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KORSO-Vorsitzender: „Die Vorarbeit ist geleistet“

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Vor fünf Jahren trat der Koordinierungsrat säkularer Organisationen mit dem Ziel an, die Gleichbehandlung der Konfessionsfreien im Staat einzufordern. Passiert ist bis heute wenig. Der Physiker und Publizist Helmut Fink, seit einem Jahr Vorsitzender des Rates, spricht im Interview über Ursachen und sagt, die Dinge kämen nun langsam in Bewegung.
Montag, 16. Dezember 2013

Vertreter von elf säkularen Organisationen gründeten am 16. November 2008 in Berlin den Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO), um eine Interessenvertretung für konfessionsfreie und an säkularen humanistischen Lebensvorstellungen orientierte Menschen in Deutschland zu etablieren. Doch mit Ausnahme einer im November 2010 vorgestellten Kampagne zur Ablösung historischer Staatsleistungen blieb es ruhig um den Rat. diesseits hat nachgefragt, wo es hakt.

Herr Fink, vor kurzem hat die jährliche Mitgliederversammlung des Koordinierungsrates säkularer Organisationen in Nürnberg stattgefunden. Wo steht der Rat derzeit?

Helmut Fink: Der KORSO steht vor dem Beginn seiner äußeren Handlungsfähigkeit. Voraussetzung dafür ist die seit langem vorgesehene Finanzierung durch die Beiträge der Mitgliedsorganisationen. Diese konnten bisher nicht eingezogen werden, weil der KORSO noch immer nicht als gemeinnützig anerkannt wurde. Auf der diesjährigen Ratsversammlung des KORSO, die erst vor einer Woche in Nürnberg stattgefunden hat, habe ich von den vielen kleinen Schritten berichtet, die den Vorstand im Lauf des zu Ende gehenden Jahres beschäftigt haben. Ich hoffe sehr, dass nach dieser Zeit der Formalien und der – leider notwendigen! – Selbstbeschäftigung nun bald die inhaltlichen und politischen Ziele sichtbar im Vordergrund stehen werden.

Gibt es dafür schon konkrete Anhaltspunkte?

Ja, die Vorarbeit ist geleistet: Ich habe die politische Positionierung der Verbände zu diversen Themenkomplexen, die in der säkularen Landschaft eine Rolle spielen, mit einem 80 Punkte umfassenden Fragenkatalog erfasst. Wir haben die eingegangenen Antworten im Vorstand einer ersten Auswertung zugeführt, und dieser Prozess wird weitergehen. Für Mai 2014 ist eine Strategieklausur des KORSO in Kassel geplant, auf der Gemeinsamkeiten festgestellt und Prioritäten gesetzt werden sollen, vor allem aber auch der künftige Umgang mit den Punkten verabredet werden muss, bei denen keine Einigkeit besteht. Soll der KORSO zu solchen Punkten schweigen oder Gegensätze öffentlich machen? Das wird noch spannend werden. Aber ohne  verabredete Strategie kann es keine erfolgreiche Außendarstellung geben, da bin ich mir sicher.       

In diesem Jahr existiert der Koordinierungsrat schon ein halbes Jahrzehnt. Was sind aus Ihrer Sicht die maßgeblichen Erfahrungen aus dieser Zeit?

Erstens wäre es verfehlt, bestehende Unterschiede in den Zielen der Organisationen vereinheitlichen zu wollen. Säkulare Menschen sind Selbstdenker, sie lassen sich nicht dominieren, auch nicht von Freunden. Das haben jetzt alle verstanden, denke ich. Und zweitens sind gemeinsame Schritte in die Öffentlichkeit nur nützlich, wenn sie professionell angegangen werden. Klar, Idealismus ist immer dabei. Das ist ja auch gut so. Aber mit allzu handgestricktem Auftreten wird man niemanden überzeugen. Das gilt für juristische Fragen, aber auch für Medien- und Lobbyarbeit, wo andere Interessengruppen jede Menge Profis ins Rennen schicken. Da haben wir viel aufzuholen, auch finanziell. 

Ein Jahr ist nun schneller vorüber gezogen als man manchmal glaubt: Wo soll der Rat am Ende des Jahres 2014 christlicher Zeitrechnung stehen?

Es soll dann öffentlich erkennbar sein, worin sich die verschiedenen säkularen Organisationen einig sind und worin sie sich unterscheiden. Das ist ja für Außenstehende immer ein Rätsel: Wieso gibt es so viele unterschiedliche nichtreligiöse Vereine, Verbände, Stiftungen, Initiativen und Grüppchen, die Ähnliches wollen und sich trotzdem nicht zusammenschließen? Hier soll der KORSO nicht nur intern koordinieren, sondern auch Informationen für Interessenten bieten, welche Organisation welches Profil hat. Interessierte sollen ja nicht beim KORSO beitreten, sondern bei den Mitgliedsorganisationen. Das setzt voraus, dass die Unterschiede transparent werden, auch in den politischen Forderungen. Man kann die Interessen Konfessionsfreier auf recht verschiedene Weise ansprechen und vertreten, und diese Vielfalt ist im KORSO präsent.  

