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Böckenförde-Diktum auf dem Prüfstand – kein Verlass auf die Religionen

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Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, sagte einst Ernst Wolfgang Böckenförde in seinem populären Diktum. Die Heidelberger SPD-Laizisten hielten das für frag- und diskussionswürdig und luden zusammen mit Studierenden der Universität am 19. April in das Deutsch-Amerikanische Institut in Heidelberg ein.
Montag, 30. April 2012
Böckenförde-Tagung

Joachim Kahl, Eberhard Schockenhoff und Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich auf dem Podium | Foto: Dr. Joachim Grebe

Adrian Gillmann von den laizistischen Sozialdemokraten in Heidelberg konnte etwa hundertfünfzig Interessierte begrüßen und die Diskussion eröffnen zwischen einem katholischen Moraltheologen, einem weltlichen Humanisten und einem Religionswissenschaftler unter philosophisch geschulter Moderation. Auf wen soll sich eigentlich der säkulare Staat beziehen, wenn er nach moralischer Begründung fragt? Alle Menschen und Gruppierungen beanspruchen moralische Autorität und spannen ein weites Spektrum ethischer Positionen auf. Können dabei die großen christlichen Kirchen – wie bisher - noch eine Sonderrolle beanspruchen? Haben sie auch Antworten auf die neuen bioethischen Fragen, die durch die neuen medizinischen Entwicklungen aufgeworfen werden ?

Dr. Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich (Philosophisches Seminar der Universität Heidelberg) stellte diese und andere Fragen, um die Podiumsdiskussion anzustoßen und zu moderieren.

Plädoyer für das Recht auf eine eigene Wahrheit eines katholischen Lobbyisten

Dr. Eberhard Schockenhoff (Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates) beanspruchte keine Bevorzugung oder Monopolstellung für die christlichen Kirchen. Jede Religion und Weltanschauung habe ihr Recht auf die eigene Wahrheit und ihre Moralvorstellung. Er versuche im Ethikrat die Sichtweise des katholischen Christentums einzubringen und durch rationale Begründungen zu überzeugen.

Nach einer Klarstellung, dass die christliche Heilslehre von der Überwindung des Todes die primäre und eigentliche Botschaft der katholischen Kirche sei, umriss er die Kernpunkte der christlichen Ethik mit folgenden Stichworten: 

  • Nächstenliebe, Pflicht zur Vergebung ohne Groll und Rache, Feindesliebe,
  • Solidarität mit den Schwachen und Randgruppen,
  • Gewaltverzicht und Frieden stiften sowie
  • Mitverantwortung für den säkularen Staat.

Das erste Gebote (Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.) sei – richtig verstanden - keine Grundlage für Intoleranz gegen andere Religionen und ihre Anhänger. Es sei vielmehr eine Entscheidung für die Liebe und eine Relativierung der weltlichen „Götter" wie Ruhm, Geld und Macht.

Eberhard Schockenhoff

Dr. Eberhard Schockenhoff | Foto: Dr. Joachim Grebe

Schockenhoff setzte sich nachdrücklich für die Menschenwürde und die Menschenrechte ein, die praktisch absolute Geltung hätten und – anders als etwa Verkehrsregeln - nicht verhandelbar seien. Er sprach von einem Grundbestand moralischer Werte, zu dem man sich notwendig bekennen müsse. Es gebe zudem gute Argumente für eine solche universalistische Ethik, die ihre Grundlage in einem gemeinsamen Humanum aller Menschen habe. Er wies in diesem Zusammenhang auch auf außereuropäische Traditionen, wie den Konfuzianismus in China, hin. Die Menschenrechte seien auch eine gute Basis für den weltweiten Dialog der Religionen und Weltanschauungen und damit für die Sicherung des Weltfriedens. Man müsse nur die Gemeinsamkeiten stärker betonen als das Trennende und Verschiedene.

Die staatliche Gewalt müsse die Menschenrechte garantieren wie insbesondere die Gewissensfreiheit und die positive und negative Religionsfreiheit. Der Staat solle – hier folgte er dem Böckenförde-Diktum ausdrücklich – sich nicht in die Glaubens- und Gewissensentscheidungen einmischen, sollte aber die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aktiv fördern, damit diese das ethische Fundament für die Gesellschaft ausgestalten und verantworten könnten. Hier sei eine Selbstrelativierung staatlicher Gewalt geboten. Die in der nachfolgenden Diskussion angeschnittenen Fragen nach einer Umweltethik und einer „kollektiven Menschheitsethik" als Grundlage für eine globale Klima- und Entwicklungspolitik seien nicht akademisch sondern im Wege des politischen Engagements und durch Wahlentscheidungen zu beantworten.

