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Was sind „Sekten“?

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In unserer säkularen Kultur ist deutlich ein neues Interesse an Religion und neuen Frömmigkeitsbewegungen zu beobachten. Während jedes Jahr Hunderttausende die beiden großen christlichen Kirchen verlassen, wollen andererseits immer mehr Deutsche Urlaub im Kloster machen und auch Wallfahrten erfreuen sich wieder großer Beliebtheit.
Donnerstag, 22. Januar 2015

Ferner suchen viele Menschen Selbstverwirklichung und geistige Heimat in Seminaren der Esoterikbranche oder bei neureligiösen Bewegungen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Ausrichtung. Als wesentliche Ursachen für die Expansion dessen, was man mit dem Schlagwort „religiöser Markt“ beschreibt, werden das Bedürfnis nach einer weniger abstrakten dafür aber unmittelbaren Glaubenserfahrung oder auch nach einem religiösen „Kick-Erlebnis“ aufgeführt. Die Regale der Buchhandlungen quellen ohnehin seit Jahren über von pseudomystischer Esoterik, Buddhismus, Taoismus, Sufismus, Zen, christlicher Mystik und anderen erlebniszentrierten religiösen Strömungen. Esoterik und Okkultismus, Astrologie, Geisterglaube, indianische, germanische, indische, chinesische, tibetische Religionsversatzstücke - all dies fließt in bunter Mischung zusammen.

Neben den großen Kirchen hat sich somit ein bunter Markt an neuen religiösen Bewegungen und nicht verfasster Religiosität etabliert. Religionssoziologen strukturieren das breite Spektrum von Gruppierungen, Aktivitäten und Inhalten, die das begriffliche Dach „neue Religiosität“ umfasst, folgendermaßen:

Innerhalb der christlichen Kirchen gibt es neue Frömmigkeitsbewegungen und fundamentalistische Strömungen. Außerhalb der Kirchen agieren sektiererische Gruppen im Stile von Parteidiktaturen, wie die Scientology-Church und die Vereinigungskirche des Koreaners Mun, Sondergemeinschaften im traditionellen Verständnis, wie die Pfingstgemeinden oder Mormonen sowie eine Fülle esoterisch modernisierter Gruppen hinduistischer oder buddhistischer Herkunft wie „Transzendentale Meditation“ oder „Bhagwan/Osho“ und die Therapie- und Psychokulte.

In der Religionswissenschaft versteht man unter „Neuen Religionen“ religiöse Sammlungs-, Glaubens- und Heilsbewegungen, die im Gefolge der weltweiten Erschütterungen und Umbrüche des 19. und 20. Jahrhunderts entstanden sind. Sie nähren sich häufig vom Bodensatz irrationalen Denkens, den die Vernunft der europäischen Aufklärung einstmals entschieden bekämpft hat, den aber der beispielslose Säkularisierungsprozess mit seinen global verheerenden Umwälzungen immer noch aufwühlt. Meist ist die scheinbar neue religiöse Aussage dieser Bewegungen eine mehr oder weniger beliebige Mischung altüberkommener Weisheiten und religiöser Vorstellungen unterschiedlicher Kulturen, teils auch versehen mit pseudowissenschaftlichen Ideen.

Andererseits verweisen sozialgeschichtlichtliche Untersuchungen vor allem für die frühe Neuzeit auf die Leistung von neuen religiösen Bewegungen im Prozess der europäischen Säkularisierung hin, der u.a. darin bestand, den Abbau traditioneller Normen und Strukturen zumindest für die entsprechende Gruppe zu fördern. Gerade solche Sekten vollzogen teilweise eine deutliche Abgrenzung vom magischen Denken wie von hierarchischen Herrschaftsstrukturen. Ferner antizipierten einige Gruppen Gesellschaftsmodelle, die auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz gegründet waren. Als Beispiel sei hier auf die Quäker verwiesen.

