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Mit den richtigen Menschen das Richtige tun

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Den radikalen Abtreibungsgegnern, die am Tag vor der Bundestagswahl durch Berlin zogen, setzte ein buntes Bündnis in diesem Jahr erstmals einen unübersehbaren und spürbaren Protest entgegen. Einiges spricht dafür, dass die Zeit gegen die fundamentalistischen „Lebensrechtler“ läuft.
Sonntag, 22. September 2013
Transparent Brandenburger Tor

Ein Transparent wie ein Ausrufezeichen vor historischer Kulisse | Foto: Thomas Hummitzsch

Es gibt Situationen, von denen man Jahre später sagen kann, dass sich seitdem die Dinge geändert haben. Diejenigen, die am Samstag bei der Kundgebung des Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung am Brandenburger Tor waren, wurden möglicherweise Zeugen eines solchen Wendepunkts. Denn denjenigen, die für Frauenrechte und gegen religiösen Fundamentalismus auf die Straße gingen, ist es erstmals gelungen, ihren Protest gegen den so genannten „Marsch für das Leben“ aus der Wut und Fassungslosigkeit heraus in die Lebensfreude zu führen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch die „Zaungäste“ anzustecken.

Die Ausgangssituation war wie an jedem vorletzten Samstag im September die gleiche. Der Bundesverband Lebensrecht (BVL) hatte vor dem Bundeskanzleramt etwa zweitausend Menschen versammelt, die gegen sexuelle Selbstbestimmung, das Recht auf Abtreibung (auch im Notfall, wie etwa nach Vergwaltigungen) und weitere Maßnahmen zur Sicherung der reproduktiven Gesundheit von Frauen protestieren wollen. BVL-Vorstand Martin Lohmann begrüßte die versammelten Menschen mit den freudigen Worten „Wir sind eine Schöpfungsbewegung“ – und wer nicht weiß, dass die hier versammelten in wenigen Stunden mit weißen Kreuzen durch Berlin marschieren werden, der wusste spätestens jetzt um die weltanschauliche Einordnung dieser Versammlung. Es sind die Hardcore-Religiösen, die der BVL Jahr für Jahr mobilisiert und mit deren Unterstützung ein antiquiertes Gesellschaftsbild als vermeintliche Norm in die Köpfe der Menschen gebracht werden soll.

An dem hat sich auch wenig geändert. Der BVL hat die Zügel dieses „Trauermarschs“ fest in der Hand. Demo-Schilder und Kreuze werden von „Ordnern“ zentral ausgegeben und am Ende auch wieder eingesammelt – hier wird nichts dem Zufall überlassen. Selbst mitgebrachte Transparente, von denen nicht in freundlich grünen Farben Kindergesichter lächeln, sondern auf denen konservative Kampfparolen stehen, werden nur mit Argwohn hingenommen. Sie stören das angestrebte moderne Erscheinungsbild der selbst ernannten „Lebensrechtler“, die ihrem Trauerzug mit den weißen Kreuzen dann doch wieder den martialischen Anstrich geben.

Bündnis vor Brandenburger Tor

Dem Friedhofsmarsch der „Lebensrechtler“ stellte sich ein buntes Bündnis entgegen | Foto: Thomas Hummitzsch

Auch der Kreis der Teilnehmenden ist der gleiche. Der Kreis der zahlreichen Abtreibungsgegner im Greisenalter wird verjüngt durch zahlreiche Familien und ergänzt mit nicht wenigen Vertretern aus dem rechtskatholischen Milieu in ihren traditionellen Gewändern. Dazu kommen die extra mit Bussen herbeigeschafften Teilnehmer der erzkatholischen polnischen Organisation Civitas Christiana. Diese war im vergangenen Jahr noch mit großen Fahnen angereist, was dafür gesorgt hat, dass jedem Betrachter des Gruselspektakels schnell klar war, dass mehrere hundert Teilnehmende des Marsches aus Polen kamen. Diesmal war den polnischen Freunden des „Lebensrechts“ wohl das Mitbringen dieser Fahnen verboten worden. Unter den Teilnehmenden waren aber auch in diesem Jahr wieder unzählige Polinnen und Polen – gefühlt sprach ein Drittel dieses sich unter Polizeischutz durch Berlins Zentrum wälzenden „Kreuzzugs“ die Sprache des Landes. Dass diese mittelalterliche Inszenierung unter Polizeischutz steht, liegt an den „angekündigten Provokationen“, vor denen Lohmann die Teilnehmer vor dem Marsch warnte – aber dazu später mehr.

Diesem Schauspiel entgegen stellte sich zum zweiten Mal hintereinander das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, ein Zusammenschluss zahlreicher zivilgesellschaftlicher Organisationen (siehe Box), sowie das What the Fuck-Bündnis und zahlreiche andere Organisationen. So waren am Brandenburger Tor u.a. auch Vertreter von Amnesty International und Human Rights Watch und die Jungen Grünen zu sehen. Dabei ist es dem Bündnis in diesem Jahr das erste Mal gelungen, nicht nur die Differenzen der verschiedenen Gruppen für den gemeinsamen Erfolg zu überbrücken, sondern auch aus der eigenen Schockstarre herauszukommen und einen lebendigen, fröhlichen und lebensbejahenden Protest auf die Beine zu stellen. Dem Friedhofsmarsch der „Lebensrechtler“ stellte sich ein buntes Bündnis entgegen, dass – wenngleich von der Anzahl deutlich kleiner – in seinem Protest nicht zu übersehen war.

