Direkt zum Inhalt

Berliner Bischof geht auf Distanz zu „Lebensschützern“

DruckversionEinem Freund senden
Rückschlag für religiöse Hardliner: In der Wochenzeitung „Die Kirche“ hat sich der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) gegen ein Verbot aller Schwangerschaftsabbrüche ausgesprochen. Kurios: Ein umstrittenes Grußwort verteidigte Dröge als Einstehen dafür, „dass eine Gewissensentscheidung geachtet wird.“
Montag, 30. September 2013

In seiner monatlichen Kolumne schreibt Markus Dröge, es gebe „Situationen, in denen ich verstehen kann, wenn Frauen ein Kind nicht annehmen können. Deshalb kann ich die Forderung eines kategorischen Abtreibungsverbotes nicht unterstützen.“

Damit hat sich der evangelische Bischof deutlich gegen zentrale Forderungen der rund ein Dutzend fundamentalistischen Gruppierungen positioniert, die jährlich zu einem „Marsch für das Leben“ durch die Mitte Berlins aufrufen.

Die Teilnehmer der Demonstration verlangen unter anderem ein europaweites Verbot des Rechts von Mädchen und Frauen, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden  sowie gesetzliche Maßnahmen gegen das Recht todkranker und leidender Menschen, eine Unterstützung für ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten und würdigen Lebensende zu finden.

Foto: A. Platzek

Rückhalt in der Hauptstadt schwindet: Leitfigur Martin Lohmann (l.) gab vor kurzem bekannt, seine CDU-Mitgliedschaft aufgegeben zu haben. Mit seinen Thesen fand er in der Partei zuwenig Gehör.

Diskriminierende Ansichten und vielfältige Ressentiments gegenüber nicht nach christlich-fundamentalistischen Vorstellungen lebenden Menschen sind unter den Unterstützern weit verbreitet: Demo-Sprecher Martin Lohmann, Publizist und Redaktionsleiter des katholischen TV-Senders K-TV, war in der Vergangenheit mit seinen Äußerungen zum Thema Ehe und gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften auch bei der Evangelischen Kirche auf deutliche Kritik gestoßen. Erst wenige Tage vor der jüngsten Bundestagswahl gab Lohmann seinen Austritt aus der CDU aus Protest gegen einen „diffusen und unberechenbaren Pragmatismus“ in der Partei bekannt.

Bereits im Vorfeld der diesjährigen Prozession mit Hunderten großer Holzkreuze hatte sich das Domkirchenkollegium im Berliner Dom gegen den „Marsch“ positioniert und die Durchführung einer Abschlussfeier im Dom abgelehnt. Von dem in diesem Jahr gegründeten Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, das sich gegen die wachsende politische Einflussnahme der religiösen Fundamentalisten auf zentrale Fragen der persönlichen Lebensgestaltung wendet, war die Entscheidung begrüßt worden.

Eine Bündnissprecherin sagte: „Markus Dröge muss endlich zeigen, dass er nicht nur zum Recht auf ein Leben, sondern auch zu dem Recht auf Selbstbestimmung und Vielfalt im menschlichen Leben steht.“ Sie rief den Bischof der evangelischen Kirche in Berlin dazu auf, sich ebenfalls von den Zielen des „Marsches“ zu distanzieren. Dieser hatte die Demonstrationen der radikalen Lebensschützer seit mehreren Jahren mit einem Grußwort gewürdigt.

Foto: privat

Dröge: Grußwort für „Marsch für das Leben“ soll keine inhaltliche Übereinstimmung bedeuten.

Seine Position sei „eine andere als die der Initiatoren des ‚Marsches‘“, erklärte Markus Dröge nun am Sonntag in der Wochenzeitung und verwies darauf, dass die EKBO selbst Anbieterin einer ergebnisoffenen Schwangerschaftskonfliktberatung sei.

Zur Rechtfertigung der bisherigen Würdigung der Aktivitäten der radikalen „Lebensschützer“  zitierte er aus seinem Grußwort: „Das Ja zur Unverfügbarkeit des Lebens braucht öffentliches Engagement, wie es sich auch in dem Marsch für das Leben ausdrückt“. Mit dem Grußwort wolle er dafür einstehen, „dass eine Gewissensentscheidung geachtet wird, die nicht meine ist. Denn evangelische Freiheit steht auch ein für die Freiheit des Andersdenkenden.“

Lavieren in der bischöflichen Zwickmühle: Tatsächlich stehen ja insbesondere die Marsch-Teilnehmer für eine Position, die individuelle Gewissensentscheidungen und die Freiheit des Andersdenkenden durch gesetzliche Verbote aushebeln will. Die regelmäßige Würdigung der den jährlichen „Marsch“ unterstützenden religiösen Hardliner will er nun so verstanden wissen, dass er es „begrüße, dass auch sie ihre Position öffentlich zur Diskussion stellen“, eine inhaltliche Übereinstimmung sei seinem Grußwort aber nicht zu entnehmen.

Im Ergebnis schloss er sich der Haltung an, die zuvor im Berliner Domkirchenkollegium vertreten worden war, denn die trotz mehrfacher Anfragen abgelehnte Abschlussfeier im Dom hätte einen „inhaltlichen Konsens nahegelegt. Ich halte deshalb die Entscheidung des Domkirchenkollegiums für sachgemäß und angemessen.“