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Scientology-Engagement wächst

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Die Leitstelle für Sektenfragen in Berlin informierte am Wochenende, dass Scientiology einen neuen Werbeversuch an Berlins Schulen gestartet hat. Mit einem "Tag der Offenen Tür" zum Thema "Drogenprävention" lädt die von einigen Landesverfassungsämtern beobachtete Organisation zu Veranstaltungen ein, in deren Vordergrund nach Einschätzung der Berliner Leitstelle eher Scientologen-Propaganda als Drogenaufklärung steht. Auch andernorts steigt das Engagement der Organisation.
Montag, 18. April 2011

Am Wochenende informierte die Leitstelle Sekten in Berlin über den Landespressedienst, dass die Scientology-Kirche an Berliner Schulen erneut Nachwuchs zu werben versucht. Anfang letzter Woche erhielten mehrere Schulen von der Scientology-Zentrale Einladungen zu einem "Tag der Offenen Tür" zum Thema "Drogenprävention". 

Die Leitstelle für Sektenfragen reagierte umgehend und lies Schulen ein neues Informationsblatt mit dem Titel "Scientology inkognito" zukommen. Darin informiert die Stelle über die Kampagnen und Werbeversuche der Organisation und ihrer Untergruppen. Zu diesen Suborganisationen gehören u.a. ABLE (Association for Better Living an Education), ApS (Applied Scholastics), WISE (World Institute for Scientology Enterprises) und Dianetik, eine Organisation, unter deren Namen Scientologen auf Berlins Straßen werben.

Scientology

Rattenfängermethoden bei Scientology (c) Leitstelle für Sektenfragen Berlin

"Mit vermeintlich karitativen oder sozialen Initiativen versucht die Organisation jugendliche Zielgruppen zu erreichen. Sie nutzt dazu soziale Netzwerke wie Facebook, SchülerVZ, YouTube, setzt Plakate ein und verteilt Broschüren, DVDs und Musikvideos an Infotischen", heißt es in der Pressemeldung des Berliner Landespressedienstes. Nachhaltige Hilfe würden die Interessierten bei den Scientology-Veranstaltungen nicht bekommen, erklärt die Berliner Leitstelle für Sektenfragen. Stattdessen erhalten Sie ein Rundumpaket der Scientology-Propaganda.

Insbesondere in den Sozialen Medien wie Facebook oder SchülerVZ werbe die Organisation verstärkt, um Jugendliche für sich zu gewinnen, geht aus einem Bericht des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen hervor. In dem Bericht heißt es: "‘Scientology' hat die Neuen Medien für sich entdeckt. Die Phase, in der die Mitglieder Flyer und Heftchen in Fußgängerzonen verteilen, um für das System zu werben, geht ihrem Ende zu. ‘Scientology' und ihre Tarnorganisationen, vor allem „Jugend für Menschenrechte" und „Sag nein zu Drogen - sag ja zum Leben" nutzen Social Networks wie Facebook, Channels wie Youtube oder Twitter, Foren, Blogs und die Enzyklopädie Wikipedia. Geschickte Verquickungen sind erfolgreich darauf ausgerichtet, vor allem Jugendliche zu manipulieren, anzusprechen und in den Bann der Organisation zu ziehen."

Auch die Informationsstelle Sekten-Info NRW verzeichnet eine steigende Aktivität der Scientologen. In ihrem Jahresbericht 2010 erklären die Berater: "Die Scientology-Organisation lässt nichts unversucht, um neue Mitglieder anzuwerben. Die mit hohem Aufwand betriebenen Werbe-Aktionen sollen in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, dass es sich bei der Scientology-Organisation um eine Religionsgemeinschaft handele, die sich für karitative Zwecke engagiere, und nicht um eine auf Gewinn ausgerichtete menschenverachtende Organisation, die die Demokratie ablehnt."

Insbesondere Jugendliche versucht die Organisation, deren Mitgliedszahlen nach Einschätzung von Experten rückläufig sind - in Deutschland belaufen sie sich auf etwa 5.000 bis 6.000 Personen - verstärkt Anhänger zu finden. So berichten sowohl der Verfassungsschutz NRW als auch Sekten-Info NRW vom Engagement der Scientologen im Rahmen ihrer Tarnorganisation "Jugend für Menschenrechte". Mit der Kampagne "Sag Nein zu Drogen, sag Ja zum Leben" habe die Organisation im vergangenen Jahr "aus fachlicher Sicht gesehen fragwürdige Aufklärungsarbeit" betrieben. Auf dem Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie hatte die Scientology-Unterorganisation "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" sogar eine Ausstellung zeigen können. Und auch auf das wachsende Engagement im Bereich der Neuen Medien weist die Informationsstelle warnend hin und berichtet von dem Versuch der Organisation, eine Propaganda-DVD in öffentlichen Bibliotheken zu platzieren.

Im Bereich der Rechtsberatung wachse der Bedarf auf Arbeitgeberseite. Diese würden inzwischen verstärkt nachfragen, "wie sie sich vor einer Unterwanderung durch die Scientology-Organisation schützen können". Auch mögliche Geldrückforderungen im Zusammenhang mit bereits gebuchten Kurspaketen seien immer wieder Gesprächsthema. 

Erst im vergangenen Jahr hatte der schwarz-grüne Senat in Hamburg aus Finanzgründen die bundesweit einzige Scientology-Aufklärungsstelle, die sich auf Länderebene mit der Organisation befasst, unter Leitung von Ursula Caberta geschlossen. Eine bundesweit aktive Aufklärungsstelle, wie sie Experten immer wieder fordern, gibt es nach wie vor nicht. Die zunehmenden Aktivitäten der Scientologen in den Neuen Medien sowie die damit einhergehende rasante Verbreitung des Scientology-Gedankengutes macht deutlich, dass die Einrichtung einer solchen überfällig ist.