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Warten auf eine konfessionsfreie Mehrheit

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58,5 Prozent der Einwohner der Bundesrepublik waren Ende 2013 Mitglied in einer der beiden großen Kirchen. Dies zeigt die aktuelle Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Setzt sich die derzeitige Entwicklung fort, wird den Kirchen in etwa zwölf Jahren nur noch die Hälfte der Bevölkerung angehören. Ist der Sieg des Atheismus also in Sichtweite?
Dienstag, 28. April 2015
Foto: © Gina Sanders / Fotolia.com

Leere Kirchen sind kein seltenes Bild. Es gibt jedoch nur begrenzt Auskunft über die weltanschaulichen Veränderungen in Deutschland. Foto: © Gina Sanders / Fotolia.com

Es ist ein kurzer Moment geblieben, an dem sich die Vertreter der Kirchen im vergangenen Jahr freuen konnten: die im Zuge des Zensus 2011 ermittelte Bevölkerungszahl Deutschlands, welche nach der Auswertung um rund 1,3 Millionen Einwohner geringer als bis dahin angenommen ausfiel, schlug sich auch in einem kleinen Plus in der kirchlichen Mitgliederstatistik nieder. Um 0,4 Prozentpunkte wuchs aufgrund der bis dahin unerkannt geschrumpften Bevölkerungszahl die Angabe zum Anteil der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung gegenüber dem Vorjahresbericht, den die EKD jährlich veröffentlicht.

Doch auch der in diesem Monat veröffentlichte Bericht zeigt, dass sich der jahrelange Abwärtstrend ungebremst fortsetzt. Denn aus ihm geht hervor, dass Ende 2013 nur noch 28,5 Prozent der Bevölkerung einer der Gliedkirchen der EKD und 29,9 Prozent der katholischen Kirche angehörten. Das Minus von 0,7 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr deutet darauf hin, dass der Mitgliederschwund möglicherweise sogar noch leicht an Fahrt gewinnt. Auch schrumpft die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder weiterhin schneller als die der katholischen. Sofern diese Entwicklung anhält, wird die 50-Prozent-Marke bis etwa zum Jahr 2027 erreicht sein. Christen werden sich spätestens ab dieser Zeit als religiöse Minderheit in der Bundesrepublik sehen können, neben anderen religiösen Minderheiten wie Muslimen, Aleviten, Juden oder Buddhisten. Zu den heutigen Ländern, die eine mehrheitlich kirchenferne Bevölkerung aufweisen, werden weitere Bundesländer gekommen sein, darunter voraussichtlich Schleswig-Holstein und Bremen. In Bremen wird der Anteil an Kirchenangehörigen wohl schon in diesem Jahr die „Minderheitsgrenze“ erreichen. Doch was folgt aus dem Wandel, der sich hier anscheinend unaufhaltsam vollzieht?

Wenn Konfessionsfreie wählen dürfen

Unaufhaltsam wirkt die Entkirchlichung zunächst vor allem aus protestantischer Perspektive und der derjenigen Atheisten, die auf die ungebrochene Fortsetzung der Entkirchlichung hoffen. Denn es sinkt zwar bundesweit auch die Zahl der Katholiken, doch geht dies vor allem auf den Mitgliederschwund in den alten Bundesländern zurück. In den neuen Bundesländern, aber auch in Niedersachsen, Bremen und Hamburg verzeichnet die Kirche stabile und mitunter sogar leicht wachsende Zahlen. So lebten in Hamburg Ende 2013 fast 9.000 Katholiken mehr als zehn Jahre zuvor, die Zahl der Protestanten fiel hingegen um mehr als 60.000. In Brandenburg musste die EKD von 2003 bis 2013 einen Schwund von rund 100.000 Angehörigen feststellen, die katholische Kirche konnte sich hingegen über ein leichtes Plus freuen.

Wenig von Entkirchlichung ist auch dann zu sehen, wenn man einen Blick auf die politischen Spitzen der Länder wirft, in denen kirchenferne und konfessionsfreie Bürger die Bevölkerungsmehrheit bilden oder in den nächsten Jahren bilden werden: mit Ausnahme des Hamburger Oberbürgermeisters Olaf Scholz sind hier alle Regierungschefs bekennende Kirchenangehörige. Scholz hielt sich bislang zwar hinsichtlich seiner Konfessionszugehörigkeit ziemlich bedeckt, machte aber zuletzt als Schirmherr des diesjährigen Kongresses Christlicher Führungskräfte, veranstaltet von der evangelikalen Nachrichtenagentur Idea, von sich reden.