Problematik des Sektenbegriffs

In Deutschland hat sich zur Beschreibung von neureligiösen Gruppierungen der Begriff der „Sekte“ eingebürgert, obwohl immer wieder versucht wurde, diesen polemischen Begriff nicht mehr zu nutzen. Wahrscheinlich vom lateinischen „secta“, Richtlinie, abgeleitet, meint Sekte schon seit dem Neuen Testament der christlichen Religion Minderheiten mit „abweichender Lehre“. Insofern handelt es sich um einen theologischen Kampfbegriff, der, wie die Geschichte der Ketzerverfolgungen zeigt, bis in die Neuzeit tödlich für die so Bezichtigten werden konnte. Seitdem sich die christlichen Staatskirchen nach 1919 zu immer noch staatlich abgestützten Volkskirchen entwickelt haben und sich vermehrt der Konkurrenz anderer christlicher Gruppierungen und Freikirchen stellen mussten, wird der Begriff der Sekte von den Kirchen genutzt, um die unterschiedlichen theologischen Standpunkte und Wahrheiten voneinander abzugrenzen. Der theologische Sektenbegriff meint religiöse Gemeinschaften, die sich von der Zusammenarbeit der Kirchen (Ökumene) aufgrund ihres religiösen Absolutheits- und Exklusivitätsanspruchs fernhalten. Die in Deutschland bekanntesten und größten „klassischen Sekten“ sind die Neuapostolische Kirche und die Zeugen Jehovas. Seit den 70er Jahren tauchen in Deutschland – häufig aus den USA kommend – neureligiöse Bewegungen auf und sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Hier wurden sie zunächst mit dem Begriff „Jugendsekten“ beschrieben. Gleichzeitig wurde auch mehr und mehr das US-amerikanische Verständnis von Kritik an diesen Gruppen in Europa übernommen.

Foto: Komothos / Flickr / CC BY-SA

Werbestand der Scientology-Kirche in Berlin. Die „Kirche“ zählt zu den „neuen Religionen“, der Verfassungsschutz stufte sie als „gefährliche Psychogruppe“ ein . Foto: Komothos / Flickr / CC BY-SA

Ausgehend von den ethischen Grundwerten der humanen Gesellschaft kritisiert der amerikanische Begriff „destructive cult“ (destruktiver Kult) eben den ethischen Dissens der Gruppen mit der Gesellschaft und nicht mehr den theologischen Dissens von Religionsgemeinschaften. In diesem Sinne kritisiert der Begriff Sekte in der Umgangssprache vorrangig den inhumanen Umgang dieser Gruppen mit ihren Anhängern und ihre - nicht nur finanzielle - Ausbeutung. Ferner wird auf die manipulativen Methoden der Mitgliederwerbung und die Täuschung der Öffentlichkeit über die wahren Ziele der Gruppe hingewiesen. Man kann folgende Merkmale für Gruppierungen aufführen, die mit diesem säkularen Verständnis von „Sekte“ bezeichnet werden:

  • die Geschlossenheit der Gemeinschaft und ihre klaren Grenzen zwischen Anhängern und Außenstehenden;
  • ihre normierte und straffe Lebenspraxis im Innern;
  • die abseitigen und/oder kulturell fremden Ideen und die nicht vermittelbaren Glaubenswelten und Lebensorientierungen, die fanatisch vertreten werden;
  • Konflikte mit der Umwelt, vor allem persönliche Konflikte mit Angehörigen von Mitgliedern und juristische Konflikte mit Behörden;
  • die Abhängigkeit der Mitglieder von einer charismatischen Führungsfigur bzw. von einer Hierarchie, die Lehre und Praxis autoritär bestimmen.

Sektierertum bedeutet also: Ein absoluter Exklusivitätsanspruch der eigenen Gruppe und Lehre, eine irrationale und totalitäre Ideologie und die Neigung zu Konflikten mit anderen Gruppen, Staat und Gesellschaft.

Eine in der Presse immer wieder praktizierte Ausweitung des Begriffs „Sekte“ auf den politischen Bereich und den immer weiter wachsenden Psycho- und Lebenshilfemarkt ist wenig hilfreich. Denn problematische und destruktive Angebote, die es auf dem sogenannten freien Psychomarkt sicherlich gibt, sind kein religiöses Phänomen.

In der fachlichen Diskussion wird nicht mehr von Sekten, sondern von konfliktträchtigen religiösen Gruppen und Psychokulten gesprochen. Umgangssprachlich hat sich dieser Begriff nicht durchgesetzt, insofern nutzen wir hier den Begriff „Sekte“ in diesem Sinne für religiöse sektiererische Gruppierungen und kennzeichnen es durch die Gänsefüße.

