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Rock-Festival in Trier

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Seit 500 Jahren pilgern Gläubige nach Trier, um eine Reliquie zu bewundern, an deren Echtheit nicht einmal mehr die katholische Kirche glaubt. Macht aber auch nix, denn es geht um Pomp, Missionierung und Geldschinderei. Und natürlich um die Pflege einer engen Verbindung von Kirche und Staat.
Montag, 16. April 2012
Heiliger Rock

Man muss gar nicht kritisch hinschauen, um die Echtheit der Reliquie anzuzweifeln. Die Kirche gibt inzwischen selbst zu, dass es ihr egal ist, ob was dran ist an dem Mythos des sog. "Heiligen Rocks" von Trier | Foto: Bistum Trier

500.000 Rockfans erwartet das Bistum Trier zu seiner Heilig-Rock-Wallfahrt, die am 13. April begann und noch bis zum 13. Mai, andauert. Bereits seit 500 Jahren lässt diese Wallfahrt in unregelmäßigen Abständen die Seelen schwingen und die Kassen klingen. Die Kritik daran ist so alt wie das Schauspiel selbst. Zweifel an der Echtheit der Reliquie äußerte bereits der Humanist Ulrich von Hutten, der den Rock schlicht als "altes, lausiges Wams" bezeichnete. Und Martin Luther nannte das Spektakel eine „große Bescheißerey", ein „verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel".

Dennoch hat sich die Veranstaltung bis heute gehalten und entwickelte sich zunehmend vor allem in den letzten beiden Jahrhunderten zum Ausdruck des engen Verhältnisses von Staat und Kirche. Erstmals öffentlich gezeigt wurde der Rock 1512 auf Wunsch des damaligen Kaisers Maximilian I. Die Wallfahrt von 1844 stand im Zeichen des Ausgleichs zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche. Der seit 1840 regierende König Friedrich Wilhelm IV. hatte den lang andauernden Streit mit der katholischen Kirche um die Einsetzung von Bischöfen und die Behandlung von Ehen zwischen Katholiken und Protestanten, sogenannte Mischehen (!), durch weitreichende Zugeständnisse beendet. Im Jahr 1891 ließ das Ende des Kulturkampfs Staat und katholische Kirche wieder näher zusammenrücken, ebenso wie 1933 der Abschluss des Konkordats zwischen dem Vatikan und dem NS-Staat. Entsprechend kniete dann der Gauleiter Gustav Simon vor dem Rock und SA-Kapellen spielten den Pilgern auf. Die SA stellte auch den Ordnungsdienst und geleitete die Pilgern sicher durchs deutschtümelnde Gewusel. Bei solch schlagkräftiger Unterstützung musste sich das Bistum auch nicht wie heute mit gottlosen Kritikern herumärgern. Die offizielle Chronik berichtete von der Schlussprozession, dass sie die glänzendste von allen war und die "Uniform der Hitlerleute" den langen Zug der "Christussoldaten" erfreulich belebt habe. Der damalige auch für das Saarland zuständige Trierer Bischof Franz Rudolf Bornewasser nutzte die Gelegenheit bei den von dort stammenden Pilgern für den Wiederanschluss an das Reich zu werden. Von den über zwei Millionen Pilgern, die 1933 kamen, ein Wert, der nie wieder erreicht wurde, schwärmt das Bistum noch heute.

Die Nähe von Politik und katholischer Kirche setzte sich auch in der Bundesrepublik fort. Wie in den Jahren 1959 und 1996 ist auch in diesem Jahr wieder politische Prominenz der Bundesrepublik bei der Wallfahrt vertreten. So nahmen die Regierungschefs der beiden Bundesländer, die zur Diözese Trier gehören, Annegret Kramp-Karrenbauer für das Saarland und Kurt Beck für Rheinland-Pfalz am Eröffnungsgottesdienst teil und dieser wurde natürlich live im SWR-Fernsehen übertragen.

Die Wallfahrt steht unter dem Motto Und führe zusammen was getrennt ist. Im Zeichen der Ökumene beteiligt sich in diesem Jahr auch die traditionell der Reliquienverehrung eigentlich abholde evangelische Kirche. Angesichts dieser geballten kirchlichen Macht haben es Initiativen, die das Ganze kritisch begleiten wollen, schwer.

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Ein Alternativprogramm zur Wallfahrt bietet die Giordano Bruno Stiftung

Einer Ausstellung mit dem Titel Reliquie – Fetisch in Kirche, Kunst & Konsum wurden kurzfristig bereits zugesagte Fördergelder verweigert. Dank großzügiger Finanzierung durch die Giordano Bruno Stiftung werden unter dem Motto Heilig's Röckle dennoch diverse Alternativveranstaltungen stattfinden.

Erstmals zu einer großen Gegenbewegung kam es im Jahr 1844. Aufsehen erregte damals Johannes Ronge, der als katholischer Geistlicher wegen seiner kritischen Haltung bereits seines Amtes enthoben war, mit seinem offenen Brief an den Trierer Bischof Wilhelm Arnoldi. Neben dem theologischen Argument, die die Anbetung eines von Menschen gemachten Objekts als Götzendienst betrachtet, kritisierte Ronge wie Luther, dass die Kirche mit der Wallfahrt vor allem ihr Geschäft im Auge habe und gerade denjenigen, die finanziell nicht auf der Sonnenseite angesiedelt sind, das wenige Geld aus der Tasche ziehe.