Was die Gründe dafür sind, dass die Regierungschefs sogar kirchenferner Bundesländer durchweg eine deutliche Bindung an etablierte christliche Institutionen aufweisen, ist nicht einfach mit einem Verweis auf kirchliche Nachwuchsarbeit oder Kaderschmieden zu beantworten. Denn konfessionsfreie Wähler stimmen durchaus gern für die profiliertesten Verteidiger des religionspolitischen Status quo: So regiert in vier der sieben „Konfessionsfreien-Hochburgen“ derzeit die CDU. Der Blick in die Länder, wo Kirchenmitglieder eine Minderheit sind, kann also deutlich machen: kämpferischer Atheismus oder politischer Säkularismus, der grundlegende gesellschaftliche Veränderungen will, entfaltet auch hier höchstens im Ausnahmefall eine Breitenwirkung.

Einblicke bei der Frage, was von der aus bundesweiter Perspektive fortschreitenden Entkirchlichung zu erwarten sein wird, liefern ebenfalls wissenschaftliche Befunde wie die des Religionssoziologen Gert Pickel. Der Inhaber der Professur für Kirchen- und Religionssoziologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig ist einer der Autoren des im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellten Religionsmonitors. Im Zuge der wissenschaftlichen Studien für den Religionsmonitor haben er und seine Forscherkollegen auch die Konfessionsfreien genauer auf ihre weltanschaulichen Orientierungen hin untersucht.

Atheisten, Areligiöse, Indifferente, Spirituelle, Individuelle

Zwar hatten schon frühere Befragungen herausgefunden, dass atheistische Haltungen selbst unter Kirchenmitgliedern keine Seltenheit sind. Und längst bekannt ist ebenfalls, dass nur ein Bruchteil der Kirchenmitglieder regelmäßig die sonntäglichen Gottesdienste besucht. Doch das Feld der Konfessionsfreien erweist sich nicht als so glaubensfern, wie es manch vereinfachte Lesarten des Schwunds bei den Angehörigen der zwei großen Kirchen mitunter vermuten. So wurde deutlich, dass nur eine Minderheit der Konfessionsfreien als „echte Atheisten“ in dem Sinne gelten können, als dass sie sowohl Wissen über Religionen besitzen, keine religiösen Erfahrungen gemacht haben bzw. machen und eventuell aufgrund ihrer nichtreligiösen Überzeugungen auch Aktivitäten, d.h. eine weltanschaulich motivierte Praxis, entfalten würden.

Ein weiterer beachtlicher Teil der Konfessionsfreien bildet sich aus Menschen, die aus soziologischer Perspektive als areligiöse oder religiös indifferente Personen zu sehen sind. Die Vertreter dieser Gruppe besitzen kein oder nur wenig Wissen über Religionen und neigen nicht dazu, aufgrund des Wahrheitsanspruchs ihrer weltanschaulichen Überzeugungen für oder gegen eine bestimmte Glaubensrichtung tätig zu werden. Mehr als die Hälfte der Konfessionsfreien in den neuen Bundesländern sind areligiöse bzw. religiös indifferente Menschen, ein gutes Viertel der Gruppe stellen diese in den alten Bundesländern dar. Aus einer soziologischen Perspektive wie der von Gert Pickel sind diese Haltungen als ein Ergebnis einer Säkularisierung aufgrund der funktionalen Differenzierung hochentwickelter Gesellschaft zu betrachten: Religion bzw. religiöse Fragen und Institutionen haben für diese Menschen einfach keine relevante Bedeutung, sie sind ihnen mehr oder weniger einfach „fremd“. Deshalb sehen sie keinen Sinn und Nutzen darin, sich für oder gegen eine Religion zu engagieren. Dass dies in Bezug auf weltanschauliche Standpunkte und Argumente, die sich als nichtreligiöses Gegenüber zu den Religionen verstehen, ebenfalls gilt, dürfte ein Grund dafür sein, dass explizit atheistische und antiklerikale Organisationen kaum von der Entkirchlichung profitieren können, etwa indem sie kirchenferne und konfessionsfreie Menschen als Unterstützer gewinnen.

Illu: Gert Pickel / Universität Leipzig

Illustration: Gert Pickel / Universität Leipzig

Neben diesen areligiösen bzw. indifferenten Konfessionsfreien und den „echten Atheisten“ gibt es noch die Gruppe der Menschen, die als individuell religiöse oder spirituelle Konfessionsfreie zu sehen sind. Hier sind vor allem Überzeugungen und Praktiken zu finden, die eine Variante oder Alternative zu den traditionellen Formen religiösen Glaubens und einer darauf aufbauenden Praxis darstellen. In den alten Bundesländern bilden sie laut den Untersuchungen für den Religionsmonitor zusammen rund 43 Prozent der Konfessionsfreien, in den neuen Bundesländern knapp ein Viertel. Soziologisch ist ihr Vorkommen als Ergebnis von Individualisierung und außerkirchlicher Vergemeinschaftung zu erklären.

