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Könnte eine Atheistin US-Präsidentin werden?

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Die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin Hillary Clinton hat ihre Bewerbung als Kandidatin für die US-Präsidentschaft bekannt gegeben. Beobachter rechnen ihr gute Chancen aus, die erste Frau in diesem Amt zu werden. Doch wären ihre Erfolgsaussichten auch so glänzend, wenn sie dem christlichen Glauben entsagen würde?
Freitag, 17. April 2015
Foto: Mike Mozart / Flickr / CC BY

Hillary Clinton ist überzeugte Methodistin. Atheismus-Verdächtigungen, wie sie Amtsinhaber Barack Obama erlebte, braucht sie vermutlich nicht befürchten. Foto: Mike Mozart / Flickr / CC BY

Würde sich Hillary Clinton als säkulare Humanistin verstehen, bräuchte sie sich wohl keine großen Hoffnungen auf das Präsidentschaftsamt in den Vereinigten Staaten machen. Dies legt eine Umfrage nahe, die das Pew-Meinungsforschungszentrums mit Sitz in Washington D.C. vor einem Jahr durchgeführt hat. Deren Ergebnisse zeigen, dass Bewerber um einen der mächtigsten Posten in der Weltpolitik stark in der Wählergunst sinken, falls sie sich als Atheisten oder Agnostiker outen: 53 Prozent der Befragten gaben an, dass das Fehlen eines Gottesglaube bei einem Kandidaten sich negativ auf die Wahrscheinlichkeit auswirken würden, diese Person zum Oberhaupt der Vereinigten Staaten zu wählen. Nur 41 Prozent meinten hingegen, sich an atheistischen Überzeugungen eines Kandidaten nicht zu stören. Und fünf Prozent erklärten, Atheismus würde ihre Wahlentscheidung positiv beeinflussen. Zum Vergleich: Das Fehlen jeglicher Erfahrung als politischer Amtsträger beurteilten 52 Prozent als negativen Faktor, offene Homosexualität 27 Prozent der Befragten.

Laut einer aktuellen Untersuchung bezeichnet sich zwar ein Drittel der US-Bevölkerung als nichtreligiös und sechs Prozent gaben sogar an, überzeugte Atheisten zu sein. Doch im Vergleich der weltanschaulichen Gruppen rangieren die „gottlosen Gesellen“ im gesellschaftlichen Ansehen ziemlich weit unten auf der Beliebtheitsskala, wie eine weitere Befragung des Pew-Foschungszentrum im Juli 2014 herausfand. Auch unter den mehr als 51 Millionen Konfessionsfreien in den Vereinigten Staaten gibt es starke Vorbehalte gegen atheistische US-Präsidentschaftskandidaten: 24 Prozent aus dieser Gruppe meinten, die Abwesenheit des Glaubens an einen Gott würde die Chancen eines Bewerbers auf ihre Stimmen senken. Für immerhin 64 Prozent der Konfessionsfreien wäre Atheismus kein Problem. Und auch im Gesamtdurchschnitt stehen Atheisten mittlerweile etwas besser da als noch 2007, wo mit 61 Prozent sich deutlich mehr als 2014 ablehnend zur Frage äußerten, ob sie einen Atheisten zum Regierungschef machen würden. In einer Gallup-Umfrage 2012 stellte sich heraus, dass noch weniger US-Wähler für einen atheistischen Präsidenten stimmen würden als für einen muslimischen.

Bisher gab es nur zwei konfessionsfreie US-Präsidenten

Die Entwicklung der Vereinigten Staaten zu einer der politisch und wirtschaftlich einflussreichsten Nationen der Erde ist im Selbstverständnis vieler Bürger des Landes und in den Darstellungen ihrer politischen Führer zwar meist eng verbunden mit dem klaren Bekenntnis zur Freiheit. „Oh, möge es lange wehen über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen“, heißt es in der offiziellen Nationalhymne über „das sternenbesetzte Banner“, die US-Flagge. Bis zum 20. Jahrhundert kamen Hunderttausende Siedler aus den Ländern des „alten Kontinents“ Europa in der Hoffnung in den Häfen der „neuen Welt“ an, nicht nur Armut und Hungersnöten zu entfliehen, sondern ebenfalls der kulturellen Enge und den religiösen und politischen Repressionen, denen sie in ihrer früheren Heimat ausgesetzt waren. Diese Hoffnungen schlugen sich auch in der Verankerung einer deutlichen Trennung zwischen Kirche und Staat im Verfassungsrecht der Vereinigten Staaten nieder.

Doch gänzlich frei von Religion war bislang fast kein US-Präsident. Zwar gehörten Abraham Lincoln und Thomas Jefferson keiner Religionsgemeinschaft an und insbesondere Jefferson sah sich wegen seiner Äußerungen immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, Atheist oder „Ungläubiger“ zu sein. Doch beide bezogen sich in ihren Reden auch auf einen Gott und religiöse Vorstellungen wie etwa ein Leben im Jenseits. Den damals weitverbreiteten Auffassungen zur Wahrheit der biblischen Schriften, der christlichen Theologie und dem Einfluss der Kleriker stand jedenfalls Thomas Jefferson teils extrem ablehnend gegenüber. In einem Brief an den Juristen Horatio G. Spafford, einen überzeugten Christen, schrieb er im März 1814: „In jedem Land und jedem Zeitalter war der Priester ein Feind der Freiheit.“

