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Woelki: „Wir dürfen keine Berührungsängste haben“

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Seit gut zwei Jahren ist Rainer Maria Kardinal Woelki der Bischof des Erzbistums Berlin. In der Hauptstadt beginnt nun am Dienstag eine Veranstaltungsreihe, mit der die katholische Kirche das Gespräch mit Atheisten und Agnostikern sucht. Kardinal Woelki meint dazu im Interview, gerade in einer Stadt wie Berlin stünde er täglich mitten im „Vorhof der Völker“.
Dienstag, 26. November 2013
Foto: A. Platzek

Kardinal Woelki bei der Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Vorhof der Völker“ im Roten Rathaus. Foto: A. Platzek

Herr Kardinal, statistische Berechnungen sagen voraus, dass in etwa 20 Jahren die Hälfte der Deutschen ohne religiöse Konfession sein wird. Besonders in Ihrem Erzbistum steht die große Mehrheit wie an kaum einem anderen Ort der Welt der Religion an sich und auch dem christlichen Glauben fern. Wird hier ein neuartiger Katholizismus entwickelt?

Rainer Maria Kardinal Woelki: Die großen Fragen, die Herz und Verstand des Menschen bewegen, die ändern sich nicht, z.B. die Fragen nach Liebe, nach Freiheit, nach dem Bösen, nach dem Woher und Wohin des Menschen usw. Und ich denke, die Kirche hat in ihrer langen Geschichte Antworten gegeben, die auch heute unter veränderten Bedingungen tragfähig sind. Diese offensiver, auf Augenhöhe unserer Zeit zu kommunizieren, da haben wir noch viel Spielraum nach oben. Ganz gewiss. Katholisch zu sein ist keine Selbstverständlichkeit. Vermutlich ist es das noch nie gewesen. Heute ist uns etwas augenscheinlicher, dass wir uns bewusst dafür entscheiden dürfen und können, jeden Tag aufs Neue. Das ist eine echte Chance.

Seit März gibt es nun einen Papst, der durch seine im Vergleich zu seinem Vorgänger doch recht unkonventionelle Art bereits viele Sympathien auf sich gezogen hat. Welcher guten Hoffnung könnten Atheisten und Nichtgläubige hier Ihrer Meinung nach in Zukunft sein?

Was ich vom Papst erlebe, zeigt mir einen an der Welt interessierten Menschen. Er will verstehen, was die Menschen treibt, was sie motiviert, auch wenn sie nicht an einen Gott glauben. In einem vielbeachteten Brief an den Chef-Redakteur der Zeitung La Repubblica hat er sich ausdrücklich an Nicht-Glaubende oder Ungläubige gewandt. Nebenbei bemerkt: In einem nicht weniger interessanten Brief wendete sich der emeritierte Papst an einen italienischen Gelehrten. Papst Franziskus scheint mir – wie auch sein Vorgänger – überzeugt zu sein: Die großen Probleme der Welt kann keiner für sich alleine lösen. Wir müssen sehen, wo wir Gemeinsamkeiten finden können. Auch seine Einladung zum Gebet um Frieden richtete sich an alle Menschen „guten Willens“. Denn er ist überzeugt: Die Sehnsucht nach Frieden verbindet alle Menschen. Das gilt auch für seine anderen großen Themen: die Bekämpfung der Armut und die Not der Flüchtlinge.

Stichwort Armut. In Berlin herrscht eine für vor allem die östlichen Teile Deutschlands charakteristische, zunehmende soziale Polarisierung. Was bedeutet angesichts dieser Entwicklung eigentlich das Gebot der christlichen Nächstenliebe? Sehen Sie Möglichkeiten oder sogar Forderungen der Kooperation über die Grenzen von Konfessionen, Glaubensrichtungen und Weltanschauungen hinweg?

Wenn es um den Menschen in seiner Not geht, muss eine Allianz, die Abhilfe schaffen kann, erlaubt sein. Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund geraten in Not. Dem trägt die Kirche in ihrer karitativen Tätigkeit weltweit Rechnung: Sie hilft dem konkret in Not geratenen Menschen unabhängig von seiner Weltanschauung. Es geht nicht um „Weltanschauung“ sondern um „Menschenanschauung“, für uns um „gelebte Nächstenliebe“, auch in der Sozialpolitik, also nicht nur in der konkreten Hilfe sondern auch in ihrer politischen Ermöglichung. Ich sehe auch, dass hier schon viel möglich ist und noch mehr getan werden kann.

