst werden – ganz praktisch.

In einer pluralen Gesellschaft erleben die Menschen mehr oder weniger direkt Begegnungen mit den VertreterInnen anderer Kulturen und Religionen/Weltanschauungen: im Wohnquartier, in Schulen, Kindergärten, im Altersheim, am Arbeitsplatz, im Sportverein, bei kulturellen Veranstaltungen, auf der Straße und in Parks, in politischen Parteien, im Restaurant, bei Feiern und Festen, in gemischten Familien und Freundeskreisen. Sie teilen die großen und kleinen Sorgen des Lebens und die menschlichen Grundbedürfnisse nach ausreichender Unterkunft, Ernährung, Kindererziehung, beruflicher Entwicklung, Bewältigung der großen Lebensphasen und –passagen,  Teilhabe an kulturellen und politischen Prozessen.

Verwandte Werte und soziale Strukturen

Es sollten diejenigen Werte und die entsprechenden sozialen Ausprägungen in den Religionen und Weltanschauungen  herausgearbeitet werden, die ein gedeihliches Miteinander fördern. In fast allen bedeutenden Weltreligionen und Weltanschauungen findet man auch Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, individuelle Hilfe für Bedürftige, Gastfreundschaft, Toleranz anderer Glaubensrichtungen, Respekt vor Fremden, Gerechtigkeit, Frieden,  wie u.a. Küng in seinem Projekt „Weltethos“ zeigen konnte. In den betreffenden Kulturen und Gesellschaften gibt es auch die Einrichtung von sozialen Strukturen, die das individuelle Tun ergänzen: Kinderbetreuung, Schulen, Einrichtungen für Waisen, Kranke, Alte, Obdachlose etc. sowie die Organisation finanzieller Transferleistungen.

Im unbefangenen Kontakt zwischen Menschen unterschiedlicher Prägung wird sich zeigen, dass die Alltagsbewältigung vielfach nach ähnlichen Grundwerten erfolgt. Die Wohlfahrtseinrichtungen verschiedener Couleur werden ähnliche Aufgabenstellungen erkennen in der Jugendhilfe, Altenhilfe, Krankenversorgung, Betreuung Sterbender und Trauender, Hilfe für Arme und Obdachlose, Unterstützung von Flüchtlingen und Asylbewerbern.

Leidvolle Erfahrungen, der Balken im eigenen Auge – und Alternativen

Unterdrückung und Kriege mit – auch – religiösen oder ideologischen Triebfedern haben ein unermessliches Leid in der Menschheitsgeschichte erzeugt. Bevor man der anderen Religion oder Weltanschauung vorhält, welche Gräueltaten sie (mit-)verursacht hat, sollte man über die Grundzüge der eigenen Geschichte Bescheid wissen. Das heißt man sollte nicht nur über Unterdrückung und Verfolgung der eigenen Religion oder Weltanschauung und den Widerstand dagegen, sondern auch über die Untaten im eigenen Revier Bescheid wissen. Die theoretischen Grundlagen in den maßgeblichen Texten der jeweiligen Religionen und Weltanschauungen, die zur Begründung gewalttätiger Übergriffe und sozialer Machtstrukturen herhalten mussten, müssen kritisch in den Blick genommen werden.

Das könnte die notwendige Demut und Selbstkritik fördern, die einen wirklichen Dialog sehr fördern würden. Glücklicherweise gibt es auch historische und aktuelle Belege dafür, dass Koexistenz, Toleranz oder sogar aktiver Dialog gelingen können.

Für die Christenheit wären da neben der eigenen Verfolgung und dem Märtyrertum beispielsweise wichtig: Missionierung mit Gewalt oder Gewaltandrohung, Missionierung qua Staatsreligion bzw. das Regionalprinzip, Kreuzzüge gegen Juden und Muslime, jahrhundertelange Unterdrückung von Juden, Muslimen und Farbigen, Kolonialismus, quasi-religiös motivierter Krieg der USA im Irak.