Dass die Vereinigten Staaten von Amerika eines Tages von einem Atheisten regiert werden könnten, hält David Silverman von den American Atheists für sehr wahrscheinlich. Der Präsident des rund 2.500 Mitglieder großen Vereins sagte vor kurzem der Lokalredaktion des CBS-Fernsehnetzwerks in der US-Hauptstadt, dies sei „unvermeidlich“. Er rechne damit, dass innerhalb der nächsten 50 Jahre ein atheistischer US-Präsident gewählt wird und dem Land zeigen werde, „wie wohltuend es ist, einen Führer zu haben, der mit Logik führt.“ Zur Begründung seiner Prognose verwies er darauf, dass Atheisten die am schnellsten wachsende weltanschauliche Gruppe seien und es ein wachsendes Bewusstsein dafür gäbe, dass Religion zur Lenkung von Menschen benutzt wird. Außerdem trage die politische Rechte mit ihren Angriffen auf Homosexuelle und die Selbstbestimmung von Frauen dazu bei, dass Religion in den Augen der Öffentlichkeit zunehmend im Ansehen verliert. Die Wahl eines atheistischen US-Präsidenten würde von der Welt „bejubelt“ werden, meinte er. „Sie würden die Tatsache feiern, dass Amerika nun von Vernunft und Wissenschaft geleitet wird anstatt von Dogma und Aberglaube“, meint Silverman.

Auch der bekannte US-Comedian Penn Jillette ist zuversichtlich, dass die US-Wähler irgendwann einen Atheisten oder eine Atheistin an ihre politische Spitze wählen. „Eines Tages wird es eine ehrliche Frau oder einen ehrlichen Mann geben, den Amerika lieben und [als US-Präsident] will, und die Tatsache, dass sie oder er Atheist ist, wird so wenig eine Rolle spielen wie bei Kennedy, der Katholik war“, meinte Jillette in einer Kolumne für die New York Times im vergangenen März.

Kongress-Veteran Barney Frank rät Politikern, das Wort Atheist zu vermeiden

Klar ist, dass mit dem zu erwartenden Wachstum der Zahl der „Nones“, den Konfessionsfreien, in den Vereinigten Staaten auch deren Relevanz als gesellschaftliche Gruppe wächst. Der amtierende US-Präsident Barack Obama hatte bereits die Konfessionsfreien in seiner Inaugurationsrede 2009 ausdrücklich miteinbezogen. Zum Beginn seiner zweiten Amtszeit ließ er als erster Präsident der US-Geschichte eine Delegation des Dachverbandes Secular Coalition for America zum Empfang in das Weiße Haus einladen.

Nicht unwahrscheinlich, dass auch die überzeugte Methodistin Hillary Clinton hier an den Kurs ihres früheren Vorgesetzten Obama, dem immer wieder unterstellt worden war, ein Atheist zu sein, anknüpfen wird, um den religionsfernen Teil der Wählerschaft zu erreichen, den die Republikaner unter dem starken Einfluss aus evangelikalen und anderen religiös-konservativen Kreisen kaum erreichen können.

Im nächsten Jahrzehnt dürften Atheisten in den Vereinigten Staaten jedenfalls nicht mit einem offen nichtreligiösen Staatsoberhaupt rechnen können, und zwar nicht nur, weil viele US-Wähler offenbar eine Vorliebe für politische Dynastien haben. Der langjährige Kongressabgeordnete Barney Frank, der sich 2013 nach seinem Ausscheiden aus dem Amt nach 32 Jahren als Atheist „geoutet“ hatte, riet vor kurzem sogar in einem Video-Podcast für die Online-Community BigThink jüngeren Politiker-Kollegen ausdrücklich davon ab, sich als Atheist erkennen zu geben und auch auf die Verwendung des Wortes zu verzichten. Obwohl religiöse Überzeugungen in seinen Augen häufiger dazu führen, dass Menschen aufeinander schießen anstatt einander zu helfen, werde Religion in Amerika als eine Quelle guten Verhaltens und von großer Wichtigkeit angesehen. Aus Politiker-Sicht sei daher die Frage zu stellen, „warum man sich in einen Kampf begeben sollte, der nicht ausgetragen werden muss?“ Für ihn selbst sei es stets der bessere Weg gewesen, sich ohne explizites Bekenntnis zu seinen persönlichen weltanschaulichen Überzeugungen für die Rechte und gegen die Diskriminierung nichtgläubiger Bürger einzusetzen, so Frank. Für sein Engagement war er 2013 von der American Humanist Association ausgezeichnet worden. In einem Interview riet er anschließend: „Mach nicht den Anschein, dass deine Kampagne ein Kreuzzug für Nicht-Theismus ist. Befasse Dich aufrichtig mit dem Thema, wenn es auf die Tagesordnung kommt und vermeide jeglichen Negativismus über Religion im Allgemeinen.“

Und auch viele deutsche Politiker scheinen es ähnlich zu halten wie der Politik-Veteran Barney Frank, denn nur insgesamt drei der 631 Abgeordneten im aktuellen Deutschen Bundestag haben sich als Atheisten zu erkennen gegeben, 23 weitere als konfessionslos – darunter sogar einer aus den Reihen der Unionsparteien. Die drittgrößte Gruppe neben den Mandatsträgern, die sich zum evangelischen oder katholischen Glauben bekennen, spiegelt allerdings auch wider, dass die Bundesrepublik eine wesentlich säkularere Gesellschaft hat als die Vereinigten Staaten: 194 verzichteten ganz darauf, eine Angabe zu machen. Was natürlich nicht einfach auf nichtreligiöse Überzeugungen schließen lässt, aber vielleicht auf einen guten Mittelweg zwischen einem öffentlich zelebrierten Glaubensbekenntnis und dem die Gläubigen verschreckenden Etikett „Atheist“ weist, getreu dem alten Grundsatz: Glaube bzw. Nichtglaube ist eine Privatsache.