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„Die Vielfalt der Nicht-Religion lässt sich schon auf nationalem Level feststellen“

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Am Mittwoch beginnt an der Georg-August-Universität Göttingen die 31. Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft. Im Mittelpunkt der Fachdiskussionen stehen dann auch säkulare Lebensentwürfe und Weltanschauungen.
Dienstag, 10. September 2013
Foto: privat

Stefan Schröder, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Universität Bayreuth, erforscht Nicht-Religiosität und organisierte Religionslosigkeit.

Weshalb und inwieweit beschäftigt die Religionswissenschaft die Tatsache, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht als religiös verstehen?

Stefan Schröder: Das zunehmende mediale und öffentliche Interesse an Religion in Deutschland lässt den Eindruck entstehen, dass wir derzeit eine „Wiederkehr der Religionen“ erleben. Dabei nehmen religiöse Glaubensvorstellungen und religiöse Praxis in der Bevölkerung stetig ab. Wenn die Religionswissenschaft die wachsende Zahl nicht-religiöser Menschen in Mittel- und Westeuropa einfach ignoriert, wirkt sie an dieser „Religionisierung“ gesellschaftlicher Diskurse mit und verzerrt die soziale Wirklichkeit – zumal viele nicht-religiöse Menschen auch weltanschaulich etwas zu sagen haben und Diskurse um Religion und Religiosität wesentlich mitprägen.

Das Interesse der Religionswissenschaft an „Nichtreligion“ bzw. „Nicht-Religiosität“ ist aber auch theoretischer Natur. Wenn man sinnvolle theoretische Aussagen über Religion und Religiosität machen möchte, muss klar sein, wo die Grenzen dieser Kategorien verlaufen.

Wie definiert sich „Nichtreligion“, was genau ist hier Gegenstand und Ziel der Forschung?

Eine – wie ich finde – treffende Definition von Nicht-Religion hat der Religionswissenschaftler und Ethnologe Dr. Johannes Quack formuliert, der unter anderem zu nicht-religiösen, rationalistischen Gruppierungen in Indien forscht. Er fasst unter den Begriff alle Phänomene, die gemeinhin als nicht religiös gelten, gleichzeitig jedoch nicht ohne Bezugnahme auf „Religion“ adäquat beschrieben und verstanden werden können. Dabei tut sich ein breites Forschungsfeld auf, in dem sich verschiedene Arten der Nicht-Religiosität, zum Beispiel religiöse Indifferenz, also Agnostizismus, Atheismus usw., auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen  – makro-, meso- und mikrosozial – unterscheiden lassen.

Können Sie einige typische Untersuchungsbereiche und Fragestellungen nennen?

Einige Tradition haben säkularisierungstheoretische makro- und mikrosoziologische Studien, die einerseits den Verlust der systemübergreifenden gesellschaftlichen Funktion von Religion und andererseits das Nicht- oder Nicht-mehr-Vorhandensein religiöser Handlungs- und Glaubenszeugnisse auf der individuellen Ebene untersuchen. In der jüngsten Vergangenheit ist das Phänomen aber auch auf mesosozialer Ebene wahrgenommen worden. Dabei werden zum Beispiel Organisationsformen, Strategien und weltanschauliche Programme nicht-religiöser Bewegungen und Organisationen zum Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung gemacht. Neben meinem Projekt zu nicht-religiösen Organisationen in Deutschland ist hier der schon erwähnte Dr. Johannes Quack zum indischen Kontext zu nennen. Aber auch zu Schweden, Norwegen, Großbritannien, den USA und den Philippinen wird geforscht.

Ist es ein neueres Phänomen, dass sich die Religionswissenschaft damit beschäftigt?

Die schon erwähnten makrosoziologischen Säkularisierungstheorien haben Vorläufer bereits im 19. Jahrhundert, wurden aber vor allen in den 1960er Jahren explizit ausformuliert. Mikrosoziologisch erlebte das Thema im Nachgang der Wende in den 1990er Jahren einen Boom, als man eine nahezu „total säkularisierte“ ostdeutsche Bevölkerung vorzufinden schien.

Als neueres Phänomen können mesosoziologische Studien, zum Beispiel zu nicht-religiösen Organisationen, bezeichnet werden. Eine neue Perspektive ist zudem, dass „Nicht-Religiosität“ nicht als schlichte Ablehnung oder Verneinung religiöser Positionen gedacht wird, sondern als Korrelativ zu diesen formulierte positiv-konstruktive Alternative. Sie kann analog zur Vielfalt religiöser Lebensentwürfe und Weltanschauungen eine große Heterogenität aufweisen. 

Sie werden im Zuge der Tagung bei einer Podiumsdiskussion über säkulare Organisationen in Deutschland sprechen. Um welche Organisationen geht es da?

Für meinen Vortrag habe ich den Humanistischen Verband Deutschlands und die Giordano Bruno Stiftung ausgewählt. Die Fallauswahl erfolgte auf der Grundlage bestimmter Merkmale, zu denen gegenwärtig wahrnehmbare Aktivitäten und eine gesamtdeutsche, das heißt nicht nur lokale Ausrichtung gehören. Variieren wollte ich hingegen die Organisationsform, um zu untersuchen, ob mit den verschiedenen Organisationsformen jeweils unterschiedliche Strategien und inhaltliche Programmatiken verbunden sind.

Welche Feststellungen oder Beobachtungen konnten Sie denn während Ihrer bisherigen Arbeiten in diesem Bereich machen?

Ich möchte mich diesbezüglich noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, weil ich mich erst auf dem Level der Hypothesenbildung befinde. Hier nur so viel: Eine Vielfalt der Nicht-Religion lässt sich in Bezug auf das Selbstverständnis nicht-religiöser Organisationen schon auf nationalem Level feststellen. Der  Evolutionäre Humanismus der Giordano Bruno Stiftung ist etwas grundlegend anderes als der Praktische Humanismus des Humanistischen Verbandes. Die Positionen erscheinen hier teilweise nur schwer vermittelbar. Interessant sind zudem anscheinend existierende Spannungsfelder zwischen offiziellen Verbandspositionen und der Mitgliederlogik.

Und wie sieht hier die internationale Lage aus religionswissenschaftlicher Perspektive aus?

Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen machen, da die meisten Projekte noch laufen. Die Tagung in Göttingen wird zeigen, ob sich eine gemeinsame Forschungsperspektive entwickeln lässt, die für einen internationalen Vergleich fruchtbar gemacht werden kann.  

Herr Schröder, vielen Dank für das Interview!