Angetreten ist der KORSO bei seiner Gründung mit der Forderung, die Gleichbehandlung der Konfessionsfreien einzufordern...

Sehr richtig. Das ist sozusagen die „Megaforderung“ der Säkularen. Der Verständigungsbedarf  steckt aber im Detail: Man kann Gleichbehandlung auf ganz verschiedene Weisen erreichen, entweder laizistisch durch strikte Trennung von Staat und Kirche, dann heißt Gleichbehandlung auch strikte Trennung von Staat und nichtreligiöser Weltanschauung. Oder aber man nutzt für säkulare und humanistische Weltanschauungen gewisse Kooperationsmöglichkeiten mit Staat und Gesellschaft, d.h. man fordert für säkulare Organisationen Rechte ein, die die Kirchen längst haben. Das wäre der Weg einer positiven Gleichbehandlung. Die meisten politisch-strategischen Unterschiede im säkularen Lager lassen sich entlang dieser Grundfrage sortieren.

Foto: (c) Evelin Frerk

Einfach gottlos glücklich? Fink meint: „Man muss weiterfragen, was bei den vielen Einzelnen an die Stelle der Religion getreten ist, wie sie ihr Leben führen, welche Ideale sie haben.“ Foto: (c) E. Frerk

Woher rühren denn die Defizite beim Weg zu mehr Gleichbehandlung?

Man könnte jetzt meinen, dass die Uneinigkeit in den Zielvorstellungen der Betroffenen das Hauptproblem ist. Das glaube ich allerdings nicht. Ich habe darüber nur so ausführlich berichtet, weil es das Kerngeschäft des KORSO ist, hier auch Unterschiede zu sichten und zu koordinieren. Man darf dabei aber die Gemeinsamkeiten keinesfalls kleinreden: Bei 40 der 80 oben erwähnten Fragen waren sich alle acht befragten Organisationen einig! Ich denke, es ist eine ziemlich neue Entwicklung, dass sich organisierte Säkulare überhaupt vernehmbar zu Wort melden. Das ist ein Emanzipationsprozess, und der braucht Zeit. Auch Politiker brauchen Zeit, bis sie die Relevanz eines Themas erkennen. Aber die Dinge kommen in Bewegung, weil sich der Zeitgeist ändert. Ich bin da zuversichtlich. Am Beispiel der Kirchenfinanzierung spüren ja viele schon, dass nicht einfach alles so bleiben kann wie seit Jahrhunderten.    

Stichwort Emanzipation: Fällt es nichtreligiösen Menschen im Vergleich zu anderen benachteiligten Bevölkerungsgruppen eigentlich schwerer, sich als eigene Gruppe und Interessenvertretung zu etablieren?

Ich denke nicht, dass Zweifler, Agnostiker, Atheisten und Humanisten per se Organisationsmuffel sind. Sie haben sich allerdings oft aus bloßen Gewohnheitsbindungen befreit und fragen vielleicht etwas kritischer als andere, warum sie irgendwo beitreten sollen und wer dann für sie spricht. Und dann darf man ja auch nicht übersehen, dass die Ablehnung religiöser Vorstellungen alleine noch keine allzu großen Gemeinsamkeiten begründet. Man muss weiterfragen, was bei den vielen Einzelnen an die Stelle der Religion getreten ist, wie sie ihr Leben führen, welche Ideale sie haben usw. Da zeigt sich dann, dass Säkularität oft mit einer großen Portion Individualismus einhergeht. Aber das muss nicht zu Vereinzelung führen.  

Dann nennen Sie doch mal drei Argumente, warum sich Menschen ohne den Bezug zu einer religiösen Tradition zusammenschließen sollen.

Erstens gibt es bei aller Individualität gemeinsame Abwehrinteressen gegen Bevormundung, gegen eine Rückkehr dogmatischer Formen von Religion, gegen die unterschwellige Vereinnahmung von Kultur und Recht durch Glaubensvertreter, gegen unzeitgemäße und undemokratische Verquickungen von Staat und Kirche, von Schule und Kirche usw. Zweitens bedeutet die Abkehr von Religion ja nicht, dass weltanschauliche, ethische oder politische Fragen an Bedeutung verlieren, sondern ganz im Gegenteil: Die Verantwortung des Menschen steigt, wenn kein Gott über uns wacht. Organisationen können Probleme lösen, mit denen der Einzelne überfordert ist, von Kinderbetreuung bis Grabrede, von philosophischer Bildung bis zu politischer Aktion. Und drittens macht es einfach Spaß, einer Gemeinschaft von Menschen anzugehören, die sich in einer Grundentscheidung ihres Lebens schon mal einig sind. Auch Atheisten sind soziale Wesen!     

Herr Fink, vielen Dank für Ihre Zeit.

Mehr über den Rat im Internet unter www.korso-deutschland.de