Direkt zum Inhalt

Wie wird man Atheist?

DruckversionEinem Freund senden
Amerikanische Kognitionspsychologen haben vier verschiedene Ursprünge des Atheismus und vier dazugehörige Typen von Atheisten gefunden. Die Befunde der Autoren widersprechen dem gängigen Vorurteil, die Religion habe evolutionäre Vorteile gegenüber dem Atheismus, der nur eine nutzlose Abirrung in den menschlichen Angelegenheiten sei. Daraus ergeben sich einige Schlussfolgerungen für einen zeitgenössischen Humanismus.
Mittwoch, 25. September 2013
Vier Blüten

Vier Typen des Atheismus haben die amerikanischen Kognitionspsychologen Ara Norenzayan und Will M. Gervais gefunden, aber nur einer stellt eine wirkliche Opposition zur Religiosität | Foto: Thomas Hummitzsch

Die beiden amerikanischen Kognitionspsychologen Ara Norenzayan und Will M. Gervais haben für ihre Studie The origins of religious disbelief vorliegende empirische Untersuchungen zu religiösem Glauben und Atheismus daraufhin untersucht, welche Rückschlüsse sie für das Entstehen des Atheismus zulassen. Während Kognitions- und Evolutionstheorien häufig behaupten, dass Menschen intuitiv zum Glauben neigten und der Atheismus daher harte kognitive Arbeit erfordere, schlagen Norenzayan und Gervais einen breiteren Theorierahmen vor. Aber bevor Sie weiterlesen, könnten Sie sich – sofern Sie Atheist oder auch Agnostiker sind – einen Moment lang selbst befragen: Wie bin ich das eigentlich geworden?

Sie vertreten die These, dass beide – Religiosität und Atheismus – aus einer Kombination kognitiver, motivationaler und kultureller Lernprozesse entstehen, die selbst wiederum auf biologische und kulturelle Evolution rückführbar sind. Ihr Ausgangspunkt sind vier Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand religiös wird. Man müsse (1) in der Lage sein, intuitive mentale Repräsentationen von übernatürlichen Wesen – supernatural agents – bilden zu können; (2) in irgendeiner Weise vom Glauben an solche Wesen profitieren (Sinn, Vorteile, Trost u.ä.); (3) kulturell angehalten sein, an solche Wesen zu glauben und sie bedeutsam zu finden; (4) auf weitere rationale Analyse verzichten. Atheismus entstehe dann, wenn sich bei diesen Bedingungen etwas ändert. Entsprechend identifizieren die Forscher vier Gruppen von Nichtreligiösen.

Typ 1 – Der Autist

Atheismus entstehe eher bei wenig empathischen Menschen, denen es schwer fällt, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen zu interpretieren (Mentalisierung). Wer sich nicht so gut auf Wünsche, Absichten, Gedanken einlassen könne – weder bei sich selbst noch bei Anderen – und sich nicht so gut in andere Personen einfühlen könne, der vermag auch schlechter mentale Repräsentationen von übernatürlichen Wesen zu bilden. Die intuitive Neigung, religiöse Gefühle zu entwickeln, werde so stark reduziert. Aus diesem Grunde tendierten sowohl Autisten als auch Männer eher zum Atheismus. Wer sich angesprochen fühlt, der darf sich jetzt ärgern. Aber wohlgemerkt: Die Autoren erklären hier nicht den Atheismus prinzipiell zu einem psychologischen Handicap, sondern nur eine seiner Spielarten.

Typ 2 – Der Zufriedene

Nach Ansicht der Autoren entstehe Atheismus auch eher bei Menschen, die in relativer existenzieller Sicherheit leben. Dagegen würden Todesnähe, Krankheit, Leiden, Armut, Prekarität, Einsamkeit, Gefühle von Zufälligkeit, Unsicherheit oder Ohnmacht zu Religiosität motivieren. Langzeitstudien zeigten, dass in von Naturkatastrophen betroffenen Ländern die Religiosität ansteigt, jedoch nur bei denjenigen Gruppen, die direkt betroffen waren. Und in Nordeuropa, insbesondere in Skandinavien sei am wenigstens Religiosität anzutreffen. Es handelt sich hier um einen Atheismus aufgrund von materieller und geistiger Zufriedenheit, dem die Religion gleichgültig ist.