Schockenhoff räumte ein, dass die Religionen und zumal das Christentum in ihrer Geschichte ein großes Gewaltpotential offenbart hätten. Beispielhaft sprach er den Antijudaismus, die Kreuzzüge und die Inquisition an. Auch habe die katholische Kirche in der Tat erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Religionsfreiheit anerkannt. Das Christentum habe jedoch immer durch den Rückbezug auf sein Ursprünge und die Auslegung der Bibel die Kraft besessen, die historischen Irrtümer zu korrigieren und zu überwinden.

Im 20. Jahrhundert sei die Explosion der Gewalt in den größten Fällen nicht religiös motiviert gewesen und wies auf den Zivilisationsbruch während des Dritten Reiches hin.

Warum der Humanistische Wertekanon nicht heilig sein darf

Dr. Dr. Joachim Kahl (freiberuflicher Philosoph in Marburg mit den Schwerpunkten Religionskritik, Ethik, Ästhetik und weltlicher Humanismus, Mitglied im Humanistischen Verband Deutschlands) begrüßte, dass zumindest in Teilen der katholischen Kirche Humanismus und Aufklärung angekommen seien, wobei ihm ein „Gott sei Dank" entfuhr. Die Anerkennung der Menschenrechte durch die christlichen Kirchen sei ein großer Fortschritt und eine gute Grundlage für den Dialog über die aktuellen ethischen und moralischen Fragestellungen.

Joachim Kahl

Dr. Dr. Joachim Kahl | Foto: Dr. Joachim Grebe

Kahl betonte aber, dass die Menschenrechte erst in einem langen historischen Prozess herausgearbeitet und politisch durchgesetzt werden mussten – und zwar gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche. Wenn die Menschenwürde tatsächlich genuin aus den christlichen Überzeugungen herzuleiten sei, müsse doch verwundern, dass sie fast zwei Jahrtausende nicht als solche formuliert und wirksam geworden sei. Die Menschenrechte seien eben nicht durch eine Säkularisierung des christlichen Menschenbildes entstanden, sondern hätten eine lange philosophische Tradition, die im Gegenteil durch die herrschenden christlichen Kräfte unterdrückt und ausgeblendet worden seien. Er verwies beispielhaft auf Arbeiten des klassischen Altphilologen Prof. em. Dr. Dr. h.c. Hubert Cancik, der die Ursprünge des Humanismus und insbesondere der Menschenrechte bei griechischen und römischen Philosophen untersucht habe.

Das historische Christentum stehe nicht für Moral sondern für Unmoral und Gewalt. Das „Heilige Land" sei blutgetränkt durch die unverträglichen Absolutheitsansprüche der drei großen abrahamitischen Religionen, die sie in Territorialansprüche umgedeutet hätten. Wo der Begriff „heilig" auftauche, sei für die menschliche Gesellschaft allerhöchste Gefahr für das friedliche Zusammenleben gegeben. Eiferer und Fanatiker hätten unter Berufung auf Gott („Gott will es") größtes Leid über die Menschheit gebracht. Gott sei ein Phantom, in das beliebige Werte hineinprojiziert würden, um unter Berufung auf Gottes Gesetze sehr menschliche Interessen zu verfolgen.

Jede menschliche Moral sei von Menschen verabredet und relativ. Das gelte auch für die historisch entstandene Konzeption von der Würde des Menschen und den Menschenrechten. Dieser „humanistische Wertekanon" sei zwar bedingt, aber nicht beliebig. Kahl machte gegenüber Schockenhoff geltend, selbst die Menschenrechte könnten nicht absolut gesetzt werden. Deshalb sei er noch lange kein Relativist. Er trete ganz entschieden für die Menschenrechte ein, zumal sie philosophisch und durch Common Sense gut begründbar seien. Ihre universale Geltung könne man fordern, ohne sie zu verabsolutieren.

Im Anschluss an politische Gedanken von Friedrich II. von Preußen trat Kahl für Säkularität, Laizität und Pluralität ein, wie sie dann erstmals in Deutschland in der Weimarer Verfassung ansatzweise realisiert worden seien. Dies sei zukünftig politisch und rechtlich weiter zu entwickeln auf der Basis des Grundgesetzes.

