Direkt zum Inhalt
Unser neuer News- & Community-Service – Entdecke die Vielfalt!
view counter

UN-Sonderberichterstatter: „Verfolgung von Atheisten kaum ausgeleuchtet“

DruckversionEinem Freund senden
In seiner aktuellen Ausgabe berichtet „DER SPIEGEL“ über die fast weltweit verbreitete Diskriminierung und Verfolgung von nichtreligiösen Menschen.
Montag, 28. Dezember 2015

In den Mittelpunkt rückt der aktuelle SPIEGEL-Bericht eine Mordserie an atheistisch und säkular denkenden Bloggern in Bangladesch. Vier Personen mussten dort allein im vergangenen Jahr durch Angriffe fanatischer Muslime, die ihre Opfer meist bei Tageslicht mit Macheten attackiert hatten, sterben. Erstmals berichtet das Nachrichtenmagazin in diesem Zusammenhang auch über den Bericht Freedom of Thought, der seit 2012 die vielfältigen Formen der systematischen Benachteiligung und politischen oder sozialen Unterdrückung konfessionsfreier und nichtreligiöser Menschen dokumentiert und jedes Jahr zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember von der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) in aktualisierter Fassung neu veröffentlicht wird.

Die in zahlreichen Ländern vorhandenen Gesetze gegen die Abkehr von religiösen Glaubenshaltungen oder gegen „Blasphemie“ sind nur eine der mannigfaltigen Facetten staatlicher und sozialer Repression gegen die „Gottlosen“. Im SPIEGEL heißt es hierzu: „Unter dem Druck lautstarker Glaubensgruppen lassen sich Öffentlichkeit und Politik dazu verleiten, Religionskritik unter Strafe zu stellen. Das kommt als feingeistiger Schutz der gläubigen Seelen daher, bedeutet dann aber in der Praxis oft, dass Freidenker für vogelfrei erklärt werden.“

Die Wahrung eines Menschenrechts sollte zwar nicht von der Zahl der Individuen abhängen, denen diese Rechte zukommen. SPIEGEL-Autor Hilmar Schmundt verweist in seinem Bericht aber auch auf die in vielen Ländern wachsende Zahl von Menschen, die sich keiner Religion verbunden fühlen. So habe sich der Anteil nichtreligiöser Menschen an der Weltbevölkerung laut Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts WIN/Gallup International zwischen 2005 und 2012 um neun Prozent auf 23 Prozent erhöht.

SPIEGEL 53/2015

SPIEGEL 53/2015

In dem SPIEGEL-Bericht zu Wort kommt unter anderem der Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen, Heiner Bielefeldt. Laut Bielefeldt gibt es einen erheblichen Nachholbedarf bei der Beschäftigung mit Menschenrechtsverletzungen, die an die Ablehnung eines religiösen Glaubens oder Bekenntnisses anknüpfen: „Die Verfolgung von Christen oder Muslimen wird oft relativ gut dokumentiert, aber die Verfolgung von Atheisten ist kaum systematisch ausgeleuchtet“, so Bielefeldt. Ein Grund dafür sei, dass Nichtreligiöse „oft schwach oder gar nicht organisiert“ sind, während Gläubige häufig von starken Organisationen wie dem Vatikan unterstützt werden.

Diese Analyse des UN-Sonderberichterstatters wird ebenfalls durch Beobachtungen in der Bundesrepublik gestützt. Denn hierzulande stellen die – zwar nicht lebensbedrohlichen, doch wegen des kirchlichen Arbeitsrechts mitunter materiell existenzgefährdenden – Formen der Diskriminierung von Bürgern ohne religiösen Glauben ein Tabu-Thema dar, dem auch die Medien nur wenig Aufmerksamkeit widmen. Damit diesem blinden Fleck in den Augen der Öffentlichkeit wenigstens ein kleines Stück weit abgeholfen werden kann, hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nach der Veröffentlichung des Berichts Gläserne Wände zu den Problemen in Deutschland vor einigen Wochen eine Expertise in Auftrag gegeben. Diese soll unter anderem einen fundierten Beitrag zur Klärung der Frage leisten, wo und inwieweit in Deutschland Lücken im Schutz gegen Benachteiligungen aufgrund einer nichtreligiösen Lebensauffassung vorhanden sind und Handlungsempfehlungen für den Abbau von Diskriminierungsrisiken formulieren.