Im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung sind das Familienplanungszentrum BALANCE, der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft, das Netzwerk Frauengesundheit Berlin, pro familia, Terre des Femmes, das EWA-Frauenzentrum, das interkulturelle Frauenzentrum S.U.S.I., der Humanistische Verband Deutschlands, die Giordano Bruno Stiftung, der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, die Lesbenberatung Berlin, die Berliner Aids-Hilfe, die Mädchenmannschaft, die Gleichstellungs- und Frauenbeauftragten der Bezirke, der Landesverband von DIE LINKE, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Berlin sowie zahlreiche Einzelpersonen aus Politik und Gesellschaft organisiert. Zu den Einzelunterstützern gehören u.a. wichtige emanzipatorische Stimmen wie die #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek oder einige Autorinnen des Blogs kleinerdrei.org.

Free Hugs

Sieht dieser Protest nach Gewalt aus? Für konservative Hardliner offenbar schon. | Foto: Thomas Hummitzsch

Es ist vor allem ein psychologischer Erfolg, den die Gegendemonstranten am Brandenburger Tor davontragen. Fühlten sich in den vergangenen Jahren die versprengten Kleingruppen noch wie Einzelkämpfer, konnte man in diesem Jahr ein Wir-Gefühl wahrnehmen, auf das sich aufbauen lässt. Überlagerten in den letzten Jahren Wut, Fassungslosigkeit und Betroffenheit die Proteste gegen den Marsch der radikalen Abtreibungsgegner, war in diesem Jahr der Stolz in den Gesichtern der Gegendemonstranten zu sehen. Am Brandenburger Tor wurde angeregt diskutiert, getanzt und gelacht. Hier ging es nicht nur um Leben, hier wurde gelebt. Das Gefühl der Pein und Peinlichkeit, das mit den marginalen (und dennoch wichtigen) Protesten in den vergangenen Jahren einherging, wurde in diesem Jahr abgelöst von einem Gefühl der Überzeugung, hier mit den richtigen Menschen das Richtige zu tun.

Dieses „Richtige“ bestand im angekündigten „kreativen“ Protest, den die „Lebensrechtler“ als Provokation verstanden wissen wollten. Dies erklärt auch den immensen Polizeischutz, der ihren Zug begleitete. Dabei ging die einzige Gewalt, die in der Luft lag, von dem repressiven Gesellschaftsbild aus, dessen Maximen die Abtreibungsgegner auf ihren Transparenten durch die Stadt trugen. Entsprechend blickten sich die zahlreichen Polizeikräfte im Einsatz immer wieder ratlos an, da ihre Anwesenheit nahezu vollkommen unnötig war. Einzig als der deutsche Ableger von FEMEN den Marsch bereits kurz nach dem Start in bekannter Manier aufhielt, sahen sich Polizisten genötigt, die FEMEN-Frauen aus dem Weg zu räumen, weil sich die „Lebensrechtler“ bedrängt sahen. Darüber darf man sich durchaus wundern, ist doch das Bedrängen von Menschen normalerweise die Spezialität der Abtreibungsgegner, die bedürftige Frauen und Familien sowie Ärzte mit ihren religiös-dogmatischen Ansichten der göttlichen Schöpfung bedrängen, die aus ihrer Sicht nicht infrage zu stellen ist.

Gegen diese Anmaßung protestierten das Bündnis What the Fuck! und das Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung gemeinsam, und zwar wie angekündigt kreativ und überaus friedlich – sofern man einige tanzende Vulven, Konfetti und Glitzer, Gratiskondome und Luftballons mit der Aufschrift „My Body. My Choice. Gegen christlichen Fundamentalismus und Abtreibungsverbot“ sowie das bereits beschriebene Transparent nicht als Gewalt auslegt. Den radikalen Abtreibungsgegnern scheint diese im Vergleich zu den Vorjahren geballte Ladung an Widerstand aber Respekt eingeflößt haben. In einem großen Bogen liefen sie am Brandenburger Tor vorbei, um denjenigen, die ihren Mittelalterzug kritisierten, möglichst weiträumig aus dem Weg zu gehen.

