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Säkularer Frühling in Düsseldorf

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Hochrechnungen zufolge werden seit diesem Jahr Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit in der Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen die Hälfte aller Einwohner stellen. Eine gottlos glückliche Kulturinitiative will deshalb zum Aprilbeginn den säkularen Frühling einläuten. Eine Woche lang wird die Initiative mit Filmvorführungen und Diskussionen die Religionskritik feiern.
Samstag, 22. März 2014
Foto: David Müller-Rico

Foto: David Müller-Rico

Knapp 52 Prozent der Bevölkerung von Düsseldorf gehörten im Jahr 2012 einer der christlichen Kirchen an. Noch nie in der Geschichte der Stadt war der Anteil der Einwohner mit christlichem Glauben so niedrig. Durchschnittlich um rund ein Prozent pro Jahr ist in den letzten 20 Jahren der Anteil der Menschen gewachsen, die nicht einer der beiden großen Kirchen angehören. Nach den Hochrechnungen der Kultur- und Bildungsinitiative „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ (DA) wird er im Jahr 2014 die 50-Prozent-Marke überschreiten. Das hat die Initiative zum Anlass genommen, zum April 2014 den „säkularen Frühling“ in der Stadt auszurufen: angekündigt sind sieben Tage gottlos glückliches Beisammensein, mit Filmvorführungen und Diskussionen.

„Immer mehr Menschen rücken von den Kirchen ab“, sagte Ricarda Hinz von der im Dezember 2010 gegründeten Initiative auf Nachfrage zur vorbereiteten Veranstaltungsreihe. „Konfessionsfreie dürfen in Zukunft nicht mehr länger eine unterprivilegierte Gruppe im öffentlichen Raum sein“, betont sie. Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe wird es deshalb am 4. April eine Pressekonferenz geben, bei der darüber informiert werden soll, dass „Düsseldorf nun mehrheitlich religionsfrei lebt und es somit von säkularem Interesse ist, dass sich auch die Kommunalpolitik von religiösen Institutionen aller Art emanzipiert.“ Die Aufklärung habe mittlerweile in der Landeshauptstadt ihre Wirkung entfaltet, erklärte Ricarda Hinz weiter. Das zeige die Säkularisierung in Düsseldorf deutlich.

Die Kommunikationsdesignerin und Dokumentarfilmerin Hinz zählt heute mit zu den „Grandes Dames“ der kirchen- und religionskritischen Aktivistenszene in der einst erzkatholischen Rheinmetropole. Ihr erster Dokumentarfilm erschien bereits 1996, nachdem der beliebte Großplastiken- und Karnevalswagenbauer Jaques Tilly mit einer satirischen Jesus-Figur landesweit Empörung bei christlichen Fundamentalisten ausgelöst hatte.


Dokumentarfilm: Kruzifix – Skandal im Düsseldorfer Karneval (1996, 45 Min.)

Hinz: „Viele Menschen merken heute, dass sie nicht dem religiösen Film in ihrem Kopf auf den Leim gehen sollten, und informieren sich deshalb wissenschaftlich über die Natur und die Welt.“

Eingeläutet werden soll der säkulare Frühling in Düsseldorf nach der Auftaktpressekonferenz mit zwei Filmvorführungen pro Abend, die täglich um 19 bzw. 21.30 Uhr beginnen. Erfolgreiche Klassiker wie „Religulous“, „Agora“, „Das Jesus Camp“ und „Requiem“ stehen auf dem Programm und sollen an das Dunkel der mittelalterlichen Zeiten erinnern, die aus Sicht der Kulturinitiative immer mehr Menschen in Düsseldorf hinter sich lassen. Und nicht nur die monotheistischen Religionen, auch esoterische Weltanschauungen stehen auf der Themenagenda.

Damit der säkulare Frühling dazu führt, dass humanistische Projekte in Düsseldorf aufblühen, soll allen Besucherinnen und Besuchern klar werden: „Egal, welche Religion oder Weltanschauung – es wird immer verheerend, wenn sie politische Macht bekommt“, betont Ricarda Hinz hier. Deshalb sei die wachsende Zahl bei den Konfessionsfreien in der Landeshauptstadt eine „sehr gute Entwicklung“.

Foto: David Müller-Rico

Foto: David Müller-Rico

Außerdem lädt täglich ab 14 Uhr der „Humane-Welt-Laden“ in der Friedrichstraße 93 zur Information rund um das wichtige Thema Religionsfreiheit ein. Erst vor kurzem hatte ein Resolution des Europäischen Parlaments bekräftigt, dass die Religionsfreiheit auch das Recht umfasst, keiner Religion angehören zu müssen und einen Abbau der Benachteiligungen für nichtreligiöse Menschen in den EU-Mitgliedstaaten gefordert.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen des säkularen Frühlings ist frei. Hinz ergänzte jedoch, man erwäge bei der Initiative noch, von den Besuchern eine Austrittsgebühr zu verlangen. Damit soll auf den Missstand Aufmerksamkeit gelenkt werden, dass der Kirchenaustritt in fast allen Bundesländern mit hohen Kosten verbunden ist. In Nordrhein-Westfalen müssen für die Kündigung der Mitgliedschaft 30 Euro bezahlt werden und sogar in der deutschen Hauptstadt wird derzeit an der Einführung einer Kündigungsgebühr in dieser Höhe gearbeitet. In Baden-Württemberg werden hier sogar bis zu 60 Euro fällig. Hinz lacht: „Mal sehen, vielleicht erteilen wir aber auch nur ganz einfach großzügig eine Absolution.“

Sie selbst wünscht sich, dass sie nach dem erfolgreichen Einläuten des säkularen Frühlings in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt künftig andere Schwerpunkte setzen kann. „Die befreiende Religionskritik würde ich gern hinter mir lassen. Jetzt sind wir bei 50 Prozent und das ist gut so. In Zukunft würde ich mich gern mit ganzer Kraft für Projekte einsetzen, die positiv humanistische Ideen darstellen.“

www.aufklaerungsdienst.de