Moralische Fragen müssen immer ausgehandelt werden

Prof. Dr. Gregor Ahn (Professor für vergleichende Religionswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg) sprach sich persönlich auch für die Geltung der Menschenrechte aus, womit auf dem Podium in soweit ein breiter und wichtiger Konsens bestand. Sie seien für ihn letztendlich nicht wirklich verhandelbar. Insofern vertrete er als Person keine relativistische Position in moralischen und ethischen Fragen.

Gregor Ahn

Prof. Dr. Gregor Ahn

Als Vertreter einer empirischen Wissenschaft müsse er aber unterstreichen, dass die Moral im Allgemeinen und die Menschenrechte im Besonderen keine anthropologische Grundlage und Begründung hätten. Die Menschen müssten um ihre Durchsetzung streiten, wie überhaupt moralische Fragen eben ausgehandelt werden müssten. Was moralisch sei, wisse er als Wissenschaftler nicht. Er könne aber analysieren, dass moralische Positionen mit kulturell und historisch bedingten Setzungen einhergingen. „Anything goes!" sei nirgendwo der Maßstab.

Aus seinen Untersuchungen lasse sich auch der Schluss ziehen, dass Religionen wie das Christentum oder der Islam nicht per se gewalttätig oder friedlich seien. Religiöse Argumentationen würden historisch sowohl zur Begründung kriegerischer Ziele als auch zur Verbreitung friedlicher Visionen eingesetzt – auf der Basis des Kanons der vorhandenen Grundlagentexte. Insofern liege die Priorität der moralischen Impulse wohl eher in den gesellschaftlichen Bedingungen als in den Texten, aus denen sie hergeleitet würden. Das Christentum weise zwischen den Gewalttaten von Kreuzzug und Inquisition und den karitativen und friedlichen Bestrebungen ein weites widersprüchliches moralisches Spektrum auf. Ahn erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es vor den Kreuzzügen kontroverse Debatten über ihre Rechtfertigung gab, bei denen sich dann die Befürworter durchgesetzt hätten.

Ahn sagte dann unter Bezug auf das Böckenförde-Diktum, dass die Moral bei den Religionen nicht ohne weiteres in guten Händen sei, da die moralischen Vorstellungen je nach dem politisch-sozialen Kontext sehr unterschiedlich gefüllt würden. Zudem hätten die Großkirchen an Bedeutung und Einfluss verloren, so dass insoweit auch die Zusammensetzung des Deutschen Ethikrates den Entwicklungen in der Gesellschaft zu wenig Rechnung trage. Viele Menschen begriffen sich als „spirituelle Wanderer", die sich Religion und Moral aus verschiedenen Quellen patchwork-artig zusammen setzten. Damit sei die Frage offen, wer heute entscheiden dürfe, was heute Moral sei. Worauf und auf wen solle sich also der säkulare Staat beziehen, wenn er den Böckenfördeschen Wegweisungen folgen wollte? 

Resumée des Chronisten

Die Podiumsdiskussion brachte einen aufgeklärten Christen mit  einem weltlichen Humanisten ins Gespräch, also zwei wichtige Strömungen in der bundesdeutschen Gesellschaft – aber eben auch nur ein Ausschnitt der moralischen Wirklichkeit. Auch wenn der beteiligte Religionswissenschaftler sich als solcher eher kommentierend – manchmal mokant - zu den prägnanten Positionen der Kollegen äußerte, teilte er offenbar den Konsens über die große Bedeutung der Menschenwürde und der Menschenrechte für Staat und Gesellschaft.

Die staatliche Verfassung ist mit dem Bezug auf diese Menschenrechte alles andere als neutral und in der aktiven Durchsetzung der Grund- und Menschenrechte nicht unmittelbar auf die Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften angewiesen. Die Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft müssen allerdings in der Tat darum kämpfen, dass diese – oft als selbstverständlich empfundene – Grundlage einer humanen Gesellschaft erhalten und weiter entwickelt wird. Die Menschenrechte sind insoweit auch unabhängig von den religiös oder weltanschaulich fundierten Positionen, ja sie sind sogar ein Maßstab zur Kritik hergebrachter moralischer Regeln aus dem Fundus der Weltreligionen. Man könnte auch sagen, dass ein „Gott", der sich nicht an die Menschenwürde und die Menschenrechte hält, sich kaum noch blicken lassen darf.

Wolff-Metternich schloss die erfolgreiche Veranstaltung mit dem Diktum, dass es leichter sei Moral zu predigen als zu begründen. Sie sprach nicht aus, dass das Böckenförde-Diktum an diesem Abend einige Federn lassen musste, aber so war es jedenfalls.