Typ 3 – Der Gleichgültige

Das empirische Material würde weiter zeigen, dass Atheismus eher in Kulturen entstehe, in denen Religion nicht vorgelebt oder normativ propagiert wird; Kulturen also, in denen man durch Religiosität wenig soziales und kulturelles Kapital anhäufen kann. Dabei ist anscheinend die Gesamtkultur entscheidender als die Familie: Kinder aus religiösen Familien in Skandinavien folgen beispielsweise oftmals nicht dem Vorbild ihrer Eltern, weil das kulturelle Umfeld Religion zu wenig honoriert. Interessant der Hinweis, dass verlässliche säkulare Institutionen – Politik, Gerichte, Polizei – häufig wahrgenommen werden als Instanzen, die die Religionen in Bezug auf Stabilität und Lebenskontrolle ersetzen können. Atheismus entsteht also nicht einfach da, wo Religion abwesend ist, sondern dort, wo gesellschaftliche Institutionen wichtige Funktionen der Religion in säkularisierter Weise übernehmen. Hier darf man gespannt sein auf ein noch unveröffentlichtes Manuskript der Autoren. Bei diesem dritten Typus handelt sich also um einen Atheismus aufgrund vorhandener kultureller Alternativen, dem die Religion gleichgültig ist.

Typ 4 – Der Aufgeklärte

Nicht zuletzt entstehe Atheismus natürlich auch durch rationales Nachdenken und Analysieren, wodurch die intuitive Neigung zur Religiosität mittels kognitiver Arbeit überwunden werde. Intuitiv orientierte Menschen seien daher entsprechend eher religiös als atheistisch. Wenn rationalere Naturen gläubig sind, dann – so die Autoren - verfallen sie eher auf intellektualisierte Religionskonzepte wie Deismus oder Pantheismus. Eine Vielzahl verschiedener Experimente zeige überdies deutlich, dass die Aktivierung analytischer Prozesse eine verstärkte Skepsis gegenüber dem Glauben an Übernatürliches initiiere. Dafür reiche es schon aus, Versuchspersonen schwer lesbare Schriften entziffern oder sie Bilder wie Rodins Denker betrachten zu lassen. Es bedürfe dabei nicht unbedingt – wie oft behauptet – einer immensen kognitiven Anstrengung, es genügten schon subtile, situative Anstöße.

Multikausalität

Dieser vierte Typ von Atheismus ist der einzige, der eine wirkliche Opposition zur Religiosität und deren Verneinung impliziert. Typ 1 entspricht eher der psychologischen Unfähigkeit zur Religiosität und die Varianten 2 und 3 markieren Gleichgültigkeit gegenüber den Religionen.

Insgesamt stellt sich der Atheismus damit als ein vielgestaltiges Phänomen dar. Nach Ansicht der Autoren sind die vier verschiedenen Ursprünge von Atheismus in der realen Welt zumeist miteinander verknüpft. Sie erklären damit multikausal, warum sich z.B. in wissenschaftlichen Milieus und in den skandinavischen Ländern ein geringes Maß an Religiosität finden lässt. Bei letzteren sei gerade die Mischung aus existenzieller Sicherheit, stabilen Regierungen und sozialer Absicherung, öffentlichen Räumen ohne religiöse Darbietungen, kooperationsfördernden säkularen Institutionen und einem hohen Level an wissenschaftlicher Bildung ausschlaggebend.

Multikausalität

Nach Ansicht der Autoren sind die vier verschiedenen Ursprünge von Atheismus in der realen Welt zumeist miteinander verknüpft. Der Atheismus ist ein vielgestaltiges Phänomen | Foto: Thomas Hummitzsch

Bevor Sie nun zu Ende lesen, könnten Sie erneut innehalten und diese Befunde mit ihrer persönlichen Antwort von vorhin vergleichen: Warum sind Sie denn nun Atheist geworden? Sie können am Ende des Artikels gern Ihre persönliche Antwort in einem Kommentar hinterlassen.

Die These von den evolutionären Vorteilen der Religion ist wissenschaftlich viel umstrittener als frohlockende Religionsvertreter gerne vorgeben. Es ist nicht einmal sicher, dass Religiosität überhaupt oder als Ganze eine gelungene evolutionäre Anpassung darstellt. Vielleicht stellen nur einzelne Merkmale der Religiosität – Kontingenzbewältigung, Kooperationsverstärkung – einen evolutionären Vorteil dar, womöglich ist Religiosität ein bloßes Nebenprodukt anderer Anpassungen ohne direkten Evolutionsvorteil. Und vielleicht ist sie auch nur eine hinderliche Erscheinung, die durch Evolution verschwinden wird.