Heute gilt Ronges Brief als Gründungsdokument der Freireligiösen Bewegung. Denn der daraufhin von der katholischen Kirche exkommunizierte Ronge wurde zum Begründer der deutsch-katholischen Bewegung, die ein rationalistisch begründetes Christentum vertrat. Aus dem Zusammenschluss der Deutschkatholiken mit den ebenfalls rationalistisch orientierten protestantischen Lichtfreunden entstand schließlich 1859 der Bund der Freireligiösen Gemeinden Deutschlands.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Legende vom Heiligen Rock führten 1844 Johannes Gildemeister, Orientalist und Theologe, und der Historiker Heinrich von Sybel, beide Professoren der Universität Bonn in ihrer Schrift Der Heilige Rock zu Trier und die zwanzig andern Heiligen Ungenähten Röcke. Gildemeister und von Sybel verwiesen auf der Basis profunder Kenntnisse der historischen Quellen die Geschichten über die Herkunft des Rocks und seines Wegs nach Trier in den Bereich der Fabel. Sie bewiesen auch, dass ein Dokument in dem der Rock bereits im Jahre 327 erwähnt wurde, wie so viele andere Urkunden, auf die sich die katholische Kirche berief, eine Fälschung aus dem Mittelalter war. Belegt ist die Existenz des Rocks seit dem 12. Jahrhundert also zu jener Zeit als viele Reliquien erstmals auftauchen, da sie Macht und Einfluss der sie besitzenden Bistümer mehrten. Reliquien wurden damals in großem Stil gefälscht, so gibt es Tausende angebliche Splitter vom Kreuz Jesu, die für einen ganzen Wald von Kreuzen ausreichen und auch mehr als 20 Heilige Röcke.

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Politisch bestens verankert. Die Regierungschefs der beiden Bundesländer, die zur Diözese Trier gehören, Annegret Kramp-Karrenbauer für das Saarland und Kurt Beck für Rheinland-Pfalz, nahmen am Eröffnungsgottesdienst teil | Foto: Bistum Trier

Traditionsbewusst und dogmatisch, wie die Katholische Kirche nun einmal ist, lässt sie sich von solchen Tatsachen kaum beeindrucken. Nach langwierigen Rückzugsgefechten in Bezug auf die Echtheit des Rockes hat sie sich nunmehr zu der Sprachregelung durchgerungen:

Unabhängig von der Frage der "materiellen Echtheit" kann aber festgehalten werden: Christen haben 800 Jahre lang die "Tunika Christi" in Trier verehrt - als Zeichen für die Gegenwart des Mensch gewordenen Gottes in Jesus von Nazareth. Das steht historisch fest - und diese "spirituelle Echtheit" ist sicher wichtiger als jede Antwort auf die Frage: "Ist er denn eigentlich echt?"

D. h.: ob der Rock echt ist – zumindest die Möglichkeit hält man sich ja entgegen jeglicher Vernunft und wissenschaftlicher Erkenntnis nach wie vor offen – ist nicht entscheidend. Maßgeblich ist, dass Katholiken seit Jahrhunderten daran glauben. Wer glaubt hat eben Recht. Was für eine Argumentation.

An diesem Punkt sei daran erinnert, dass einiges von dem, was im Lauf der Jahrhunderte auf Geheiß der Kirche geglaubt wurde, mittlerweile von ihr ad acta gelegt werden musste. Und dass bis heute viele Menschen bereit sind, die aberwitzigsten Dinge zu glauben und das nicht nur im Bereich des Religiösen. So glauben einer ZDF-Umfrage zu Folge 42 Prozent der Deutschen, dass Lady Diana ermordet worden ist. Entsprechend kann davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der Pilger nach wie vor von der Echtheit des Gewands überzeugt ist, zumal die Kirche in Präsentation und Predigt keinerlei Zweifel zulässt.

Irrationales in jeder Form zu bedienen ist eine der Stärken der katholischen Kirche. Das erhöht ihre Bindungskraft, und sie kann damit gleichzeitig gute Geschäfte machen. Zwar brauchen die Pilger heute keinen kostenpflichtigen Ausweis mehr, um dem Spektakel beiwohnen zu dürfen, dafür zeigt sich das Bistum vermarktungstechnisch auf der Höhe der Zeit. Es gibt einen Wallfahrtsladen, der allerlei Devotionalien anbietet und er ist selbstverständlich auch Online zugänglich. Auch die „Papstbänke" werden wieder verkauft. Diese dienten ursprünglich als Sitzgelegenheiten beim Gottesdienst, den Papst Benedikt am 25. September 2011 anlässlich seines Besuchs in Freiburg abhielt. Anschließend verkaufte das Erzbistum Freiburg die Bänke zum stolzen Preis von 410 Euro pro Stück ohne Transportkosten. Nunmehr wird der Preis ganze 220 Euro betragen. Die Bänke sind selbstverständlich aus ökologischer Holzwirtschaft und zertifiziert.

Dem Zeitgeist Rechnung tragen, soweit es den eigenen Interessen dienlich ist, ist eine der Stärken der katholischen Kirche. Twitter und Youtube sind einbezogen, dort kann man sich auch die Pilgerhymne anhören. Es gibt Rockkonzerte, besonderer Spätgottesdienste heißen „Night-Fever", finden während der Wallfahrt aber nicht Samstags sondern Freitags statt. Diese ganze neumodische Tünche über einem irrationalen und zigmal widerlegten Mythos ändert allerdings nichts daran, dass die katholische Kirche in vielen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen, wie Sexualität, Verhütung, Gleichberechtigung etc. nach wie vor an überkommenen Positionen festhält. Das moderne Image ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Die Gläubigen lassen sich davon nicht stören, trinken dürfen den Wein ja eh nur die Geistlichen.