Übrigens wurde auch der Humanismus durch die realsozialistischen Systeme in der UdSSR und der DDR kompromittiert, deren offizielle Weltanschauung er war. Es ist auch zu konstatieren, dass mit dem westlichen Programm der Menschenrechte nicht selten auch kulturelle, politisch und wirtschaftliche Übergriffe auf andere Kulturen und Staaten gerechtfertigt werden, die in Wirklichkeit geostrategische und oder partikulare Interessen verfolgen.

Historisch interessant sind freilich auch die Epochen oder Entwicklungen, die das gewaltfreie Nebeneinander und Miteinander von Religionen und Weltanschauungen gefördert haben. Sie können mögliche Wege zur Weiterentwicklung des verträglichen Zusammenlebens aufzeigen.

Die Kunst des Dialoges und auch Grenzen

Kennzeichen eines wirklichen Dialogs sind Neugier, Lernbereitschaft, Respekt, Toleranz und die  Anerkennung von – auch großer - Andersartigkeit. Das vorbehaltlose Zuhören und das Erkennen und Prüfen eigener Vorannahmen sind keine „Gottesgabe“, sie können und müssen gelehrt und gelernt werden. Man kann Spielregeln lernen, vor allem aber muss man sich in der Haltung der Dialogbereitschaft üben. Insofern zentrale Texte der jeweiligen Religion und Weltanschauung herangezogen werden, ist eine historisch-kritische Herangehensweise hilfreich – zumindest die Einsicht in die Notwendigkeit einer Auslegung der Texte (Hermeneutik).

Wichtig ist, dass man Dialog nicht mit Harmonie und bloßer Höflichkeit verwechselt. Im ernsthaften Dialog kann einem die Andersartigkeit und Fremdheit des Gegenübers noch deutlicher werden als etwa in einem gemeinsamen Berufs- oder Vereinsalltag. Das was dem Gegenüber unglaublich selbstverständlich und ungeheuer wichtig, ja heilig ist, kann einem selbst als wenig einleuchtend über merkwürdig bis hin zu abscheulich vorkommen. Und umgekehrt. Auch die Mitteilung, wie man das Gegenüber und seine Religion/Weltanschauung erlebt einschließlich der eigenen Kritik, gehören zum Dialog. Und eben auch, sich die Kritik des Gegenübers geduldig anzuhören.

Eine Anregung sei gegeben: Wie wäre es, den Dialog zunächst einmal innerhalb der eigenen Religion oder Konfession zu üben? Also für HumanistInnen im heterogenen und zersplitterten säkularen Spektrum, für Protestanten zwischen streng wortgläubigen Charismatikern und Anhängern von Bultmann/Braun/Sölle oder erweitert zwischen den großen und kleinen christlichen Denominationen und Konfessionen; im Islam zwischen Schiiten, Sunniten, Aleviten etc.; zwischen theistischen und nicht-theistischen Buddhisten mit und ohne sozialem Engagement usw usf.

Die Grenzen des Dialogs sollen allerdings auch nicht vergessen werden. Ein Dialog ist nicht möglich, wenn folgende Bedingungen gegeben sind:

  • GesprächsteilnehmerInnen sind absolut hermetisch, hören nicht zu, drehen sich ständig selbst im Kreis ihrer Meinungsäußerungen und ggf. Argumente
  • GeprächsteilnehmerInnen oder Dritte drohen mit Gewalt oder anderen (auch jenseitigen) Sanktionen, wenn man ihrer Auffassung nicht folgen will
  • Das Gespräch findet nicht auf Augenhöhe statt. Es bestehen Abhängigkeiten oder hierarchische Machtverhältnisse zwischen den Beteiligten
  • Das Gespräch verliert sich in Haarspaltereien der jeweiligen Theologien, Auslegungen und sonstigen Texte

Und es sei noch mal wiederholt: Zentrale Errungenschaften unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft wie die demokratische Grundordnung, das Prinzip der unantastbaren Menschenwürde, die Grundrechte, die Gleichheit der Geschlechter, die positive und negative Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, die Freiheit der sexuellen Orientierung und anderes stehen im Dialog im bundesrepublikanischen Rahmen nicht zur Disposition. Man kann aber darüber reden, wie die Situation konkretisiert und – bei Mängeln - verbessert werden kann.