Demonstranten Bogen

Die radikalen Abtreibungsgegner machten einen großen Bogen um den geballten Widerstand. | Foto: Thomas Hummitzsch

Gegenwind bekamen die radikalen Abtreibungsgegner nicht nur am Samstag, sondern schon vor ihrer Veranstaltung. Das Kirchenkollegium des Berliner Doms hatte vor der Veranstaltung erklärt, dass es die Teilnehmer des Marsches nicht in den Dom lassen werde und schmetterte so die Anfrage des BVL, seinen Abschlussgottesdienst in Berlins prestigeträchtigster Kirche abhalten zu können, mit deutlichen Worten ab.  „Wir sehen es als höchst problematisch an, die ausgesprochen sensiblen und komplexen Themen menschlicher Existenz - wie zum Beispiel einen Schwangerschaftsabbruch oder die Präimplantationsdiagnostik -  zum Gegenstand einer Aktion mit dem Namen „Marsch für das Leben“ zu machen“, erklärte die Vorsitzende des Domkirchenkollegiums Dr. Irmgard Schwaetzer. Die BVL-Positionen zum Thema Ehe und gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften sowie die Aussagen des BVL-Vorsitzenden Lohmann zur „Pille danach“ im Falle einer Vergewaltigung wurden vom Domkirchenkollegium ebenfalls scharf kritisiert.

Und auch politisch geht dem BVL die Unterstützung zunehmend verloren, was den Vorsitzenden Lohmann veranlasst hat, nur wenige Tage vor den Wahlen enttäuscht aus der CDU auszutreten. Dem Deutschlandradio erklärte er, dass die Machtpolitik der Partei „zulasten der Inhalte“ gehe, „zum Beispiel in Fragen der Familienpolitik, der Unterstützung von Familien, oder auch des Lebensschutzes“. Der ehemalige Gründer des CDU-Arbeitskreises engagierter Katholiken wendet sich enttäuscht von seiner Partei ab. Angesichts der jüngsten Äußerungen von Papst Franziskus steht Lohmann dieser Schritt vielleicht auch in Bezug auf seine Kirche vor. „Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden“, sagte Papst Franziskus unlängst in einem Interview mit der italienischen Jesuiten-Zeitschrift La Civiltà Cattolica, das auch in der christlichen Zeitschrift Stimmen der Zeit veröffentlicht wurde.

Der BVL polarisiert mit seinen extremen Positionen, die das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung veranlasst haben, von einem Marsch religiöser Fundamentalisten zu sprechen. EKBO-Präses Markus Dröge hatte dies kritisiert und dem BVL seine Unterstützung zugesagt, doch die Entscheidung des Domkirchenkollegiums zeigt, dass Dröges Ansichten längst nicht mehr denen an der Kirchenbasis entsprechen. Neben Dröge hatten auch einige andere Bischöfe Grußworte an den Marsch für das Leben geschickt, aber bei weitem nicht alle. Ist der so genannte „Marsch für das Leben“ kirchenintern schon lange nicht mehr unumstritten, so wurde dies in diesem Jahr auch nach außen hin deutlich wie noch nie. Die Spannungen zwischen einer um Liberalisierung bemühten Kirche, die um ihre gesellschaftliche Relevanz kämpft, und den konservativ-religiösen Abtreibungsgegnern, die sich in einem von der Gesellschaft abgewandten Spektrum bewegen, sind unübersehbar. Auch das wurde in diesem Jahr deutlicher als jemals zuvor und ist möglicherweise ein weiterer Wendepunkt.

Ballons My Body My Choice

Bunt, kreativ und lebensbejahend und mit den richtigen Menschen das Richtige zu tun | Foto: Thomas Hummitzsch

Und dennoch gibt es für die Gegendemonstranten immer noch einiges besser zu machen, es gibt noch keinen Grund für Euphorie. Vor allem die Mobilisierung von Menschen, denen das menschliche Miteinander ohne Bevormundung ein Anliegen ist – und das können nicht so wenige sein – sollte in den kommenden Jahren besser Gelingen. Den etwa 2.000 extremen Abtreibungsgegnern, die der Evangelische Pressedienst zählte (der BVL setzte am Ende die unglaubwürdige Teilnehmerzahl von 4.500 in die Welt), standen 250 bis 300 Gegendemonstranten gegenüber. Das geht sicherlich besser. Wenngleich die eigentlich bedenkliche Zahl die der angeblich erreichten eine Million Unterstützer für die europäische Kampagne Einer von uns ist.

Und auch die historischen Unstimmigkeiten sollten endgültig überwunden werden. Die verschiedenen Gruppen sollten sich in ihrer Unterschiedlichkeit annehmen und darin ihre Stärke für das gemeinsame Eintreten für eine selbstbestimmte Sexualität erkennen.

Einen kleinen Coup können sich die Verfechter der Frauenrechte allerdings jetzt schon anrechnen lassen. Die Hoheit über die in der schnelllebigen Medienwelt relevanten Bilder ist dem BVL in diesem Jahr entglitten. Das immer gleiche Kreuzspektakel zieht kaum noch die Aufmerksamkeit der Kameras auf sich. Die beiden für reproduktive Frauenrechte protestierenden Bündnisse konnten den „Lebensrechtlern“ ein wirkmächtigeres Bild entgegensetzen: Die radikalen Abtreibungsgegner mussten am Transparent des Bündnisses vor dem Brandenburger Tor vorbei: „Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Leben und lieben ohne Bevormundung“ prangte dort in roten Lettern. Und während die letzten weißen Kreuze mit ihren Trägern um die Straßenecke bogen und verschwanden, blieb das Transparent wie ein Ausrufezeichen vor dieser historischen Kulisse.