Mit ihrer Auswertung der vielen empirischen Studien widerlegen Norenzayan und Gervais die Behauptungen, Atheismus sei psychologisch oberflächlich, eine anstrengend und kaum durchzuhaltende Zumutung für die menschliche Intuition und kulturell nicht nachhaltig. Atheismus ist nicht erklärungsbedürftiger als Religiosität. Er ist nicht einfach ein Mangel an mentaler Kompetenz. Atheismus resultiert nicht immer aus einem hohen kognitiven Aufwand gegenüber einer vermeintlich natürlichen religiösen Intuition. Atheistische Weltanschauungen und Institutionen ermöglichen genauso gelingende Kooperation und Kontingenzbewältigung. Am Ende ihres Aufsatzes sehen die Autoren gar einen menschheitsgeschichtlichen Übergangsprozess hin zu einer zukünftigen Hegemonie von atheistischen Gesellschaften.

Schlussfolgerungen für den Humanismus

Der Humanismus sollte sich nicht religionsfeindlich gebärden, denn ebenso wenig wie der Atheismus ist die Religiosität eine Abirrung von menschlichen Wegen. Hierzu ein kleiner Exkurs: In praktischer Hinsicht ist die Frage, wie man es mit den supernatural agents hält, oftmals nur zweitrangig. Es geht dann um Humanismus und nicht so sehr um Atheismus. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat im Juni 2013 seine 160-seitige Orientierungshilfe Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken veröffentlicht. Familie wird dort in einem weiten humanistischen Sinne verstanden, denn eingeschlossen sind sowohl Patchwork-Familien als auch homosexuelle Partnerschaften.

Evangelische und andere Bibelfundamentalisten einer bundesweiten Protest-Initiative befürchten, hier werde die traditionelle Ehe von Mann und Frau entwertet und die Ökumene belastet. Einer der Initiatoren, der evangelische Theologe und Pfarrer Hans-Gerd Krabbe betonte, der Protest komme aus der Mitte der Gesellschaft. Als Beweis dafür nennt er kurioserweise die Namen Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Christian Fürst zu Bentheim und Steinfurt sowie ehemaliger Bischöfe. Und geht man die Liste der Unterzeichnenden durch, findet man auch wirklich vornehmlich Fürsten, Ärzte, Rechtsanwälte und Theologieprofessoren. Eine pluralistische Familienpolitik aber, die wirklich zur Kenntnis nimmt, wie Menschen leben oder leben wollen, kommt nicht aus einer solchen „Mitte“. Sie kann sich sowohl aus dem Atheismus wie aus einer Religion ergeben und steht für einen modernen Humanismus, der auch vor aufgeklärteren Kirchenkreisen keineswegs Halt macht.

Selbst wenn es so wäre, dass Religiosität ein Erfolgsprodukt menschlicher Evolution ist, bedeutet das doch nicht, dass nicht auch der Atheismus ein solches Erfolgsprodukt ist oder werden könnte. Der Humanismus kann sich also angstfrei auf Evolutionstheoreme zur Entstehung von Religion einlassen, denn diese untergraben nicht nur den absoluten Wahrheitsanspruch der Religionen, sondern sie stoßen womöglich auch auf Evolutionsvorteile von Humanismus und Atheismus. Die evolutionären Vorteile, die oftmals der Religion bescheinigt werden, können in einer säkularen Gesellschaft auch von humanistischen Werten und Praxen gewährleistet werden. Und weil das so ist, wird die Frage nach der Verzichtbarkeit von Religion im öffentlichen Raum auch kontrovers diskutiert, bis hinein in die Bundeszentrale für politische Bildung und die Landeszentralen: Während Nikolaus Schneider, der Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für eine unverzichtbare öffentliche Präsenz von Religion im politischen Raum plädiert, hält der österreichische Publizist Robert Misik Religion für prinzipiell überflüssig, da ihr Nutzen keineswegs ihren Schaden aufwiege.

Da es insbesondere Nachdenklichkeit und Analyse sind, die die Religiosität schwächen und zu einer überzeugten Skepsis – und nicht nur Gleichgültigkeit – gegenüber dem Glauben an übernatürliche Wesen führen können, bedarf der organisierte Humanismus nicht nur sozialer sondern auch wissenschaftlich fundierter Bildungspraxen.