Warum bilden sich sektiererische Gruppen?

Und woher rührt die Faszination dieser Gruppen und Ideologien? „Sekten“ sind ähnlich den fundamentalistischen Gruppen in den großen Religionen Ausdruck dafür, dass Menschen sich in (religiöse) Illusionen und Dogmatismus flüchten, weil sie anders die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ertragen können. Soziologen sehen in der „metaphysischen Heimatlosigkeit“ der Moderne den Hauptgrund für die Flucht der Menschen in die künstliche Geborgenheit von „Sekten“ und fundamentalistischen Gewissheiten. Die Offenheit der modernen Kultur bietet vielen unterschiedlichen Lebensweisen und Weltbildern die Chance, sich zu entwickeln. Darin liegt allerdings nicht nur die Chance für Freiheit und Pluralität begründet, sondern auch für viele Menschen das Gefühl der Bedrohung, sich in der Vielfalt und Kontroverse nicht zurechtzufinden. Diese Verunsicherung kann in Angst umschlagen oder in den Willen, die eigene Lebensweise und Weltanschauung gegen Kritik und Alternativen künstlich zu immunisieren. Der Beitritt zu einer „Sekte“ mit klaren und einfachen Verhaltenszielen und Welterklärungen hat deshalb häufig den Charakter eines Ausbruchversuches aus einem den einzelnen überfordernden gesellschaftlichen System. Vergleichbar vielleicht mit Ausstiegen in Drogensüchte hat der Sektenbeitritt Symptomcharakter. Er ist Reaktion auf ein Problem, nicht das Symptom selber.

Von sektiererischen Gruppen können Gefahren für Individuen und Gesellschaft ausgehen, die nicht zu unterschätzen sind. „Sekten“ und Fundamentalismus sind insofern destruktiv, als sie die volle Existenzberechtigung nur den eigenen Gewissheiten zubilligen. Destruktion nach innen meint den inhumanen Umgang dieser Gruppen mit ihren Anhängern, wie er mit dem Begriff der „Bewusstseinskontrolle“ häufig kritisiert wird. Aber auch im öffentlichen Leben können „Sekten“ und Fundamentalisten durch Drohung und Gewalt, Fanatismus und ihre eifrige Allgegenwart die Atmosphäre der Offenheit belasten. Sie verbreiten einen mitunter ansteckenden Geist der Intoleranz und können somit auch dort eine Bedrohung der Freiheit darstellen, wo sie – wie in den meisten westlichen Demokratien – nur am Rande des öffentlichen Lebens ihren Einfluss entfalten, ohne Hoffnung in überschaubarer Zeit in die Zentren der Macht vordringen zu können. Ferner ist die Religions- und Kriminalgeschichte voll von Beispielen, in denen religiöse Fundamentalisten und irrwitzige Sektenführer ihre Vorstellungen einer wahren Welt mit Gewalt, Terror und Tod zu verwirklichen versuchten: Erinnert sei beispielsweise an den Giftgasanschlag der Aum Shinrikyo „Sekte“ in Japan, die Selbsttötung der Sonnentempler in Frankreich und der Schweiz oder den infernalen Untergang der Davidianer in Waco.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass Fundamentalismus und Sektierertum, in welcher Gestalt auch immer, entgegen dem eigenen Anspruch und dem Urteil manch oberflächlicher Betrachter gerade nicht die Rückkehr von Religion, Heil und Moral in die säkulare Gesellschaft sind. Vielmehr sind sie der Versuch, eine intolerante Form von Religiosität und Moral absolut zu setzen. Aufklärung bedeutet in diesem Zusammenhang, zu zeigen, dass die Angebote und Heilsversprechen der „Sekten“ letztlich weder für den einzelnen noch für die Gesellschaft halten können, was sie versprechen. Sektenkritik beinhaltet somit, die zum religiösen und sozialen System geronnene Missachtung von Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz und Menschenwürde zu kritisieren. Die inhumane Praxis und Organisationsstruktur von „Sekten“ ist begründet durch ein inhumanes Welt- und Menschenbild, insofern gilt es, öffentlich Ideologie- und Religionskritik an den teilweise obskuren religiösen Vorstellungen zu üben.