Am Dienstag wird in Berlin eine Veranstaltungsreihe im Rahmen der Initiative „Vorhof der Völker“ eröffnet. Welche Bedeutung hat die Initiative aus Ihrer Sicht als Erzbischof der Diözese Berlin?

Die Kirche pflegt schon seit längerer Zeit den Austausch mit der säkularen Welt. Verstärkt wurde dies durch das 2. Vatikanische Konzil. Der „Vorhof der Völker“ möchte dieses Gespräch vertiefen. Wenn ich in Berlin aus der St. Hedwigs-Kathedrale auf den Bebelplatz gehe, stehe ich mitten im „Vorhof der Völker“. Die Staatsoper – leider im Moment nur als Baustelle –, die Humboldt-Universität mit dem berühmten Zitat von Karl Marx, die Staatsbibliothek Unter den Linden, aber auch das Reiterstandbild vom „Alten Fritz“, sind alles säkulare, ernst zu nehmende und hochkarätige Gesprächspartner für Religion und Kirche. Wir dürfen keine Berührungsängste haben und sind eingeladen mit ihnen in intensiveren Kontakt zu treten: mit der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, aber auch mit dem Staat. Wir haben uns natürlich einiges vorgenommen, wenn wir auf diesem Niveau diskutieren wollen, aber es lohnt sich. Und wir müssen es tun, gerade in Berlin. Wenn der „Vorhof der Völker“ am Ende des Tages so wahrgenommen wird, dass wir nicht vereinnahmen oder unsere Position überstülpen wollen, aber doch etwas zu sagen haben, dann freue ich mich ganz besonders.

Vorhof der Völker Die vor vier Jahren vom emeritierten Papst Benedikt XVI. angestoßene Dialoginitiative zur Förderung des gegenseitigen Verständnis von Glaubenden und Nicht-Glaubenden steht in Berlin unter dem Leitmotiv „Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott“. Verantwortung für den Dialog, der bislang in rund anderthalb Dutzend überwiegend europäischen Städten, veranstaltet wurde, trägt Gianfranco Kardinal Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur. Ravasi, unter anderem auch Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung in Europa, wird am Dienstag durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin im Roten Rathaus begrüßt und die Veranstaltungsreihe eröffnen. Klaus Wowereit sagte zum Ereignis: „Die Bedeutung des interreligiösen Dialogs in einer Stadt wie Berlin ist hoch. Menschen aus aller Welt, mit und ohne Glaubenshintergrund, leben hier friedlich miteinander.“ Mehr unter www.vorhof-der-voelker.de

Auf welche Veranstaltungen des Berliner „Vorhofs der Völker“ freuen Sie sich am meisten?

Ich denke, wir haben ein tolles, verheißungsvolles und anspruchsvolles Programm mit exzellenten Gesprächspartnern aufgestellt. Das verspricht abwechslungsreiche, spannende und offene Diskussionen und Debatten auf höchstem Niveau, die nachhaltigen Eindruck in unserer Stadt hinterlassen werden. Ich würde da keine besonders hervorheben wollen. Doch gespannt bin ich sicherlich auch auf die künstlerische Performance, die Christen, Atheisten und Agnostiker bei diesem „Vorhof der Völker“ zum Staunen und Nachdenken anregen wird. Ich bin aber auch sehr dankbar, dass zahlreiche Atheisten und Agnostiker auf dieses Gesprächsangebot positiv reagieren und mehr von uns erfahren möchten.

Die Fragen stellte Arik Platzek.

diesseits 4/2013: Ab 1. Dezember erhältlich

Mehr im neuen Magazin Hat ihn die Zeit als Bischof in der „Hauptstadt des Atheismus“ verändert? Mit diesseits sprach Kardinal Woelki über positive Überraschungen in der kirchenfernen Diözese, seine Sicht auf die Probleme des wertebildenden Unterrichts in Berlin und die Haltung des Erzbistums zur Bitte des Vorsitzenden von netzwerkB, Norbert Denef, als Akt der Versöhnung die Gründung einer Stiftung gegen das Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen von sexueller Gewalt zu unterstützen. Verbünden könnten sich Gläubige und Nichtgläubige für die Demokratie und gegen die Gleichgültigkeit, meint er. Und hier kann das Magazin bestellt werden: www.diesseits.de/abo