Wer würde einen Gottesbezug streichen?

Andere Untersuchungen wie die der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) lieferten zwar Daten, die auf einen etwas höheren Anteil von Atheisten unter den Konfessionsfreien und einen geringeren Anteil an areligiösen, spirituellen oder individuell religiösen Menschen hinweisen. Eine homogene Mehrheit bilden Konfessionsfreie in konkreten Fragestellungen jedenfalls nur bedingt.

So sind sich laut den für den Religionsmonitor erhobenen Daten etwa gute zwei Drittel der Konfessionsfreien einig, dass religiöse Symbole an Schulen nicht zulässig sein sollten oder Forschung nicht durch Religion eingeschränkt werden sollte. Weniger Einigkeit herrscht hingegen schon bei der Frage, ob in der Politik Platz für religiöse Werte ist. Während dies drei Viertel der „echten Atheisten“ verneinten, antwortete ebenso nur noch wenig mehr als die Hälfte der areligiösen und als spirituell eingeordneten Befragten. Die für eine Streichung des Gottesbezuges aus dem Grundgesetz erforderliche Zweidrittelmehrheit wäre also seitens der Konfessionsfreien auch in Zukunft nicht gewiss.

Eine Art atheistischer Reformation, wie sie glühende Gegner von Religionen herbeiwünschen, ist daher auch ab dem Jahr 2027 höchstens schleichend zu erwarten. Und zwar nicht nur deshalb, weil sich die neben den Kirchen vorhandenen Vertreter nichtchristlicher Religionsgemeinschaften wie die der Muslime, Juden und Aleviten mit den Kirchenangehörigen vermutlich ziemlich rasch einig sind, wenn es um fundamentale Fragen zum Verhältnis zwischen Staat und ihren Anliegen als Religionsgemeinschaften geht. Sondern auch deshalb, weil die sieben mehrheitlich konfessionsfreien Bundesländer schon heute zahlreiche Hinweise dafür liefern, dass das christliche Abendland nicht einfach mit dem Verlust der kirchlichen Bevölkerungsmehrheit untergeht. Eine von konfessionsfreien Bürgern geprägte Gesellschaft wird eher areligiös, spirituell und religiös individualisiert statt bekennend atheistisch oder strikt antiklerikal. Und solange die etablierten Religionen die Konfessionsfreien in Ruhe lassen, lassen Konfessionsfreie die etablierten Religionen in Ruhe – davon könnte man den bisherigen Erfahrungen nach ausgehen. Dass diese Regel umgekehrt ebenfalls gilt, darauf sollte man sich aber auch in Zukunft besser nicht verlassen.

Eine Hoffnung: mehr Freiheit für alle

Der schwindende Rückhalt der großen Kirchen in der Bevölkerung bringt trotzdem wichtige Erleichterungen für Menschen, die keinen religiösen oder einen anderen Glauben teilen. So entfällt nicht nur Jahr für Jahr weiter der allgemeine Druck, einer christlichen Religionsgemeinschaft anzugehören, dem sich insbesondere Menschen mit nichtreligiösen Überzeugungen in kleineren Ortschaften und dörflicheren Gegenden bis heute ausgesetzt sehen. In Städten wie Berlin oder Hamburg profitieren davon heute schon viele Bürgerinnen und Bürger, denn nirgendwo ist es einfacher, sich als kirchenfern und nichtreligiös erkennen zu geben – oder auch zu einem religiösen Glauben zu bekennen. In ethischen Debatten, wie der aktuell um die Suizidhilfe geführten Kontroverse, greift der platte Verweis auf die Menge der Anhängerschaft schlechter und bringt nichtreligiös und religiös begründete Argumente endlich stärker auf Augenhöhe. Das Potential für ein kritisches Bewusstsein bei Themen wie der systematischen Benachteiligung konfessionsfreier und andersgläubiger Arbeitnehmer durch das kirchliche Arbeitsrecht wird größer. Das Verlangen nach einer angemessenen wertebildenden Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht erhält mehr Gewicht. Die Chance, zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen und selbst entscheiden zu können, wächst. Und das bedeutet letztlich mehr Freiheit für alle. Dies ist angesichts aller bisherigen Befunde keine sichere Prognose, die „echte Atheisten“ mit dem Warten auf eine konfessionsfreie Bevölkerungsmehrheit verbinden können. Aber immerhin eine berechtigte Hoffnung.