3. Religions- und Ethikunterricht im Spektrum anderer Fächer und anderer Einflüsse, besondere Aufgabe

Religions- und Ethikunterricht können folgendermaßen zur Dialogfähigkeit und Toleranz beitragen:

  • Sie müssen die Herausbildung einer eigenen reflektierten Position fördern, weil ein Dialog ohne eigene Position und Überzeugungen nicht funktioniert
  • Sie müssen Grundkenntnisse über die im Umfeld der SchülerInnnen vorkommenden religiösen oder weltanschaulichen Positionen vermitteln, in Deutschland vor allem über das Spektrum der christlichen Strömungen, das Spektrum der islamischen Konfessionen, den Buddhismus in den hier vorkommenden Spielarten sowie über den weltlichen Humanismus, die vorkommenden Ersatzreligionen, den „Glauben“ an den freien Markt und nicht zuletzt über die Position der Gleichgültigkeit und des Nihilismus. Das Verständnis muss die Kulturen, Traditionen und gesellschaftspolitischen Umfelder berücksichtigen, in die die Religionen und Weltanschauungen eingebettet sind, statt nur den individuellen Glauben und die religiösen Texte zu fokussieren
  • Es wird empfohlen, die aus humanistischer Sicht gegebenen Anregungen aus Abschnitt 2 zu berücksichtigen und bei der Konkretisierung der – aus Sicht des Autors guten und interessanten  – Kerncurricula des Hessischen Kultusministeriums umzusetzen

Die Befähigung zu Dialog und Toleranz ist abhängig von vielen Faktoren: primär vom Elternhaus und Freundes- und Bekanntenkreis der SchülerInnen, vom gesellschaftlichen  und politischen Umfeld und vielen anderen Faktoren. Wieviel dazu religiöse und weltanschauliche Vorprägungen beitragen, ist nicht so leicht zu ermessen.

In der kompetenzorientierten Konzeption des hessischen Kultusministeriums wird die Dialogfähigkeit von allen überfachlichen Kompetenzen tangiert: der personalen Kompetenz, vor allem der Sozialkompetenz, aber auch der Lern- und Sprachkompetenz. Diese Kompetenzen zu vermitteln ist Aufgabe des ganzen Schulbetriebs und aller Schulfächer!

Religions- und Ethikunterricht haben die besondere Verantwortung für den Dialog im Bereich der Religionen und Weltanschauungen, weil und insofern sie sich explizit mit diesem Themenbereich befassen. Allerdings tragen alle Fächer – namentlich Geschichte, Erdkunde, Politik und Wirtschaft, Deutsch und Fremdsprachen, Kunst sowie Naturwissenschaften – zur Orientierung in der Welt bei. Sie werden im Geiste der Aufklärung, des Humanismus und der Wissenschaften und auf der Grundlage der verfassungsmäßigen Grund- und Menschenrechte unterrichtet und vermitteln dabei im Einklang mit Verfassung und Schulgesetz auch Wertmaßstäbe: z.B. in der Bewertung historischer Phasen wie des Faschismus. Sie vertreten implizit und explizit auch ein wissenschaftlich begründetes Weltbild, was auch weltanschauliche Implikationen haben kann. Beispielhaft sei hier die wissenschaftliche Behandlung der Evolutionsbiologie in Abgrenzung zu unwissenschaftlichen kreationistischen Vorstellungen genannt.